EWR 7 (2008), Nr. 6 (November/Dezember)

Christel Adick
Vergleichende Erziehungswissenschaft
Eine Einführung
(Grundriss der Pädagogik/Erziehungswissenschaft Bd. 34)
Stuttgart: Kohlhammer 2008
(242 S.; ISBN 978-3-17-018858-7; 19,00 EUR)
Vergleichende Erziehungswissenschaft Frühere Besprechungen von Publikationen dieser Reihe (vgl. Andreas von Prondczynsky 2007) haben bereits angemerkt, dass die Bearbeitung des jeweiligen Themenfeldes in das einzuführen sich die Herausgeber des Projekts zum Ziel gesetzt haben – weitgehend von den jeweiligen Autorinnen und Autoren zu bewerkstelligen ist. Dies mag man bedauern, ist mit der losen Rahmenkonzeption, die den einzelnen Bänden jeweils vorangestellt ist, doch zwangsläufig verbunden, dass die Gestaltung keinem einheitlichen Muster folgt; man kann dies aber auch begrüßen, weil damit jeder und jedem der Beitragenden die Möglichkeit gegeben ist, dem Thema die eigene Prägung zu verleihen. Damit werden die Nutzer dieser Reihe nicht nur thematisch eingeführt; es wird ihnen auch deutlich vor Augen geführt, dass die jeweilige Bearbeitung ein spezifisches Wissenschaftsprofil widerspiegelt.

So auch in diesem Falle. Dabei geht es nicht darum, Idiosynkrasien zu pflegen, sondern die eigenen Schwerpunktsetzungen fruchtbar für die in den Bänden des Grundrisses der Pädagogik/Erziehungswissenschaft nach Orientierung Suchenden einzusetzen. Christel Adick, die Autorin des Bandes zur Vergleichenden Erziehungswissenschaft, artikuliert in der Einleitung mehrere aufeinander bezogene Ziele. Sie möchte zum einen einführen in die Disziplin Vergleichende Erziehungswissenschaft und deren Grundfragen und damit sowohl Abgrenzungsfragen wie konjunkturell immer wiederkehrende Themen zur Sprache bringen. Des Weiteren geht es ihr auch darum, aktuelle Entwicklungen – Diskussionen, Forschungsbefunde, Reformprojekte –, die häufig in ihren internationalen Rahmungen erscheinen, in einen übergreifenden Kontext einzurücken. Sodann ist ihr ein weiteres Anliegen mit Blick auf die Studierenden – aber nicht nur diese – die ebenso wichtige wie häufig ungeklärte Beziehung zwischen den unterschiedlichen Wissensbeständen und Textgattungen zu thematisieren. Schließlich sollen auch Instrumente und Techniken vermittelt werden, um die eigenständige Weiterarbeit zu ermöglichen und die eigenen Berufsmotivationen zu reflektieren. Um es gleich zu sagen: Die Ausführungen der Autorin sind durch hohe Informationsdichte und kompakte Beschreibung gekennzeichnet, und es gelingt ihr, den Anforderungen an eine Einführung gerecht zu werden, ohne Abstriche in der Komplexität zu machen. Lesehilfen und Veranschaulichungen sind dabei wichtige Techniken, um ihren eigenen Anspruch einzulösen.

Die Monografie ist schlüssig gegliedert und ermöglicht eine leichte und gründliche Orientierung. Die Darstellung ist auch für Novizen – und an diese richtet sich das Programm explizit – gut nachvollziehbar und interessant gestaltet. Dies wird nicht zuletzt durch textlich markierte Vignetten ermöglicht, in denen einzelne Aspekte nochmals verdeutlicht oder Details präsentiert werden. Exemplarische Darstellungen schärfen das Bewusstsein der Lesenden für die Spezifik des Gegenstandes. Dies ermöglicht ihr bereits auf den ersten dreißig Seiten der Monographie, in denen die zentralen Kennzeichen der Disziplin und ihres Gegenstandsbereiches behandelt werden, auch die Identifikation von Bereichen, die nicht zum Gegenstand der Vergleichenden Erziehungswissenschaft im eigentlichen Sinn gehören. Auch schenkt sie den organisatorischen Zusammenhängen Aufmerksamkeit, den Zusammenschlüssen der Fachvertretungen auf den unterschiedlichen Ebenen, national, europäisch/international bis hin zur globalen Vertretung im World Council of Comparative Education Societies.

Die Gegenstandsstruktur der Vergleichenden Erziehungswissenschaft ist Thema des zweiten Kapitels. Sie veranschaulicht die komplexe Gestalt mit ihren vielfältigen Bezügen zu anderen Disziplinen, aber auch die Unterscheidung zwischen der vergleichenden und der internationalen Dimension. Visualisierungen und die Behandlung ausgewählter Kontroversen verhindern, dass die Leserinnen und Leser angesichts der Komplexität und Fülle der Bezüge resignieren. Regieanweisungen – worum geht es im jeweiligen Kapitel – erleichtern das Zurechtfinden. Immer wieder geht Christel Adick auf Beispiele der Vergleichenden Erziehungswissenschaft in anderen Ländern ein und verdeutlicht damit, dass die internationale Beobachtung und der internationale Austausch von Anfang an konstitutiv für die Disziplin gewesen sind. Andererseits ist die VE aber ebenso an systematische Diskussionen zu den erziehungswissenschaftlichen Wissensformen gebunden. Anhand einschlägiger Positionen in der deutschen Erziehungswissenschaft gibt die Autorin Einblick in den Diskussionsstand.

Kapitel drei ist mit der Unterscheidung zwischen Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen befasst, wobei der Akzent in diesem Kapitel eindeutig auf dem Alltagswissen liegt. Besonders die Bildungspolitik und ihre Wissensformen findet auf den unterschiedlichen Ebenen Berücksichtigung – auf der nationalen (z.B. KMK) ebenso wie der internationalen (UNESCO, OECD). Gleichzeitig wird damit der Zusammenhang zwischen Wissensform und Textgattung, vor allem anhand der Form „Bericht“ nachgegangen und verdeutlicht, wie die VE sowohl in das wissenschaftliche Gefüge eingepasst ist als auch welche handlungspraktischen Bezüge sich zeigen lassen. Aufgrund der großen öffentlichen Bedeutung der Internationalen Vergleichsstudien und der regelmäßigen Berichte Internationaler Organisationen, wie Education at A Glance („Bildung auf einen Blick“) der OECD, sind diese Ausführungen auch von grundsätzlichem Interesse.

Die handlungspraktischen Bezüge der VE werden in der Unterscheidung zwischen Pädagogik und Erziehungswissenschaft nochmals eindrücklich und facettenreich beleuchtet. Die Pluralität der Handlungsfelder wird durch einen Rekurs auf den von Harm Paschen geprägten Begriff der Pädagogiken Rechnung getragen, wie der Internationalen Pädagogik, der interkulturellen Pädagogik, ihrer Praxisbezüge, aber auch der bildungspolitischen Programme und Forschungsmodelle. Orientierung bei der Systematisierung, Bezug zur Praxis und Bezug zur Wissenschaft, bietet die Frage nach dem Regelwissen – Christel Adick verdeutlicht, dass es unterschiedliche Wissenstypen und unterschiedliche Formen der Typisierung gibt.

In den letzen Kapiteln geht es um wissenschaftliches Wissen in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft, um Wissensformen, Anwendungsbereiche, Überschneidungen zwischen internationalen und interkulturellen Dimensionen sowie um metatheoretische Überlegungen und große, unter der Bezeichnung Weltkultur oder Weltsystem gefasste Theorien oder umfassende Modelle. Auch hier wird wieder eine Systematisierung angeboten, die den diese Einführung Nutzenden dabei unterstützen, sich aktiv mit dem Dargebotenen auseinanderzusetzen.

Keine Einführung kann allen Ansprüchen genügen, und oft genug erweisen sie sich nicht als Einführungen, sondern als Würdigungen, die nur von denen zu schätzen sind, die bereits einschlägige Erfahrungen mit der Disziplin oder dem Themengebiet gemacht haben. Dies ist vorliegend grundsätzlich nicht der Fall, auch wenn die Vielzahl der angesprochen Aspekte für die gänzlich neuen Leser und Leserinnen sicher eine Herausforderung ist. Die Autorin hat, wie in der Einleitung angekündigt, ein weites Feld durchquert und mit diesem Band einen weiteren Beitrag zum in den letzten Jahren erfreulicherweise mehr Beachtung findenden Bereich der Einführungsliteratur in die Vergleichende Erziehungswissenschaft geleistet. Überschneidungen zu den bereits vorliegenden – zu nennen sind insbesondere die von Dietmar Waterkamp und Cristina Alleman-Ghionda – gibt es dabei kaum. Was Christel Adicks Zugang auszeichnet, ist das Bemühen, die Vergleichende Erziehungswissenschaft umfassend zu verorten – und zwar sowohl hinsichtlich der wissenschaftlichen, aber auch der handlungspraktischen Anbindung – und damit Studierenden und anderen interessierten Lesern und Leserinnen den Zugang zur Vergleichenden Erziehungswissenschaft als interessanter, pluraler Disziplin zu eröffnen und Ihnen gleichzeitig berufliche Perspektiven vor Augen zu führen.
Karin Amos (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Karin Amos: Rezension von: Adick, Christel: Vergleichende Erziehungswissenschaft, Eine Einführung (Grundriss der Pädagogik/Erziehungswissenschaft Bd. 34). Stuttgart: Kohlhammer 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978317018858.html