EWR 10 (2011), Nr. 3 (Mai/Juni)

Siglinde Naumann
Bildungsprozesse in bürgerschaftlichen Initiativen
Eine empirische Studie zur Transformation konjunktiver Orientierungen
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
(268 S.; ISBN 978-3-5311-6781-7; 34,95 EUR)
Bildungsprozesse in bürgerschaftlichen Initiativen Die Studie „Bildungsprozesse in bürgerschaftlichen Initiativen“ von Siglinde Naumann beschäftigt sich mit dem habituellen Umgang mit Heterogenität in bürgerschaftlichen Vereinigungen. Zentrales Erkenntnisinteresse der Autorin ist, ob und wie der Umgang mit der Diversität der Mitglieder die Lern- und Bildungsprozesse in den Initiativen beeinflusst. Die Arbeit orientiert sich methodologisch und methodisch an der dokumentarischen Methode. Zentrale Datengrundlage bilden entsprechend der Konzeption der dokumentarischen Methode von Bohnsack auch Gruppendiskussionen.

Das Sample wird aus sechs bürgerschaftlichen Initiativen (2 Fraueninitiativen, 2 Elterninitiativen, 1 Väterinitiative, 1 Männerband) gebildet, die seit mindestens zehn Jahren bestehen und deren Mitglieder aus unterschiedlichen Herkunftsländern stammen und / oder verschiedenen Generationen und Bildungsmilieus angehören. Mit der Untersuchung wird die Entgrenzungsthese der Erwachsenenbildung aufgegriffen und es wird ein empirischer Beitrag zum informellen (lebenslangen) Lernen außerhalb von expliziten Bildungsinstitutionen geliefert.

Die Studie ist in sechs Kapitel gegliedert. Nach der Einleitung (Kap. 1), in der die Anlage der Untersuchung zusammenfassend dargestellt wird, werden sowohl der Forschungsstand zu Lern- und Bildungsprozessen in bürgerschaftlichen Initiativen aufgearbeitet als auch die Studie grundlagentheoretisch verortet (Kap. 2). Das übereinstimmende Ergebnis der Forschungsstandrekonstruktion, dass in bürgerschaftlichen Initiativen immer Lernprozesse stattfinden, wird mit den Beobachtungen der Autorin verknüpft, dass Mitglieder in bürgerschaftlichen Initiativen zwar neben ihrem gemeinsamen Engagement für dieselbe Sache auch eine starke Heterogenität (Alter, Geschlecht, Herkunftsland, Bildungsniveau) aufweisen können. Während die Diversität der Mitglieder in manchen Initiativen aber eher problematisch ist, können andere diese als Ressource für Lern- und Bildungsprozesse nutzen.

Auf der Basis dieser von der Autorin wahrgenommen Diskrepanz wird die zentrale Fragestellung der Untersuchung entwickelt: Welche handlungsleitenden Orientierungen werden in bürgerschaftlichen Initiativen im Umgang mit der Heterogenität deutlich und im welchem Zusammenhang stehen diese mit den in den Initiativen sich vollziehenden Lern- und Bildungsprozessen?

Naumann differenziert in diesem Zusammenhang in Anlehnung an Marotzkis strukturale Bildungstheorie zwischen Lern- und Bildungsprozessen. Während Lernprozesse als die Mehrung und Bestätigung vorhandenen Wissens verstanden werden, ist das wesentliche Kennzeichen von Bildungsprozessen, dass durch sie grundlegend Lebensorientierungen verändert werden.

Weiter werden die Lern- und Bildungsprozesse von Naumann nicht als individuelle, sondern als kollektive Prozesse fokussiert, die sich im konjunktiven Erfahrungsraum Initiative vollziehen und von anderen Erfahrungsräumen außerhalb der Vereinigungen überlagert werden. Hiermit wird die zweite grundlagentheoretische Verortung der Studie, nämlich die Wissenssoziologie Mannheims, deutlich. Das Konzept der konjunktiven Erfahrungsräume wird von Naumann zum einen herangezogen, um die Heterogenitätsdimensionen in bürgerschaftlichen Initiativen beschreiben und zum anderen um die sich in den Initiativen vollziehenden Lern- und Bildungsprozesse als kollektive Prozesse erfassen zu können.

Im dritten Kapitel wird zunächst das empirische Feld skizziert, indem theoretisch-politische Analysen zur Zivilgesellschaft und zum bürgerschaftlichen Engagement referiert und in Bezug zueinander gesetzt werden. Mit Hilfe von Giddens Strukturierungstheorie wird hierbei ein analytischer Zugang gewählt, um die gesellschaftlichen Strukturen mit den sich wandelnden Handlungsorientierungen der Akteure der Initiativen aufeinander beziehen zu können.

Im empirischen Teil der Studie wird zunächst das Design der Untersuchung ausführlich und dennoch pointiert dargelegt (Kap. 4). Naumann beschreibt hier dezidiert den Prozess der Datenerhebung (die Samplezusammenstellung, die Methodik der Gruppendiskussion allgemein und in der konkreten Umsetzung), skizziert die zentralen methodologischen Prämissen, das methodische Vorgehen der dokumentarischen Methode und legt die konkrete Umsetzung der Methode im Rahmen der Untersuchung dar.

Den größten Umfang mit knapp 140 Seiten bildet das fünfte Kapitel, in dem die sechs Fälle vorgestellt werden. Zunächst werden die Gruppen(-diskussionen) mithilfe von ausgewählten Passagen präsentiert, wobei sich kurze Transkriptstellen mit Paraphrasierungen und deren Interpretation abwechseln. Im Anschluss werden im Hinblick auf das Erkenntnisinteresse der Studie jeweils die grundlegenden Orientierungen der Gruppen, die habituellen Muster des Umgangs mit Heterogenität sowie die kollektiven Lern- und Bildungsprozesse zusammenfassend und kontrastierend dargestellt. Abgeschlossen wird die Ergebnisdarstellung mit der Präsentation der fallübergreifenden Ergebnisse und deren theoretische Einbettung (Kap. 6).

Naumann rekonstruiert hier erstens zwei Modi des Umgangs mit Heterogenität, die sich in ihren unterschiedlichen Ausprägungen in allen sechs Initiativen wiederfinden. Während der erste Modus u.a. davon geprägt ist, die internen Differenzen durch Harmonisierungen zu nivellieren, zeichnet sich der zweite durch eine prinzipiell positive Konnotation von Heterogenität aus. In diesem Modus wird beispielsweise ein Interesse an anderen Sichtweisen etwa durch Perspektivübernahmen deutlich.

Zweitens werden die in den Initiativen rekonstruierten Heterogenitätsdimensionen bzw. der Umgang mit ihnen beschrieben. Dabei wird zwischen personengebundenen konjunktiven Erfahrungsdimensionen außerhalb der Gruppe (z.B. Alter, Geschlecht, Einkommen) und Erfahrungsdimensionen, die sich auf das gemeinsame Engagement beziehen (Aufgaben, Positionen in den Initiativen) differenziert.

Drittens gelingt es der Autorin zwei Typen von Initiativen zu rekonstruieren: Gruppen, die eher eine gemeinsame Wertorientierung und Gruppen, die eher durch eine Zweckorientierung der Mitglieder geprägt sind.

Im Hinblick auf die Lern- und Bildungsprozesse kommt Naumann viertens zu dem Ergebnis, dass die unterschiedlich ausgeprägten Heterogenitätsdimensionen eher zu Bildungsprozessen führen, wenn die Initiativen auf gemeinsamen Wertorientierungen beruhen, sie ein „Anders-Sein“ einander zugestehen, es produktiv nutzen und es nicht nivellieren. In fünf Initiativen kann Naumann Bildungsprozesse rekonstruieren, die nicht geplant und reflexiv sind, sondern sich spontan und im praktischen Vollzug des kollektiven Handelns vollziehen.

Abgeschlossen wird die Studie mit der Spiegelung der Ergebnisse am Forschungsstand und mit Empfehlungen, wie vor dem Hintergrund der Ergebnisse Bildungsprozesse in (nicht-) institutionalisierten Kontexten beratend begleitet werden können.

Die Studie von Naumann liefert einen beachtenswerten, empirisch fundierten Beitrag zum Lernen in alltagsweltlich strukturierten Lernkontexten. Besonders hervorzuheben sind die überzeugenden theoretischen Anschlüsse, das ausgewogene Sample und der methodische Zugang der Studie, die es erlauben, selbstorganisierte Lern- und Bildungsprozesse in ihrer Komplexität zu erfassen. Die Falldarstellungen anhand von ausgewählten Passagen sind gut akzentuiert. Sie ermöglichen dem Leser, sich ein lebendiges Bild von den Initiativen zu machen und regen beim Lesen zu eigenen Vergleichen der Gruppen an.

Durch die komprimierte Darstellung der Analyse wird die Trennung der Analyseschritte von der formulierenden hin zur reflektierenden Interpretation nicht immer eindeutig abgrenzt. Dennoch gelingt es Naumann mit der Studie, den Erkenntnisgewinn vorzuführen, den das Verfahren der Gruppendiskussion – welches im Vergleich zu Interviewstudien immer noch wenig genutzt wird – für erwachsenenpädagogische Fragestellungen bereit hält. Es wird deutlich, wie die rekonstruierten Modi des Umgangs mit Heterogenität sowohl in Bildungsprozesse als auch in Stereotypisierungen und Exklusion münden können. Alleine die Redundanzen, wenn die Autorin an verschiedenen Stellen die Unterscheidung von Bildungs- und Lernprozessen erläutert oder immer wieder die Zielsetzung ihrer Arbeit darlegt, sind für den aufmerksamen Leser der Studie etwas ermüdend.
Tim Stanik (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tim Stanik: Rezension von: Naumann, Siglinde: Bildungsprozesse in bürgerschaftlichen Initiativen, Eine empirische Studie zur Transformation konjunktiver Orientierungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. In: EWR 10 (2011), Nr. 3 (Veröffentlicht am 22.06.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353116781.html