EWR 13 (2014), Nr. 6 (November/Dezember)

Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg
Briefe, amtliche Schreiben und Lebensdokumente aus den Jahren 1832 bis 1847
Sämtliche Werke, II. Abteilung, Bd. 24
Bearbeitet von Sylvia Schütze, herausgegeben von Manfred Heinemann und Sylvia Schütze
Berlin: De Gruyter 2014
(958 S.; ISBN 978-3-0500-5682-1; 128,00 EUR)
Briefe, amtliche Schreiben und Lebensdokumente aus den Jahren 1832 bis 1847 Die Edition zu Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (1790-1866) ist um einen Band reicher: Band 24 der Sämtlichen Werke folgt nach elf Jahren dem Vorgängerband 23, mit dem die Edition von Briefen, amtlichen Schreiben und Lebensdokumenten Diesterwegs begonnen wurde. Er ist um Einiges voluminöser und mit 958 Seiten der bislang umfangreichste der Werkausgabe, die inzwischen knapp einen Regalmeter misst und nach nochmaligem Verlagswechsel von diesem Band an bei De Gruyter erscheint [1].

Die hier edierten Dokumente stammen aus der Zeit zwischen 1832 und 1847: Diesterweg war 1832 von Moers am Rhein mit Frau und acht Kindern nach Berlin umgezogen, um dort die Stelle des Direktors am neu gegründeten Berliner Stadtschullehrerseminar anzutreten. Die Umstände der Fahrt mit dem alten Postwagen, der kurz vor dem Ziel zusammenbrach, sind dank späterer Selbstdarstellung („Wie es mir erging oder Geschichte meines amtlichen Schiffbruchs“) genauso Legende geworden wie die Umstände der 1847 erfolgten „Amtsenthebung“. Faktisch bilden die beiden Ereignisse Anfangs- und Endpunkt der vorliegenden Edition. Im ersten Brief vom 6. Mai 1832 kündigt Diesterweg dem Königlichen Schulkollegium der Provinz Brandenburg seine Ankunft an, im letzten Brief vom 31. Juli 1847 teilt er den Auszug aus seiner Amtswohnung mit. Die dazwischen liegenden Jahre gleichen einem Wechselbad aus Erfolg und Misserfolg, Wertschätzung und Missgunst. Er verfasst Schul- und Übungsbücher, gibt Aufgabensammlungen und Rechenbücher heraus, schreibt durchgängig in seiner eigenen Zeitschrift, publiziert in Verbindung mit anderen erstmals 1835 den „Wegweiser zur Bildung für Lehrer und die Lehrer werden wollen“, trägt die Selbstbiographien von Lehrern zu zwei Bänden des „Pädagogischen Deutschland der Gegenwart“ zusammen und begibt sich mit Texten über Zeit- und Streitfragen auch auf politisches Terrain. In seiner Tätigkeit als Seminardirektor hat er beachtliche Erfolge, bei der Erziehung der Seminaristen, die mit ihm und der Familie unter einem Dach wohnen, aber nicht immer eine glückliche Hand, was in zeitweiliger Verquickung mit seinen politisch gewerteten oder seinem Einfluss zugeschriebenen Aktivitäten in Lehrervereinen schließlich Disziplinaruntersuchungen nach sich zieht. In der Familie selbst gibt es nicht nur gute Zeiten (Heirat der Töchter und Enkelgeburt), sondern auch Schicksalsschläge. Kurz nach Weihnachten 1835 stirbt der achtjährige Sohn Jakob an einer Vergiftung durch Farbe aus einem Tuschkasten, 1845 erkrankt die Tochter Hermine schwer.

All dies ist aus der Diesterweg-Forschung und bisherigen Bänden der Werkausgabe bekannt. Was Band 24 neues bringt, ist wiederum eindeutig in der Ergänzung, Verdichtung und Vernetzung von Ego- und amtlichen Dokumenten zu sehen. Das hat Band 24 mit seinem Vorgänger (Band 23) gemeinsam. Etliche Dokumente, darunter Familienbriefe aus Privatbesitz, sind in Band 24 erstmals veröffentlicht. Die Quellen aus 27 Archiven und Bibliotheken zwischen Zürich, Berlin und Krakau wurden in eine Chronologie überführt. Wer den Band von vorn bis hinten liest, folgt also der Historie der Dokumente im Lebenslauf Diesterwegs.

Der hier zu besprechende Band ist von Sylvia Schütze erneut mit großer Akribie bearbeitet worden und hat den gewohnt ausführlichen, hier noch einmal differenzierter gewordenen Editionsapparat. Einer hilfreichen Einführung (mit Erläuterung der Editionsprinzipien und den pro Jahr aufbereiteten Lebensstationen im Zusammenhang mit allgemein- und schulpolitischen Ereignissen) schließt sich auf gut 700 Seiten der Abdruck der fortlaufend nummerierten Dokumente an. Die inhaltlichen Anmerkungen sind lesefreundlich am Ende eines jeden Dokuments platziert und die textkritischen Hinweise zu Varianten, Streichungen oder Ergänzungen im Anhang. Die Probe aufs Exempel zeigt wiederum, dass jedes Dokument durch die Informationen in den Fußnoten auch separat zu verstehen ist.

Neben Briefen und amtlichen Schreiben sind in Band 24 auch Dokumente aufgenommen worden, „die keinen Briefcharakter im Sinne eines konkreten Schreibanlasses und eines klar definierten Adressaten aufweisen“ (XXV) – Zeugnisse, Verhandlungsprotokolle, Statuten von Vereinen, Seminar- und Prüfungslisten, Lehrpläne, das Bibliotheksverzeichnis oder die Hausordnung des Berliner Stadtschullehrerseminars – was insofern bemerkenswert ist, als durch die Zusammenführung sonst sehr verstreuter Dokumente eine kontextualisierende Betrachtungsweise ermöglicht wird. Entscheidend für deren Aufnahme war, dass die Dokumente von Diesterweg mindestens (mit-)unterschrieben und „dadurch inhaltlich von ihm mitverantwortet“ (ebd.) wurden, wie die Herausgeber schreiben. Dieser weite Begriff von Lebensdokumenten sorgt dafür, dass ziemlich alles, was Diesterweg in seinem privaten und beruflichen Berliner Umfeld geschrieben oder auch nur abgezeichnet hat, hier veröffentlicht bzw. dokumentiert ist. Die im Zuge der Diskussion früherer Bände schon öfter gestellte Frage, ob man wirklich alles drucken muss, findet hier neue Nahrung. Gleichwohl ist sie müßig, denn Vollständigkeit war für die Edition von Beginn an das Ziel. Abgedruckt wurden schließlich 392 Briefe und Dokumente. Nicht abgedruckt, aber im Anhang mit Datum, Ort, Adressaten, Gegenstand und Quelle aufgelistet, sind nochmals annähernd 200 Dokumente.

Einige der abgedruckten Dokumente bestehen aus nur drei oder vier Wörtern, so Nr. 16: „Abgelehnt 28 Dcbr 32.“, Nr. 82: „14. Jan. geschehen“ oder Nr. 390: „Bin wieder da.“ Was auf den ersten Blick seltsam anmutet, ist auf den zweiten Blick durchaus anregend, wird doch mit jeder Notiz durch ihre Verknüpfung mit früheren oder späteren Ereignissen ein Teil der Lebens- und Werkgeschichte Diesterwegs neu erzählt. Im Fall von „Abgelehnt 28 Dcbr 32.“ geht es z. B. darum, dass Diesterweg vom Schulkollegium angefragt wurde, ob er bereit sei, ein allgemeines Hand- und Lehrbuch für angehende Lehrer zu verfassen. Die Ablehnung ist insofern nicht unbedeutend, als Diesterweg drei Jahre später mit dem „Wegweiser“ genau solch ein Werk vorgelegt hat. Jenseits von derlei Kurznotizen oder „Aktenvermerken“ zeigen die Briefe und Dokumente Diesterweg als sorgenden Vater, kollegialen Freund, Herausgeber und Schriftsteller und natürlich vor allem als Seminardirektor, der, als klar ist, dass alles auf seine Entlassung hinausläuft, 1847 um deren Beschleunigung bittet (Nr. 388).

Man muss vielleicht nicht mehr betonen, dass die Edition den in der modernen Editionsphilologie entwickelten Standards folgt, die hinsichtlich der vorliegenden Dokumente auch weiterführende Überlegungen mit sich gebracht haben. Sie betreffen etwa die Orientierung an einer Version „eher mittlerer Hand“ (zwischen Entwurf und Abschrift für Dritte), die bei Dokumenten mit unterschiedlichen Varianten zum Tragen gekommen ist. Sie resultiert aus der Suche nach der Ausfertigung, die den Adressaten höchstwahrscheinlich tatsächlich erreichte. So einsichtig diese realgeschichtliche Orientierung ist, so aufwendig dürfte die Prüfung der Texte gewesen sein, um am Ende sagen zu können, welche Fassung Vorrang vor einer anderen hat. Bei Briefen und Abschriften aus unterschiedlichen Archivbeständen, insbesondere aber bei Versionen bereits veröffentlichter Briefe im Vergleich mit einem Original war die Bearbeitung eine erkennbar komplizierte Angelegenheit. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Zu Irritationen könnten aber Texte führen, die auf frühere Briefsammlungen (von Eduard Langenberg oder von Hugo Gotthard Bloth) zurückgehen und dort mit Auslassungen oder Lesefehlern ediert wurden. Die Formulierung (in der jeweils gleichlautenden Fußnote 1 in Nr. 276, 302, 306, 318 und öfter), dass Langenberg bei seiner Abschrift einige Stellen leicht abgeändert habe und im Folgenden „auf besonders aussagekräftige Veränderungen – jedoch ohne Bewertung – hingewiesen“ werde, ist irritierend, weil das Wort „aussagekräftig“ per se eine Interpretation impliziert. Wenn nicht alles täuscht, ist dies ein Widerspruch in sich. Auch über die Anordnung der Quellenverweise in einer Zeile, bei denen nicht eindeutig ist, ob z. B. Bloth sich auf die Abschrift von Langenberg gestützt hat oder nicht doch auf das Original – was nachweislich bei Nr. 276 der Fall gewesen sein muss, kann man anderer Ansicht sein. Strittig ist auch Nr. 388, ein Brief, der ausschließlich veröffentlicht vorlag. Diesterweg hatte sich am 29. Juni 1847 an den Geheimen Regierungsrat Gerd Eilers gewandt und ihn um die oben erwähnte Beschleunigung seiner Entlassung gebeten. Der Brief ist also ein Schlüsseldokument, das Eilers 1858 autobiographisch verarbeitet hat. Diesterweg hat kurze Zeit später darauf reagiert und die Existenz des Briefes bestätigt, die Gesprächssituation um den Brief herum aber völlig anders dargestellt. Wer Diesterwegs Auslassungen („… aber es ist an der Erzählung des Herrn Geheimen Rates kein wahres Wort“ [2]) kennt, wird erstaunt sein, dass im Kommentar davon kein Sterbenswörtchen steht. In den Fußnoten wird ausschließlich aus Eilers Autobiographie zitiert. Diesterwegs Version, auf die es auch keinen Verweis gibt, fehlt. Für die Edition ist diese Ausblendung – wenngleich die Ausnahme von der Regel – durchaus ein Ärgernis.

Um zu den Vorzügen der Edition zurückzukommen, soll am Ende auf den vortrefflichen Service hingewiesen werden, den zu guter Letzt der Anhang bietet – darunter das Verzeichnis der Adressaten und Adressatinnen sowie Textsorten, ein Glossar (mit Begriffen wie „Conduitenlisten“ oder „Wahlfähigkeit der Schullehrer“), eine Übersicht zu Währungen, Maßen und Gewichten und schließlich mehrere Register. Das Personenregister mit Einträgen zu Personen, die in den Dokumenten und im textkritischen Apparat vorkommen, ist als umfangreiches biobibliographisches Nachschlagewerk angelegt und von unschätzbarem Wert. Und schließlich gibt es wieder – wie in Band 23 auch – zwei Quellenbeispiele, die für die alltagsgeschichtliche Forschung zur Professionalisierung der Lehrertätigkeit im 19. Jahrhundert interessant sind: ein Protokoll über die Prüfung amtierender Elementarschullehrer aus dem Jahr 1845, die desaströs ausgefallen ist, und eines über die Prüfung der Seminaristen aus dem Jahr 1846, die zwar insgesamt besser waren als die „fertigen“ Lehrer, in der „Probelection“ meist aber auch nur „mittelmäßig“ oder „genügend“ abgeschnitten hatten.

Beiden Herausgebern, insbesondere aber Sylvia Schütze, gebührt Respekt: Die nochmalige Bereicherung des Wissens über Diesterweg und sein Wirken als Pädagoge und Lehrerbildner steht außer Frage. Für die bildungshistorische Forschung zum 19. Jahrhundert hält Band 24 der Sämtlichen Werke darüber hinaus einen großen Fundus zur Alltags- und Kulturgeschichte von Schule und Lehrerbildung bereit. Die vielen detaillierten Informationen zu Institutionen und Personen können unter verschiedenen Blickwinkeln zudem gut als Grundlage für Netzwerkanalysen genutzt werden. Dafür und bis dahin kann man komfortabel in Band 24 nachschlagen, der bei aller Detailkritik insgesamt sehr gelungen ist.

[1] vgl. die Sammelbesprechung der Bände 18, 19, 20 und 23 in der EWR 3 (2004) Nr. 2 http://www.klinkhardt.de/ewr/diesterweg.... sowie die Einzelrezension von Band 23 in der Zeitschrift für Pädagogik 50 (2004), 4, 615-618. (http://www.pedocs.de/volltexte/2011/4900...)
[2] in: Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg. Sämtliche Werke. Band 14, Berlin: 1979, 67.
Heidemarie Kemnitz (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Heidemarie Kemnitz: Rezension von: Diesterweg, Friedrich Adolph Wilhelm: Briefe, amtliche Schreiben und Lebensdokumente aus den Jahren 1832 bis 1847, Sämtliche Werke, II. Abteilung, Bd. 24 Bearbeitet von Sylvia Schütze, herausgegeben von Manfred Heinemann und Sylvia Schütze. Berlin: De Gruyter 2014. In: EWR 13 (2014), Nr. 6 (Veröffentlicht am 04.12.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978305005682.html