EWR 7 (2008), Nr. 6 (November/Dezember)

Silke Hellwig
Zur Vereinbarkeit von Competency-Based Training (CBT) und Berufsprinzip
Konzepte der Berufsbildung im Vergleich
Wiesbaden: VS Verlag 2008
(388 S.; ISBN 978-3-531-15966-9; 39,30 EUR)
Zur Vereinbarkeit von Competency-Based Training (CBT) und Berufsprinzip Im vorliegenden Band beschäftigt sich Silke Hellwig mit dem australischen CBT-Ansatz im Vergleich zur deutschen Berufsausbildung. Warum sollte die deutschsprachige Leserschaft sich nun allerdings gerade mit einer Thematik von der anderen Seite der Weltkugel beschäftigen?

Die Antwort auf diese Frage liefert die Autorin durch ihre interessante und lesenswerte Studie, die zugleich ihre Dissertation darstellt, selber: In drei Hauptabschnitten setzt sich Hellwig zum einen mit dem Kompetenzbegriff auseinander, zum anderen wird der australische CBT-Ansatz und dessen Umsetzung im Programm der training packages analysiert, um in einem letzten Schritt die Vereinbarkeit von australischem Kompetenz- und deutschem Berufskonzept zu beleuchten. In allen drei Teilschritten verwendet die Autorin ein identisches Analysekonstrukt, welches aus den drei Analyseebenen ordnungspolitisch-organisatorisch, didaktisch-curricular sowie Lernprozess besteht (22). Alle drei Ebenen werden wiederum mit jeweils mehreren Kriterien spezifiziert, die in der Untersuchung als Vergleichskriterien zwischen den beiden Länderkonzepten fungieren.

Im ersten Hauptkapitel werden die verschiedenen Kompetenzansätze und deren Herkunft aus verschiedenen Forschungsperspektiven, bildungspolitischen Ansprüchen und zwangsläufig den beiden unterschiedlichen Länderansätzen in Australien und Deutschland kompakt strukturiert und dabei dennoch mehrperspektivisch erläutert. Dabei wird im Kontext der deutschen Kompetenzdebatte deutlich, „wie komplex und gleichzeitig facettenreich das Konstrukt der beruflichen Handlungskompetenz ist. Erscheint eine Abgrenzung der einzelnen Kompetenzen auf den ersten Blick möglich, so verschwimmen die Grenzen bei einer detaillierten Beschreibung der Inhalte und Anforderungen, was durch die Interdependenzen der einzelnen Kompetenzen und Kompetenzelemente noch verstärkt wird” (79f.). Trotz dieser Sachlage (oder gerade deswegen) scheut sich die Autorin nicht, eine eigene Arbeitsdefinition im deutschen Kontext zu entwickeln. Diese lautet: „Kompetenz bedeutet die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten, und weist vier Dimensionen von Handlungsdispositionen auf, respektive fachliche, methodische, personale und soziale Dispositionen, welche in konkreten Performanzsituationen Rückschlüsse auf die vorhandene Kompetenz erlauben” (82).

Die Analyse der australischen Kompetenzdebatte (teilweise unter Berücksichtigung britischer Ansätze) mündet hingegen in ein weitgehend anderes Kompetenzverständnis und folglich in eine abweichende Definition, die da lautet: „Competency beschreibt die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, die notwendig sind zur Erfüllung spezifischer Anforderungen am Arbeitsplatz und gleichzeitig den Transfer auf andere Arbeitsfelder und -aufgaben ermöglichen, wofür allgemeine personale Attribute notwendig sind” (112). Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, setzt sich Hellwig insbesondere mit der Ab- und Eingrenzung des Competency-Begriffs auseinander, der sich zum einen im Laufe der Jahre von einem behavioristischen Verständnis zu einem funktionalen gewandelt habe (110). Zum anderen stelle competency im Gegensatz zu competence eine spezifische Befähigung und kein übergeordnetes Leistungsvermögen dar und sei situativ und modular zu charakterisieren (95f). Allerdings stellt Hellwig auch fest, „dass in der praktischen Umsetzung des Kompetenzbegriffs keine klare Differenzierung zwischen den Begriffen stattfindet, sondern dass die beiden Begriffe trotz unterschiedlicher Konnotationen oftmals synonym verwendet werden” (97).
Die Autorin benutzt für ihre Zwecke aber folgerichtig im weiteren Fortgang der Arbeit den Begriff competency in der skizzierten Bedeutung und zeigt die Unterschiede zwischen dem deutschen Kompetenzbegriff und dem australischen Competency-Begriff auf (114-119).

An dieser Stelle wird eine Problematik deutlich, die sich bei vielen komparativen Studien findet: Gemeint ist die Nutzung der übersetzten Terminologie, welche in der eigenen Landessprache aber bereits abweichend besetzt ist. So benutzt die Autorin den Begriff “Kompetenzstandard” in australischen Kontext (z.B. 103), meint damit aber nicht das deutsche Kompetenzkonstrukt, sondern das Competency-Konstrukt. Hier und an anderen vergleichbaren Stellen wäre daher die Beibehaltung des australischen Begriffs “competency standards” bzw. allgemein competency zur Vermeidung von Irritation beim Leser angezeigt gewesen.

Sehr hilfreich erweisen sich insbesondere im ersten Kapitel die prägnant eingefügten Zitationen, die zum einen die zentrale australische Fachliteratur widerspiegeln und zum anderen auf Interviews basieren, die Silke Hellwig persönlich in Australien durchführte.

Die Beschreibung der Interviewdurchführung bildet den ersten Teil des zweiten Hauptkapitels. Es wurden 35 Interviews mit Experten der Bildungsforschung, der Bildungsverwaltung sowie der Berufsbildungspraxis geführt (127f.). Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden von der Autorin in der Folge pointiert zur Absicherung der getroffenen Aussagen herangezogen.

Hinsichtlich der Philosophie des CBT-Ansatzes werden von der Autorin die „Kerncharakteristika“ Flexibilität, Outcomeorientierung und Individualisierung ausgemacht (132, später ergänzt um „Modularität“, z.B. 276), die damit auch zentrale Aspekte des australischen Competency-Prinzips ausmachen (139). Im Weiteren werden diese Aspekte im Kontext der Theorie sowie der rechtlichen und ordungspolitisch-organisatorischen Bedeutung detailreich und aktuell analysiert. Besondere Aufmerksamkeit wird dann (182ff.) im Kontext der didaktisch-curricularen Betrachtungsebene der umfangreichen Darstellung und akribischen Analyse des australischen Programms der training packages gewidmet. Ohne an dieser Stelle auf Einzelheiten eingehen zu können, zeigt die Autorin zusammenfassend auf, dass die training packages weitgehend dem australischen Competency-Verständnis entsprechen, allerdings im Laufe der Zeit weniger idealtypisch (z.B. hinsichtlich der Outcome-Orientierung) konzipiert wurden. Diese Veränderung macht die Autorin anschließend auch auf der Lernprozess-Ebene des CBT-Ansatzes (und konkret der training packages) aus (208ff.), auf der starke Elemente von Individualisierungs- und Flexibilisierungstendenzen präsent sind, aber nicht mehr ausschließlich behavioristisch, sondern zunehmend holistisch/integrativ vorgegangen wird.

Im letzten Teil des zweiten Abschnitts stellt Hellwig in einer kritischen Auseinandersetzung die Vor- und Nachteile des CBT-Ansatzes mittels diverser Quellen umfassend und unvoreingenommen dar. Wie auch in fast allen anderen Kapiteln wird zum Ende eine Zusammenfassung der wichtigsten Befunde in einer übersichtlichen Tabelle generiert.

Im dritten Teil des Buches wird dann über das Berufskonzept explizit die deutsche Perspektive integriert. Dies erfolgt in einem ersten Schritt (ab 251) mittels einer dezidierten begrifflichen Auseinandersetzung mit dem Berufsprinzip, wobei diverse wissenschaftliche und bildungspolitische Zugänge ausgelotet und verglichen werden. Ausführlich wird auf der bis dahin gelegten Grundlage das deutsche Berufsprinzip mit dem australischen Competency-Prinzip verglichen. Insbesondere werden von der Autorin die Unterschiede in der Ganzheitlichkeit gegenüber der Modularisierung, der Input- und Prozessorientierung versus der Outcomeorientierung, der Erstqualifizierung im Gegensatz zum Lebenslangen Lernen sowie die hohe Reglementierung gegenüber einer geringen ausgemacht (276). Im Gegensatz zu diesem eher abstrakten Vergleich kann die Autorin bei der Untersuchung der Realtypen (Duales System versus CBT/training packages) (276ff) hingegen auf allen drei Analyseebenen (siehe oben) neben Unterschieden auch diverse Gemeinsamkeiten feststellen, die dem Leser detailreich und dabei dennoch strukturiert und übersichtlich dargestellt werden.

In der anschließenden „wechselseitigen Potentialanalyse“ (317) werden vor dem Hintergrund der bestehenden Probleme in den beiden Berufsbildungssystemen Lösungsmöglichkeiten skizziert, welche durch die jeweils anderen Ausbildungsansätze erzielt werden könnten. Lobenswert bei diesem anspruchsvollen Unterfangen ist u.a. der Sachverhalt, dass die Autorin diesen stark hypothetisch geprägten Argumentationsgang sehr zurückhaltend und vorsichtig angeht und keine Patentlösungen anbietet. So wird z.B. immer wieder darauf verwiesen, dass Veränderungen auch negative Begleiterscheinungen erzeugen können. Illustriert sei dies an einem Zitat zum deutschen Kontext (343f.): „ Abschließend kann konstatiert werden, dass die starke Reglementierung auf der ordnungspolitisch-organisatorischen und didaktisch-curricularen Ebene Auswirkungen auf die Lernprozess-Ebene hat. Standardisierung bezüglich der Lernorte, Lerninhalte, Leistungsmessung und Zertifizierung sind die Folge und führen einerseits zu Homogenität und Transparenz, andererseits zu mangelnder Flexibilisierung und Individualisierung.“

In der Schlussbetrachtung stützt Hellwig die drei Hypothesen, dass es eine Vereinbarkeit des Berufs- und des Competency-Konzepts, eine Konvergenz des Dualen Systems und des CBT-Ansatzes sowie großes Reformpotential für das Duale System durch Elemente des CBT-Ansatzes gäbe. Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass das vorliegende Buch zur australischen Berufsbildung für die deutschsprachige Leserschaft empfehlenswert ist, da ein interessantes Thema, das wissenschaftlich im deutschen Umfeld bisher nicht oder nur rudimentär bearbeitet wurde, strukturiert und fachlich fundiert behandelt wurde. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine gute Aufarbeitung von sonst nicht oder nur schwer zugänglicher Literatur und von Expertenmeinungen zum australischen Berufsbildungssystem geliefert werden.

Fachlich kritisierbar ist der einseitige Fokus auf das australische Konstrukt der Competency, der spätestens vor dem Hintergrund der Realtypen immer stärker einer Fokussierung auf die Modularisierung weichen muss (z.B. 104, 114, 116, 192, 195, 206, 210, 214, 273, 314, 328). Das von Hellwig entwickelte „Hilfskonstrukt“ der „Kompetenzmodule“ (Seiten gem. vorherigen Angaben) ist dabei ein Schritt in die richtige Richtung. Doch ob die Perspektive haltbar ist, „die dem Kompetenzprinzip inhärente Modularisierung curricularer Vorgaben“ (314, ähnlich auch 273) sei ausreichend, kann angezweifelt werden. So wird an vielen Stellen des Buches (Seiten s.o.) deutlich, dass die Modularisierung als Konzept eine so weitreichende Bedeutung hat, dass eine reine Subsumption unter den Competency- bzw. CBT-Ansatz fraglich erscheint. Zumal durch diese Herangehensweise diverse vorliegende Befunde zur Modularisierung in angelsächsischen Ländern ausgeblendet werden, die sich hervorragend mit den von Hellwig skizzierten Argumentationssträngen gedeckt hätten. Dieser Einwand schmälert allerdings das Werk nur marginal und zeigt Forschungsperspektiven bzw. die weiterhin bestehenden Forschungsdesiderate (361) auf.
Matthias Pilz (Freiburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Matthias Pilz: Rezension von: Hellwig, Silke: Zur Vereinbarkeit von Competency-Based Training (CBT) und Berufsprinzip, Konzepte der Berufsbildung im Vergleich. Wiesbaden: VS Verlag 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353115966.html