EWR 9 (2010), Nr. 4 (Juli/August)

Sabine Andresen / Rita Casale / Thomas Gabriel / Rebekka Horlacher / Sabina Larcher Klee / Jürgen Oelkers (Hrsg.)
Handwörterbuch Erziehungswissenschaft
Weinheim/Basel: Beltz 2009
(924 S.; ISBN 978-3-407-83159-0; 129,00 EUR)
Handwörterbuch Erziehungswissenschaft Nachschlagewerke für die Disziplin Erziehungswissenschaft scheinen Konjunktur zu haben; seit dem Jahr 2004 haben Benner / Oelkers [1], Krüger / Grunert [2], Tenorth / Tippelt [3] sowie Mertens / Frost / Böhm / Ladenthin [4], entsprechend publiziert; nun hat Jürgen Oelkers mit ehemaligen und aktuellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein weiteres herausgegeben. „Internationalität“ und „Interdisziplinarität“ zeichnen das Werk (im Unterschied zu den anderen) mit 61 Stichwörtern von 74 Autorinnen und Autoren zum aktuellen internationalen Forschungsstand bezüglich des Begriffsfeldes „Erziehung“ aus. Es wendet sich an Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler, und gerade angesichts seines internationalen Zuschnitts an B.A. und M.A.-Studierende der Erziehungswissenschaft.

(1) Die Herausgeberinnen und Herausgeber haben folgende konzeptionelle Entscheidungen getroffen:

(a) Als Form wurde das Handwörterbuch gewählt, das seinen Namen der Handreichung, nicht der Handlichkeit verdankt. Es gehört zum Genre der Nachschlagewerke und grenzt sich einerseits von (Taschen-)Wörterbüchern ab (z.B. Schaub / Zenke [5]), die viele hundert Stichworte in sehr kurzer Form behandeln; andererseits ist ein Handwörterbuch keine Enzyklopädie mit ihrem allumfassenden Anspruch, der bereits durch die Mehrzahl der Bände ersichtlich wird. Das Problem von Handbüchern gegenüber konkurrierenden Nachschlagewerken ist die Stichwortauswahl. Beansprucht wird, „zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht alle, aber zumindest alle wichtigen Stichwörter“ (9) erfasst zu haben, und zwar elaborierter, d.h. ausführlicher als in einem normales Wörterbuch. Damit soll ein „Netz von Begriffen“ (9), die ein „Feld“ im Sinne eines Diskurskontextes markieren, abgesteckt werden.

(b) Das behandelte Begriffsfeld ist das der Erziehung. Das ist naheliegend, sofern der (missverständliche) Titel des Buchs „Handwörterbuch Erziehungswissenschaft“ so genommen wird, dass es auf das wissenschaftliche Wissen im Feld „Erziehung“ abzielt; hingegen gibt es – so könnte man den Titel auf den ersten Blick auch verstehen – weder Beiträge zu einzelnen erziehungswissenschaftlichen Sub- und Nachbardisziplinen noch zu historischen Epochen. In Anbetracht von Zielsetzung und Genre kann die enge Auswahl an Stichworten, die ein Handwörterbuch gegenüber einer (ins Uferlose gehenden) Enzyklopädie oder einem Lexikon vornehmen kann, nicht beliebig sein und dies ist auch nicht der Fall. Das Herausgeberteam hat sich nämlich mittels „teilnehmender Beobachtung [...] akribisch“ (9) darum bemüht, den Großdiskurs Erziehung genau zu beobachten, um einen soliden („bestmöglichen“, 9) Überblick über ihn und seine erzieherisch relevanten Teildiskurse zu gewährleisten. Diese Kennerschaft liegt der Auswahl der Stichworte zugrunde, so dass sie gleichermaßen theoretisch und empirisch fundiert „der Forschungslage des Feldes ‚Erziehung’ sinnvoll“ (11) entsprechen.

(c) Für das Herausgeberteam gibt es „eine eigenständige, akademisch abgegrenzte Disziplin ‚Erziehungswissenschaft’ nur im deutschen Sprachraum“ (10). Die Begrenzung wird absichtlich überschritten, weil eine moderne Erziehungswissenschaft per se ein „multidisziplinäres Arbeitsfeld“ (10) ist und international auch so bearbeitet wird. Erkennbar wird das nicht nur z.B. an den Stichworten „Citizenship“, „Demokratie“, „Gender“ oder „Gesellschaft“, sondern in nahezu jedem Beitrag, der – wie die Lektüre und ein Blick ins jeweilige Literaturverzeichnis zeigen – die These des Herausgeberteams untermauert, dass alle behandelten Stichworte „eine internationale Forschung und Diskussion“ (10) voraussetzen; schließlich wird diese international-interdisziplinäre Verschränkung explizit und programmatisch deutlich in Tenorths Beitrag „Struktur der Erziehungswissenschaft“, wenn er sie durchweg international als weltweites Phänomen und als „dichte Vernetzung mit den anderen Human- und Sozialwissenschaften“ (862) relationiert.

(d) Inter- bzw. Multidisziplinarität geht hier einher mit Internationalität: Für das Herausgeberteam sowie für die Autorinnen und Autoren – von denen viele in der Schweiz arbeiten oder daher stammen – lautet eine weitere Prämisse, dass im 21. Jahrhundert über Erziehung international, d.h. in englischer Sprache, kommuniziert und geforscht wird (11). Es ist naheliegend, dass eine solche Perspektive nicht für jedes Stichwort gleichermaßen durchführbar ist (ebd.). Vielmehr soll ein jeweiliges Stichwort möglichst nicht auf ein nationales Diskursniveau begrenzt sein, während das bei anderen Stichworten von vornherein ausgeschlossen ist, etwa „Parenting“, das mehr bedeutet als „Elternschaft“. Weiterhin zeigt sich der internationale Anspruch in einem entsprechend zusammengesetzten Autorenpool: Die Hälfte der Autorinnen und Autoren, fast 36, arbeitet an ausländischen Hochschulen in acht Ländern (Frankreich, Kanada, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Schweiz, Vereinigtes Königreich, USA), und 31 von 61 Beiträgen sind unter internationaler Beteiligung verfasst worden.

(2) Das Herausgeberteam gibt, wie häufig bei Nachschlagewerken – eine Ausnahme stellt das Wörterbuch von Krüger / Grunert dar – keine Auskunft darüber, ob den Beiträgen eine kategorisierende Systematik zugrunde liegt. Aus der Perspektive der Rekonstruktion dürften folgende Kategorien leitend gewesen sein:

  • Grundbegriffe (Bildung; Entwicklung; Erziehung; Lernen; Sozialisation etc.)

  • Erzieherische Interventionen (Beratung; E-Learning; Frühkindliche Erziehung; Intervention und Prävention; Körperlernen; Literalität; Problemlösen; etc.)

  • Individuelle Bedeutung von Erziehung (Begabung; Kreativität etc.)

  • Gesellschaftliche Bedingungen von Erziehung (Demografische Entwicklung; Demokratie; Gesellschaft; Globalisierung; Kultur; Ökonomie; Recht und Verrechtlichung etc.)

  • Lebensalter und Lebenslagen (Beruf und Berufsbildung; Erwachsenenbildung und Weiterbildung; Generationen; Jugend; Kindheit, Lebensalter und Lebenslauf etc.)

  • Forschungsfelder (Curriculum und Lehrmittel; Europa und europäischer Bildungsraum; Familie; Gender; Gewalt; Lehrerausbildung; Schule; Soziale Arbeit etc.)

  • Organisation von Erziehung und Bildung (Administration; Bildungsfinanzierung; Steuerung etc.)

  • Forschungsmethoden (Historische; Qualitative; Quantitative etc.)

  • Qualitätssicherung (Exzellenz; Evaluation und Qualitätssicherung; Leistung und Leistungsmessung; Professionalisierung und Professionalität; Standards schulischer Bildung etc.)


(3) Die Auswahl der Autorinnen und Autoren, über die man normalerweise selten etwas erfährt, erfolgte – ungewöhnlich und professionell zugleich – auf Basis der Auswertung von „zehn Jahrgängen der einschlägigen internationalen Fachzeitschriften“ (11). Damit wird der Qualitätsanspruch des Buches gesichert; konkret haben in 51 von 61 Artikeln die jeweiligen Autorinnen und Autoren einschlägig (und fast immer mehrfach) zum Stichwort publiziert.

(4) Ein für alle Artikel, die nahezu gleichen Umfangs sind, vorgegebenes reglementierendes Schema scheint nicht vorzuliegen, außer dass fast immer eine informative Einleitung vorliegt, die oft an ein Alltagsverständnis anknüpft oder die Interdisziplinarität eines Stichworts erläutert. In einigen Fällen werden am Schluss Forschungsperspektiven skizziert. Die Beiträge sind gut lesbar und klar, d.h. ein überbordender Satzbau wird ebenso vermieden wie ein szientifistisches „name-dropping“. Die Beiträge erfüllen in der Tat den Anspruch, erziehungswissenschaftliches Wissen über ein Stichwort des Feldes „Erziehung“ zu bieten: Die Beiträge sind stark und oft empirisch forschungsgestützt und stellen ebenfalls den jeweilig interdisziplinären Bezug heraus. Positiv fällt auch auf, dass Themenstränge, Zugänge, Modelle etc. sachlich, konzise und präzise statt positionsergreifend referiert werden.

(5) Die Qualität des Buches wird durch kleinere Kritikpunkte unwesentlich geschmälert: (a) Am meisten ist mit Blick auf die studentischen Adressaten das Fehlen eines Sachregisters zu bedauern, ebenso wie das weitgehende Fehlen von Querverweisen. (b) Im Vorwort wird eingeräumt, dass Internationalität den englisch kommunizierenden Sprachraum meint, was aber genauso eine Verengung ist wie eine absichtlich vermiedene Beschränkung auf nationale Diskursstände. Weiter wäre eine Erläuterung der Binnenkategorien für die Beitragsauswahl im ansonsten guten Vorwort wünschenswert gewesen, das nicht, wie so oft, mit vielen Worten wenig sagt, sondern die internationale wie die interdisziplinäre Perspektivität plausibel und unrhetorisch erläutert. Dass man im Detail über die inhaltliche Berechtigung einiger Artikel („Problemlösen“) oder ihre formale Bezeichnung („Körperlernen“) streiten kann, liegt auf der Hand. – Schließlich hätte der leicht missverständliche Titel des Buchs durch den Zusatz „... im internationalen Kontext“ vermieden werden können.

Das Werk verortet den wissenschaftlichen Diskurs über Erziehung und ihre Bereiche in einer bis dato nicht bekannten Dichte international. Es erschließt auch die Problematiken, dass Internationalität sich einerseits nicht mit englischsprachiger Forschung deckt und dass Internationalisierung der Erziehungswissenschaft nicht um jeden Preis als Selbstzweck anzustreben ist, sondern man „eine Mischung von globaler und lokaler Praxis erwarten darf“ (862). Damit setzt das Werk Maßstäbe, an denen sich ähnlich ambitionierte Werke für absehbare Zeit werden messen lassen müssen.

[1] Benner, Dietrich / Oelkers, Jürgen: Historisches Wörterbuch der Pädagogik. Weinheim 2004

[2] Grunert, Cathleen / Krüger, Heinz-Hermann: Wörterbuch Erziehungswissenschaft. Opladen 2007

[3] Tenorth, Heinz-Elmar / Tippelt, Rudolf: Beltz Lexikon Pädagogik. Weinheim 2007

[4] Mertens, Gerd et. al.: Handbuch der Erziehungswissenschaft. 3 Bde. Paderborn 2007ff.

[5| Schaub, Horst/ Zenke, Karl: Wörterbuch Pädagogik. München 2000
Peter Kauder (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Peter Kauder: Rezension von: Andresen, Sabine / Casale, Rita / Gabriel, Thomas / Horlacher, Rebekka / Klee, Sabina Larcher / Oelkers, Jürgen (Hg.): Handwörterbuch Erziehungswissenschaft. Weinheim/Basel: Beltz 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978340783159.html