EWR 13 (2014), Nr. 6 (November/Dezember)

Olaf-Axel Burow
Digitale Dividende
Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule
Weinheim: Beltz 2014
(280 S.; ISBN 978-3-4072-5707-9; 26,95 EUR)
Digitale Dividende Digitale Medien sind bisher eher selten im Fokus des Interesses von Schulpädagogik und Schulentwicklung. Bis auf einige Modellversuche, welche die Integration digitaler Medien in den Unterricht untersuchten, beschäftigen sich eher wenig „klassische“ Schulpädagogen mit digitalen Medien. Das Buch „Digitale Dividende. Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule“ von Olaf-Axel Burow scheint anders zu sein. Es stellt eine digitale Dividende für Schule in Aussicht, so dass ein vertiefender Blick aus Perspektive der Medienpädagogik und der Schulentwicklung angebracht scheint.

Nach einer Einführung schildert Burow in drei Teilen den Weg von einer Pädagogik 1.0 zu seiner Pädagogik 3.0. Ausgehend von eigenen biographischen Erlebnissen und denen seiner Kinder fragt sich Burow im ersten Kapitel, wie Kinder lernen und warum nach Lernfreude und Begeisterung nach und nach in der Schule verschwinden. Als Grund macht er aus, dass es Schule immer weniger schaffe, die Potenziale der Kinder in den Blick zu nehmen. Er geht davon aus, dass Kinder in der Schule ihr Element nicht mehr entdecken, also etwas, was Kinder und Jugendliche richtig gut können und bei dem sie Ehrgeiz entwickeln, es zu vertiefen. Diese Erfahrung weitet er auch auf Lehrerinnen und Lehrer aus, mit denen er im Rahmen von Fortbildungen verschiedene Übungen zur Potenzialerkennung durchführt (z. B. Lerngeschichten, visuelle Methoden, ...). Im Fokus des Kapitels steht die Frage, wie man in der Schule Lernlust und Kreativität entfalten kann, die im Rahmen einer Fokussierung auf vorwiegend kognitive Herausforderungen und einer „Bildungspanik“ der Eltern verloren zu gehen scheinen. Schule wird durch diese Zentrierung auf (kognitiv geprägten) Unterricht seiner Meinung nach immer weniger Lern- und Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche (vgl. 20). Als Grund für diese Unterrichtsorientierung führt er Routinen und Bilder von „Schule machen“ an, die sich immer noch auf traditionelle Vorstellungen von Schule der letzten Jahrhunderte beziehen und in ihrer Wirkmacht immer noch sehr mächtig sind. Dazu gehören Konzepte wie Benotung und Auslese ebenso wie ein Kanon von Wissen oder organisatorisch-strukturelle Bedingungen wie 45 Min Lernzeit. Schulen, so fordert er, sollten wieder Lustanstalten werden, indem man sich auf Pädagogik 1.0 zurückbesinnt, also darauf, „wie wir in unverschulten, informellen, anregungsreichen Umgebungen, quasi „natürlichen“ Räumen außerhalb von Bildungsinstitutionen“ (22) lernen. Als Beispiel für ein gelingendes Lernen außerhalb der Schule dient ihm hier André Stern, der dem einen oder anderen aus dem Film Alphabet bereits bekannt sein wird. Theoretisch stützt er sich hier auf die Salutogenese und die Selbstbestimmungstheorie nach Deci & Ryan. Um ein solches Lernen auch in Bildungsinstitutionen zu fördern, greift er zurück auf das im sozialen Netz bekannte Prinzip der „Weisheit der Vielen“ und auf ein selbstgestaltetes Prinzip simplexity als „eine vereinfachte Handlungsorientierung“ (41), so zum Beispiel das Verfahren der Wertschätzenden Befragung oder Zukunftswerkstätten – zu Veränderung von Schule. Das Kapitel endet mit einer Quintessenz, in der die wichtigsten Elemente des Kapitels nochmals zusammengeführt werden.

Im zweiten Kapitel zwei, dem kürzesten Kapitel des Buches, geht Burow auf die heutige Situation in der Schule ein. Unter dem Stichwort Pädagogik 2.0 erklärt er aktuelle Erfahrungen in der Schule mit der Logik von Massenproduktion in den Bildungsinstitutionen, welche für ihn vor allem das Ergebnis „bildungsbürokratischer Disziplinarmaßnahmen“ (93) sind. Staatliche Ordnungsbemühungen, die auch in der Schule greifen, sind aus seiner Perspektive dafür verantwortlich, dass der Fokus auf kognitives Wissen verengt wird und zum anderen Schule so gestaltet wird, wie wir sie aktuell kennen, in der Literatur auch bekannt als „Grammatik von Schule“. Preußen und das Fabriksystem dominieren laut Burow die Schule immer noch. Sitzenbleiben, Selbstentfremdung oder PISA sind für ihn Symptome der Selbsterhaltung eines Systems, welches aktuellen Herausforderungen der Gesellschaft nicht mehr entspricht, denn für ihn ist die Vermessung von Schule und Unterricht an die Grenzen gekommen (102). Für das Scheitern der Schule liefert er dann sieben Gründe (105ff): den Sawyer-Effekt (Antrieb nur durch äußere Belohnung), die Schmälerung der Leistung, die Vernichtung von Kreativität, die Verdrängung wohlwollenden Verhaltens, die Abhängigkeit von äußerlichen Belohnungen sowie die Förderung von Kurzzeitdenken. Alles in allem liefere die Pädagogik 2.0 (und damit die aktuelle Schule) falsche Orientierungen, da innere Berufungen nicht (mehr) entdeckt werden und Fremdsteuerung überwiege. Auch dieses Kapitel endet mit einer Quintessenz, die die einzelnen Punkte nochmals in Spiegelstrichen zusammenfasst.

Kapitel 3 ist das umfangreichste des Buches und proklamiert ein Lernen in Freiheit und die Rückkehr zur Kreativität. Hier wird zum ersten Mal auch auf den im Buchtitel versprochenen Benefit der digitalen Medien eingegangen, vor allem auf das Social Web, welches besonders aufgrund der Möglichkeit von individualisiertem und kollektivem Lernen in den Fokus der Betrachtung rückt. Vorteile bietet es nach Burow, da es den Raum weitet, sowohl für Information und Wissen, ebenso den der Waren und Dienstleistungen und den Raum der Begegnungen und Beziehungen (119). Aus diesen Bedingungen werden dann Anforderungen an die Schule abgeleitet, so beispielsweise Flexibilisierung von Unterricht, die Notwendigkeit einer Entrepreneurship Education sowie die Betonung kollektiver statt individueller Lernprozesse. In den Fokus rückt er dann die Nutzung von Wikis und den Einsatz von iPads in der Schule, welche nach Burow zu einer Veränderung des Lehrens und Lernens führen. Als Beispiel führt er u. a. die Nutzung von Open Educational Resources an wie z.B. Videos zum Selbstlernen (Khan Academy). Denn diese mache das von ihm propagierte Prinzip der simplexity deutlich: „Unterricht muss demnach jederzeit verstehbar, persönlich bedeutsam und handhabbar sein. Khan erreicht dies durch Aufgaben und Erklärungen, die nach Schwierigkeitsgrad gestuft sind und die der Schüler gemäß seinem Lernstand beliebig oft aufrufen und trainieren kann“ (133). Durch Nutzung von Khan Videos könne der Lehrer in der „traditionellen“ Schule sich stärker auf die Beratung der Schüler und die Unterstützung bei Lernschwierigkeiten oder der Potenzialentfaltung konzentrieren. Hier nimmt Burow Elemente des Flipped Classroom auf und kombiniert mit einem Portfolio als Selbstreflexionsinstrument – alles also Elemente, die in der Medienpädagogik schon seit einigen Jahren diskutiert werden. Damit spricht sich Burow für Open Education und Open Ressources aus, deren Auswirkungen er für die Schule diskutiert. Denn seiner Meinung nach gibt es für diese nur eine Chance: „Nur wenn sie sich öffnen, können traditionelle Bildungseinrichtungen auf ein Überleben hoffen“ (136). Die Aufgabe von Schule bestehe dann vor allem darin, einen Gegenpol zur Fragmentierung der Gesellschaft durch die Zersplitterung zu leisten, indem Schule Informationskompetenz, die Fähigkeit zur Kollaboration und Einordnung vermitteln müsse. Lernen in Freiheit benötigt eigene und kollektive Kreativität, Schulen müssen Selbstmanagement und Anpassung an beständigen Wandel lehren (160). Im Fokus stehen vor allem Selbstreflexion und die Nutzung von Netzwerken. Aber digitale Medien sind für Burow nicht nur positiv besetzt, sondern er weist auch auf die Ambivalenzen hin, die mit der Nutzung gerade „offener“ Medien einhergehen, so beispielsweise der zunehmende Einsatz von Informationsfiltern (142) oder die Frage des Datenschutzes. „Die Erweiterung unserer Möglichkeiten und die Erhöhung der Risiken liegen dicht beieinander. Eine der zentralen Aufgaben einer Pädagogik 3.0 besteht deshalb darin, das Bewusstsein für beide Aspekte zu schärfen und die Auszubildenden darin zu unterstützen, Bewältigungsfähigkeiten und Gestaltungskompetenzen zu entwickeln“ (171, Hervor. i. O.). Dies impliziere auch einen Abschied von der Massenbildung, so dass der anschließende Verweis auf das finnische Schulsystem oder Erkenntnisse der Neurobiologie fast evident erscheinen. In einer Quintessenz werden auch hier Elemente seiner Pädagogik 3.0 zusammengeführt: Blick auf die Chancen statt auf die Begrenzungen, Initiierung Kreativer Felder und Förderung kollektiver Kreativität, Wertschöpfung durch Wertschätzung, Potenzialentwicklung, Verknüpfung dreier Wissenstypen statt einer Überbetonung kognitiven Wissens, Schule in Bewegung, Lernen im Synergieteam und einen Fokus auf die Stärken der sozialen Systeme. Das Kapitel endet dann mit zwölf Thesen zur Schule der Zukunft (242):

Die Schule der Zukunft ...

…ist eine Schule für alle.
…ist eine Potenzialentwicklungsschule.
…verwirklicht die magischen drei.
…entwickelt neue Architekturen.
…nutzt neue Personalmischungen.
…entwickelt eine flexible Rhythmisierung.
…ist ein Ort gelebter Partizipation.
…nutzt die digitale Dividende.
…ist weltoffen.
…ist eine Kulturschule bzw. ein kreatives Feld.
…ist keine „Schule“.
…ist eine Zukunftswerkstatt.

Im Anhang finden sich schließlich eine Zusammenfassung der Pädagogik 3.0 auf einen Blick sowie verschiedene „Tools für die Umsetzung“: so z. B. Ablaufpläne für Zukunftswerkstätten, die im Rahmen von Schulentwicklungsmaßnahmen eingesetzt worden sind, Anleitungen für Open Space Sessions oder eine Einführung in das kollegiale Teamteaching.

Burows Buch fasst an vielen Stellen Diskussionen zusammen, die aktuell in verschiedenen Bereichen diskutiert werden: So zum Beispiel Diskussionen aus dem Bereich Schulpädagogik, die sich um offenes Lernens drehen und deutliche reformpädagogische Züge aufweisen, aber auch Themen aus dem Bereich E-Learning und der Medienpädagogik (z. B. Weisheit der Vielen; Flipped Classroom, Nutzung sozialer Netzwerke). Diese Themen führt er allerdings nicht „naiv“ in die Diskussion um Schule und Schulentwicklung ein, sondern geht auch auf Vor- und Nachteile bzw. auf Chancen und Risiken ein (125). Dabei löst sich Burow von einer mediendidaktischen Perspektive mit einem Fokus auf Unterrichtsentwicklung, die oftmals im Bereich der Schulpädagogik mit Medien vorherrscht, sondern stellt die aus seiner Sicht notwendigen Veränderungen der gesamten Schule in den Mittelpunkt. Hierzu gehört dann nicht nur die Nutzung digitaler Medien, um Unterricht zu verbessern, sondern digitale Medien sind sowohl Inhalt als auch Methode für Schulentwicklungsprozesse. Zentral ist für ihn eine damit einhergehende Veränderung von Schule, für die er aus verschiedenen Bezugsdisziplinen Argumente herbeizieht. Verwirrend ist die Bezeichnung seiner Phasen: Lernen 1.0 ist eines, das außerhalb der Bildungsinstitution stattfindet, Lernen 2.0 eines, welches man aktuell in Bildungsinstitutionen vorfindet und konnotiert ist mit "standardisiert" und "traditionell", und Lernen 3.0 eines, welches es in Bildungsinstitutionen zu erreichen gilt. Diese Logik ist vor allem für Medienpädagogen schwierig nachzuvollziehen, da in der medienpädagogischen Community unter Lernen 2.0 meist ein partizipatives offenes Lernen (mit digitalen Medien) verstanden wird, welches eher Parallelen zu Burows Pädagogik 3.0 aufweist und wenig mit seiner Pädagogik 2.0 zu tun hat. Damit bleibt die Einteilung verwirrend und muss immer wieder vom (medienpädagogisch geprägtem Leser) mitgeführt werden.

Darüber hinaus ist das Buch in seiner Argumentation wenig stringent und immer wieder zirkulär. Die Beispiele und Argumente wiederholen sich, so dass man vielmals geneigt ist, das Buch vorzeitig zur Seite zu legen. Das lineare Lesen bis zum Ende benötigt viel Disziplin. Hilfreich sind dann die am Schluss aufgeführten Stichwort- Zusammenfassungen, die nochmals einen Überblick über einzelne Kapitel und das ganze Buch geben. Gewöhnungsbedürftig ist neben dem gestaltungsorientierten offenen Ansatz der Schulentwicklung, den Burow fokussiert, auch die Sprache. Ausdrucksweisen wie „die magischen drei“ oder „die fünf Zukunftsbrillen“ erwecken eher „esoterisch“ geprägte Assoziationen und können den einen oder anderen Leser eher abschrecken. Dennoch ist gerade dieser Stil stringent, wenn man wie Burow über Kreativität und Gestaltpädagogik forscht und ein Querdenken und die Irritation bestehender Muster bevorzugt.

Das Ziel des Buches ist auf Praxisveränderung angelegt; es soll Lehrerinnen und Lehrern von Nutzen sein, die eigene Schule weiter zu entwickeln. So können die Reflexionsfragen helfen, wenn das Buch konkret in der Praxis beispielsweise bei Schulentwicklungsprozessen zugrunde gelegt wird. Während die abgedruckten Seminarverläufe, nach denen Burow vorgeht, den Eindruck eines Buches aus der Praxis vermitteln und die Beispiele so gewählt sind, dass sie oftmals an schulischen Alltag anknüpfbar scheinen, bleibt die Übertragung dennoch eine Leistung, die nicht einfach zu sein scheint, denn er fordert eine Veränderung auf vielen Ebenen, vom Inhalt der Schule über Methoden bis hin zur Organisation. Einfache Reformen und ein „weiter wie bisher“ sind seiner Meinung nach nicht ausreichend. Zu kurz kommt aus meiner Perspektive allerdings die wichtigste Frage im Rahmen der Veränderungsprozesse in Schulen, nämlich die der Lehrerbildung. Die von ihm vorgeschlagenen Methoden und Maßnahmen, griffig zusammengefasst unter dem Stichwort Pädagogik 3.0, sind voraussetzungsreich, so dass es vor allem eine Auseinandersetzung mit Haltungen, Werten und inneren Bildern benötigt, die nicht nur im schulischen Alltag, sondern auch in der Lehreraus- und -weiterbildung zentral scheinen.
Mandy Rohs (Kaiserslautern)
Zur Zitierweise der Rezension:
Mandy Rohs: Rezension von: Burow, Olaf-Axel: Digitale Dividende, Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule. Weinheim: Beltz 2014. In: EWR 13 (2014), Nr. 6 (Veröffentlicht am 04.12.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978340725707.html