EWR 6 (2007), Nr. 5 (September/Oktober 2007)

Dirk Baecker
Form und Formen der Kommunikation
Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2007
(285 S.; ISBN 978-3-518-29428-4; 11,00 EUR)
Form und Formen der Kommunikation Es ist eine verflixt gelehrte Kombinatorik, die Dirk Baecker in seiner vielstimmigen Monographie „Form und Formen der Kommunikation“ inszeniert. Seine Studien und Reflexionen zur Untersuchung innovativer Möglichkeiten einer soziologischen Kommunikationstheorie heben sowohl die als unzureichend empfundenen Theorien der linguistischen Pragmatiker als auch die Diskussionen der soziologischen Altvorderen auf und entpuppen sich schon nach wenigen Seiten als eine Kreation, die dem kommunikationstheoretischen Golem durch ein mathematisches Seelenfünklein Leben einzuhauchen versucht. Wer sich mit dem Menschen und der Veredlung des menschlichen Wesens auseinandersetzt – ganz gleich ob aus (erziehungs-)wissenschaftlicher oder aus philosophischer Perspektive –, der findet in Baecker einen Sozius des kommunikativen „Sichorientierens“ in den Verwobenheiten der menschlichen Belange.

Nach einer Folge von gesellschaftlichen und medialen Revolutionen bedarf es heute, im Zeitalter der kybernetischen Informatik und einer „vom Computer gestützten Gesellschaft“ (13), einer neuen Theorie der Kommunikation, die die relevanten informellen Ordnungen und Organisationen hinreichend konkret und zugleich ausreichend offen für Interpretationen abbildet. Aus diesem Grund führt Baecker auf der Basis von Luhmannschen Überlegungen mathematische Darstellungen in die Soziologie ein – erst in einer separaten Annäherung, dann in eingebundener Form: C. E. Shannon entwickelte Grundbegriffe zur Erfassung und Deskription komplexer Phänomene [1], vor deren selbst-organisierenden Problemfeldern eine „Überforderung“ des Beobachters auftritt. Was Shannon nicht wissen konnte bzw. wollte: dass seine Theorie durchaus über die technologische Variante hinaus auf die Semantik insgesamt übertragbar ist, wenn man wie Baecker das Formkalkül G. S. Browns [2] („Zweiseitenform der Unterscheidung“,17) integriert und damit Shannons Differenzierung zwischen der mathematischen Informationstheorie und der hermeneutischen Grundsituation vernünftiger Wesen im Zuge der Kommunikation variiert.

Die wechselseitige Bezugnahme von Welt und dem vernünftigen Zugang zur Welt wird zunächst über die Begriffe „Selektion“ (zur Definition vgl. 21) und „Redundanz“ (ebd.) für eine Kommunikationstheorie nutzbar gemacht. Wenn die Welt nämlich ausschließlich durch Selektion „begriffen“ werden kann und damit als Gegenstand gerade erst entsteht, so wird mit der Genese der Welt auch die Selektion als ein Ereignis in diese Welt geboren. Die „gewöhnlichen“ Ordnungen werden also gehörig durcheinander gewirbelt und bedürfen einer dritten Ebene, auf der die Definitionen Shannons folgendermaßen erscheinen:

„Der Informationsbegriff definiert, wie aus einer Nachricht […] geschlossen werden kann, mit welcher Ordnung von Elementen man es zu tun hat. Wenn die Nachrichten eine Ebene erster Ordnung definieren und ihre Ordnung eine Ebene zweiter Ordnung, dann liegt der Informationsbegriff als Maß der Ordnung auf einer Ebene dritter Ordnung. […] Der mathematische Kern der Theorie Shannons ist die Ausarbeitung und Beschreibung eines den Umgang mit Information ermöglichenden und zugleich von ihm getragenen Wahrscheinlichkeitskalküls, das aus jeder einzelnen Nachricht auf den Zustand der Welt schließt, in der man sich jeweils befindet, und vom Zustand der Welt wieder zurück auf die erwartbaren Nachrichten. […] Eine Information wird nicht daran gemessen, was man weiß, sobald man eine Nachricht erhält, sondern daran, was man außerdem herausfindet, sobald man sie erhält. […] Denn eine Information gilt nicht bestimmten Gegenständen oder Zuständen, sondern sie gilt der Ordnung dieser Gegenstände und Zustände im Verhältnis zu anderen Gegenständen und Zuständen. Deshalb hat es sich eingebürgert zu sagen, dass man eine Information daran erkennt, dass sie überrascht, beziehungsweise daran, dass sie einen Aha-Effekt auslöst. […] Kommunikation […] ist ein Vorgang, der insofern, als er etwas mit Informationserarbeitung zu tun hat, die Orientierung in einer Welt ermöglicht, deren Ordnung weder vorausgesetzt noch in Frage gestellt werden muss, sondern in einer Sequenz endlicher Kontingenzen erschlossen werden kann“ (18ff.).

Die Verweisungen der ersten und zweiten Ordnung arbeiten demnach in drei Relationen: Da die Kommunikation kommunikativ betrachtet werden muss, kann sie uns nicht als willkürlicher Gegenstand erscheinen; und doch ist sie auch kein konkretes Ding, das in einem bestimmten (kausalen) Bedingungsgefüge eindeutig abgebildet werden könnte. Die Bestimmtheit der Kommunikation ist nach Baecker gerade das Resultat der „Einführung und Konditionierung von Freiheitsgraden“ (8), durch die dem Wirklichen mehr Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen als der Einzelne dann tatsächlich berücksichtigen kann. In diese Vielfalt brechen aber immer auch vielfältige Einschränkungen ein, ohne dass – eben aufgrund der Vielfalt der Möglichkeiten selbst – diese Grenzen abzusehen wären; Baecker spricht deshalb von „Überraschungen“ (ebd.).

Phänomenologische, fundamentalontologische, dekonstruktivistische Assoziationen werden hier (nicht ganz unerwartet) angeregt, obwohl nicht immer klar ist, ob die dabei gewählte Perspektive als Provokation an die Philosophie gerichtet ist oder ob auf diesem Weg einfach nur die überlieferten Gedanken adaptiert werden. Es ist aber für Baecker bei allen wissenschaftlichen Anleihen selbstverständlich die Soziologie, die das angemessene Werkzeug für eine (Vivi-)Sektion der subtilen Bedingungen einer Kommunikationstheorie bereitstellt, weil nur sie die zu Grunde liegenden Faktoren sozialer Existenz, die soziale Ordnung der empirischen Umstände sowie die Selbsteinbindung und Inbezugsetzung zur gesellschaftlichen Kommunikation, zur kommunikativen Gesellschaft usw. untersuchen kann.

Dass durch Baeckers Verarbeitungs- und Aufarbeitungsprozess die gefährliche Eigendynamik eines aufklärerischen Sprachspiels (sc. Bedingungen, Konditionen, Schemata oder deren vermeintliche Negationen) losgetreten wird, führt den Leser mit einem faden Beigeschmack in die dialektischen [3] Tiraden ohne transzendental-kritischen Klimax, in deren Dynamik dann jedoch sehr passend das „größte“ soziologische Problem überhaupt angesprochen werden kann, das heute im Polylog mit den Wissenschaften angegangen werden soll: Die Emulsion von Freiheit und Notwendigkeit knüpft traditionell an das Ur-Mirakel des Verhältnisses zwischen Wahrnehmung und Bewusstsein an und bildet problematische Paradigmen für die wiederum diffizilen Untersuchungen der Kommunikation. Und dann kommt da noch aus unerfindlichen Gründen das „Unbewusste“ hinzu, denn „kommunikativ können wir etwas, was uns bewusst nicht zur Verfügung steht“ (8).

Was uns trotz dieser Schwierigkeiten aber überhaupt noch bewusst am Sprechen hält, ist nicht einfach zu beschreiben. Die Sprache mit all ihren unendlichen und unwahrscheinlichen Faktoren zwingt den Sprecher doch zu klaren Entscheidungen und verdeutlicht auf diese Weise die faktischen Wahlmöglichkeiten. Es ergibt sich ein Spielraum voller wechselnder Meinungen, Bewertungen und Überlegungen bzgl. der Bewertungen anderer. Darüber hinaus wird innerhalb des Spielraums ein Selbstbewusstsein des eigenen Willens und dessen charakterlichen Ausprägungen etabliert und als Basis für diverse Entscheidungen und/oder Reaktionen gesetzt. Zusätzlich zur Kommunikation kommen derart also auch die Kommunikationsteilnehmer in den Fokus – bis zum vierten Kapitel wird der Mensch lediglich unter dem Aspekt der Beobachtung beobachtet, bevor auch das Individuum, die Person etc. als erlebnis- und handlungsverheißende Dimensionen begrifflich integriert werden –, wobei diese beiden Seiten gut-kantisch über „ein Drittes“ verbunden werden müssen.

Die Komplexität der synthetischen Aufgabe wird vor dem Hintergrund solcher soziologischer Theorien sichtbar, die sich selbst ausdrücklich in den Prozess der Theoriebildung einlassen wie eine Rückkopplung: In dieser Schleife dürfen nun endlich auch der „beobachtete Beobachter“ u.ä. explizit genannt werden und das so genannte „Feedback“ bringt die Kommunikation über die Theorie der Kommunikation kommunikativ unter Kontrolle. Bewusstsein wie auch Kommunikation begegnen dem Menschen als „endlose Horizonte“ und lassen in der aktuellen Phase der medialen Gesellschaft neue Unbestimmtheitsstellen im Umgang mit Computern und dem Internet bewusst werden. Aus den Designwissenschaften wird das „Interface“ (268) zur strukturellen Kupplung von Bewusstsein und Kommunikation importiert. Seinem Begriff wird ein heuristischer Wert zugesprochen, wodurch sich Baeckers Buch selbst als ein solches Interface offenbart. Phänomene wie der freie Wille, die Willkür etc. kommen durch die Erwähnung dieser Beobachtungen und Selbstbeobachtungen als Variable ins Spiel der (Un-) Wahrscheinlichkeiten der Kommunikation und leisten eine immanente Kompensation der Ungewissheit. Diese tritt durch die Sichtweisen der Differenz(ierung) und Identität als ereignishaftes Wesensmerkmal einer jeden Kommunikation inmitten der Spannung von Interaktion und Interpretation auf. Eine Lücke zwischen Struktur und Handlung ist folglich der „missing link“ zur Wahrung der Selektion der Selektivität, durch die eine stete Gestaltung des Systems mit kontingenten kommunikativen Formen in einem nicht etwa zufälligen, sondern durchaus sinnvollen und kohärenten Fortgang (Evolution) garantiert wird. Und hier spielen die zentralen Momente wieder hinein: Jede Kommunikation basiert auf bzw. besteht aus Selektionen, die auf den freien Raum der Redundanz, in dem sie vorkommen, verweisen (vgl. 39) und in diesem Raum auch mit sämtlichen relevanten Faktoren „vernetzt“ sind [4]. Heterogene Netzwerke (vgl. 228) gestalten die gegenseitigen Unterscheidungsspielräume [5] nach dem „kybernetischen Prinzip“ [6] durch die Beziehungen auf entsprechende Konstituenten zu einer Sinnfunktion. Der Mensch befindet sich immer bereits in einem solchen Netzwerk und kann dieses deshalb auch nicht willkürlich beeinflussen, sondern lediglich seine ganz spezielle Identitätsarbeit leisten, die dann zum Ursprung für Sinn stiftende Standortbestimmungen (Kontrolle) und Einflussnahmen wird.

Wie Fraktale müssen all diese Inhalte in der Beschreibung jederzeit an jeder beliebigen Stelle „reinvestiert“ werden können – wir schöpfen in der Kommunikation ja offensichtlich nicht aus einem begrenzten Fundus an Möglichkeiten, sondern eben aus einer unbestimmt großen Menge an Handlungen, Überlegungen und deren Folgen, wie sie sich als immer neue Handlungsanstöße dann auch wieder auf die Menschen auswirken. In diese große Reflexion bindet Baecker später Konversationsanalyse, Metakommunikation, Spieltheorie, die so genannten „Leifer skills“, Variablenbeziehungen, Erfolgs- und Verbreitungsmedientheorie, Attributionstheorie, Feldtheorie u.v.m. ein, wenn der Mensch, wie erwähnt, nicht mehr nur als Beobachter, sondern dann auch als Person berücksichtigt wird. Das heißt aber nicht, dass auch methodisch individuell gearbeitet wird, sondern hier wird dezidiert die Erweiterung zu einem „methodischen Kollektivismus“ unternommen. Kombinatorik und Mengentheorie führen statt Differentialgleichungen die Feder, um die Interdependenz der individuellen Verhaltensweisen umfassend zu beschreiben und um selbst noch mit dem hierbei auftretenden Nichtwissen partitiv arbeiten zu können. Zuvor wurde die Theorie (ab Kap. II) bereits in der Form eines analytischen und bewusst-abstrakten algorithmischen Formalismus zur Erforschung der Elemente und ihrer tiefgründigen Relationen – immer im Zusammenhang mit den unendlichen Geschehnismöglichkeiten der Wirklichkeit – entwickelt. Jede feste Bindung hat ihre mathematisch und konstruktivistisch gedachten Spielräume. Sie verlangt eine mindestens dreifache Unterscheidung, wo sie zu einer Verknüpfung von Zweien werden soll. Sie zeigt uns ein „aktives, endogenes Konzept“ mit Außen- und Innenseite, die jeweils wieder, sobald sie unterschieden wurden, zwei Seiten aufweisen. Wenn Kommunikation also auf der Basis der Unterscheidung ablaufen muss, dann ist sie wiederum eine Akzentuierung eines Zwischen, das all diese Kontrast- und Wiederholungsmerkmale als Informationsträger mit sich führt, um den Raum der Möglichkeiten für ihr auf der anderen Seite geleistetes Zusammenführen von Bezeichnung und Differenzierung abzustecken. An dieser Stelle müssen wir wieder an die Konditionierung der Freiheitsgrade zurückdenken, die – es folgt eine synthetisierende Unterscheidung – an das operative Kalkül der mathematischen Theorien statt an die geisteswissenschaftlich unbestimmten Bestimmtheiten der kausalen Kategorien gebunden ist. Baecker selbst schürt also die erwartbare Erwartungshaltung des Lesers, die in einem Pluralismus der Formen aufgeht und in der Menschen sich kommunizierend „vergesellschaften“. Die Überlegung zur abstrakten Stellung der Form ist demnach die Verbindung zwischen dem Allgemeinen und dem Konkreten der Kommunikation; in ihrem direkten Wertgefüge ist diese wiederholbar und zusammenfassbar (Einbezug des „law of calling“,103) sowie aufhebbar und kompensierbar (Einbezug des „law of crossing“, 102). Die Funktion der Kommunikation ist formal eine solche Reproduktion, während ihre Funktionen davon geschieden werden und auf die zweite Ordnung schauen, um dort Variablen „offen“ zu benennen – fünf Beispiele dieser Funktionen aus dem vierten und vorletzten Kapitel des Buches wurden oben eingebunden: Systemfunktion (relationiert Reproduktion und Störung); Personenfunktion (relationiert Attribution und Situation), Medienfunktion (relationiert Selektivität und Motivation); Netzwerkfunktion (relationiert Identität und Kontrolle); Evolutionsfunktion (relationiert Selektion und Variation) (vgl.150). Die Herstellung der Beziehung zwischen Variablen begünstigt uns durch unsere Unsicherheit im Umgang mit der Kommunikation. – Das Paradoxon, dass wir gerade wegen dieser Unsicherheit motiviert und sicher sein können, gibt uns dann eine Sinnperspektive in der Absorption der Unsicherheit usw.

Kommunikation ist also mit Unsicherheiten behaftet, die Baecker zu der Fragestellung verdichtet: „Wie kann sichergestellt werden, dass ich das Risiko [sc. das Risiko der Kommunikation] trotzdem eingehe?“ (211f.) Die Antwort findet er z.B. im Rahmen der Erfolgsmedien in diesen selbst angelegt (vgl. 212), nämlich im Mitführen der guten Gründe, die Kommunikation abzulehnen, während man sie doch annimmt. Es ist ein kalkulierbares Risiko, das uns diese paradoxe Überlegung akzeptieren und das den Leser dieser Rezension nun selbst als den „Dritten“ im Bunde mitdenken lässt – wenn der Konflikt zwischen der detaillierten und aufrüttelnden Informationsvermittlung des Buches und dieser gerafften und wertenden Wiedergabe ihn dazu verleitet, selbst in der und über die Kommunikation zu reflektieren. Baeckers Buch ist ein fachübergreifendes „Muss“ für wissenschaftliche Kommunikationsspezialisten und ein schwierig-schönes „Kann“ für alle an der Thematik Interessierten.

[1] Es handelt sich um solche Phänomene, die „weder einfach genug, um kausal, noch homogen genug sind, um statistisch beschrieben werden zu können“ (9).
[2] Mit dem „Formkalkül“ G. S. Browns formuliert Baecker die Theorie Shannons in den Belangen der Form einer Unterscheidung des durch diese Betrachtung eröffneten Raumes („mit dem Unbestimmten, aber Bestimmbaren zu rechnen“) neu. Dadurch kommt eine Beobachter-Variable ins Spiel der Bestimmungsleistung, die keine Ordnung des Sozialen voraussetzen will, sondern diese als „ein laufend neu auszuhandelndes, erstrittenes und verteidigtes Produkt der Auseinandersetzung um diese Ordnung“ (13) einbindet. Innen- und Außenseite des systemtheoretischen Grenzbegriffes bestimmter Formen und Orte von Ereignissen sollen so aufgewertet werden. Es wird augenscheinlich, was und wie viel ein autopoietisches System aufnehmen und was aus ihm heraus „rückgekoppelt“ auch wieder operational erschlossen werden kann.
[3] Als Dialektik zeichne ich hier die Bewegung der hermeneutischen und/oder der kybernetischen Betrachtung aus.
[4] Zur Passung für eine postmoderne Theorie vgl. den Hinweis auf H. C. White (226).
[5] Dies bedeutet: wechselseitig in kontrollierender Differenzstellung und selbstreflexiver Identität stehend.
[6] „Man kann nur kontrollieren, wovon man sich kontrollieren läßt“ (231).
Werner Moskopp (Koblenz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Werner Moskopp: Rezension von: Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2007. In: EWR 6 (2007), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978351829428.html