EWR 11 (2012), Nr. 2 (März/April)

Alfred Schäfer
Irritierende Fremdheit
Bildungsforschung als Diskursanalyse
Paderborn: Schöningh 2011
(326 S.; ISBN 978-3-5067-7103-2; 46,90 EUR)
Irritierende Fremdheit Lässt sich auf der Basis einer kritischen poststrukturalistischen Bildungstheorie eine empirische Bildungsforschung entwerfen? Wenn ja: Welchen Einsätzen müsste diese folgen? Welche Fragen müsste sie aufwerfen und zu beantworten suchen? Welche Forschungsgegenstände und Problemfelder würden sich eignen, um an diesen Fragen zu arbeiten? Welchen Methoden könnte sie – vielleicht aus dem Repertoire der Sozialforschung – folgen? Ein solcher Entwurf ist eine Herausforderung, denn es wäre nicht angemessen, „Bildung“ endlich „aufzuspüren“ und in einer pädagogischen Praxis „festzustellen“, denn gerade dieses „Feststellen“, das hemdsärmelige „etwas Herausfinden“ wäre nach dem in den letzten Dekaden erarbeiteten Problembewusstsein der poststrukturalistischen Bildungstheorie aus grundlegenden epistemischen Erwägungen nicht möglich.

Es wäre auch nicht angeraten, insofern die Bildungstheorie an dem Versprechen von Bildung festhält, dass Veränderungsprozesse, die sich der feststellenden Determination des Selbst entziehen, möglich sind, auch wenn dieses Versprechen nicht mehr emphatisch, sondern in negativen Figuren der Unabschließbarkeit von Subjektivierung vertreten wird. Eine feststellende Bildungsforschung würde ein Bildungsgeschehen im Akt des Forschens schließen, während für die Bildungstheorie gerade die Unmöglichkeit dieses Schließens konstitutiv ist. Ihr „Verfahren“ würde somit einen performativen Widerspruch zu ihren theoretischen Grundlagen produzieren. Die Herausforderung bestünde also darin, eine empirische Bildungsforschung zu entwerfen, deren Forschungspraktiken nicht „Feststellen“, sondern am Material die Unabschließbarkeit von Bildung aufweisen.

Dieser nicht-trivialen Herausforderung stellt sich der Band „Irritierende Fremdheit“ von Alfred Schäfer, der auch Analysen der Projektmitarbeiter/innen Oliver Krüger und Sabrina Schenk enthält. Der Forschungsgegenstand sind Bildungsprozesse, die im Rahmen individueller Fernreisen und nicht im Kontext von Bildungsorganisationen beobachtet werden. Das Reisen kann als eine durchaus ehrwürdige pädagogische Institution des Bildungsbürgertums betrachtet werden, die auf Selbstbildung zielt. Von der Fremde wird erwartet, dass sie zu einer Differenzerfahrung führt und so zum Horizont einer bildenden Erfahrung wird. Die im Band untersuchten Reisen hatten das „Land der Dogon“ zum Ziel, eine Destination und eine Volksgruppe in Mali, der von ethnographischen Entdeckern und der touristischen Kulturindustrie die Aura einer authentischen traditionellen Einheit von Kultur und Lebensweise zugeschrieben wird. Neben umfassenden Feldstudien vor Ort wurden sowohl mit Reisenden als auch mit Vertretern der Dogon Interviews geführt. Auf diese Weise werden zwei Serien von Problematisierungen des gegenseitigen Wahrnehmens und Handelns gegeneinandergestellt.

In den Interviews wird von Erfahrungen mit dem Fremden und womöglich auch von Selbstveränderungen berichtet. Der Forschungsgegenstand konstituiert sich jedoch nicht durch diese Erfahrungen immanent, sondern erst durch eine Analytik als forschungsleitende Theorie, die begreifbar macht, inwiefern überhaupt von Selbstveränderungen gesprochen werden kann. Diese Analytik findet Schäfer in einer Diskursanalyse, die an die poststrukturalistische Subjekttheorie anschließt, die die Bildungsphilosophie in den letzten Dekaden entwickelt hat. Schäfer spricht von „Diskursanalyse“ und situiert sie im Anschluss an Foucault, als ob der Begriff einen einfachen und unumstrittenen Signifikanten hätte.

Tatsächlich ist die Diskursanalyse ein multitheoretisches und multidisziplinäres Feld, das gerade jene Rede im Nominativ Singular sprengt. Ich werde daher im Folgenden von einer poststrukturalistischen Diskursanalyse sprechen, wenn es um einen bestimmten theoretischen Zugriff geht und von einer bildungstheoretischen Diskursanalyse, um jenes Forschungsprogramm zu bezeichnen, das Schäfer verfolgt und in der Prozesse unabschließbarer Subjektivierungen zum Gegenstand werden. Dass in den letzten zehn Jahren zahlreiche Arbeiten einer erziehungswissenschaftlichen Diskursanalyse erschienen sind, die teils ein ähnliches Forschungsprogramm, teils aber auch andere Forschungsprogramme verfolgen, darauf wird in der Studie nicht eingegangen.

Wie vermag nun die bildungstheoretische Diskursanalyse den Gegenstand zu konstruieren und auf welche epistemischen Probleme stößt sie dabei? Zunächst kann als Ausgangspunkt gelten, dass Bildung als Transformation von Selbst- und Weltverhältnissen zu begreifen ist. Die Konfrontation mit dem Fremden bringe „die eigenen Orientierungen, die eigenen Klassifikationsmuster und die Möglichkeit einer souveränen Situationskontrolle“ (9) an ihre Grenzen, und wenn sich „die Möglichkeiten des eigenen Weltverhältnisses erschöpfen, ergibt sich die Möglichkeit einer Selbstveränderung“ (ebd.). Schäfer problematisiert diese klassischen bildungstheoretischen Thesen jedoch aus zwei Gründen, einem systematischen und einem forschungslogischen Grund. Zum einen wird dem Individuum ein Set von Eigenschaften zugeschrieben, die es als propria an sich hat. Ob es sich nun um „Einstellungen“, „Intelligenz“, „Motivation“ – Konzepte der Psychologie – oder um „Orientierungen“, „Deutungsmuster“, „Habitus“ – Konzepte der qualitativen Sozialforschung – handelt, immer macht das identifizierend-objektivierende Denken das Individuum zu einem Ding, das sich durch die Ausprägungen seiner Eigenschaften auszeichnet.

Dazu kommt, dass gemäß einem verbreiteten Axiom die Eigenschaften des Individuums sich nur ändern, wenn die Weltanforderungen dies nötig machen. Daher die Bedeutung, die dem Fremden zugeschrieben wird: Gewissermaßen radikalisiert sich hier die Theoriefigur, dass die Eigenschaften des Individuums sich erst verändern, wenn ihre Nicht-Funktionalität deutlich wird. Man kann nun die Veränderung von Eigenschaften messen, indem man einen vorigen und einen nachfolgenden Zustand vergleicht und der dazwischenliegenden Erfahrung oder pädagogischen Intervention zuschreibt, Ursache einer Veränderung zu sein.

Von diesem Standardentwurf einer sozialwissenschaftlichen empirischen Bildungsforschung grenzt Schäfer sich wiederholt ab. Sie unterstelle die Gültigkeit allgemeiner Interpretations- und Deutungsmuster, die dann von den Individuen auf eine je besondere Weise hervorgebracht bzw. reproduziert werden. Damit aber würden die Sinngebungsmöglichkeiten und die Produktivität „gezähmt“ (114) durch eine Reihe von Rationalitätsmustern. „Eine solche ‚objektive‘ Hermeneutik setzt auf Schließungsfiguren, deren Unterschiedlichkeit die Frage des Sinns als Sinn, die Frage danach, mithilfe welcher (heterologischer) Unterscheidungen im Rahmen eines Diskurses Sinn überhaupt erst hervorgebracht wird, als bereits gelöst unterstellt“ (115).

Ähnlich kritisiert Schäfer eine soziologische Subjektivierungsforschung etwa im Anschluss an die Studien zur Gouvernementalität, die nur nach den Modellen fragt, die einen Rahmen für individuelle Hervorbringungen des Selbst bilden (46), aber sich nicht den individuellen Artikulationen widmet, in denen etwa die Figur des „Selbstunternehmers“ spielt und in Bildungsprozessen prozessiert wird. Ebenso kritisiert Schäfer, dass zahlreiche sozialwissenschaftliche Ansätze diese identifizierenden und feststellenden Bezüge auf die Muster, die das Individuum prägen, mit einem emphatischen Postulat eines freien Subjekts kombinieren, das diese Muster zwar „hat“, sich dann aber situativ scheinbar souverän dazu verhalten kann.

Dieses Problem weist Schäfer u.a. der Wissenssoziologischen Diskursanalyse im Anschluss an die Sozialphänomenologie nach, die ein souveränes Subjekt mit der geregelten Faktizität des Sozialen zusammenspannt (105). Die Objektivierung des Individuums wird dabei für den Menschen eine Schmach, weil sie ihn als passiven Eigenschaftsträger denunziert. Das Subjekt wird dann im Gegenzug als ein aktives, sich seinen Eigenschaften Gegenüberstellendes konstruiert. „Subjekt“ ist es durch diese doppelte Konstitution, zugleich ganz unterworfen und souverän. Die Wissenssoziologische Diskursanalyse reproduziert damit das unvermittelte Double einer transzendentalen und einer empirischen Subjektivität, das nach Foucault als grundlegend für das Denken der Moderne gelten kann. Mit der bildungstheoretischen Diskursanalyse entwirft Schäfer eine Alternative zu dieser doppelten Konstruktion.

Das epistemische Problem, in das sich eine feststellende Bildungsforschung manövriert, entsteht aus einem Beobachtungsproblem. Jede Messung oder Interpretation einer Selbstveränderung setzt an einer wie immer gearteten Befragung an und führt zu einer Interpretation dieser Daten. Die Abbildungsqualität dieser Aussagen aber ist ungewiss, denn man kann „nur Erzählungen oder Aussagen im Horizont von ‚Deutungsmustern‘, Erzählfiguren oder rhetorischen Figuren analysieren […] – nicht aber das Verhältnis des Sprechenden zu dem von ihm Gesagten. Was man untersuchen kann, ist das ‚Ich‘ im Text, nicht aber das ‚Ich‘ hinter dem Text“ (10).

Mit anderen Worten, man kann gar nicht die Strukturen des Erzählten untersuchen, sondern nur die Strukturen des Erzählens – dieses Argument richtet sich u.a. an die Biographieforschung. Dazu nennt Schäfer ein weiteres Problem: Die Veränderung, das „anders“ werden, setzt ein Scheitern der Souveränität voraus, eine Dezentrierung, „eine Phase, in der die sicher geglaubte Verfügung des Subjekts über sich und seine Verhältnisse zur Welt nicht gegeben ist. In der bildenden Erfahrung ist das Selbst nur als Abwesendes anwesend. Die es bisher konstituierenden Ordnungsmuster und Schematisierungen greifen nicht, und neue sind noch nicht gegeben“ (11). Wenn also nun Bildung als Wirklichkeit aus grundlegenden epistemischen Gründen nicht bestimmbar ist, dann gilt es, diese als uneinlösbare Fluchtlinie aller Feststellungen zu begreifen. Bildung bleibt nur über ihre Unbestimmbarkeit bestimmbar.

In der bildungstheoretischen Diskursanalyse, wie sie Schäfer entwirft, rückt zwar auch die Materialität des Gesagten in den Fokus, aber soziale Wirklichkeit wird als symbolische Wirklichkeit gefasst und damit selbst als eine heterogene und unbestimmbare, weil Symbole für etwas stehen, was sie selbst nicht sind, etwa für die Differenz von Sprache und Wirklichkeit, die nicht geschlossen, sondern immer nur neu bestimmt werden kann. Die Unbestimmbarkeit – das ist die zentrale Theoriestrategie an dieser Stelle – wird vom gründenden Grund der Subjektivität in die symbolische Wirklichkeit verlagert. Weil Subjekte in der Artikulation ihrer Selbst- und Weltverhältnisse sich notwendig auf symbolische Wirklichkeiten beziehen, bleiben diese selbst unbestimmbar und heterogen. Das Selbstverhältnis wird zu einer produktiven Hervorbringung des Selbst, die sich im Kontext von Diskursivitäten vollzieht. Ebenso wie diese nicht bestimmbar sind, bleibt auch die produktive Hervorbringung des Selbst letztlich unbestimmbar. Aufgrund dieser Konstruktion einer bildungstheoretischen Diskursanalyse resultiert das Projekt, „individuelle Erfahrungsdiskurse“ ausgehend von individuellen Artikulationen zu untersuchen. Dabei werden „individuelle Diskurse“ untersucht, „der Diskurs“ wird nicht den Individuen als Eigenschaft zugeschrieben. Die Diskursanalyse wird gewählt, weil sie in der Lage ist, „die Zerrissenheit des Erfahrungssubjekts noch auf der Ebene seiner nachträglichen Artikulationen aufzuzeigen.“ (92).

Die Aussagen, die das zentrale Element der poststrukturalistischen Diskursanalyse Foucaults sind, bilden nun weder eine Wirklichkeit ab noch bringen sie Subjektivität zum Ausdruck, vielmehr formiert sich in den Aussagen einerseits eine Gegenständlichkeit und zugleich formiert sich über Positionierungsbewegungen in der Differenzialität von Aussagen Subjektivität. „Wenn bestimmte Gegenstände sich als in diskursiven Praktiken formierte zeigen lassen, dann gehen damit auch bestimmbare Perspektiven einher, von denen her diese Gegenstandsformierung erfolgt“ (97). Es gehe demnach in der Analyse diskursiver Formationen nicht darum, eine Ordnung der Aussagen als logische Struktur zu rekonstruieren, sondern darum, in der Differenzialität und Streuung von Aussagen die niemals gänzlich definierbare Bewegung des Aussagens zu beobachten. Der Diskurs sei daher nach Schäfer kein soziales Allgemeines, sondern eine empirische Matrix, die das Auftreten von Aussagen in einem bestimmten Gegenstandsbereich möglich und wahrscheinlich macht.

Diese poststrukturalistische Lesart von Foucaults „Archäologie des Wissens“ unterscheidet sich deutlich von anderen Ansätzen, die Diskurse als stabile rekonstruierbare Einheiten begreifen. Demgegenüber ist in dieser Lesart die Fluidität und Heterogenität des Diskursiven grundlegend. Subjekte erscheinen dann als „Kreuzungspunkt der Diskurse“ (109). In dieser „Differenz der Masken“ ist die Versöhnung mit der Erfahrung und die Heimkehr der Reflexionen nicht mehr das einzulösende Versprechen. Erfahrungen gibt es nur noch in den diskursiven Artikulationen von Subjektpositionen. Das Subjekt erscheint nur noch in der Lücke als Inkonsistenz und Heterologie.

Auf der Basis dieser Verhältnisbestimmung von Diskurs und Subjektivität arbeitet Schäfer nun am Material. In einem ersten Schritt werden diejenigen Debatten skizziert, die potenzielle signifikante Bedeutungshorizonte bieten: Debatten der Bildungstheorie über Fremdheitserfahrung, der ethnographischen Tourismusforschung über Formen der Identitätsbildung Reisender, der Ethnographie der Dogon und des „Pays Dogon“, der Marketingstrategien der Tourismusindustrie und der materiell-ökonomischen Bedingungen des Tourismus im Dogon-Land. Damit entsteht ein diskursiver Horizont, der aber nicht als System möglicher Aussagen oder Positionierungen rekonstruiert wird, da der Horizont heterogen und unbestimmbar bleibt und gerade nicht ein festes Netz von Formen bildet, die die Individuen in ihren Artikulationen in die eine oder andere Richtung durchlaufen.

Deutlich wird vielmehr, inwiefern das Reisen in das Land der Dogon von diskursiven Horizonten gerahmt ist, die in sich widersprüchlich sind und uneinlösbare Situationen produzieren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der ökonomische Tausch des Mitbringens eines Geschenkes für den Besuch eines Ortes wird in seinen gegenseitigen Rahmungen uneinlösbar, wenn dem Schenkenden zugeschrieben werden muss, dass er aus Sicht der Beschenkten unermesslich reich ist und daher jedes Geschenk in seinem Tauschwert nicht eingeordnet werden kann usw. Alle diese Widersprüche erfordern Subjektpositionierungen innerhalb der Widersprüche.

Schließlich werden Interviews mit Reisenden diskursanalytisch interpretiert. Zunächst wird der Text Aussage für Aussage dekomponiert, in einer Suchbewegung werden Spuren der Gegenstandskonstruktion und der perspektivischen Akzentuierungen aufgewiesen. Es wird gefragt, wie die Gegenständlichkeiten (Dogon, Guides, das Dorf etc.) in der Materialität der Aussagen der Interviews konstruiert werden, ohne diese Gegenstände als latente Sinnmuster vorauszusetzen. Drei ausführliche Analysen exemplarischer Interviews zeigen, in welchen Motiven und Figuren die Gegenstände artikuliert werden. So werden in den Subjektpositionierungen gegen andere Formen des Tourismus, für und gegen bestimmte Formen der Entwicklungshilfe, in der diskursiven Konstruktion der Männlichkeit der Dogon etc. einerseits zahlreiche diskursive Horizonte aufgerufen, zugleich aber zeigt sich bereits die Positionierung in sich kreuzenden Diskursen, die sich aber permanent verschiebt und neu ansetzt.

In einem zweiten Schritt wird nun nach der Ordnung des Diskurses gefragt, denen diese individuellen Artikulationen folgen. Diese Ordnung kann aber kein logisches Prinzip sein, sondern – wie Schäfer postuliert – eher eine generierende Struktur, die in ihrer Schließungsbewegung zugleich einen Möglichkeitsraum eröffnet. Der Grund einer produktiven Artikulation wäre dann als unlösbares Problem zu konstruieren. Die Artikulationen in ihrer Produktivität erscheinen somit als Problematisierungen. Solche „unlösbaren Probleme“ bzw. Paradoxa sind etwa das der Fremdheit (168): Wenn das Fremde zugänglich wäre, wäre es nicht fremd, der Sprechende muss sich zum Fremden verhalten, obwohl er dies nicht kann. Bestimmte individuelle Artikulationen werden von diesen Heterologien her wahrscheinlich, aber sie werden nicht hervorgebracht.

Das Ensemble dieser Problematisierungen wird in diesem zweiten Analyseschritt als abduktiver Zusammenhang rekonstruiert. Damit erscheint eine logisch-ästhetische Konfiguration, deren heterogene Linien sich in den individuell geführten Diskursen in „Problemstellungen und Umgangsperspektiven“ (172) kreuzen. Und in diesem Kreuzen zeigt sich das Individuum auf spezifische Weise, indem es Subjektpositionen einnimmt. So zeigt sich etwa jemand, der den Verlust der authentischen Kultur bei den anderen beklagt, als souverän unterscheidendes Individuum, das die Differenz von Eigenem und Anderem wertend führt. In dem dann folgenden zweiten Analyseschritt werden für jedes Interview die generativen Problemstrukturen beschrieben, auf denen die individuellen Artikulationen gründen.

In einem dritten Schritt wird die Frage nach dem Zusammenhang der individuellen Hervorbringungen in Wahrheitsregimen und Machtspielen gestellt. Schäfer arbeitet „Kulturelle Differenz“, „Hilfe“ und die „notwendig-unmögliche Begegnung“ als drei Signifikanten heraus, um die sich die Problematisierungen gruppieren. Es zeigt sich, wie diese Signifikanten eine offene Zahl von Positionierungsmöglichkeiten hervorbringen, die in den Interviews auf sehr unterschiedliche Weise geführt werden. Das Subjekt im Kreuzungspunkt der Diskurse erscheint für Schäfer als Individuum, das seine Individualität aber in der Differenz zeigt, mit der es seine Erfahrungen artikuliert. Es reproduziert also keine Muster, es ist aber auch nicht frei, sich zu seinen Mustern zu verhalten. Vielmehr ist die Individualität ein „Effekt der diskursiven Artikulation, eine Performanz, die sich immer schon vorausliegender Signifikaten bedient“ (242) und sich in einer nicht-vorherbestimmbaren Positionierung realisiert.

Als Ergebnis zeigt sich, dass es nicht eine Bestimmung ist oder eine spezifische Form oder ein Muster, das die Erfahrungsdiskurse organisiert, sondern eine Unmöglichkeit, die Problematisierungen aufzuheben. Es sind die Unmöglichkeiten, die die touristischen Erfahrungsdiskurse organisieren: die Unmöglichkeit, der kulturellen Differenz gerecht zu werden, eine nicht-paternalistische Hilfe zu organisieren und die Unmöglichkeit, die Probleme der eigenen touristischen Präsenz aufzuheben.

In einem letzten Schritt analysiert Schäfer in einem ähnlichen, aber knapper gehaltenen Verfahren, die Erfahrungsdiskurse der Dogon. Diese sind gänzlich anders organisiert: Hier spielt nicht die Unmöglichkeit die entscheidende Rolle, sondern die Möglichkeit von Beziehungen in Unterschiedlichkeiten und Gleichheiten. Für die Dogon stellen gerade die radikalen Unterschiede nicht einen Hinderungs-, sondern einen Ermöglichungsgrund von gelingenden Beziehungen dar. In einer abschließenden Betrachtung zur Möglichkeit interkultureller Begegnung weist Schäfer darauf hin, dass sich, wenn man von den emphatischen Konstruktionen eines möglichen Bildungsraumes im Fremden Abstand nimmt, Möglichkeiten von Begegnungen abzeichnen, die gerade in jener unmöglichen Möglichkeit aufscheinen.

In ebenso theoretisch elaborierten wie materialgestützten Analysen und Argumentationen arbeitet Schäfer am Programm einer empirischen Bildungsforschung, die zur Bildungstheorie nicht im Gegensatz steht, sondern gerade deren Dignität aufweist. Die Stärke des Bandes ist die Konsequenz, mit der dieses Forschungsprogramm verfolgt wird. Die Argumentation vollzieht sich dabei oft in Unterscheidungsfiguren, mit denen die Differenz zu anderen Vorgehensweisen markiert wird, nicht eigentlich um diese zu kritisieren, sondern vielmehr mit dem Zweck, einen Ausweg aus der empirisch-transzendentalen Dublette aufzuweisen und das Verhältnis von rahmender Diskursivität und performativer Artikulation und damit Subjektivierungsprozesse anders zu denken.

Die erziehungswissenschaftliche Diskursforschung, die in den letzten Jahren entstanden ist, kann insgesamt auch als eine empirische Wende der Foucault-Rezeption in den Erziehungswissenschaften gedeutet werden, die Wissenskonstruktionen, Anrufungsverhältnisse, Subjektivationsregime und Machtverhältnisse in den Blick nimmt. Sie knüpft dabei an Motive und Probleme der Bildungstheorie an, um sie in einem anderen analytischen Rahmen begreifbar und empirisch beschreibbar zu machen. Es ist das Verdienst der Arbeit von Schäfer, diesen Zusammenhang explizit herauszuarbeiten und die Möglichkeit einer empirischen Rekonstruktion zu zeigen, die dem Problematisierungsniveau der poststrukturalistischen Bildungstheorie gerecht wird. Sie zeigt somit auch, mit welchen Einsätzen eine genuin bildungstheoretische Bildungsforschung sich ihren Gegenständen zuwenden kann.
Daniel Wrana (Basel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Daniel Wrana: Rezension von: Schäfer, Alfred: Irritierende Fremdheit, Bildungsforschung als Diskursanalyse. Paderborn: Schöningh 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 2 (Veröffentlicht am 10.04.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978350677103.html