EWR 14 (2015), Nr. 4 (Juli/August)

Samuel Scheffler
Der Tod und das Leben danach
Berlin: Suhrkamp 2015
(152 S.; ISBN 978-3-5185-8623-5; 19,95 EUR)
Der Tod und das Leben danach Welche Folgen hätte es für unser evaluatives Selbst- und Weltverständnis, wenn 30 Tage nach unserem Tod alles menschliche Leben auf der Erde durch einen Asteroideneinschlag ein gewaltsames Ende finden würde? Welche Auswirkungen hätte es auf unsere Wertungen, die Struktur unserer Lebensführung und unseres Zusammenlebens, wenn die gesamte Menschheit von einem auf den anderen Tag in einen Zustand kollektiver Unfruchtbarkeit versetzt würde und damit ihr recht bald absehbares Ende finden würde?

Diese zwei zunächst etwas morbide anmutenden Szenarien nutzt Samuel Scheffler in seinen nun auch in deutscher Übersetzung – jedoch leider ohne die in der englischen Ausgabe mitabgedruckten Kommentare und Kritiken von Shiffrin, Kolodny, Wolf und Frankfurt – vorliegenden Essays „Death and the Afterlife“ [1] dazu, grundlegende, jedoch in der Regel nicht explizierte Voraussetzungen und Usancen menschlicher Selbstverständigung und menschlichen Lebens zu klären. Er ist sich dabei der epistemologischen Risiken durchaus bewusst, die mit lehnstuhlphilosophischen Gedankenexperimenten und ihrer Deutung verbunden sind (14f). Selbst wenn man auf Grund der Kritik der experimentellen Philosophie am „Intuition-driven-Romanticism“ der analytischen Philosophie [2] skeptische Vorbehalte hat bezüglich der Rede von „unseren begrifflichen und ethischen Intuitionen“ oder dem, was „wir“ vermeintlich „immer schon“ voraussetzen, so kann man nach der Lektüre mit guten Gründen davon ausgehen, dass Schefflers Szenarien und ihre theoretische Interpretation eindrucksvoll zeigen, dass Gedankenexperimente eine legitime Methode philosophischer Analyse sind und bleiben.

Ein überraschendes und zunächst kontraintuitiv anmutendes Ergebnis seiner Analyse der beiden Gedankenexperimente besteht darin, dass uns in bestimmter Hinsicht das Überleben von Anderen bzw. der Menschheit nach unserem Tod wichtiger ist als die Fortdauer unseres eigenen individuellen Lebens (27f). Dies ist nach Scheffler darauf zurückzuführen, dass sich angesichts des Wissens um eine kollektive postmortale Auslöschung oder Nichtfortführung menschlichen Lebens unsere Einstellungen zu einem großen Teil unserer Projekte, unsere Wertungen und Motivationen und somit auch unsere Auffassung von unserem Leben radikal verändern würden. Warum sollte man in diesem Fall z. B. noch Krebsforschung betreiben, warum noch Kinder kriegen und großziehen (im ersten Szenario), Traditionen fortführen oder reformieren, warum sich noch über Rawls Differenzprinzip Gedanken machen oder Rezensionen für die EWR schreiben? Viele unserer Projekte und Wertungen machen – und zwar unabhängig davon, ob man selbst Kinder hat oder nicht – nur auf Basis dessen Sinn, was Scheffler die „Vermutung über das Leben nach dem Tod“ (afterlife conjecture) nennt (54), d. h. nur dann, wenn wir davon ausgehen können, dass menschliches Leben auch dann weitergehen wird, wenn wir selbst nicht mehr existieren. Wenn menschliches Leben jedoch kurz nach unserem Tod zu einem Ende kommen würde, hätte dies, so Schefflers These, gravierende Folgen für unser Selbstverständnis und die Bedeutsamkeit, die wir unseren Projekten zuschreiben. Viele von uns können sich mit dem Faktum abfinden, dass wir alle irgendwann früher oder später sterben werden, nicht aber damit, dass mit uns, mit unserer Existenz, auch alles andere menschliche Leben zu Ende geht.

„Die Menschheit selbst, als fortdauerndes, historisches Projekt, bildet den impliziten Bezugsrahmen für den Großteil unserer Urteile darüber, was von Bedeutung ist. Entfernen wir diesen Bezugsrahmen, gerät unser Sinn dafür, was wichtig ist – egal wie individualistisch sein expliziter Gehalt sein mag –, ins Wanken und geht uns verloren. (…) Die Menschheit muss auch deshalb eine Zukunft haben, damit die bloße Vorstellung, dass manche Dinge von Bedeutung sind, einen sicheren Platz in unserem konzeptuellen Repertoire behalten kann“ (78).

Diese Annahme, die Scheffler im Rahmen seiner advokatorischen Deutung unserer Reaktionen auf unterschiedliche Versionen der beiden Gedankenexperimente systematisch begründet, verweist nicht nur darauf, wie stark – ohne dass uns dies in der Regel bewusst wäre – die Gründe unserer ethischen Selbstverständigung (d. h. ganz allgemein, warum „eine Sache für uns von Bedeutung beziehungsweise wichtig ist oder warum wir sie wertschätzen“ (12)) immer schon auf Formen der Selbstverortung in einem größeren intergenerationalen Zusammenhang aufbauen, sondern sie offenbart auch allgemeine Merkmale menschlicher Wertschätzung. Dazu gehören – was Pädagogen wenig überraschen wird [3] – eine konservative Dimension unserer Werteinstellungen, d. h. „eine fast schon begriffliche Verbindung zwischen der Wertschätzung für eine Sache und dem Wunsch, dass sie fortgeführt und erhalten wird“ (21), eine nicht-konsequentialistische Dimension „unserer Einstellungen darüber, welchen Dingen wir einen Wert beimessen oder was für uns von Bedeutung ist“ (20) und eine nichterfahrungsbasierte Interpretation unserer Werte, da es „nicht nur unsere eigenen Erlebnisse sind, denen wir einen Wert beimessen oder die für uns von Bedeutung sind“ (19).

Der Wunsch nach einer persönlichen Beziehung zu einer Zukunft, die man selbst nicht erleben und zu Menschen, die man selbst nie kennenlernen wird, zeigt nach Scheffler die Grenzen des menschlichen Egoismus und Individualismus auf und legt zugleich die soziale Struktur unserer Wertungen offen (76ff). Seine Rekonstruktion von Usancen der ethischen Selbstverständigung versucht zu verdeutlichen, wie wichtig insbesondere temporale Formen von Knappheit und Begrenztheit [4] für die Entstehung von Wertbindungen sind (136ff) [5], und dass es ohne Selbstverortung im Rahmen eines intergenerationalen Zusammenhangs schwierig sein dürfte, Vertrauen in unsere Werte zu erhalten und eine gewisse Leidenschaft für „die Welt“ zu entwickeln. Im Rahmen der von Scheffler erarbeiteten Interpretation der Gedankenexperimente, wonach unser Vertrauen in die Fortsetzung menschlichen Lebens nach dem individuellen Tod implizite Voraussetzung für die Fähigkeit ist, ein gutes menschliches Leben zu führen, d. h. „ein Leben, das durch ein vorbehaltloses Engagement im Rahmen wertgeschätzter Aktivitäten und Vorhaben strukturiert wird“ (149), vollzieht sich so eine eigentümliche Umkehrung der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Generationen (105).

Kurzum: Scheffler behandelt eine für die menschliche Selbstverständigung zentrale und in der conditio humana selbst angelegte Problemvorgabe und versucht dabei analytische Selbstaufklärung zu liefern über häufig ignorierte und nicht vollständig beliebige Gründe unserer Wertorientierungen. Schefflers Deutung der Gedankenexperimente und ihrer Implikationen für unser Selbstverständnis ist jedoch natürlich nicht alternativlos. Einige Leser werden am Ende sicherlich seiner Diagnose beipflichten, dass man gerade mit illusionsfreiem Blick auf das in den Szenarien imaginierte Ende doch weit mehr amor mundi mit sich herumträgt, als man denkt, und dass – vor dem Ende und nach dem Ende – nicht nur Zukunft Herkunft, sondern eben auch Herkunft Zukunft braucht. Bei anderen Lesern – und so ging es auch dem Rezensenten – wird sich jedoch spätestens nach einer gewissen cooling-off period, wenn man sich an die Konstruktion des Gedankenexperiments gewöhnt und von den ad-hoc einstellenden Intuitionen und Deutungen etwas Abstand gewonnen hat, eine gewisse Skepsis einstellen. So sehr man sich auch gerne von Scheffler davon überzeugen lassen würde, dass sich jenseits aller (post-)metaphysischen Selbstillusionierungen die von ihm postulierten Usancen der diesseits- und jenseitsbezogenen Selbstverständigung rekonstruieren und auffinden lassen, so unvermeidlich gehört es nun einmal auch zu den modernen Üblichkeiten, Üblichkeiten in Frage zu stellen.

[1] Scheffler, S.: Death and the Afterlife (edited by Niko Kolodny). Oxford et al.: Oxford University Press, 2013.
[2] Weinberg, J. / Nichols, S. / Stich, S.: Normativity and Epistemic Intuitions. In: Philosophical Topics, 29 (1&2) 2001, 429–460.
[3] Arendt, H.: Die Krise in der Erziehung. Bremen: Angelsachsen-Verlag, 1958.
[4] Dies stellt natürlich auch ein zentrales, wenn auch häufig ignoriertes Problem der Erziehungs- und Bildungstheorie dar: Bellmann, J.: Knappheit als Bildungsproblem. Die Konstruktion des Ökonomischen im Diskurs Allgemeiner Pädagogik. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, 2001.
Ricken, N.: ‚Memento mori‘ – oder: Zum Zusammenhang von Bildung und Tod. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 81 (2) 2001, 149–161.
[5] Dass die von Scheffler und Bernard Williams vertretenen Thesen zur Bedeutung der Sterblichkeit des Individuums für die Struktur von individueller Lebensführung und Selbstverständigung mit guten Gründen in Frage gestellt werden können, zeigt:
Kreuels, Marianne: Über den vermeintlichen Wert der Sterblichkeit: Ein Essay in analytischer Existenzphilosophie. Berlin: Suhrkamp, 2015.
Johannes Drerup (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Johannes Drerup: Rezension von: Scheffler, Samuel: Der Tod und das Leben danach. Berlin: Suhrkamp 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 4 (Veröffentlicht am 07.08.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978351858623.html