EWR 8 (2009), Nr. 3 (Mai/Juni)

Ludwig J. Issing / Paul Klimsa
Online-Lernen
Handbuch für Wissenschaft und Praxis
München: Oldenbourg 2009
(625 S.; ISBN 978-3-486-58867-5; 39,80 EUR)
Online-Lernen Das Buch „Online-Lernen“ von Issing und Klimsa versteht sich als Handreichung für Forscher/innen und Praktiker/innen gleichermaßen. Beiden Gruppen soll sowohl eine umfassende Orientierung als auch theoretisches Basiswissen geboten werden.

Bereits im Jahr 1995 publizierten Issing und Klimsa ein umfassendes Medienlehrbuch mit dem Titel „Information und Lernen mit Multimedia“, welches seinerzeit zum Klassiker der E-Learning-Literatur in Deutschland avancierte und bislang dreimal aufgelegt wurde. Vierzehn Jahre später liegt erneut ein Medienlehrbuch der beiden Autoren vor. Das aktuelle Werk verfolgt den Zweck, den aktuellen Stand des E-Learnings zu bestimmen und die Entwicklungen nachzuzeichnen, die insbesondere in den letzten zehn Jahren stattgefunden haben.

Bei der Gliederung des Buches zeigt sich, dass hinsichtlich der Auswahl der Autoren und der Strukturierung der Kapitel auf Bewährtes zurückgegriffen wurde: Issing und Klimsa konnten für ihr Buch namhafte Autoren wie Bernd Weidenmann, Helmut Niegemann oder Peter Baumgartner gewinnen. Der Aufbau des Buches spiegelt die fachliche Erfahrung Issings und Klimsas wider: Anfangend bei den Grundlagen und der Wesensbestimmung des Online-Lernens wird der Bogen zu konkreten Erscheinungsformen, der Bewertung von Online-Lernen sowie einer breiten Auswahl von Praxisbeispielen gespannt. Die Interdisziplinarität des Sujets wird dabei nicht nur im Grundlagenteil berücksichtigt, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk: Von den pädagogischen, psychologischen und informationstechnischen Fundamenten des E-Learnings angefangen, werden im Thementeil der Begriffscharakterisierung die Einflüsse von Design, Medienwissenschaft und Informatik dargestellt, während im Anwendungsteil die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des E-Learnings, wie beispielsweise im Bankenwesen, in der Berufsausbildung oder im Handwerk, aufgezeigt werden. Der einzige Minuspunkt ist bei der Gestaltung der Grafiken zu vermerken: Der Kontrast aller Grafiken im Buch ist zu niedrig, um dem Leser das Gefühl zu vermitteln, ein hochwertiges Buch in den Händen zu halten.

Bei der genauen Lektüre des Buches offenbart sich, dass die Einzelbeiträge schlüssig in die Gesamtkonzeption des Buches passen und keine unnötigen Redundanzen zwischen mehreren Beiträgen auftreten. Auch komplexe oder techniklastige Sachverhalte werden gut verständlich dargestellt und sind auch für die Leser/innen nachvollziehbar, denen die Fachtermini nicht geläufig sind. Als Beispiel sei hier das Kapitel „Online-Lernen mit Texten und Bildern“ genannt. Die Autoren Wolfgang Schnotz und Holger Horz erklären anschaulich, welche Arten von Bildern beim Online-Lernen zum Einsatz kommen und wie diese voneinander abzugrenzen sind: „Zu den realistischen Bildern zählen z.B. einfache Strich- und Umrisszeichnungen […] – also grafische Darstellungen, die mehr oder weniger große Ähnlichkeit mit dem dargestellten Gegenstand besitzen. Zu den logischen Bildern zählen z.B. Struktur- und Flussdiagramme […] – also vereinfachte Darstellungen abstrakter Sachverhalte“(88). Nachdem die im weiteren Text verwendeten Begriffe geklärt sind, erläutern die Autoren den Stand der Forschung zum Bildverstehen, bevor sie auf die konkrete Bildgestaltung in Online-Medien eingehen. Zusammenfassend wird die vermutete Rezeption von Bildern in Kombination mit Text bzw. Animation diskutiert. Die Leser/innen werden mittels dieses Aufbaus durch den Text geführt und bekommen alle notwendigen Begrifflichkeiten an die Hand. Insbesondere für Praktiker/innen ist dieser inhaltliche Aufbau sinnvoll. Denn gerade diese Zielgruppe braucht eine Darstellung, die es ermöglicht, Zusammenhänge zu den eigenen Erfahrungen herzustellen. Gleichzeitig wird den Praktiker/innen auch das notwendige theoretische Rüstzeug vermittelt, mit dem gezielt nach weiteren Informationen gesucht werden kann.

Auch für Forscher/innen und Studierende ist „Online-Lernen“ zu empfehlen, denn es wird nicht nur der aktuelle Stand der Forschung wiedergegeben, sondern auch durch anregende und kontroverse Auszüge aus den derzeitigen Debatten ergänzt. Besonders begrüßenswert ist dabei die kritische Durchleuchtung einiger nach wie vor populärer Theorien, die auf dem heutigen Stand schlichtweg nicht mehr haltbar sind. Als Beispiel dafür sei hier Weidenmanns Widerlegung der naiven Summierungstheorie nach Ballstaedt genannt, zu finden im Kapitel „Multimedia, Multicodierung und Multimodalität beim Online-Lernen“. Die drei Aspekte „Multimodalität“, „Multicodalität“ und „Multimedialität“ gelten im wissenschaftlichen Diskurs als anerkannte Basiskriterien zur Charakterisierung von Multimedia. Nach der begrifflichen Abgrenzung der drei Termini diskutiert Weidenmann, welcher Einfluss auf das Lernen insbesondere dem Aspekt der Multicodalität zugeschrieben wird. Dabei greift er die naive Summierungstheorie von Ballstaedt auf, deren Annahmen nach wie vor gern zur Bewertung von Multimedia bzw. multimedialen Lernumgebungen herangezogen werden. Im Folgenden widerlegt er sachlogisch schlüssig und unter Bezugnahme auf empirische Studien die Stützargumente der Theorie, um dann in der Zusammenfassung des Kapitels zu schlussfolgern: „Aus der Sicht der dargestellten Befunde und Analysen sind die bekanntesten ‚naiven’ Argumente für Multimedia, Multicodierung und Multimodalität korrekturbedürftig“ (86). Die jeweiligen Kritikpunkte werden im Anschluss daran aufgeführt und Vorschläge zu ihrer Überarbeitung unterbreitet. Die überaus konzise und überzeugende Widerlegung, die exemplarisch für die anderen Beiträge stehen kann, unterstreicht den besonderen Wert des Buches für Studierende. Denn nach der Lektüre ist man über zahlreiche Fallstricke im Bilde und kann sie bei Prüfung und Seminararbeit vermeiden.

Besonderen Wert für Forscher/innen stellt der Abschnitt „Evaluation des Online-Lernens“ dar. Die hier zusammengetragenen Evaluationsansätze sind zwar keinesfalls vollständig, decken aber insbesondere durch das Kapitel von Gowalla, Herder, Süße und Koch eine große Bandbreite der Evaluationsmethoden bzw. –instrumente ab. Zu kritisieren ist an dieser Stelle jedoch das völlige Fehlen von theoretischen Evaluationsansätzen, wie beispielsweise Frameworkmodellen. Hier lässt sich Tiefe vermissen, die man gleichwohl in einem solchen Überblickswerk auch nur bedingt erwarten darf.

Fazit: Das Buch eignet sich sowohl für Praktiker/innen als auch für Forscher/innen als Einstiegslektüre, Lehrbuch sowie als Nachschlagewerk für den Bereich des E-Learnings. „Online-Lernen“ ist stringent aufgebaut und sprachlich einfach, vertritt aber trotzdem fachlichen Anspruch. Die wissenschaftliche Argumentation in den grundlegenden Kapiteln ist konsistent und umfangreich belegt. Es ist also als Grundlagenbuch zu empfehlen; wer sich jedoch tiefer mit der Materie auseinandersetzen möchte, sollte auf themenspezifischere Publikationen zurückgreifen. Gerade für jene, die eine Evaluation durchführen wollen, ist dieses Buch nicht hinreichend, da der methodische Überblick insgesamt zu oberflächlich ausfällt und teilweise wichtige Ansätze auslässt. Bei diesem Themenkomplex sollte man besser zu spezialisierten Publikationen wie denen von Rolf Schulmeister [1] greifen.


[1] Schulmeister, Rolf (2007): Grundlagen hypermedialer Lernsysteme. Theorie - Didaktik – Design. München: Oldenbourg, 4. Aufl.
Susanne Schmidt (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Susanne Schmidt: Rezension von: Issing, Ludwig J. / Klimsa, Paul: Online-Lernen, Handbuch für Wissenschaft und Praxis. München: Oldenbourg 2009. In: EWR 8 (2009), Nr. 3 (Veröffentlicht am 05.06.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978348658867.html