EWR 8 (2009), Nr. 2 (März/April)

Walter Herzog / Silvio Herzog / Andreas Brunner / Hans Peter Müller
Einmal Lehrer, immer Lehrer?
Eine vergleichende Untersuchung der Berufskarrieren von (ehemaligen) Primarlehrkräften
Bern u.a.: Haupt 2007
(397 S.; ISBN 978-3-258-07246-3; 32,00 EUR)
Einmal Lehrer, immer Lehrer? Um die Lehrerforschung ist es in den letzten Jahren merklich stiller geworden. Schulleistungsstudien, Bildungsberichterstattungen und die „schwindelerregende Fülle von Aktivitäten“ im bildungspolitischen Raum [1] haben den forschenden Blick wieder stärker auf die Schul- und Unterrichtsqualität und die Kontexte der Konzeptualisierung der Gliedrigkeit und Steuerung des Schulsystems gerichtet, sieht man einmal davon ab, dass es temporär einen Fokus auf die Lehrerbildungsforschung gab [vgl. u.a. 2]. Deren Auslöser ist sicher in der Diskussion um die Standards in der Lehrerbildung zu suchen [3]. Lehrerforschung verengte sich dabei vor allem auf Lehrerbelastungsforschung [4] mit dem Ergebnis, sich wieder besonders mit der Berufseinstiegsphase zu beschäftigen.

Die hier in Rede stehende Monographie ist quasi das Forschungsergebnis aus einer Übergangszeit in der deutschsprachigen Lehrerforschung, denn sie gehört nicht mehr in ihre vermeintliche ‘Hoch’-zeit um das Jahr 2000 und gleichzeitig ist sie als Ausdruck von Lehrerforschung nicht dem mainstream in der letzten Zeit gefolgt. Vom Beginn der Studie (Ende 2001) bis zu ihrer Publikation (Sommer 2007) sind fast sechs Jahre vergangen. Dabei ist mit Einmal Lehrer, immer Lehrer? eine systematische Aufarbeitung zentraler theoretischer wie empirischer Zugriffe auf den Lehrerberuf bis zur Jahrtausendwende entstanden und vor diesem Hintergrund die quantitative und qualitative Bearbeitung zentraler Fragen von Berufskarriere, Berufsbelastung und beruflicher Orientierung von Lehrerinnen und Lehrern. Oder noch genauer, der Berner Forschergruppe um Walter Herzog ist es insbesondere gelungen Tätigkeitschronologien, Erfahrungen als Primarlehrperson, Reaktion auf Beanspruchungssituationen, Berufszufriedenheit und berufliche Perspektiven nachzuzeichnen (113). Hier am Exempel von vier sogenannten „Patentierungsjahrgängen“ der deutschsprachigen seminaristischen Lehrerausbildung im Kanton Bern.

Insgesamt handelt es sich um eine standardisierte Vollerhebung bei Absolventen der Jahrgänge 1963 bis 1965 (Kohorte 1, K 1), 1973 bis 1975 (K 2), 1983 bis 1985 (K 3) und 1993 bis 1995 (K 4) (108). Ihre „Patentierung“ liegt also zwischen sieben und 39 Jahren hinter ihnen. Die Grundgesamtheit aller recherchierten Absolventen lag bei 4507 (Brutto-Stichprobe). Davon konnten nach Abzug von Wegzug ins Ausland, Tod und postalischer Nichterreichbarkeit bzw. keiner Antwort 1873 Fragebögen von den Angeschriebenen zurück erhalten werden. Dies waren nach der bereinigten Stichprobe von 3520 Absolventen 53.2%.

Neben die Aufarbeitung des quantitativen Datenmaterials stellten die Autoren auch eine qualitative Befragung, denn sie unterfütterten die schriftliche Befragung durch eine mündliche, um sowohl im Sinne von eher narrativen Leitfadeninterviews als auch von problemzentrierten Interviews berufliche Verläufe, biographische Bewältigungsprozesse und die Bedeutung des Berufes im Lebenszusammenhang zu rekonstruieren (123). Schließlich wurden von den 171 mündlich Befragten auch biographische Verlaufskurven gezeichnet, die Höhen und Tiefen im Lebenslauf markieren sollten.

In der Fülle der vorgelegten Einzelergebnisse und im Angesicht schon bekannter Empirien sind nach meinem Eindruck mindestens drei zentrale Ergebnisse der Forschergruppe um Walter Herzog nachhaltig für die weitere Lehrerforschung von Bedeutung:

  1. Vermeintliche Entwicklungsverläufe und Stufenmodelle beruflicher Orientierungen von Lehrpersonen sind in Frage zu stellen;
  2. Berufliche Belastung und Beanspruchung werden zu wichtig genommen, um Einstiege, Umstiege und Ausstiege aus dem Lehrerberuf zu erklären;
  3. Der Lehrerberuf markiert eine Tätigkeit, die in Verbindung mit einem familialen und beruflichen Status aus Verheiratetsein, Elternschaft und Reduktion des Deputats insbesondere seine Attraktivität für Frauen erhält, bei gleichzeitigem Hinweis darauf, dass sich unabhängig vom Geschlecht die Tätigkeit selbst vom „Kontinuitätsparadigma“ verabschiedet (326).


Zunächst sei darauf verwiesen, dass es mit der Studie zum ersten Mal gelungen ist, nicht nur die im Beruf verbliebenen Lehrer zu befragen, also Karrierewege von „Überlebenden im Lehrerberuf“ zum Thema zu machen, sondern alle Absolventen bestimmter Patentierungsjahrgänge. D. h., es ist möglich, Vergleiche zwischen denjenigen zu erstellen, die im Beruf verblieben sind und denjenigen, die ausstiegen, umstiegen, reduzierten, unterbrachen oder nie eine Lehrertätigkeit nach der seminaristischen Ausbildung aufnahmen, also insgesamt fünf Absolvententypen. Damit ist auch schon die Folie markiert, vor deren Hintergrund die gesamte Argumentation verläuft. Es werden Vergleiche zwischen den Typen angestellt und diese bei Bedarf auch nach geschlechtlicher Differenz aufgespalten. In der Gesamtschau zeigt sich hier über die Stichprobe, dass zum Zeitpunkt der Befragung von allen Befragten 48% aus dem Primarlehrerberuf ausgestiegen waren und 13% nie in diesen einstiegen (182). Schon in der jüngsten Kohorte waren knapp 40% sieben bis neun Jahren nach ihrer Patentierung ausgestiegen. In der Gruppe derjenigen, die 27 bis 29 Jahre auf die Patentierung zurückblicken konnten, waren es 48% und nach 37 bis 39 Jahren 72% (ebd.).

Vorschnell könnte vor dieser Darstellung der Eindruck entstehen, die Befragten seien zu großen Teilen schon zu Beginn aus dem beruflichen Feld gegangen, dies womöglich vor dem Hintergrund beruflicher Belastung und Beanspruchung. Bei näherem Hinsehen wird diese Einschätzung aber deutlich widerlegt, denn die Autoren haben von ihren Befragten nämlich auch wissen wollen, welcher beruflichen Tätigkeit sie im Moment der Befragung nachgingen. Dabei wurde offensichtlich, dass knapp 40% noch die Tätigkeit als Primarschullehrer ausübten und 17% in der Volksschule tätig waren. 22% arbeiteten im Kontext von Bildung und Unterricht, hierunter wurden alle übrigen Bildungsberufe subsumiert. Nur 10% könnten als potentielle Flüchtlinge aus Bildungsberufen bezeichnet werden, denn sie gingen Tätigkeiten jenseits dieses Bereiches nach. 11% der Stichprobe übten keinen Beruf mehr aus.

Abgesehen von dieser noch wenig inhaltlichen Argumentation zeigen die dargestellten Hochs und Tiefs über die „Gesamtdauer einer Lehrerkarriere“ an, dass „im Regelfall weder mit einem Einbruch des beruflichen Wohlbefindens in der Karrieremitte noch mit einem stetigen Absinken des Wohlbefindens zu rechnen ist“ (202). Damit kann die „kolportierte Ansicht einer negativen Lehrerkarriere als Mythos zurückgewiesen werden“ (ebd.). Offensichtlich speist sich das Wohlbefinden aller Berufstätigen in der Stichprobe vor allem aus der Möglichkeit beruflicher Selbstverwirklichung, will sagen nach Ausgestaltung von Entscheidungsfreiräumen und dem guten Einsatz der eigenen fachlichen Qualifikation (287). In diesem Kontext zeichnen die Primarschullehrkräfte ein etwas nüchterneres Bild ihrer Situation als die anderen Berufstätigen (290). Die fünfstufige Typisierung von Verbliebenen bis nie Eingestiegenen in den Beruf kann auch zeigen, dass beruflicher Ausstieg und Verbleib nicht besonders mit beruflicher Beanspruchung und Belastung einhergeht, sondern ein Ausdruck ist, sich privat neu zu orientieren (besonders Lehrerinnen) bzw. einer anderen Perspektivensuche für die Zukunft nachzugehen (eher Lehrer) (250), denn auf die beiden Motivgruppen „entfallen 80 Prozent aller Ausstiege“ (251). Nicht-Einstiege hingegen markieren auch keinen bewussten „Entscheid gegen den Primarlehrerberuf“, vielmehr sind sie Ausdruck für persönliche Motive „wie die Vertiefung von Interesse und Fertigkeiten“ (267).

Die Autoren kennen nun natürlich die Einwände gegen dieserart eher positiver Beschreibung der Lehrertätigkeit. Sie wissen, dass an dieser Stelle immer wieder das Argument der „sozialen Erwünschtheit“ bei Lehrerbefragungen in Anschlag gebracht wird (336), wappnen sich aber dahingehend, dass es tatsächlich begründeten Anlass gibt, von einer bedeutsamen Unzufriedenheit mit der Lehrertätigkeit abzusehen und zwar mit dem Argument der Aufsplittung in intrinsische und extrinsische Motive dafür der Tätigkeit nachzugehen. Danach rechnen die Lehrer „die Tätigkeit im Mikrobereich Schule, d. h. innerhalb der Koordinaten des Unterrichts, zum Kern ihres Berufes. Das andere – die Verpflichtungen im Mesobereich der organisatorischen und administrativen Prozesse der Schule – nehmen sie gleichsam in Kauf, solange sie ein gewisses Maß an Beeinträchtigung nicht überschreiten“ (337). Diese Sichtweise repliziert also auch frühere Ergebnisse [5].

Mit besonderem Interesse habe ich die Betrachtungen dahingehend gelesen, aus welchen Gründen der Lehrerberuf für Frauen besonders attraktiv ausfällt. Diese Teilstücke sind in dem Band ausgesprochen sensibel ausformuliert und es hat mir sehr gefallen, dass den Lehrerinnen weder vorgeworfen wird, ein konservatives Familienbild zu konservieren, noch dass mit dem hohen Feminisierungsgrad einhergeht, zu vermuten, die Berufstätigkeit würde genau durch diesen Feminisierungsgrad auf Dauer einer sinkenden Professionalität anheim fallen (348). Im Angesicht des Materials kommen Herzog et al. zu einer pointiert neuen bilanzierenden Sichtweise, die besagt, dass Lehrerinnen „ein Kernmoment pädagogischer Professionalität […] optimaler ausgestalten als Lehrer“ (349), weil es ihnen gelingt „eine anders geartete Relationierung des Beruflichen mit dem Privaten“ herzustellen (349). Dies um den Preis der Teilzeitbeschäftigung, denn die große Mehrheit der Lehrerinnen in der Stichprobe arbeitete unter 80% eines vollen Deputates (343). Die Autoren bringen dies auf den entscheidenden unhintergehbaren Punkt, in dem sie betonen, das Geschlecht „stellt in unserer Gesellschaft eine einschränkende Bedingung dar, welche die Berufswahl- und die Karrieremöglichkeiten begrenzt“ (352) und schon deshalb würde sich der „Spielraum für die Vorwegnahme einer biographischen Zukunft reduzieren“ (ebd.). Oder anders: Die vermeintliche Doppelbelastung von Lehrerinnen durch Familie, Elternschaft und Berufstätigkeit schützt gerade vor beruflicher Unzufriedenheit und moderiert anstrenge Alltagserfahrungen in der Schule. Dieses Faktum begrenzt zugleich durch Teilzeitbeschäftigung die Erfahrungsspielräume jenseits der Familie durch Reduktion von zeitlichen Möglichkeiten für diese.

Abschließend sei darauf verwiesen, dass die intensive Beschäftigung mit den Rekonstruktionen von Berufsverläufen nicht nur von „Überlebenden im Lehrerberuf“ darauf verweist, dass die Frage nach Einmal Lehrer, immer Lehrer? nicht mehr ausdrücklich mit ja beantwortet werden kann. Vor dem Hintergrund des gesamten Materials lässt sich nämlich zeigen, wie unterschiedlich berufliche Verläufe nach einer „Patentierung“ erfolgen können. Womöglich bleiben nur ca. 40% in ihrer vermeintlich absehbaren beruflichen Heimat qua Ausbildung, wiewohl das pädagogische Feld eigentlich nur von 10% überhaupt ganz verlassen wird. D. h. für die Autoren, die „Normbiographie wird es in Zukunft auch bei Lehrkräften immer weniger geben“ (327).

Insgesamt zeigt die Untersuchung einmal mehr, dass das „professionelle Handeln von Lehrpersonen […] nicht nur von ihrer beruflichen, sondern auch von ihrer privaten Lebensgeschichte beeinflusst“ wird (349). Dieses Handeln ist dabei weder fremdbestimmt noch vollkommen selbstständig auszuformulieren, sondern gerade die akzeptierende Balance von beidem markiert pädagogische Professionalität. Oder im Sinne von Hargreaves: „Understandig the teacher means understandig the teacher is“ [6].

Einmal abgesehen von der analytischen Präzision der empirisch fundierten Argumentation liegt genau auch darin ein wenig die potentielle Begrenztheit für die Rezeption. Wie immer bei solchen Arbeiten ergeben sich unzählige Berechnungsmöglichkeiten und Darstellungsweisen zur Präsentation, die auch dazu führen können, sich im Dickicht des Materials zu verlieren, zumal wenn man es gut kennt. Dieser Versuchung konnte auch diese Darstellung nicht ganz entraten, sodass sie sich sicher eher für in das Feld eingearbeitete Experten eignet bzw. solche Personen, die sich mit grundlegendem Erkenntnisinteresse in die Thematik einarbeiten wollen. Für diejenigen, die eine schnelle Ergebnisdurchsicht ohne besondere Vorkenntnisse erwarten, ergeben sich weniger Anknüpfungspunkte, die womöglich im Sinne der Bennennung abzuarbeitenden Hypothesen über den Lehrerberuf, die Lehrerbiographie und Lehrerbelastung präsentierbarer gewesen wären.

Alles in allem hat die Forschergruppe um Walter Herzog über einen langen Zeitraum mit Ruhe und bedacht gearbeitet. Sie hat zurückhaltend und eher leise pointiert formuliert und so einen neuen Beitrag zur deutschsprachigen Lehrerforschung geleistet, den jeder im Bücherschrank haben sollte, der versucht der Lehrerarbeit und ihrer Temporalisierung in den Lebenslauf weiter auf die Spur zu kommen. Man wünschte sich geradezu in diesem Zusammenhang Forschungsförderungen über längere Abschnitte, die es dann auch ermöglichen, Vergleiche mit anderen Ländern und anderen Lehrergruppen hervorzubringen. Vielleicht würden sie zeigen, dass die professionelle Lehrerarbeit durch biographische Vorerfahrungen, Ausbildung und Wissenszuwachs in der Tätigkeit einen Grad an Universalisierung erreicht hat, der nicht hintergehbar ist und alles Reden über Deprofessionalisierung in das Reich der Fabeln verweist.

[1] Fend, H.: Dimensionen von Qualität im Bildungswesen. Von Produktindikatoren zu Prozessindikatoren am Beispiel der Schule. In: Klieme, E./Tippelt, R.: Qualitätssicherung im Bildungswesen. Eine aktuelle Zwischenbilanz. Zeitschrift für Pädagogik. 53. Beiheft. Weinheim/Basel 2008, S. 190.
[2] Lüders, M./Wissinger, J. (Hrsg.): Forschung zur Lehrerbildung. Kompetenzentwicklung und Programmevaluation. Münster u. a.: Waxmann 2007.
[3] Oser, F./Oelkers, J. (Hrsg.) (2001): Die Wirksamkeit der Lehrerbildungssysteme. Von der Allroundbildung zur Ausbildung professioneller Standards. Chur; Zürich: Rüegger.
Terhart, E. (2002): Standards für die Lehrerbildung. Eine Expertise für die Kultusministerkonferenz. Institut für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik. Westfälische Wilhelms-Universität Münster.
[4] Rothland, M. (Hrsg.): Belastung und Beanspruchung im Lehrerberuf. Modell, Befunde, Interventionen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007.
[5] Gehrmann, A.: Der professionelle Lehrer. Muster der Begründung – Empirische Rekonstruktion. Opladen: Leske + Budrich 2003, S. 436.
[6] Hargreaves, A.: Foreword. In: Huberman, M. (Hrsg.): The Lives of Teachers. New York: Teachers´ College Press 1993, S. 8.
Axel Gehrmann (Schwäbisch Gmünd)
Zur Zitierweise der Rezension:
Axel Gehrmann: Rezension von: Herzog, Walter / Herzog, Silvio / Brunner, Andreas / Müller, Hans Peter: Einmal Lehrer, immer Lehrer?, Eine vergleichende Untersuchung der Berufskarrieren von (ehemaligen) Primarlehrkräften. Bern u.a.: Haupt 2007. In: EWR 8 (2009), Nr. 2 (Veröffentlicht am 27.03.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978325807246.html