EWR 9 (2010), Nr. 3 (Mai/Juni)

Jörg Dinkelaker / Matthias Herrle
Erziehungswissenschaftliche Videographie
Eine Einführung
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009
(134 S.; ISBN 978-3-531-16863-0; 12,90 EUR)
Erziehungswissenschaftliche Videographie Zwar ist Videographie in der sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft kein wirkliches Novum des 21. Jahrhunderts [1], aber es bedurfte – nach ersten Ansätzen in den 1970er/1980er Jahren – dennoch weiterer zwei Jahrzehnte technischer und ökonomischer Entwicklung, bis dieser Form der Datengenerierung eine breite Aufmerksamkeit zuteil wurde. Die Vorteile sind dabei im wahrsten Sinne des Wortes ersichtlich: Zusätzlich zu angefertigten Tonbandaufnahmen kommt das Festhalten visueller Geschehnisse nun additiv zum Datenkorpus hinzu. Diese visuellen Daten können nicht nur vereindeutigend im Hinblick auf auditive Daten und deren Auswertung verstanden werden (i.S. einer Rekonstruktion, wer zu wem spricht), ergänzend (was geschieht, wenn niemand spricht); mit dieser Art der Datengenerierung werden gleichsam völlig neue Möglichkeiten der Datenerhebung und -auswertung möglich (s.u.). Mit der zunehmenden Komplexität der Daten geht also eine ebenfalls zunehmendere Diversifikation möglicher Erhebungsverfahren, Datenbearbeitungs- und Analysemethoden einher, die sich unabhängig von dem wissenschaftsdisziplinären Hintergrund kontinuierlich weiter ausdifferenzieren.

Konstatiert werden muss, dass in der Erziehungswissenschaft die Methode(n) der Videographie zwar ‚en vogue‘ sind, methodologische Grundlagenliteratur dennoch bislang ein Desiderat darstellt. Umso relevanter erscheint es da, dass mit „Erziehungswissenschaftliche Videographie. Eine Einführung“ ein übersichtlicher und leicht verständlicher Einführungsband erschienen ist. Benennt zwar der Titel des vorliegenden Buches explizit die „Erziehungswissenschaft“, eignet sich diese Einführung jedoch auch interdisziplinär für all jene, die sich mit der methodischen Datengenerierung qua Videographie auseinandersetzen (wollen).

Der gewählte Untertitel spiegelt den Duktus des Werkes insgesamt wieder: Konsequent ist eine leicht verständliche Formulierung und eine der Komplexität des Inhaltes entgegengesetzte leserfreundliche Gestaltung aufzufinden. Ersichtlich wird die Intention der beiden Frankfurter Autoren Jörg Dinkelaker und Matthias Herrle, eine Einführung anzubieten, die gleichsam das Interesse an Videographie wecken soll sowie eine Begleitung für bereits laufende Erhebungs-Planungen anbieten kann. Der Fokus liegt dabei neben der theoretischen Verfahrensdiskussion in der Hauptsache auf der Explikation der praktischen Durchführung von Videographie.

Die Zielgruppe ist damit konturiert. Es werden sich all jene von dieser Einführung angesprochen fühlen, die konkrete Forschungsvorhaben planen oder sich bereits in solchen befinden.

Zum Inhalt: Kapitel 1 kontextualisiert und diskutiert Videographie als Erhebungsinstrument. Theoretisch kontextualisiert wird insofern, als dass die Autoren zunächst den Sinn videographischer Erhebungen erläutern. Diskutiert werden die Leistungen und Grenzen, welche die Entscheidung zur videographischen Datenerhebung beeinflussen sollten. Bereits hier wird deutlich, dass in dieser Einführung auch die Nachteile dieser Erhebungsmethode klar angesprochen werden und eine einseitig-positive Darstellung nicht gegeben ist.

Kapitel 2 bis 4 sind sinnigerweise als ein Themenblock zu verstehen. Die einzelnen Kapitel entsprechen in ihrem Aufbau der Chronologie, der auch im Forschungsprozess gefolgt werden muss: Von der Planung der Erhebung resp. der Erhebung an sich (Kap. 2) geht es über die Aufbereitung der erhobenen Daten (Kap. 3) hin zur Analyse der aufbereiteten Daten (Kap. 4).

Im Einzelnen: Kapitel 2, „Datenerhebung“, verfeinert die Planungsgrundlage mit Hinweisen zur Planungsvorbereitung (2.1), Durchführung (2.2) und – hervorzuheben – der oftmals vernachlässigten Nachbereitung (2.3). Es werden dem Leser dabei weiterführende Hinweise offeriert, wie unterschiedliche Techniken der Kameraführung oder unterschiedliche Blickwinkelgenerierungen durch unterschiedliche Perspektiven. Der Fokus richtet sich bei der Nachbereitung insbesondere auf andere, ergänzende Methoden der Datenerzeugung, welche mit der Videographie nicht eingefangen werden können, dem Datenkorpus aber sinnvollerweise hinzugefügt werden sollten („Erhebungsprotokoll“, „Befragung“ und „weitere Daten“, 28f).

Das daran anschließende Kapitel 3 („Datenzugriff und Datenaufbereitung“) zeichnet sich, nach dem anfänglichen Beschreiben unterschiedlicher „Varianten des Zugriffs auf das laufende Video“ (3.1) sowie dem „Transformieren von Videodateien“ (3.2) insbesondere durch die Unterkapitel „Verschriftlichung“ (3.3) und „Bildliches Aufbereiten“ (3.4) aus. Die Autoren bieten mit „Verbaltranskripte“ (3.3.1), „Gesten- und Mimiktranskripte“ (3.3.2) sowie „Beobachtungsprotokolle“ (3.3.3) drei unterschiedliche Verfahren der Datenaufbereitung an. Einleuchtend ist, dass dies in keinem Falle eine ausführliche Erläuterung der einzelnen Verfahren darstellt und Spezifika der jeweiligen Verschriftlichungsform nicht erläutert werden – ein Einblick ist hier aber zumindest gegeben. Ebenfalls einführend dargestellt werden das „Bildliche Aufbereiten“ (3.4) mit „Stills und Stillfolgen“ (3.4.1) sowie „Skizzen“ (3.4.2).

Der Schwerpunkt der gesamten Einführung liegt sicherlich auf Kapitel 4: „Analyseverfahren“. Zunächst wird auf das Problem der Überkomplexität videographischer Daten eingegangen und wie diese sinnvoll reduziert werden können (4.1). Danach (4.2-4.6) beginnt die Erläuterung zu vier verschiedenen Analyseverfahren („Segmentierungs-“, „Konfigurations-“, „Sequenz-“ und „Konstellationsanalyse“). Deutlich unterschieden werden diese Verfahren anhand eines durchgehend verwendeten Fallbeispiels aus der Erwachsenenbildung. Im Gegensatz zur Kürze vorangegangener Erklärungen nehmen sich die Autoren hier Raum zur ausführlicheren Darstellung der einzelnen Analysemethoden.

Die Segmentierungsanalyse (4.3) bietet einen Überblick über den zeitlichen Verlauf des videographierten Interaktionsgeschehens. Die Konfigurationsanalyse (4.4) dient dem Überblick über die Gesamtordnung des Gleichzeitigen im Geschehen. Sequentialität und Simultaneität als wichtige unterschiedliche Beobachtungsperspektiven auf das Material kommen so zum Tragen. Könnte man diese Verfahren als Makroverfahren bezeichnen, die einen generellen Überblick verschaffen sollen, beleuchten die beiden nächsten Verfahren die darin jeweils spezifisch enthaltenen Mikroperspektiven. Die „Sequenzanalyse“ (4.5) fokussiert die Ausbildung von sinnstrukturierten Sequenzverläufen in der zeitlich-chronologischen Folge aufeinander bezogener und aufbauender Äußerungen. Verschiedene ‚Les-Arten‘ werden über das Gesehene gebildet, diese werden im verwendeten Beispiel durch das Hinzuziehen weiterer Daten entweder weiter aufrechterhalten oder verworfen. In der vorangegangenen Logik einer makroperspektivischen Annäherung an die Daten zuerst durch Sequentialität, dann Simultaneität wiederholen die Autoren anschließend auf diese Weise die Mikroperspektive: Die letzte Analyse, „Konstellationsanalyse“ (4.6), beschreibt die Rekonstruktion der Bedeutung von Äußerungen „vor dem Hintergrund aller gleichzeitig wahrnehmbaren Äußerungen, Ereignisse und Zustände“ (93). Auch hier werden die theoretischen Analyseschritte anhand des Fallbeispiels verdeutlicht – und auch hier werden zunächst Lesarten gebildet, diese dann mit weiteren Daten widerlegt oder weiter nachverfolgt, um schlussendlich zu einer Strukturhypothese zu gelangen.

Wirkliche Stärke zeigt die Einführung im letzten Unterkapitel: Die „kombinierte Anwendung der vorgestellten Verfahren“ (4.7). Die Kombination mehrerer, dem Erkenntnisinteresse zweckdienlicher Analyseverfahren ist in der Forschungspraxis in Teilen notwendig, da singuläre Verfahren je nach spezifischer Fragestellung die zu untersuchenden Daten nicht ausreichend beleuchten. Das Buch bietet hier eine (erste) Hilfestellung an und kombiniert die verschiedenen Verfahren miteinander, allerdings in einer chronologischen Reihenfolge. Es werden keine Verfahren ineinander verwoben, sondern in einer zeitlichen Abfolge gelistet, um zu einem spezifischen Ergebnis zu gelangen. Anschließend werden nochmals übersichtlich die Vor- und Nachteile der einzelnen Verfahren herausgestellt, um dann anhand einer Kreuztabelle auch die Möglichkeiten einer simultanen Verfahrenskombination darzustellen. Diese zeitliche Sequentialität und Simultaneität auch in der Verfahrenskombination wäre bei einer Einführung sicherlich für Forschende – gerade für diejenigen, die sich absichtsvoll an eine Einführung wenden – von großem Interesse gewesen und böte einen ersten, praktischen Einblick in die pluralen Möglichkeiten der (simultanen) Verfahrenskombination. Hier wären zusätzliche Inhalte sicherlich angebracht gewesen.

Das Buch schließt mit dem Kapitel: „Technische Hinweise“. Die darin subsumierten Abschnitte „Aufnahmetechnik“ (5.1), „Aufbereitungstechnik“ (5.2) sowie „Darstellungstechnik“ (5.3) bieten einen vom restlichen Buchkontext unabhängigen Überblick über Fragen der Hardware und der Software sowie der Bearbeitung des Datenmaterials. Besonders angenehm ist es, dass die Autoren auch konkrete Verweise auf kostenlose, aber notwendige Software der Datenver- und -bearbeitung geben. Nachteilig ist es natürlich, dass Tipps die Hardware betreffend in ihrer Aktualität dem andauernden technischen Fortschritt unterworfen sind. Teile dieses Kapitels, die sich speziell mit Fragen der Hardware befassen, werden mittelfristig überholt sein – bereits jetzt ist sicherlich eher nicht die von den Autoren konstatierte Aufnahme auf Mini-DV-Kassetten die Regel, sondern die wesentlich einfacher zu handhabende Aufnahme auf spezielle Speicherchips, deren Daten dann einfach und problemlos auf jeden PC kopiert werden können.

Hervorzuheben ist insgesamt der strukturierte Aufbau des gesamten Buches. Jedes einzelne Kapitel beginnt mit einer knappen Darstellung des folgenden Inhalts. Dabei wird stets auf die entsprechenden Unterkapitel verwiesen. Auch eventuell vorhandene mehrgliedrige Unterkapitel werden auf diese Weise eingeleitet. Ebenfalls ist der Schluss eines jeden Kapitels zu vermerken: Sämtliche Kapitel schließen mit einer komprimierten und übersichtlichen tabellarischen Darstellung des Kapitelinhalts. Aufgrund der teilweise komplexen Materie ist diese präzise Fokussierung auf die Kernaussagen und deren klare Darstellung für ein einführendes Werk außerordentlich gut gelungen. Tabellen finden sich nicht nur am Ende eines jeden Kapitels. Das Buch bietet insgesamt 43 (!) Abbildungen sowie 9 Tabellen. Die Abbildungen sind im Vierfarbdruck gehalten und lockern, genauso wie die Tabellen, das klare Layout zusätzlich auf.

Die Stärken des Buches, die Einführung in Videographie anhand eines konkreten Falles, sind dann auch die Schwächen dieser Einführung. Den Lesenden werden keine alternativen Methodologien angeboten – so findet Videographie auch in ethnographischen Forschungsprozessen hohen Zuspruch, die Datengenerierung, Aufbereitung und Analyse erfolgt dort aber nach in dieser Einführung kaum angesprochenen Methoden [2]. Den Lesenden wird in dieser Einführung also zwar sehr anschaulich, leicht verständlich und detailliert Videographie erläutert, jedoch stringent anhand der eigenen methodologischen Vorüberlegungen und methodischen Vorgehensweise der Autoren. Seitenblicke sind dabei gewahrt, allerdings werden Forschende, die eine grundsätzlich andere Richtung der Videographie und ihrer Datenauswertung einschlagen möchten, dieser Einführung weniger befriedigende Informationen entnehmen können.

Eine abschließende Bemerkung sei noch gestattet: Grundsätzlich stellt diese Einführung eine Reproduktion des immer noch größten Problems von Videographie dar. Es beziehen sich alle inhaltlichen Anweisungen darauf, Forschende letztlich für eine finale Print-Produktion ihrer Ergebnisse vorzubereiten. Der Diskurs um die wissenschaftliche Anerkennung von Videodaten als primäre Publikationsform sowie das datenschutzrechtliche Problem des Beifügens einer DVD bei Buchpublikationen manifestiert sich auch in diesem einführenden Werk. Wirklich originell wäre es sicherlich, wenn es in Zukunft eine Einführung geben würde, die – dem Medium angemessen – beispielsweise als interaktive DVD erscheint, um (und das ist ja gerade der interessante Punkt der Videographie) auch Visualisierungen zur Veranschaulichung beisteuern zu können.

[1] Vgl. Gottdiener, Mark (1979): Field Research and Video Tape. In: Sociological Inquiry 49, 4, 59-66.

[2] Vgl. Mohn, Elisabeth (2006): Lernkörper. Kamera-ethnographische Studien zum Schülerjob. Göttingen: IWf Wissen u. Medien.
Markus Hoffmann (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Markus Hoffmann: Rezension von: Dinkelaker, Jörg / Herrle, Matthias: Erziehungswissenschaftliche Videographie, Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.06.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353116863.html