EWR 9 (2010), Nr. 6 (November/Dezember)

Marc Schulz
Performances: Jugendliche Bildungsbewegungen im pädagogischen Kontext
Eine ethnografische Studie
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
(266 S.; ISBN 978-3-531-17051-0; 29,95 EUR)
Performances: Jugendliche Bildungsbewegungen im pädagogischen Kontext Das Wort „performances“ im Titel deutet bereits darauf hin, dass dieses Buch keine Jugendbewegungen untersucht, die sich der öffentlichen Kritik gegenwärtiger Bildungspolitik oder der Diskussion um Ziele, Inhalte und Methoden im gegenwärtigen Bildungssystem widmen. Auch politische Bewegungen haben zwar ihre „performances“ wie Streikaktionen, (Hoch-)Schulbesetzungen und Demonstrationen, sie sind hier aber nicht Gegenstand des Interesses. Vielmehr fragt die Studie nach dem Bildungspotential der körperlichen Aufführungen Jugendlicher in sozialpädagogischen Kontexten – genauer im Kontext der offenen bzw. aufsuchenden Jugendsozialarbeit.

Die Studie folgt einem klassischen Aufbau. In den ersten beiden Kapiteln erläutert der Autor die erziehungswissenschaftliche Einordnung und theoretische Grundlegung seiner Studie. Dieser folgt ein Methodenkapitel, an das sich sechs empirische Kapitel anschließen. Am Ende werden die empirischen Ergebnisse zusammengefasst und verallgemeinert, d.h. zusätzlich mit Schlussfolgerungen über professionelle Herausforderungen versehen; gefolgt von einem Verzeichnis der Abkürzungen und den Literaturangaben. Bereits hier zeigt sich, was die Lesenden erwartet: eine materialreiche und sorgfältig gearbeitete empirische Studie.

Das Buch ist durchgehend gut lesbar und angenehm unprätentiös und schnörkellos geschrieben. Die theoretischen Erörterungen und methodischen Verortungen bestechen insgesamt durch Klarheit und Präzision. Die empirischen Beschreibungen sind ebenso plastisch und nachvollziehbar wie die daran anschließenden Interpretationen. Die Rezensentin hat die Studie von vorn nach hinten gelesen. Die einzelnen Kapitel sind aber auch einzeln und unabhängig von einer bestimmten Reihenfolge lesbar, ohne den Zusammenhang zu verlieren – wobei inhaltliche Redundanzen die Ausnahme bleiben.

Zu Beginn diskutiert der Autor den Zusammenhang von Bildungs- und Jugendarbeit und greift hier die aktuellen Diskussionen um Bildungskontexte und den Unterschied zwischen formaler und nicht formaler Bildung auf. Bereits hier entwickelt er die Auffassung von „Bildung als performative[r] Handlungspraxis“ (34), die nicht nur den theoretischen Ausgangspunkt der Studie bildet, sondern für die Fokussierung der Beobachtungen, die Auswahl des Materials wie auch für die Zusammenfassung der einzelnen Interpretationen grundlegend ist und im Folgenden vom Autor genauer ausgeführt wird.

Im zweiten Kapitel wird der Begriff der „performance“ erörtert, der in Deutschland u.a. ausgehend vom Berliner Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ in den letzten Jahren Eingang in erziehungswissenschaftliche Forschungen gefunden hat. Auf dieses Umfeld bezieht sich der Autor, insbesondere auf die Arbeiten von Erika Fischer-Lichte und Christoph Wulf. Dabei gelingt es ihm, die sozialen, ästhetischen und transgressiven Dimensionen kultureller Aufführungen prägnant zu verdeutlichen und so aufeinander zu beziehen, dass ihre für Bildungsprozesse relevanten Merkmale herausgearbeitet werden. Damit führt der Autor eine Tradition fort, in der nicht mehr nur beispielsweise das klassische Theater oder das moderne Museum als (außerschulische) Bildungsanstalten erscheinen, sondern ebenso spontane und ereignishafte Aufführungen vor Publikum Bildungscharakter tragen (können). So kann Schulz jugendliche Aufführungspraktiken überzeugend als körperlich-sinnliche Tätigkeiten der Selbstbildung kennzeichnen.

Das Methodenkapitel verdeutlicht, inwiefern es sich bei der vorliegenden Studie um eine ethnografische Untersuchung handelt. Aus Sicht des Autors sind Feldaufenthalt, die Beachtung der Perspektive der Erforschten sowie die in der Ethnografie übliche Triangulation der Erhebungsverfahren, inklusive einer Bevorzugung der teilnehmenden Beobachtung, die hauptsächlichen Begründungen für seine methodische Verortung. Die lediglich in einer Fußnote vollzogene Abgrenzung von einer „pädagogischen Ethnografie“ und die damit verbundene Verortung im Rahmen einer „Ethnographie der Pädagogik“ sind aus Sicht der Rezensentin schwerer nachvollziehbar. Hier wären eine ausführlichere Erörterung oder prägnantere Aussagen wünschenswert gewesen. Die Ausführungen zur konkreten Vorgehensweise wiederum sind präzise, stringent und einleuchtend.

Die vorliegende Untersuchung geht aus anderen Studien und deren Materialerhebungen hervor, an denen der Autor als wissenschaftlicher Mitarbeiter beteiligt war und in deren Kontext er sich einordnet. Insofern basiert die Studie auf Teamarbeit. Dabei wird als Mittel der Verschriftlichung die „Feldvignette“ vorgestellt. Es handelt sich hierbei um verdichtete Beobachtungen, die sich aus zunächst getrennten, einzelnen Beobachtungsprotokollen und der Auswahl und Anordnung wesentlicher Beobachtungen ergeben, die im Team diskutiert wurden. Hier sind die präsentierten Feldvignetten die Grundlage weitergehender Interpretationen in den folgenden Kapiteln, ohne wie klassische „dichte Beschreibungen“ immer schon in einen empirisch erfassten Kontext eingelassen zu sein oder empirische Verallgemeinerungen vorwegzunehmen. Darüber hinaus nutzt Marc Schulz die Vignetten für kritische Distanznahmen und Reflexionen der Beobachterposition. Damit gelingt es ihm, eine lange Kritik und Selbstkritik an den bekannten Mängeln der teilnehmenden Beobachtung und dichten Beschreibung konstruktiv aufzugreifen und umzusetzen.

Das vierte Kapitel beschreibt die Innenräume von Jugendzentren und erfasst sie als präskriptive Aspekte der jugendlichen „performances“, die im anschließenden Kapitel nach ihren Einstiegsarten unterschieden werden. Die Einstiege markieren den Wechsel aus dem alltäglichen Handlungsfluss hin zu einem spezifischen, davon abgehobenen und abgesetzten Handlungskomplex. Über die Untersuchung der Merkmale des Körperlichen und Öffentlichen wird eine Verbindung zwischen den individuellen und kollektiven Dimensionen der Aufführungspraktiken beschreibbar. Dies ist die Voraussetzung, um die jugendlichen „performances“ in den folgenden drei Kapiteln als Praktiken der Verkörperung wie Einverleibung von Handlungswissen zu erschließen.

Die Studie unterscheidet verschiedene Aufführungsarten: Tanz bzw. Akrobatik, Musik, Gesang und Theater. Einzelne Beispiele werden als „Ausschnitte“ beschrieben, interpretiert und anschließend aufeinander bezogen und verglichen. Dabei gelingt es dem Autor nicht nur ästhetische und soziale Merkmale der Aufführungen herauszuarbeiten und deren Bildungspotential nachzuweisen, sondern auch so schwierig interpretierbare Dimensionen wie Scham, Ironie und Authentizität zu erfassen. Das neunte Kapitel widmet sich den „Resonanzen“ zwischen den einzelnen Aufführungen und zwischen den Akteuren, wobei die Resonanzen zwischen Beobachtenden und Erforschten ebenfalls beachtet werden. Hier wird nicht mehr nur das Selbstbildungspotential der Aufführungen deutlich, sondern hier werden bei aller Zurückhaltung wechselseitige Bildungsprozesse beschrieben. Die empirischen Verallgemeinerungen werden in den beiden abschließenden Kapiteln fortgeführt und zusammengefasst.

Das Buch eignet sich für die erziehungswissenschaftliche Lektüre ebenso wie für diejenigen, die in der Jugendsozialarbeit engagiert sind, sich allgemein für das Bildungspotential jugendkultureller Aufführungen interessieren oder ihr Potential in der eigenen pädagogischen Praxis nutzen, sie provozieren und anleiten wollen – auch in formalen Bildungskontexten wie der Schule. Die einzelnen Beispiele für jugendliche „performances“ sind in Unterkapiteln beschrieben und interpretiert, die sich darüber hinaus auch in Hochschulseminaren und der pädagogischen Aus- und Weiterbildung einsetzen lassen.
Kathrin Audehm (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Kathrin Audehm: Rezension von: Schulz, Marc: Performances: Jugendliche Bildungsbewegungen im pädagogischen Kontext, Eine ethnografische Studie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. In: EWR 9 (2010), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353117051.html