EWR 9 (2010), Nr. 1 (Januar/Februar)

Werner Helsper / Rolf-Thorsten Kramer / Merle Hummrich / Susann Busse
Jugend zwischen Familie und Schule
Eine Studie zu pädagogischen Generationsbeziehungen
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009
(440 S.; ISBN 978-3-531-16574-5; 39,90 EUR)
Jugend zwischen Familie und Schule Mit diesem 440 Seiten starken Werk, das im Umfeld des renommierten Zentrums für Schul- und Bildungsforschung (ZSB) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erstellt wurde, liegt eine umfassende qualitativ empirische Studie zum komplexen Beziehungsgeflecht zwischen Familie und Schule vor, in das Jugendliche in ihrer Rolle als Schüler/in eintreten bzw. daß ihre Bildungsbiographie und Individuation entscheidend prägt. Deutlich wird, inwiefern dieses Beziehungsgeflecht durch die unterschiedliche Passung zwischen Elternhaus und Schule funktional oder aber dysfunktional wirken kann hinsichtlich der Autonomiebestrebungen von Mädchen und Jungen als Schülerinnen und Schüler. Dabei genügt es nicht – das arbeitet das Forscher/innenteam deutlich heraus – die Passung im Hinblick auf (sozio-kulturelle) Normalitätserwartungen von Schule zu betrachten. Vielmehr kommt der Form, in der Jugendliche Anerkennung in Schule und/oder Elternhaus erfahren und dem Zusammenspiel dieser beiden Sozialisationsinstanzen bei der Vermittlung von Anerkennung eine zentrale Rolle zu.

Die vier Autor/innen präsentieren die Ergebnisse eines groß angelegten, in den Jahren 2001 bis 2007 von der DFG geförderten Projektes, in dem die Methode der objektiven Hermeneutik auf qualitativ erhobenes, unterschiedliches Datenmaterial angewendet wurde. Die Studie beginnt mit einer kritischen Auseinandersetzung mit bisherigen theoretischen und empirischen Befunden zur Thematik der Generationenbeziehungen in Familie und Schule sowie der Passungsthese (Bourdieu), die aus Sicht der Autor/innen allerdings den heute vorzufindenden Beziehungsmustern zwischen Familien, Schüler/innen und Schulen nicht mehr in vollem Umfang gerecht werden könnten (Kapitel eins). Dabei werden zunächst Thesen zum Wandel der pädagogischen Generationsbeziehungen vorgestellt, deren Kernaussagen als „riskante Hypothesen“ bewertet werden, die empirisch nicht abgesichert seien. Thesen zur Transformation der Generationsordnungen und der Generationenbeziehungen würden, so die Autor/innen weiter, die Ambivalenz und antinomische Strukturiertheit eben dieser Ordnungen und Beziehungen nicht genügend in den Blick nehmen. Genau dies zu tun, ist jedoch zentrales Ziel der vorgelegten Studie.

Vor dem Hintergrund einer anerkennungstheoretisch fundierten Sozialisationstheorie werden mit Hilfe der empirischen Untersuchung fünf zentrale Thesen einer genaueren Prüfung im Hinblick auf ihre Ambivalenzen unterzogen:

  1. Die Infragestellung der Älteren,
  2. Das Modell des eigenständigen aktiven Kindes,
  3. Die Verschiebung der Machtbalance zwischen den Generationen (Informalisierung),
  4. Die Verkehrung im Kompetenz- und Wissensgefälle,
  5. Das Verschwinden der Generationen differenz.


Es folgt in den Kapiteln zwei bis vier die Darstellung und Auswertung der eigenen empirischen Untersuchung, die in Kapitel fünf schließlich in dem Versuch mündet, eine empirisch begründete und material fundierte „Theorie pädagogischer Generationsbeziehungen“ zu entwickeln.

Kennzeichen der Studie ist, dass sie die Perspektiven der unterschiedlichen Generationsakteurinnen und -akteure aufeinander bezieht und ihre Interaktionen rekonstruktiv im Rahmen einer qualitativen Mehrebenenanalyse erfasst. Im Sinne einer größtmöglichen Kontrastierung der Beziehungsebenen und Formen im Beziehungsgeflecht zwischen Schule und Elternhaus werden auf allen Ebenen „Varianten familial-pädagogischer und schulisch-pädagogischer Generationsbeziehungen“ sowie deren differente Passungsvarianten in den Blick genommen. Die Untersuchung kann für sich in Anspruch nehmen, ein Paradebeispiel für eine qualitative Mehrebenenanalyse mit der Methode der objektiven Hermeneutik zu sein, da der Gegenstand der Generationenbeziehungen auf der Ebene der Schulen, der Schüler/innen und der Familie erhoben und untersucht wird.
Die Ausgangsebene stellt der Bereich der Schule dar. Hier wurden als Forschungsfelder ein großstädtisches Gymnasium in einem gut situierten sozialen Umfeld, eine kleinstädtische Sekundarschule in einer strukturschwachen ländlichen Region sowie eine großstädtische integrierte Gesamtschule mit reformpädagogischer Orientierung ausgewählt. An den Schulen wurden 30 bis 60 Unterrichtsinteraktionen zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen (zu pädagogischen Generationsbeziehungen) videobasiert aufgenommen. Ergänzend wurden auf der Ebene der Schule fokussierte Interviews mit Lehrer/innen durchgeführt und Begrüßungsreden der jeweiligen Rektor/innen zu Schuljahresbeginn (zur symbolischen Generationsordnung) aufgezeichnet. Die Unterrichtsbeobachtungen bildeten die Grundlage für die Auswahl von 10 bis 12 Schüler/innen (je Schule). Aus diesem Kreis wurden drei bis vier Schüler/innen für kontrastierende Fallanalysen ausgewählt, die in Interaktion mit ihren Familien (Eltern) im Rahmen von gemeinsamen Abendessenszenen beobachtet wurden. Ergänzt wurde das Material zu den Familien mit je einem Eltern- bzw. Familieninterview. Damit wurde ein anspruchsvolles qualitatives Design gewählt, das zu einem umfassenden Korpus an Daten für eine auf Triangulation beruhende objektiv hermeneutisch ausgerichtete Analyse diente. Es entsteht als Ergebnis der Fallanalyse schließlich ein Modell verschiedener Entwürfe einer Generationsordnung, die sich unter den Bedingungen von Modernisierung im Spannungsfeld zwischen Reproduktion und Transformation bewegt.

Als eine zentrale Kategorie des Zusammenspiels zwischen Elternhaus und Schule im Hinblick auf die Individuation von Schülerinnen und Schülern bildet sich über das empirische Material der Aspekt der Erfahrung von Anerkennung ab. Formen, in denen diese erfahren wird, sind die emotionale, individuelle und moralische Anerkennung (in Anlehnung an A. Honneth). Aus den Ergebnissen lässt sich u. a. herleiten, dass „Schule […] zwar emotionale Anerkennungsdefizite [in der Familie, Einfügung Y. K.] kaum ausgleichen [kann, Einfügung Y. K.], sie vermag aber auf der Ebene der moralischen Anerkennung integrativ zu wirken und die Schüler auf ihre Rolle festzuschreiben“ (380). In einer Matrix, in der diese drei Formen der Anerkennung – jeweils getrennt nach dem Bereich, in dem sie erfahren werden (Schule oder Familie) – mit den vier empirisch vorgefundenen Anerkennungsverhältnissen im Spannungsfeld von Familie und Schule abgebildet werden, zeigen die Autor/innen schematisch, welche Konstellationen durch das Sample identifiziert werden konnten und inwiefern diese verschiedenen anerkennungstheoretisch bedeutsamen Konstellationen für das Individuum funktional bzw. dysfunktional wirksam werden. So wird deutlich, welche Konstellationen besonders günstig für den Aufbau von Selbstachtung bei den Schülerinnen und Schülern sind, welche durch die Akteure Familie oder Schule wechselseitig kompensiert werden können und bei welcher Konstellation der Aufbau von Selbstachtung nur schwer zu vollziehen ist. Besonders deutlich wird in allen Fällen die Relevanz der emotionalen Anerkennung der Jugendlichen in der Familie (391).

Zahlreiche Schaubilder und Grafiken begleiten die Schilderung des methodischen Designs, der empirischen Analysen und der daraus abgeleiteten theoretischen Modelle. Sie sollen zur Veranschaulichung der aufgedeckten, sehr komplexen Zusammenhänge in der Individuation von Jugendlichen im Spannungsfeld von Schule und Familie beitragen, doch dieser Anspruch kann nicht immer eingelöst werden. Zwar dokumentieren sie – ebenso wie die äußerst differenziert und in elaboriert sozialwissenschaftlichem Duktus geschilderten Analyseschritte der Untersuchung – das Bemühen der Autor/innen um größtmögliche Transparenz. Dieses steht jedoch leider in keinem Verhältnis zur Verständlichkeit des Textes insgesamt.

Die Untersuchung, die die Aspekte von Milieu- und Schichtzugehörigkeit sowie Geschlecht als Heterogenitätsdimensionen fokussiert, kann als ein wichtiger zugleich schultheoretischer wie auch empirischer Beitrag zur aktuellen Diskussion um den Beitrag von Schule zur Chancengerechtigkeit im Bildungssystem gelten. Von Interesse könnte, angesichts der nicht nur sozialen oder geschlechterbezogenen Pluralisierung von Lebensformen und -entwürfen sowie der entsprechend diversifizierten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Frage sein, in wie weit die hier entworfene Theorie von Generationenbeziehungen auch auf interkulturelle Kontexte zutrifft. Diese Dimension wurde – sicher aus Gründen der notwendigen Reduzierung von Komplexität und daher Praktikabilität des Untersuchungsdesigns – in die Kontrastierung der Fälle nicht einbezogen. Die Gültigkeit einer „Theorie der Generationenbeziehungen“, wie sie hier entwickelt wird, müsste daher in einem weiteren Schritt auf ihre funktionale Äquivalenz für den ethno-kulturell pluralen Kontext der gegenwärtigen Realität von Schule und Gesellschaft geprüft werden.

Grundsätzlich jedoch bietet der Band einen sehr differenzierten, empirisch basierten und durch das kleinschrittig aufbereitete, präsentierte Interviewmaterial auch sehr authentischen Einblick in die Beziehungsmechanismen zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen sowie Eltern und ihren Kindern. Die Methode macht es möglich, herauszuarbeiten, welchen nach wie vor hohen erzieherischen Stellenwert als „signifikant Anderer“ und Bezugsperson Lehrer/innen und Eltern für Schüler/innen in der Sekundarstufe I haben. Die eingangs benannten, aus dem derzeitigen Theoriediskurs entwickelten Ausgangsthesen, werden durch die Ergebnisse der Studie in ihrer generalisierenden Geltung mindestens relativiert, in einzelnen Fällen sogar widerlegt.
Yasemin Karakasoglu (Bremen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Yasemin Karakasoglu: Rezension von: Helsper, Werner / Kramer, Rolf-Thorsten / Hummrich, Merle / Busse, Susann: Jugend zwischen Familie und Schule, Eine Studie zu pädagogischen Generationsbeziehungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353116574.html