EWR 6 (2007), Nr. 2 (März/April 2007)

Erich Renner
Geduld ist unsere Lebensart
Selbstportrait einer indianischen Familie
Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2006
(264 S.; ISBN 978-3-496-02793-5; 39,90 EUR)
Geduld ist unsere Lebensart „Geduld ist unsere Lebensart“ dokumentiert komplexe oral history. In 22 Portraits erzählen Mitglieder eines Familienverbandes der Navajos (Diné) des Monument Valley im Grenzgebiet von Arizona und Utah von ihrer Kindheit und Jugend, ihrer aktuellen Lebenssituation und von ihren Hoffnungen, Wünschen und Plänen. Die Berichte gewähren Einblicke in die Aufwachs- und Lebensbedingungen von Frauen und Männern im Überschneidungsbereich und im Spannungsfeld zwischen traditioneller indianischer und US-amerikanischer Kulturpraxis. Die Interviews entstanden zwischen 1992 und 2002 und sind Teil der ausführlichen ethnologischen und ethnopädagogischen Forschungen Erich Renners zu den Navajos. Diese Verbindung von ethnologischer und pädagogischer Suchperspektive erschließt das Datenmaterial für über den europäischen Tellerrand hinaus blickende erziehungswissenschaftliche Fragestellungen.

Erich Renners Forschungen stehen in einer Reihe mit vergleichbaren Feldforschungsprojekten zu weiteren indianischen Kulturen, wie sie etwa von Alice Schlegel an der University of Arizona in Tucson durchgeführt werden. Die vorgelegte Sammlung an Narrativen dokumentiert und konserviert Daten einer indigenen, traditionellen indianischen Kulturgruppe, die in dieser Form nicht mehr zugänglich sein werden. Allein schon dies ist ein großes Verdienst. Gleichzeitig wird durch das dichte Erzählmaterial ein Modell entfaltet für die Formen der Bewältigung kultureller Veränderungsprozesse. Die Narrative der Navajos geben zum einen Auskunft über eine spezielle sozio-kulturelle Situation. Des Weiteren bieten sie eine Vielzahl von Andockpunkten für die aktuelle hiesige Diskussion um die Prozessmechanismen und Bearbeitungsstrategien in Phasen kulturellen Wandels. Die jüngere Geschichte und aktuelle Situation der Navajos sind geprägt durch die Konfrontation mit extern induzierten Veränderungen ihrer sozio-kulturellen und ökonomischen Lebensbedingungen. Die Geschichte der Navajos ist bestimmt von Perioden der kulturellen Exklusion und Inklusion, der Notwendigkeit, Anpassung an das US-amerikanische und Bewahrung kultureller Identität und Lebensform miteinander in eine lebbare sowie für den Einzelnen wie die Gruppe erfolgreiche Verbindung zu bringen. Das „Selbstportrait einer indianischen Familie“ ist ein Beispiel für solche Prozesse.

Diese Sammlung an Narrativen setzt sich deutlich von vergleichbaren, allerdings zumeist themenzentrierten Publikationen ab, da hier vier Generationen eines Familienverbandes zu Wort kommen. Diese Familiengruppierung spiegelt gleichzeitig in den einzelnen Selbstbiographien, so Erich Renner (21), die Phasen der Navajo-Kultur im 20. Jahrhundert. Die Berichte entlang der Generationenfolge ermöglichen einen längsschnittlichen Suchblick auf Prozessverläufe und Entwicklungen, etwa zu den Themen Veränderungen religiöser Vorstellungen und Praxis, Heilkunde, Werte und Methoden von Erziehung, Subsistenzstrategien, Veränderungen von Beziehungsstrukturen in der Großgruppe, Zusammenhang von traditioneller Sprache und kultureller Beheimatung. Da alle Familienmitglieder „den gleichen Hintergrund haben, sprechen sie häufig, aber unabhängig voneinander, über die gleichen Personen und Ereignisse. Dieses biographische Netzwerk lässt ein recht dichtes Bild des Lebens und der Lebensverhältnisse der Navajos in dieser Region entstehen“ (23).

Erich Renner interviewte insgesamt 21 Personen. Die Erzählungen umfassen zwischen fünf und 30 Seiten. Diese Unterschiede im Datenumfang sind charakteristisch für ethnologische Felddokumentationen und sind als solche zu akzeptieren, auch wenn man sich zu manchen Themen weitere Informationen wünschen würde. Das Hauptinteresse bei den Interviews war, „[die] Gesprächspartner möglichst eigenständig über ihr Leben berichten zu lassen“ (25). „Diese Arbeitsmethode, möglichst viele Mitglieder einer ausgedehnten Familie zu Wort kommen zu lassen, hat den Vorteil, dass [die Person des Forschers] in den Hintergrund tritt. Die Erzähler berichten über ihr Leben aus eigener Sicht in ihren eigenen Worten“ (23). Der zeitliche Umfang solcher Erzählungen (bringt) die zugrunde liegende Mentalität ihrer Verfasser auch dann zum Ausdruck (…), wenn sie verborgen werden soll“ (24). Um aus Gründen der Lesbarkeit einen gewissen Erzählfluss zu gewährleisten, wurden Fragen gestellt, die entsprechend in den Texten kenntlich gemacht sind. Erich Renner setzt vor die Interviews jeweils als Kapitelüberschriften Kernsätze bzw. Selbstdeutungen der Informanten sowie erklärende Auszüge aus seinem Forschungstagebuch, „um einen Einblick in Interview-Situationen und konkrete Lebensverhältnisse zu ermöglichen“ (25).

Den Interviews geht eine ausführliche Einführung (18 Seiten) voran, in der Erich Renner zentrale Aspekte der jüngeren und jüngsten Geschichte der Navajos, der aktuellen gesellschaftlichen und ökonomischen Situation sowie der mitteleuropäischen Rezeptionsgeschichte nordamerikanischer Indianer skizziert. Er stellt hierbei die historische und aktuelle Lebensrealität den hauptsächlichen Trends der europäischen Wahrnehmung und Darstellung der „Indianer“ (in Literatur, Film und völkerkundlichen Schriften) bis heute gegenüber. Deutlich wird dabei, welch klischeehaftes Bild im Laufe der Zeit entstanden ist (8). Ob als „indianischer Held“ oder als Grundtypen der „bad guys“ (11), wie etwa in den Hollywood-Western seit den 1930er Jahren, der „Indianer“ wurde zur stereotypen Fiktion. Erich Renner verweist dann auf die momentane, deutlich positive Belegung dieses artifiziellen Bildes. Das zeigen etwa der europäische Indianismus, der in mitgliederstarken Indianerklubs gelebt wird, und die hohe Attraktivität und Verbreitung tatsächlicher wie vermeintlicher Traditionen, Denkansätze, Heilslehren und schamanistischer Praktiken. Dieser Blickwinkel ist hoch interessant, weil er darauf hinweist, wie stark bis ins 21. Jahrhundert hinein, ein spezifisches Cluster an Stereotypen, „an dem im Laufe der Jahrhunderte von vielen gebastelt wurde“ (8), die baseline für Wahrnehmung, Interpretation und Aufnahme des Anderen bildet.

Erich Renner schaut auch auf die andere Seite des Prozesses und berichtet von seiner Beobachtung, dass das westliche Stereotyp nunmehr als Muster genutzt wird (13): Das Image, tatsächlich das Fremdbild des „Indianers“, wird seit einiger Zeit von verschiedenen indianischen Gruppen aufgenommen und weiter ausgebaut. Er gibt hierzu unter anderem das Beispiel des Powwow (14), das inzwischen zu einer panindianischen Bewegung geworden ist. Es vereint kulturelle Versatzstücke verschiedener vergangener Traditionen und fand Eingang auch bei Gruppen, die bislang dieses Ritual nicht kannten. Hier verbindet sich klischeehafte Rezeption und entsprechende Erwartung einer Gruppe, des Außen, mit der Beantwortung der Außenerwartungen und aktiven entsprechenden Ausrichtung der Performanz durch die andere Gruppe. Die beschriebenen Prozessmechanismen gelten sicherlich nicht nur für diesen Spezialfall, und die Abläufe, die hier am Beispiel der nordamerikanischen Indianerkulturen vorexerziert werden, schärfen den Blick auf ähnliche Prozesse im hiesigen Kulturraum.

Die autobiographischen Portraits sind entsprechend der Generationenfolge in drei Kapitel gegliedert: Erlebte Geschichte, Tradition und Amerikanisierung sowie Navajo-Zukunft:

Die Sammlung der Narrative beginnt mit Erzählungen der Großelterngeneration (Erlebte Geschichte). Erich Renner hat hierzu fünf Mitglieder der Familie interviewt und nimmt drei fremde Interviews aus den 1930er und 1970er Jahren mit älteren Familienmitgliedern hinzu. Eines der Interviews eröffnet Informationen auf eine weitere, die vorangegangene fünfte Generation. Hier berichtet einer der Gründungsväter der Familie, der, in der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, noch die Phasen der Zwangsumsiedlung der Navajos miterlebte (28). Die Mitglieder der Großelterngeneration „gehören zu denen, die über die eigenen Eltern und Großeltern besonders intensiv Navajo-Geschichte verinnerlicht, teilweise noch erlebt oder wichtige Personen gekannt haben“ (21). Die Frauen und Männer sind noch vor einer Zeit geboren, als die „kulturelle Restaurationsphase durch die Reduzierung der Viehherden sich dem Ende zuneigte“ (21), und sie sind ohne den Einfluss angloamerikanischer Schulerziehung aufgewachsen. Die Erzählungen dieser Generation sind erlebte Geschichte. Es wird deutlich, dass insbesondere die dramatischen historischen Ereignisse sehr stark die jeweils individuellen Wirklichkeitskonstruktionen beeinflussen. Die Selbstberichte spiegeln die Konsequenzen für den Einzelnen und die Gruppe eines Lebens als ethnische Minderheit. Es sind „Beteiligte und Augenzeugen eines kulturellen Prozesses, bei dem es nach Jahrhunderten der Eroberung und Landnahme immer noch um das Überleben einer traditionellen indianischen Kultur geht“ (18).

Die jüngere Geschichte der Navajos der letzten 150 Jahre ist geprägt von teils extremen Veränderungen und dramatischen Einschränkungen der Lebensbedingungen, wie – um nur zwei Beispiele zu nennen – die Zwangsumsiedlung im letzten Drittel des 19. Jh. und die staatlich angeordnete Zwangsreduzierung, also Tötung, der Viehbestände zwischen 1930 und 1956. Beide Ereignisse sind bis heute im Bewusstsein auch der jüngsten Generation präsent. Auch die aktuelle Lebenssituation der Navajos ist offenbar deutlichen Exklusionsbestrebungen seitens der Staatsregierung unterworfen. Erich Renner nennt hierzu das Beispiel des Indian Energy Bill von 2003, ein Gesetz über Energiepolitik. Es soll den Zugriff auf die Rohstoffe der Indianer-Reservate ohne Zustimmung der Stammesregierungen ermöglichen.

Die Großelterngeneration berichtet verschieden ausführlich von wichtigen Begebenheiten, von ihrem Aufwachsen, von religiösen Vorstellungen und Praktiken (z.B. 51) und auch von ihrer Erziehung (z.B. 48). Die Berichte sind teils sehr konkret und anschaulich. Sie spiegeln eine sehr realistische Sicht der Lebensbedingungen. Diese Generation musste sich der US-amerikanischen Lebensform, dem Erziehungssystem öffnen. Ein Schritt in diese Richtung geschah, indem sie ihre Kinder auf Internatsschulen schickte. Gleichzeitig ist in allen Interviews der Wunsch spürbar, die Folgegenerationen mögen den traditionellen Lebensstil kennen und die Navajo-Sprache beherrschen, denn „wir verlieren uns immer mehr“ (51).

Aus der Reihe der Elterngeneration (Tradition und Amerikanisierung) hat Erich Renner Selbstportraits von zehn Frauen und Männern dokumentiert. Charakteristisch für diese Generation, geboren zwischen 1952 und 1973, ist der „Zusammenprall ihrer traditionellen Kindheitserfahrungen mit den mehr oder weniger gewaltsamen Versuchen der Amerikanisierung in der Schule“ (22). Alle Informanten haben mehr oder weniger kontinuierlich die Schule besucht. Zumeist verbrachten sie lange Phasen ihrer Kindheit im Internat oder bei Gastfamilien, die teils dem mormonischen Glauben angehörten (z.B. 103). Diese Generation hat „die Gegenläufigkeit von traditionellem Leben und Amerikanisierung in der Schule körperlich und intellektuell besonders deutlich erfahren, ja erleiden und verkraften müssen“ (22). Das Verbot der Navajo-Sprache, die drastischen Erziehungsmethoden zur Zwangsintegration der indianischen Kinder (z.B. 67) zeichnen sich bei den Erwachsenen teils als nahezu traumatische Erinnerungen ab. In vielen der Erzählungen spielen die Erfahrungen mit dem Weltenwechsel zwischen der Schulzeit und den Ferienaufenthalten bei der Familie eine deutliche Rolle. „Es ist ein Zick-Zack-Weg hin und her zwischen Navajo-Lebensweise und Anglo-Schulsystem“ (81).

Die Erzählungen dieser Generation bilden den Kern der Dokumentation. Die Eltern übernehmen die Rolle des Bindeglieds zwischen der traditionellen und der US-amerikanischen Kultur. Im Generationenverlauf ist ihnen die Aufgabe zugewiesen zu entscheiden, ob und wie aus dem Spagat zwischen den Welten eine Brücke wird. Durch die Form der Verarbeitung dieser Konfrontation kultureller Welten nimmt, so Erich Renner, „diese Generation entscheidenden Einfluss auf die nachfolgenden Generationen. Die daraus entstandenen kulturellen Selbstverständnisse der Eltern haben eine nicht zu überschätzende Vorbildfunktion im Negativen wie im Positiven. Sie stehen letztlich in der Verantwortung für die Zukunftschancen der traditionellen Navajo-Kultur“ (22) und der Zukunftschancen und Lebenskonzepte ihrer Kinder.

Im dritten Kapitel „Navajo-Zukunft“ kommt die Enkelgeneration, geboren zwischen 1979 und 1986, in vier Berichten zu Wort. Charakteristisch für Kindheit und Jugend dieser Generation ist „die fehlende traditionelle Geschlossenheit der Familien, die starken Einflüsse von Schule und Medien, veränderte Einkommensweisen der Familien und die damit verknüpfte Individualisierung der Lebenswege“ (22). Die jungen Frauen und Männer haben verschiedene Zukunftskonzepte, Lebensplanungen und Vorstellungen. Sie haben alle das amerikanische Schulsystem durchlaufen. Sie richten sich selbstverständlich an der US-amerikanischen Lebensweise aus und sehen darin keine Bedrohung. Sie wissen, dass sie einen guten Schulabschluss brauchen, um Erfolg zu haben. Diese Generation ist mit den alltäglichen Problemen konfrontiert, etwa der Frage der Einkommensmöglichkeiten. Dieses Problem hat zwar eine kulturspezifische Facette – das Angebot an Arbeitsplätzen im Reservat ist gering – im Allgemeinen aber geht es um Zukunftsfragen, die junge Amerikaner und Navajo gleichermaßen beschäftigen. Auf der anderen Seite ist eine bewusste Wahrnehmung und Hinwendung an die traditionelle Lebensweise deutlich spürbar. Der Stolz darauf, Indianer zu sein, wird klar formuliert (z.B. 245). Die jüngste Generation wendet sich teils sehr bewusst der traditionellen Sprache und den Ritualen zu (z.B. 258). Sie will den Kontakt nicht abreißen lassen, hat aber klare Vorstellungen von den Anforderungen des US-amerikanischen Lebensalltags. Die Narrative der jüngsten Generation skizzieren das Bild einer Gruppe, die sich zweier kultureller Welten bewusst ist. Sie wissen um die Spannungen sowie um die Möglichkeiten und sie gehen mit einer pragmatischen Haltung an die Situation heran.

Das Selbstportrait einer indianischen Familie bietet mehrere Zugänge: Die Narrative sind oral history. Sie geben vielschichtige Informationen zur speziellen Situation der Mitglieder dieses Familienverbandes, der Entwicklungsgeschichte der Gruppe und der Lebensbedingungen der Navajos. Die Narrative zeigen einen Ausschnitt, der nicht den Anspruch auf das vollständige Bild erhebt. Gleichwohl erlaubt die Dichte des Erzählmaterials tiefe Einblicke in die Geschichte und Lebenspraxis. Für die pädagogische Betrachtung wird hier eine Fülle von Material eröffnet, das deshalb so ergiebig ist, weil es Selbstportraits über vier Generationen umfasst, d.h. eine Form von Langzeitstudie eines Familienverbandes bietet. Damit ist es möglich, Prozesse zu betrachten.

Die Erzählungen aus vier Generationen bieten des Weiteren ein Modell für den Umgang von Menschen mit Veränderungsprozessen und damit die Plattform für eine Vielzahl von Fragen, die sich immer bei der Diskussion kultureller Veränderungen stellen. Das spezielle Beispiel dieser Navajo-Großfamilie erlaubt, sowohl Details als auch Prozesse auf der Ebene des Individuums und auf der Ebene der Gruppe zu beobachten. Welche Strategien der Bewältigung entwickeln der Einzelne und die Gruppe im Umgang mit externen Veränderungen der kulturellen und ökonomischen Lebensbedingungen? Wie gestaltet sich ein Aufwachsen zwischen zwei kulturellen Welten? Wie verlaufen Prozesse der Beheimatung? Welche psycho-emotionalen Konsequenzen haben kulturelle Veränderungsprozesse auf die Ausformung von Selbstbild, Identität, Wertekonzepten und Zielen des Einzelnen und der Gruppe? Welche Auswirkungen haben Veränderungen auf die Ausbildung interner Familienstrukturen und auf die Performanz im Außen? Wie verändern sich Inhalte, wie die Prozesse und Schwerpunkte der Tradierung? Die von Erich Renner vorgelegte Dokumentation zu den Navajos bietet somit einen direkten Anschluss an die Diskussion grundlegender Aspekte kultureller Veränderung und damit an zentrale und auch brisante Themen globalisierender Gesellschaften.
Johanna Forster (Erlangen-Nürnberg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Johanna Forster: Rezension von: Renner, Erich: Geduld ist unere Lebensart, Selbstportrait einer indianischen Familie. Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 2 (Veröffentlicht am 28.03.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978349602793.html