EWR 8 (2009), Nr. 5 (September/Oktober)

Sammelrezension: Zeit und Schule

Ursula Drews
Zeit in Schule und Unterricht
Souverän im Umgang mit Zeit
Weinheim; Basel: Beltz 2008
(135 S.; ISBN 978-3-407-25457-3; 19,90 EUR)
Anja Durdel / Annemarie von der Groeben / Thomas Trautmann (Hrsg.)
Schule als Lebenszeit
Lern- und Lebensrhythmen von Kindern, Lehrkräften und Schulen
Weinheim; Basel: Beltz 2008
(143 S.; ISBN 978-3-407-32102-2; 34,95 EUR)
Helga Zeiher / Susanne Schroeder (Hrsg.)
Schulzeiten, Lernzeiten, Lebenszeiten
Pädagogische Konsequenzen und zeitpolitische Perspektiven schulischer Zeitordnungen
Weinheim; München: Juventa 2008
(172 S.; ISBN 978-3-7799-2226-1; 15,50 EUR)
Zeit in Schule und Unterricht Schule als Lebenszeit Schulzeiten, Lernzeiten, Lebenszeiten Die drei im Folgenden besprochenen Publikationen dokumentieren das wachsende Interesse von Öffentlichkeit und Erziehungswissenschaftlern an dem Phänomen „Zeit“ und seiner Bedeutung für die Schule und das Lernen. Sie nähern sich diesem wichtigen Thema auf unterschiedlichen Ebenen.

(I) Zeit in Schule und Unterricht

Ursula Drews hat in ihrem im Februar 2008 veröffentlichten Buch „Zeit in Schule und Unterricht“, das sich in erster Linie an Lehramtsstudierende richtet, den Versuch unternommen das »Phänomen Zeit«, bezogen auf Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler in Schule und Unterricht, systematisch und praxisnah aufzuarbeiten. Gegliedert hat die Autorin das Buch in sieben Kapitel. Zunächst schreibt sie schlaglichtartig über Sicht- und Umgangsweisen mit Zeit in der Gesellschaft, richtet dann den Fokus auf Zeit in Schule und Unterricht und kommt dabei zu der Feststellung, dass Schule reich an Zeit sei (34), die gemeinsam verbrachte Zeit jedoch „deutlich in Richtung des Merkmals »erfüllte« Zeit („kairos“) verschoben werden und weniger gefüllte oder sogar unerfüllte Zeit („chronos“) sein (sollte)“ (35). Ein Kapitel über Rhythmisierung und Struktur von Unterricht (Kap. 3) darf in einer solch zusammenhängenden Darstellung natürlich ebenso wenig fehlen wie eines über das Erlangen von Zeitsouveränität durch die Schülerinnen und Schüler (Kap. 4) und den Balanceakt zwischen Beschleunigung und Verlangsamung des Unterrichtstempos (Kap. 5). Das Kapitel „Umgang mit Zeit als Ausdruck von Macht“ (Kap. 6) ergänzt die Ausführungen um einen wichtigen und interessanten Aspekt. Die abschließende Schriftenlese ist teils anregend, erinnert teils aber auch schlicht an Ratgeberliteratur.

Drews ist eine gute, systematisch aufgearbeitete und verständlich geschriebene Darstellung zum Phänomen Zeit in Schule und Unterricht gelungen. Einschübe, Anekdoten und Beispiele aus Literaturklassikern sorgen für Kurzweil beim Lesen und regen zum Nachdenken an. Stichwortartige Zusammenfassungen an den Rändern sowie am Ende jeden Kapitels und ein Register sorgen für Übersichtlichkeit und kommen der Zielgruppe entgegen.

Kritisch ist anzumerken, dass das Buch m.E. Studierenden wenig Anreize zum selbstkritischen Umgang mit der Thematik gibt. Ausgewählte historische Versuche dem Unterricht Rhythmizität zu geben, wie Herbarts „Artikulation des Unterrichts“, werden leserfreundlich zusammengefasst und sogleich in ihrer Noch-Nutzbarkeit erörtert. An anderer Stelle wird den angehenden Lehrerinnen und Lehrern genau aufgezeigt, welche Methoden und Unterrichtsformen zur Gewinnung von Zeitsouveränität der Schülerinnen und Schülern als besonders geeignet gelten und welche Vor- und Nachteile mit ihnen einhergehen. Dadurch spart die Lektüre des Buches auch den Studierenden etwas von ihrer immer knapper werdenden Studienzeit, denn die attestierte Lernbeschleunigung in Schule und Unterricht gilt, spätestens seit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstrukturen, auch für das Lehramtsstudium. Da Tempoerhöhung nicht a priori mit Qualitätsgewinn einhergeht, wie Drews auf S. 102 eindrucksvoll zusammengefasst hat, und auf die Chancen einer Verlangsamung zugunsten von mehr Gründlichkeit verweist, ist es fraglich, ob dieses Buch zum Innehalten geeignet ist und seinen eigenen Anregungen gerecht wird. So verdeutlicht diese durchaus gute Zusammenfassung des Themas die darin liegende Ambivalenz.

(II) Schule als Lebenszeit

„Schule als Lebenszeit“ ist Ursula Drews zum 70. Geburtstag gewidmet. Veröffentlicht wurde es ein gutes halbes Jahr nach dem Buch von Drews. Der Klappentext verspricht „Ideen und Ansätze, wie Zeit für die pädagogische Praxis souverän genutzt werden kann“, die Beleuchtung von „Aspekte(n) wie die Ganztagsschule, Forschungsergebnisse(n) zu Zeiterleben und -nutzung, Zeit in Schulbegleitungsprozessen und für die Entwicklung von Einzelschulen bzw. verbesserten Unterrichtsszenarien“ und preist es als „die ideale Ergänzung zu »Zeit in Schule und Unterricht«“ an. Er weckt damit Erwartungen, die nach Lektüre des Buches nicht so recht befriedigt sind. Es verwundert auch, dass das Herausgeberteam im Vorwort klar stellt, das vorliegende Buch solle keinesfalls als eine Ergänzung zu Drews’ Veröffentlichung verstanden werden. Sie sehen die Beiträge des Bandes vielmehr als individuelle Anregungen zum Phänomen Zeit, von denen allerdings viele durch die Lektüre des Buches von Ursula Drews entstanden seien (9). Richten soll es sich sowohl an eine wissenschaftlich als auch eine handlungspraktisch interessierte Leserschaft. Gebündelt werden in den vier Kapiteln des Buches unterschiedlichste Textsorten, wie Episoden, Geschichten, Erfahrungs- und Forschungsberichte sowie Fallbeschreibungen aus dem Schulalltag zu den Themen Lern- und Unterrichtszeiten (Kap. 1), dem Verhältnis von Schul- und verbleibender Lebenszeit (Kap. 2) und der Schulentwicklung in Bezug auf zeitliche Rhythmen (Kap. 3). Persönliche und fachliche Grüße an die Jubilarin (Kap. 4) schließen das Buch ab.

Wie eine Ergänzung zu Drews kommt der vorliegende Band in der Tat nicht daher. Da informiert das Vorwort schon wesentlich besser über Intention und Inhalt. Es ist m.E. grundsätzlich schwierig, die Erwartungen wissenschaftlich und/oder handlungspraktisch interessierter Leserinnen und Leser gleichermaßen mit einem Buch zu befriedigen. Wenngleich die Beiträge von Thomas Trautmann, Anja Durdel sowie Andreas Knoke und Anja Durdel interessante Einblicke in die jeweiligen Arbeitsgebiete geben und sich einige der anderen Texte (z.B. von Gerheid Scheerer-Neumann, Annemarie von der Groeben, Heidi Trautmann, Hartmut von Hentig, Sfeffen Glaubitz) gut als Diskussionsanlässe in Seminaren eignen, dürfte der Preis von fast 35 Euro (möglicherweise nicht nur Studenten) vom Kauf des Buches abschrecken.

(III) Schulzeiten, Lernzeiten, Lebenszeiten

Der Sammelband „Schulzeiten, Lernzeiten, Lebenszeiten“ wurde von der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik (DGfZP), die bereits im Herbst 2006 zu dem Thema „Bildungspolitik ist Zeitpolitik“ eine Jahrestagung durchgeführt hat, im Herbst 2008 vorgelegt. Den Autorinnen und Autoren, die mehrheitlich auch Mitglieder der DGfZP sind, geht es in ihrem Band darum, „das Nachdenken über Schulzeiten zu erweitern und zu vertiefen, und pädagogische und soziologische Voraussetzungen für eine Bildungspolitik zu erarbeiten, die im Bewusstsein ihrer zeitlichen Folgen für das Leben der Menschen [...] handelt“ (8), denn bisher wurde, so die Kritik, Bildungszeitpolitik betrieben, „ohne dass die positiven und negativen Folgen für das aktuelle Leben der Kinder und Jugendlichen in und außerhalb der Schule bedacht wurden.“ (7)

Das Buch ist thematisch in vier Teile untergliedert und beschäftigt sich unter der Überschrift „Schulzeiten und Lebenszeiten“ zunächst mit der Tatsache, dass die Schule nicht nur (viel) Lebenszeit beansprucht, sondern die Schülerinnen und Schüler auch in ein sehr enges Zeitkorsett zwängt. Mehrere Artikel gehen kritisch auf die Beschleunigung des Lernens (Verkürzung der Gymnasialzeit, Vorverlegung des Schuleingangsalters, pädagogische Frühförderung) und ihre weitreichenden Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft ein. Das zweite Kapitel hat den Schwerpunkt „Kompetenzen für das Umgehen mit Zeit“. Anders als bei Drews steht hierbei zunächst nicht die „Schülerselbstbeteiligung“ im Vordergrund, sondern die Reflexion über Zeit und Lebenszeit, der Zusammenhang von Zeitkompetenz und dem sozialen und kulturellen Kapital der Herkunftsfamilie sowie die notwendige Revision der Lerninhalte und ihrer Vermittlung.

Zwei schuldidaktische Beiträge behandeln im Anschluss die Zeit als Unterrichtsgegenstand, ohne dabei aber ins Ratgeberartige zu verfallen. Die Organisation von Lernzeiten nimmt das dritte Kapitel in den Fokus. Gefordert werden, ähnlich wie bei Drews, mehr zeitliche Selbstbestimmung, die Abkehr von linearen Zeitvorgaben und eine flexibilisierte Rhythmisierung. Der Schwerpunkt der Beiträge liegt jedoch auch hier mehr auf der fundierten Begründung und Reflexion bestehender und reformierter Organisationen schulischer Zeit und weniger auf der handlungspraktischen Ebene. Das Buch endet mit einem etwas losgelösten Beitrag über zeitpolitische Anmerkungen zur Schule im lokalen Umfeld, der als einziger das Kapitel „Schule in der lokalen Alltagswelt“ repräsentiert. Viele der Beiträge weisen auch Bezüge zu den inhaltlichen Schwerpunkten anderer Kapitel auf, die von Helga Zeiher bereits in ihrer Einführung eindrücklich aufgezeigt werden. Die Autorinnen und Autoren dieses lesenswerten Bandes eint die Überzeugung, dass Bildung nicht beliebig beschleunigt werden kann, weil das Lernen nun mal keiner linearen Logik folgt. Mehrheitlich plädieren sie daher für eine Entschleunigung des Lernens.
Barbara Zschiesche (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Barbara Zschiesche: Rezension von: Drews, Ursula: Zeit in Schule und Unterricht, Souverän im Umgang mit Zeit. Weinheim; Basel: Beltz 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 5 (Veröffentlicht am 02.10.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978340725457.html