EWR 14 (2015), Nr. 5 (September/Oktober)

Horst Biermann (Hrsg.)
Inklusion im Beruf
Inklusion in Schule und Gesellschaft, Band 3
Stuttgart: Kohlhammer 2015
(216 S.; ISBN 978-3-17-025211-0; 32,99 EUR)
Inklusion im Beruf Das Thema der beruflichen Inklusion beeinträchtigter Menschen hat Konjunktur. Dies zeigt sich an der politischen Agenda wie dem Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung [1], der Initiative Inklusion des Bundesministerium für Arbeit und Soziales [2], der Fortschreibung des Reha-Futur-Programm [3], an Modellvorhaben einzelner Bundesländer, aber auch an Initiativen der Arbeitgeber wie dem Unternehmensforum Inklusion [4]. Vordergründig wirkt hier die UN-BRK als „Inklusionsmotor“ [5]. Bedeutsamer für das politisch übergreifende und fachlich neu erwachte Interesse an der Teilhabe beeinträchtigter Menschen am Arbeitsleben dürften jedoch langfristige Trends in der Arbeitswelt und auf dem Arbeitsmarkt sein, die für das verstärkte Bemühen um die Qualifizierung junger behinderter Menschen, die Rückkehr von Rehabilitanden in das Arbeitsleben und den Verbleib gesundheitlich eingeschränkter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Betrieb verantwortlich sind. Dazu gehören u.a. die demografische Entwicklung – z.B. der Rückgang junger Bewerberinnen und Bewerber für eine betriebliche Ausbildung, alternde Belegschaften mit einer Zunahme an gesundheitlichen Beeinträchtigungen –, das hinausgeschobene Renteneintrittsalter, ein branchenspezifischer Fachkräftemangel, neue Formen der Arbeitsorganisation und der Arbeit („Arbeit 4.0“) sowie das anhaltende Wachstum des Dienstleistungssektors. Damit sind Chancen aber auch differentielle Risiken und Gefahren für Menschen mit Behinderungen und chronischen / chronifizierten Erkrankungen verbunden, auf die das System der beruflichen Erst- und Wiedereingliederung mit der Leitperspektive der Inklusion bislang noch unzureichend reagiert. In dieser Gemengelage erscheint der vorliegende Sammelband zur rechten Zeit, herausgegeben von Horst Biermann, der bis 2006 an der Fakultät für Rehabilitation an der Technischen Universität Dortmund geforscht und gelehrt hat und leider vor kurzem verstorben ist.

Außer der Einleitung des Herausgebers umfasst der Band fünf Beiträge. Vor allem in den ersten beiden Artikeln – „Berufliche Teilhabe - Anspruch und Realität“ von Horst Biermann und „Berufsbezogene Lehr- und Lernprozesse“ von Richard Huisinga – findet sich eine souveräne, anspruchsvolle und kritische Reflexion der langen Entwicklungslinien der beruflichen Bildung und Eingliederung vor allem junger Menschen mit Behinderungen in Arbeit, die ausdrücklich gesellschaftliche Entwicklungstrends im Bereich der Arbeitswelt und Perspektiven der Inklusion aufgreift. Biermann zeichnet zunächst die nationalen und internationalen Entwicklungen des Inklusionsdiskurses unter der Perspektive der Teilhabe beeinträchtigter Menschen am Arbeitsleben nach und analysiert den Trend von der Facharbeiternachfrage zu segmentierten Ausbildungs- und Arbeitsmärkten im Kontext des Wandels Arbeitswelt, der zu Veränderungen des Berufsbildungssystems zwingt; schließlich geht Biermann der Frage nach, wie die Vision eines inklusiven Arbeitsmarkts vor Ideologisierungen bewahrt werden kann. Aus seinen Überlegungen greife ich drei Aspekte heraus: Erstens die differenzierte Kritik an einem normativ überdeterminierten Inklusionsbegriff, der angesichts der kompetitiven und leistungsorientierten Arbeitswelt ideologieanfällig und realitätsfern erscheint und eher zu neuen Ungleichheiten führen könnte (50); zweitens die Kritik an der auch im EU-Kontext zunehmend von Kostenträgern verfolgten Strategie statt auf berufliche Bildung auf berufliche Trainings zu setzen, die allein die Beschäftigungsfähigkeit (Employability) im Blick haben, „so dass eher von Prozessen des Einfügens in niederen sozialen Status und von struktureller Ausgrenzung auszugehen ist“ (15); drittens die Anregung zu einer Neuauflage des Programms „Humanisierung der Arbeitswelt“, die die Heterogenität der „klassischen Arbeitskräfte-Reservepotentiale (Ältere, Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge, Jugendliche, Behinderte, Modernisierungsverliererinnen und -verlierer, Frauen)“ (50) zum Anlass und Ausgangspunkt nimmt, um für alle Arbeitskräfte Ausbildung und Arbeit neu zu gestalten.

Zu Beginn des zweiten Beitrags skizziert Richard Huisinga Transformationsprozesse in der Arbeitswelt, in denen sich ein Übergang von traditionellen Berufen zu themenübergreifenden Anforderungen an Verbundkompetenzen abzeichnet wie sie etwa in Medizintechnik, Medienkultur, Umwelttechnologie usw. gefordert werden. Mit soziologisch und berufspädagogisch fundierter Kritik am Berufsbegriff plädiert der Autor für eine Lernfeldorientierung der Berufsbildung anstelle der Ausrichtung am überkommenen Berufssystem. Daran orientierte neue Einstiege und Übergänge in die Arbeitswelt werden als gesellschaftliches Verhältnis betrachtet (77), das mit Blick auf Identitätsbildung und Subjektformierung im Kontext neoliberaler Ökonomie und Mentalitäten auf die Widerständigkeit einer anthropologisch fundierten Bildungskonzeption setzt, die die Zeit der Berufsbildung als altersgerechtes Moratorium zur Selbstpositionierung junger Menschen pädagogisch nutzen sollte. In der Folge analysiert Huisinga langfristige Entwicklungen des Berufsbildungssystems im Spannungsverhältnis zwischen kompensierenden und vorausblickenden Konzepten; nicht nur mit Blick auf beeinträchtigte und benachteiligte junge Menschen plädiert der Autor für eine biografisch orientierte Förderung, die sie mit Basislernfeldern verknüpft und von dort zu Transferlernfeldern fortschreitet. Dies erfordere u.a. eine Konsolidierung der vielfältigen, teils wenig aufeinander abgestimmten Programme, neue Formen einer Subjekt-Objekt-Vermittlung sowie ein verändertes Professionsverständnis für die Berufs- und Wirtschaftspädagogik [6].

Christian Bühler knüpft an das in Artikel zwei der UN-BRK formulierte Postulat für ein „Universelles Design“ an, das „von allen Menschen möglichst weitgehend ohne eine Anpassung oder ein spezielles Design“ genutzt werden kann. Im Anschluss an eine instruktive Übersicht über Prinzipien des Universalen Designs konzentriert er sich auf eine diversitätssensible Neuinterpretation von Barrierefreiheit im Zeichen der Inklusion. Konkretisiert wird dies für die Bereiche des Lernens und Arbeitens an welch letzterem UD anschaulich am Beispiel der PC-Arbeit und der Bemühungen um eine internationale Normung erläutert wird.

Wolfgang Seyd gibt in seinem Beitrag einen soliden, teilweise aber nur aufzählenden Überblick über das System der Rehabilitation sowie über ausgewählte Angebote zur Teilhabe am Arbeitsleben. Am Rande werden Fragen der Systemgestaltung, der Strukturverantwortung sowie das konfliktreiche Zusammenspiel der verschiedenen institutionellen Akteure und Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Beeinträchtigungen mit ihren je unterschiedlichen Interessen angesprochen und auf begrenzende Rahmungen durch Veränderungen der Arbeitswelt und EU-Vorgaben verwiesen.

Im Beitrag über „Betriebliche Inklusion auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt“ zeigen Dennis Klinkhammer und Mathilde Niehaus anhand von Daten der Bundesagentur für Arbeit, dass die in den letzten Jahren gestiegene Beschäftigungsquote Schwerbehinderter nicht so sehr durch Inklusion und Barriereabbau, sondern vor allem durch betriebsinterne Rekrutierung und den Verbleib von älteren schwerbehinderten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Arbeit bewirkt wurde, die aufgrund ihrer Erfahrung, oft guter Qualifizierung und des Fachkräftemangels vermehrt im Unternehmen gehalten werden. Das Autorenteam plädiert daher u.a. für eine verstärkte Information und Aufklärung in den Betrieben, für den Abbau von Vorurteilen und eine verstärkte Nutzung von Instrumenten wie der Integrationsvereinbarung um behinderte Menschen in Arbeit zu bringen.

Der vorliegende Band liefert besonders in den beiden ersten sehr dichten und voraussetzungsvollen Beiträgen Anstöße zur Reflexion der Konzepte und Politiken des beruflichen Eingliederungssystems und seiner Strategien, benennt Fallstricke normativer Überdeterminierung im Inklusionsbegriff und verweist auf neue Aufgabenstellungen für inklusiv konzipierte Formen und Inhalte in der beruflichen Ausbildung junger Menschen mit Beeinträchtigungen. Nicht zuletzt regt er zu einem kritischen Überdenken der neoliberalen Arbeitsideologie als meist unhinterfragter Folie für Maßnahmen zur Teilhabe am Arbeitsleben an, die (nicht nur) Menschen mit Beeinträchtigungen einer neuen Subjektformierung unterwirft. Das empfehlenswerte Buch eignet sich für die universitäre Lehre, bietet aber auch Insidern neue Perspektiven. Zusammen mit zwei anderen aktuellen Publikationen [7], [8] schließt der vorliegende Band eine Lücke insbesondere für berufspädagogische Aspekte der Inklusion in Arbeit.

[1] Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft: Der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Berlin: BMAS 2011.
[2] Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Bekanntmachung der Richtlinie Initiative Inklusion: Verbesserung der Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Berlin: BMAS 2011.
[3] Riedel, H.-P. / Reinsberg, B. / Schmidt, C. / Klügel, T.: rehafutur: Weiterentwicklung der beruflichen Rehabilitation auf Basis der Empfehlungen der wissenschaftlichen Fachgruppe RehaFutur unter Beteiligung der Akteure. Projekt zur Koordination des Entwicklungsprozesses - Abschlussbericht. Berlin: BMAS 2012.
[4] http://www.unternehmensforum.org/
[5] Degener, T.: Die UN-Behindertenrechtskonvention als Inklusionsmotor. Recht der Jugend und des Bildungswesens, 57 (2009) 2, 200-219.
[6] DGfE, Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik: Memorandum zur Professionalisierung des pädagogischen Personals in der Integrationsförderung aus berufswissenschaftlicher Sicht: Erziehungswissenschaft, Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, 20 (2010) 41, 11-26.
[7] Weber, A. / Peschkes, L. / de Boer, W. (Hrsg.): Return to Work – Arbeit für alle: Grundlagen der beruflichen Reintegration. Stuttgart: Gentner 2015.
[8] Storck, J. / Plößl, I. (Hrsg.): Handbuch Arbeit: Wie psychisch kranke Menschen in Arbeit kommen und bleiben (3., vollst. überarb. Aufl.). Köln: Psychiatrie Verlag 2015.
Ernst von Kardorff (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ernst von Kardorff: Rezension von: Biermann, Horst (Hg.): Inklusion im Beruf, Inklusion in Schule und Gesellschaft, Band 3. Stuttgart: Kohlhammer 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 5 (Veröffentlicht am 23.09.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978317025211.html