EWR 6 (2007), Nr. 2 (März/April 2007)

Margherita Zander / Luise Hartwig / Irma Jansen (Hrsg.)
Geschlecht Nebensache?
Zur Aktualität einer Gender-Perspektive in der Sozialen Arbeit
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006
(349 S.; ISBN 978-3-531-149447-9; 29,90 EUR)
Geschlecht Nebensache? Der Sammelband ist im Rahmen einer Ringvorlesung zu „Gender und Soziale Arbeit“ entstanden, die an der Fachhochschule Münster in Kooperation mit der KFH Münster und verschiedenen städtischen Praxiseinrichtungen durchgeführt wurde. Für die Publikation wurden weitere Beiträge externer Autorinnen und Autoren hinzugewonnen.

Die 16 Beiträge untergliedern sich in drei Schwerpunkte: Im ersten Teil wird die Geschlechterfrage mit Blick auf die Profession und Professionsgeschichte erörtert. Im zweiten Teil werden die Entwicklungslinien einer geschlechterdifferenzierenden Jugendhilfe anhand ausgewählter Handlungsfelder in den Blick genommen: Mädchenarbeit, Jungenarbeit, Erziehungshilfen, Hilfeplanung, Hilfen für drogengebrauchende Jungen und Angebote für Jugendliche mit rechten Orientierungen. Der dritte Teil widmet sich schließlich Geschlechteraspekten in der Sozialen Arbeit mit Erwachsenen: Männlichkeit in prekären Lebenslagen, Gewalt, Familie, Frauenhaftanstalten, Gesundheit, Suchtkrankenhilfe und Aggression.

Das Buch leidet an dem, woran in der Regel alle Sammelbände leiden. Es stellt sich dar als ein additives Nebeneinander von Beiträgen, die zwar alle die Genderfrage als gemeinsamen „kleinsten Nenner“ haben, aber letztlich nicht weiter diskursiv miteinander verbunden und aufeinander bezogen sind. Wenn man das Buch am Stück liest, kommt es somit zu Wiederholungen von Grundsatzaspekten zum Stellenwert der Kategorie Gender wie auch zu einem relativen Wirrwarr von theoretischen Bezügen: Konstruktivistisch-interaktionistisch inspirierte Theoriemuster stehen kommentarlos neben essentialistisch-identitätstheoretisch oder strukturtheoretisch ausgerichteten oder verwerfen gar erstere explizit; Entwürfe einer hybriden Genderkategorie stehen neben solchen im vereindeutigenden Zuschreibungsmodus. Dass dies so ist, liegt jedoch sicherlich nicht allein an der Sammel-Architektur der Publikation, sondern spiegelt auch ein Stück weit den aktuellen Stand der Theorieentwicklung in der genderbezogenen Sozialen Arbeit wider, der sich derzeit als völlig offenes, plurales Feld zwischen schlichten differenztheoretischen und poststrukturalistischen Positionen darstellt. Für „Neulinge“ in Sachen Gender, z. B. Studierende, mag dies jedoch sicherlich irritierend sein.

Erfreulich ist, dass es dem Buch gelingt, die Genderfrage in der Sozialen Arbeit tatsächlich ansatzweise als Genderfrage und nicht doch wieder als einseitige Frauen- und Mädchenfrage zu verhandeln, wie es über viele Jahre völlig selbstverständlich war und bis heute im Fachdiskurs von Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit dominant ist. Das Buch bietet nicht nur eine Reihe von Beiträgen männlicher Experten, sondern thematisiert auch explizit Problemlagen männlicher Adressaten Sozialer Arbeit wie sich auch Texte finden, die Fachfragen aus der Perspektive beider Geschlechtergruppen diskutieren. Erfreulich ist auch, dass fast alle Beiträge konsequent am Ende Schlussfolgerungen für die Praxis formulieren, wenn auch – und dies ist dann wiederum schade – diese manches Mal nicht über programmatische Allgemeinplätze, wie man sie in der Genderfachliteratur schon oft lesen konnte, hinauskommen. Manches Mal schlagen auch alte feministisch getönte, normative Erziehungs- und Weltverbesserungsattitüden durch, die die Aufhebung der Geschlechterrollen und -hierarchien zum Ziel erklären.Hier ist die Frage zu stellen, was dies noch mit dem konkreten Fall und Handlungsauftrag der Sozialen Arbeit zu tun hat.

Den langjährig erfahrenen GenderexpertInnen der Sozialen Arbeit bietet die Aufsatzsammlung nur relativ wenig Neues, aber sie tut es: Wenn beispielsweise Christel Zenker kritisiert, dass Genderpraxisansätze Themen als geschlechtsspezifische für sich reklamieren, die jedoch für beide Geschlechter relevant sind, dann wird eine diskursive und praktische Entwicklungsherausforderung benannt, die noch wenig im Blick ist. Wenn Norbert Wieland hervorhebt, dass es Fachkräften schwer fällt, überhaupt Bedürftigkeit in aggressiven und normverletzenden männlichen Selbstinszenierungen zu erkennen und diese als Bewältigungsstrategien anzuerkennen, wenn Brigitte Bauer darauf verweist, dass die Bewertung von Verhaltensweisen je nach angenommenen Geschlecht der Akteure verschieden ausfällt, wenn Mechthild Bereswill thematisiert wie weibliche Täterschaft immer wieder zu Opferschaft umgeschrieben wird, und wenn schließlich Brigitte Hasenjürgen vorführt wie Migrantinnen und Migranten jegliche Form hybrider Identität verweigert wird, dann aktualisieren diese Anmerkungen allesamt das bislang relativ unterbelichtete Phänomen der geschlechtsspezifischen Konstruktion von KlientInnen durch die Soziale Arbeit. Wie sehr selbst eine geschlechterqualifizierte Soziale Arbeit sich ungeahnt zum Agenten traditioneller Geschlechterkonstruktionen macht, rekonstruiert Christiane Rohleder jedenfalls eindrucksvoll anhand des Stellenwerts der Väter als Zielgruppe Sozialer Arbeit, die nur dann in den Aufmerksamkeitsfokus geraten, wenn ihr Familienprojekt vor dem Scheitern steht.

Ansonsten ist das Buch für die Lehre insofern gut verwendbar als es die Möglichkeit bietet, in Seminaren zu allgemeinen Themen – z. B. Erziehungshilfen, Straffälligenhilfe, Familienhilfe, Migration, Drogen, Gewalt - passende Texte hinzuziehen, die komprimiert solide und in verständlicher Weise Genderaspekte beleuchten.

Dass auch mit diesem Band längst noch nicht alles gesagt ist, das merken die Herausgeberinnen selbst schon zu Beginn an, wenn sie notieren, dass die einzelnen Beiträge zu spezifischen Arbeitsfeldern nicht das hochgradig ausdifferenzierte Feld der Sozialen Arbeit vollständig abdecken können, sondern nur selektiv exemplarischen Charakter haben. Das Fehlen von Beiträgen zur Sozialen Arbeit mit alten Menschen und Menschen mit Behinderung oder die Nicht-Thematisierung der Geschlechterverhältnisse in der Hochschule wie auch in den Organisationen der Sozialen Arbeit spricht letztlich nicht gegen das Buch, sondern verweist nur beispielhaft auf weitere Diskussions- und Entwicklungsbedarfe.
Lotte Rose (Frankfurt am Main)
Zur Zitierweise der Rezension:
Lotte Rose: Rezension von: Zander, Margherita / Hartwig, Luise / Jansen, Irma (Hg.): Geschlecht Nebensache?, Zur Aktualität einer Gender-Perspektive in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 2 (Veröffentlicht am 28.03.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/9783531149447.html