EWR 14 (2015), Nr. 6 (November/Dezember)

Alex Aßmann
Klaus Mollenhauer
Vordenker der 68er – Begründer der emanzipatorischen Pädagogik
Paderborn: Schöningh 2015
(342 S.; ISBN 978-3-506-78105-5; 39,90 EUR)
Klaus Mollenhauer Klaus Mollenhauer war, wie Alex Aßmanns beachtliche biographische Monographie zeigt, einer der wichtigsten deutschen Erziehungstheoretiker und -praktiker der Nachkriegszeit. Viele der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit haben sich in Mollenhauers Leben niedergeschlagen oder sind sogar aufs Engste damit verwoben. Ein solches Leben in seiner Breite und Komplexität abzubilden und zu beschreiben ist keine geringe Aufgabe, Aßmanns 300-seitige Biographie stellt sich ihr aber mit großem Eifer.

Was sich wie ein roter Faden durch Aßmanns Biographie zieht, ist die Darstellung von Mollenhauers Position als einer „unzeitgemäßen“ (Nietzsche), und die Verortung seines Lebens und Denkens in Zwischenräumen und außer der Reihe – eine Einschätzung, die Aßmann selbst nicht explizit benennt, die sich aber beim Lesen der Biographie unleugbar aufdrängt. 1928 geboren, gehörte er zwar zu der Generation, die noch am Krieg teilnehmen musste, für die der Krieg aber eher ein verstörendes Jugenderlebnis darstellte (Mollenhauer war in einem trostlosen Flak-Posten stationiert) als eine direkte Konfrontation mit den Schrecken der Nazi-Diktatur. Nach dem Krieg schloss Mollenhauer sein Studium der Sozialpädagogik bei Erich Weniger ab, einem Vertreter der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik, die eine entschieden philosophische Position bezogen hatte und sich teilweise an die Bedingungen der Nazi-Herrschaft angepasst hatte. Trotzdem war Mollenhauers Dissertation auf fast schon radikale Weise empirisch und soziologisch ausgerichtet und kann als ein frühes Zeichen für die empirische Wende in der deutschen Erziehungswissenschaft stehen – ein Paradigmenwechsel, mit dem sein Name bis heute eng verbunden ist. In den Unruhen und Umwälzungen der 1960er Jahre trat Mollenhauer (neben Herbert Marcuse) als einer der wenigen älteren Verbündeten, als ein „großer Bruder“ der protestierenden Jugend und Studentenschaft hervor. Unter anderem hatte er damals Kontakt mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader, ebenso war es Mollenhauer, der einigen Jugendlichen aktiv aber wenig erfolgreich davon abriet, den Weg des gewalttätigen Widerstandes zu gehen.

„Erziehung und Emanzipation“ wird von Aßmann als dasjenige Buch ausgemacht, das Mollenhauer schon recht früh in seiner Karriere große Bekanntheit verschaffte. Er brach darin mit den Traditionen deutschen Bildungsdenkens und der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik, indem er diese als „nur begrenzt leistungsfähig […] im Hinblick auf die Aufklärung derjenigen Zusammenhänge, die die Wirklichkeit der Erziehung ausmachen“ [1], bezeichnete. Gleichzeitig blieb Mollenhauers Denken diesen Traditionen deutlich verbunden. Die vorliegende Biographie eröffnet diese Perspektive auf Mollenhauers ambivalentes Verhältnis zur Geisteswissenschaftlichen Pädagogik – allerdings nur, wenn der Leser / die Leserin zwischen den Zeilen lesen kann.

Aßmann zeigt aber gleichzeitig auf, dass die Veröffentlichung von „Erziehung und Emanzipation“ im Jahr 1968 eine Ausnahme zu Mollenhauers sonstiger „unzeitgemäßer“ Positionierung darstellt. Das Buch wurde begeistert aufgenommen, vor allem von Studenten und Aktivisten, und stellt bis heute sein bekanntestes Werk dar. Wie Aßmann herausarbeitet, widmet sich Mollenhauer in diesem Buch dem „Problem der Autorität“, in erziehungspraktischer und -theoretischer Perspektive. So stellt er z.B. mit Nachdruck fest: „Die pädagogische Autorität ist deshalb faktisch Herrschaftsautorität“ [2]. Dabei macht er die kritische Rationalität und die empirische Überprüfung von Forderungen und Vorschriften als die Kriterien für das Gelingen einer emanzipatorischen Pädagogik aus. Bald musste Mollenhauer jedoch selbst feststellen, „daß der Ausdruck Emanzipation so schnell die Runde machte und so plausibel war, daß kaum noch jemand sich die Mühe machte, ihn mit der gleichen Sorgfalt auf die Bildungsgänge hin zu rekonstruieren“ [3].

Wie aus dem Titel der Biographie zu entnehmen ist, leistet sie demjenigen hervorragende Dienste, der Mollenhauers Werk aus den 1960er und 1970er Jahren mit seinem politischen Aktivismus verknüpfen möchte. Aßmann beschreibt Mollenhauers Engagement in der Heimkampagne sehr detailliert. Diese Erziehungsheime waren oft abgelegen und seit ihrer Einrichtung im Kaiserreich nicht mehr erneuert worden. Mollenhauers sozialpädagogische Orientierung erstreckte sich hauptsächlich auf Kinder und Jugendliche außerhalb schulischer oder gesellschaftlicher Kontexte. Als einer der führenden Sozialpädagogen seiner Zeit unterstützte er Jugendliche sogar aktiv dabei, aus den Strafanstalten zu entkommen und nahm sie nicht selten auch bei sich in seiner Frankfurter Wohnung auf.

Die Zeit des intensiven und direkten Aktivismus war jedoch relativ kurz, sowohl für Mollenhauer als auch für die Mehrzahl der in der Protestbewegung aktiven Studierenden. 1972 erschien „Theorien zum Erziehungsprozeß: Zur Einführung in erziehungswissenschaftliche Fragestellungen“, im selben Jahr wurde Mollenhauer auf einen Lehrstuhl in Göttingen berufen. Diese zweite Monographie überrascht durch eine manchmal schwer nachzuvollziehende Mischung aus Überlegungen zur Sozialkritik, zum kommunikativen Handeln, zur Psychoanalyse und – wiederholt – zur Geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Ebenso überraschend ist Aßmanns knappe Behandlung dieses Werks und seiner Bedeutung in Mollenhauers Gesamtwerk. Aßmann beschreibt es als „theoretische Explikation der Linien […], die Mollenhauer in Erziehung und Emanzipation eher grob umrissen hatte“ (174). Im Gesamtkontext von Mollenhauers Werk kann es aber noch als weitreichender eingestuft werden, wie Michael Winkler in seiner kleinen Studie „Mollenhauer: Ein pädagogisches Porträt“ festgehalten hat: „Das Buch setzt im Grunde bei einer Untersuchung des pädagogischen Bezugs ein, den Mollenhauer mit einer neuen Terminologie beschreibt und mit sozialwissenschaftlichen Modellen analysiert“ [4]. Die Frage des pädagogischen Bezugs, die auf Mollenhauers Lehrer Nohl zurückgeht, wird von Winkler und anderen [5] als eindeutig nachweisbar eingestuft, vor allem in Mollenhauers lebenslangem theoretischen Bemühen um die Grundlage und Qualität der intergenerationalen Beziehungen; eine Beziehung, die er als der Erziehung zu Grunde liegend sah.

Mit seinem nächsten, 1983 erschienen Buch, „Vergessene Zusammenhänge“, verfolgt Mollenhauer einen neuen Ansatz, der bewusst auf soziologische und psychologische Begrifflichkeiten verzichten – eine Herangehensweise, die man auf seinen früheren Lehrer Hellmuth Plessner zurückführen könnte. Die Philosophie Plessners, die zwischen einer Phänomenologie der Lebenswelt und historischer Hermeneutik angesiedelt ist, bot Mollenhauer einen Ausgangspunkt, um ein historisch-kritisches Bewusstsein mit sehr differenzierten, leibphänomenologisch betonten Ansätzen zu verbinden. Letztere entsprachen seinem Verständnis von Geisteswissenschaftlicher Pädagogik. Aßmann stellt überzeugend dar, wie diese Verbindung der beiden Traditionen über die Interpretation von Kunstwerken hergestellt wurde: „die Erziehungswissenschaft [kann] in Auseinandersetzung mit Kunstwerken gleichsam lesen und also auch verstehen lernen, wie das leibhaftige und sinnlich gegebene Verhältnis des sich bildenden Individuums zu seinem Lernprozess beschaffen sei; denn die Kunst ist die Repräsentation ästhetischer Figurationen, in denen wiederum das leibliche Selbstverhältnis des bildsamen und selbsttätigen Subjekts symbolisch enthalten ist“ (268).

Aßmann betont die pädagogische Relevanz dieses Ansatzes, indem er Mollenhauers enge Verknüpfung von Kultur und Pädagogik nachzeichnet. In jeder Erfahrung der Leiblichkeit „stecke auch eine Erinnerung an das Pädagogische als etwas allen Menschen Gemeinsames“ (280), womit die gesamte Kultur zu einer pädagogischen werde. Aßmann arbeitet Mollenhauers Anlehnung an Plessner heraus und attestiert ihm, dass er mit der Verbindung von Leiblichkeit und Pädagogischem damit sogar noch über seinen Lehrer hinausgehe (280).

Die Möglichkeiten, die sich mit einer solchen methodischen Weitung ergeben, sind enorm. Dies zeigt sich auch an der Wiederverwendung von ursprünglich von Mollenhauer eingeführten Text- und Bildbeispielen in den Schriften anderer Autoren. Das Titelbild von Mollenhauers „Vergessenen Zusammenhängen“ taucht auf dem Cover von Max van Manens Buch „The Tact of Teaching“ auf, ein Bildbeispiel aus „Vergessene Zusammenhänge“ wird von Dietrich Benner für das Titelbild seiner Allgemeinen Pädagogik verwendet, ebenso ein wichtiges Textbeispiel, versehen mit einem dankenden Verweis auf Mollenhauer. Leider gehen die genannten und auch weitere Studien nicht näher darauf ein, warum und auf welche Weise solche Mollenhauer Beispiele schlüssig sind, und fragen damit auch nicht weiter, wie Mollenhauers fruchtbare Verbindung von kulturell-historischen und phänomenologischen Zugängen breitere Anwendung finden könnten.

Eine mit diesem Befund verbundene Leerstelle lässt sich leider auch in Aßmanns ausführlicher Biographie ausmachen: Er verfolgt den Einfluss nicht, den Mollenhauers frühere Texte ausübten, eben so wenig den seiner späteren Texte [6]. Weiter vernachlässigt Aßmann einen Bereich, der für viele ein Schlüsselthema in Mollenhauers Schaffen ist: seine fast obsessive Auseinandersetzung mit der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik und, in diesem Rahmen, mit dem Pädagogischen Bezug. Wie oben angedeutet, kann der Pädagogische Bezug als ein zentrales Thema von „Theorien zum Erziehungsprozess“ gesehen werden, in diesem Buch wiederum findet sich eine Ausarbeitung der Ideen aus „Erziehung und Emanzipation“. Laut Aßmann und auch Benner können die „Vergessenen Zusammenhänge“ als eine Weiterführung dieser Gedanken gesehen werden. Es wird sogar vermutet, dass eben jene Zusammenhänge, die in Vergessenheit gerieten, im Konzept des Pädagogischen Bezugs zu finden sind: „In diesem Sinne rekapituliert „Vergessene Zusammenhänge“ frühere Fassungen des Pädagogischen Bezugs und sucht gleichzeitig nach seinen aktuellen Dimensionen, indem das Buch die Frage aufwirft, was unvermeidbar ist, so z.B. anthropologische Grundannahmen, und was nur zeitlich und räumlich vorgegeben ist“ [7].

Die pädagogische Frage und Herausforderung, die Mollenhauer über eine Zeitspanne von 40 Jahren produktiven Forschens nicht losgelassen hat, ist immer noch aktuell und dringlich. Das große Verdienst von Aßmanns Biographie besteht darin, dass sie viele der Antworten, die Mollenhauer auf diese Frage gefunden hat, beleuchtet. Leider sind sie allzu oft gut versteckt in diesem Buch, das Mollenhauers Leben im und um das Jahr 1968 drei seiner sechs Kapitel widmet. Mollenhauers soziales und politisches Engagement in dieser Zeit sind beachtlich, wie Aßmann herausstellt, aber er macht ebenso deutlich, dass der Großteil seiner wissenschaftlichen Arbeit nach dieser Epoche zu verorten liegt. Demnach sind die dringlichen pädagogischen Fragen, die Mollenhauer sein ganzes Leben verfolgten und die er auf so besondere Weise herausarbeitete, heute umso schwerer greifbar und bleiben unbeantwortet.

[1] Mollenhauer, K.: Erziehung und Emanzipation: Polemische Skizzen. München: Juventa 1968, 9.
[2] ebd., 62.
[3] Mollenhauer, zitiert nach Kaufmann, H. B. / Lütgert, W. / Schulze, T. / Schweitzer, F.: Kontinuität und Traditionsbrüche in der Pädagogik. Ein Gespräch zwischen den Generationen. Weinheim: Beltz 1991, 78.
[4] Winkler, M.: Klaus Mollenhauer: Ein pädagogisches Porträt. Weinheim: Beltz 2002, 58.
[5] z.B. Gruschka, A.: Negative Pädagogik: Einführung in die Pädagogik mit kritischer Theorie. Wetzlar: Büchse der Pandora 1988; Klafki, W.: Das pädagogische Verhältnis. In Klafki, W. / Rückriem, G. M. / Wolf, W. / Freudenstein, R. / Beckmann, H.-K. / Lingelbach, K.-C. / Iben, D. / Diedrich, J. (Hg.): Erziehungswissenschaft 1. Eine Einführung. Frankfurt: Fischer 1970, 55-91.
[6] Gruschka, A.: Bestimmte Unbestimmtheit. Chardins pädagogische Lektionen. Gießen: Psychosozial-Verlag 2004; Wulf, C. / Zirfas, J. (Hg.): Handbuch Pädagogische Anthropologie. Frankfurt: Springer 2013.
[7] Hopmann, S.: Forgotten Romantic and Enlightenment Connections: A personal approach to Mollenhauer’s seminal works. Phenomenology & Practice 8(2) 2014, 45-49.
Norm Friesen (Boise / Vancouver)
Zur Zitierweise der Rezension:
Norm Friesen: Rezension von: Aßmann, Alex: Klaus Mollenhauer, Vordenker der 68er – Begründer der emanzipatorischen Pädagogik. Paderborn: Schöningh 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 6 (Veröffentlicht am 02.12.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978350678105.html