EWR 9 (2010), Nr. 6 (November/Dezember)

Marianne Schüpbach
Ganztägige Bildung und Betreuung im Primarschulalter
Qualität und Wirksamkeit verschiedener Schulformen im Vergleich
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2010
(467 S.; ISBN 978-3-5311-7262-0; 74,00 EUR)
Ganztägige Bildung und Betreuung im Primarschulalter „Tagesschulen“, „Schulen mit Tagesstrukturen“ bzw. „ganztägige Bildung und Betreuung“ stehen nicht nur in der Deutschschweiz auf der bildungspolitischen Agenda, sondern gehören im gesamten deutschsprachigen Raum zu den aktuellen Entwicklungen in der Bildungslandschaft. Da die Nachfrage nach Tagesschulplätzen relativ hoch ist, wird derzeit vor allem über deren Quantität debattiert, kaum jedoch über deren Qualität. Entsprechend liegen zur Qualität von Tagesschulen kaum umfassende Forschungsergebnisse vor, sondern lediglich empirische Projektevaluationen, deren Ergebnisse in der Regel nur bedingt generalisierbar sind.

Marianne Schüpbach schliesst mit ihrer Habilitationsschrift „Ganztägige Bildung und Betreuung im Primarschulalter“ direkt an die zwei genannten Lücken an. Hauptgegenstand dieser Publikation sind die Ergebnisse aus der Nationalfondsstudie „Qualität und Wirksamkeit der familialen und außerfamilialen Bildung und Betreuung im Primarschulalter“ (EduCare) von Walter Herzog und Marianne Schüpbach (Universität Bern). Die Publikation fokussiert auf die Qualität und Wirksamkeit von familialer und außerfamilialer Bildung und Betreuung in der ersten und zweiten Klasse, also zu Beginn der schulischen Laufbahn. Im Zentrum ihres Interesses steht dabei die Frage nach der Wirksamkeit verschiedener Schulformen (Tagesschulen; Schulen mit Blockzeiten; Schulen mit traditionellem Unterricht) im Hinblick auf die kognitive und sozio-emotionale Entwicklung sowie die Entwicklung der Alltagsfertigkeiten der Kinder [1]. Zur Beantwortung dieser Frage untersuchte sie, wie sich die Kinder in unterschiedlichen Schulformen bei jeweils hoher bzw. niedriger Qualität des ausserschulischen bzw. des familialen Settings entwickeln. Nebst der Wirkung der Qualität von familialen und schulischen Settings prüfte sie die Wirkung weiterer Einflussfaktoren wie individuelle und familiale Merkmale sowie den Entwicklungsstand der Kinder zu Beginn ihrer Schullaufbahn. Hierzu wählte sie ein Längsschnittdesign mit einer Ex-post-facto-Untersuchung (mit Messzeitpunkten zu Beginn und mehrmals während des Besuchs der Schulform) (171). Es handelt sich ferner um ein sogenannt quasi-experimentelles Design mit zwei Versuchsgruppen (vgl. Versuchsgruppe 1 „Tagesschulen“: sowohl obligatorische als auch freiwillige Tageschulen; Versuchsgruppe 2 „Schulen mit Blockzeiten“: eine Unterrichtsorganisation, welche schulische Angebote am Morgen aller fünf Werktage während mindestens 3,5 Stunden sowie an einem bis vier Nachmittagen vorsieht) und einer Kontrollgruppe (vgl. Kontrollgruppe „Schulen mit traditionellem Unterricht“: Schulen, die keine Blockzeiten und auch keine außerunterrichtlichen Bildungs- und Betreuungsangebote vorsehen).

Die Publikation gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil „Kontext – Gesellschaftlicher Wandel und die veränderten Ansprüche an die Bildung und Betreuung“ geht die Autorin auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein und begründet damit, weshalb sich in jüngster Zeit ein neues Verhältnis bzw. Zusammenspiel zwischen Schule und Familie herausgebildet hat und ganztägige Bildung und Betreuung unabdingbar geworden sind. Auch rollt sie in diesem Kapitel den aktuellen Diskurs rund um eine erweiterte Bildungskonzeption – im Sinne einer vielfältigen Bildung, welche an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Strukturen stattfinden kann (vgl. formelle, nicht-formelle und informelle Bildung) – auf.

Mit dem zweiten Hauptteil „Ausserfamiliale Bildung und Betreuung und kindliche Entwicklung – aktueller (Forschungs-)Stand“, einem thematisch breit ausgerichteten Teil, leitet die Autorin das eigene Forschungsdesign theoretisch und empirisch her. Dabei stellt sie den aktuellen Stand zu den Schlüsselthemen der außerfamilialen Bildung und Betreuung auf den Ebenen „Theorie“, „Praxis“ und „Empirie“ dar. Im ersten Kapitel geht sie auf Studien zu Bedingungsfaktoren der kindlichen Entwicklung ein, im zweiten schliesst sie mit einem Überblick zum aktuellen Stand außerfamilialer Bildung und Betreuung in der Schweiz an. In einem weiteren Kapitel präsentiert sie den aktuellen Stand zur Ganztagsbildung im deutschsprachigen Raum sowie den aktuellen Forschungsstand internationaler Studien zur Ganztagsbildung. Da im deutschsprachigen und internationalen Raum kaum umfassende Forschungsergebnisse zur Ganztagsbildung im Schulalter vorliegen, greift die Autorin auf umfassende Studien zur außerfamilialen Bildung und Betreuung im Vorschulbereich zurück, wobei sie durch die Erhebung des familialen und außerfamilialen Settings an die dritte Welle der Forschungsbeiträge im Vorschulbereich anschliesst. In einem weiteren Kapitel referiert sie verschiedene Qualitätsmodelle zu Unterricht und außerfamilialer Bildung und zeigt die Möglichkeiten ihrer Messung auf. Im achten und letzten Kapitel fasst sie schliesslich den ersten und zweiten Hauptteil zusammen und leitet daraufhin das Fazit für ihre eigene Studie ab.

Im dritten Hauptteil „Studie zur familialen und außerfamilialen Bildung und Betreuung sowie zur kindlichen Entwicklung im Primarschulalter“ ─ dem eigentlichen Kernstück dieser Habilitationsschrift ─ werden sowohl das Forschungsdesign von EduCare als auch zentrale Ergebnisse daraus referiert. Die Stichprobe wurde mit einem ausgeklügelten dreischrittigen Verfahren bestimmt (1. Schritt: Kanton, Gemeinde und Schulen, 2. Schritt: Schulen, 3. Schritt : Zufallsstichprobe von Kindern und ihren Familien). Insgesamt gingen 521 Schülerinnen und Schüler, ihre Familien sowie ihre Lehrpersonen und Betreuungspersonen aus insgesamt 56 Schulen und 70 ersten Primarschulklassen von insgesamt elf Deutschschweizer Kantonen in die Stichprobe ein. Von den 521 Kindern gehören 69 der Versuchsgruppe „Tagesschulkinder“ (von den 8 Schulen sind 3 gebundene Tagesschulen und 5 freiwillige Tagesschulen) an, 226 der Versuchsgruppe „Blockzeitenkinder“ und 226 Kinder der Kontrollgruppe „Kinder aus traditionellem Unterricht“.

Die mit dem im Forschungsbericht Nr. 34 zur SNF-Studie EcuCare I (Schüpbach et al. 2008) umfassend dokumentierten Erhebungsinstrument erfassten Daten wurden entlang der Themenblöcke „pädagogische Qualität im familialen und außerfamilialen Setting“, „pädagogische Qualität und die kindliche Entwicklung“ sowie „kindliche Entwicklung in den unterschiedlichen Schulformen“ ausgewertet. Gemäss EduCare-Studie gewichten die Tagesschuleltern die erweiterte Aufgabe der Schule höher als die anderen Eltern. Die Lehr- und Betreuungspersonen der Tagesschulkinder weisen zudem eine höhere Schulleistungs- und eine höhere Kreativitätsorientierung aus und erachten die Erfüllung von erweiterten Aufgaben der Schule sowie das Erreichen von sozialen Entwicklungszielen als relevanter als die anderen. Auch verfügen die Tagesschuleltern im Vergleich zu den anderen Eltern über höhere Struktur-, Prozess- und Orientierungsqualität (drei Subbereiche der pädagogischen Qualität) sowie über höhere bildungsrelevante Ressourcen, was auch andernorts bereits nachgewiesen wurde. Dass der Entwicklungsstand der Kinder über alle Entwicklungsbereiche hinweg den zu Beginn der Schulzeit gewichtigsten Prädiktor darstellt, konnte in dieser Studie ebenfalls nachgewiesen werden. Vor dem Hintergrund der genannten optimaleren Rahmenbedingungen bzw. Voraussetzungen der Tagesschulkinder (vgl. bessere Rahmenbedingungen in der Tagesschule und in der Familie) erstaunt es weiter nicht, dass die Tagesschulkinder über einen höheren Entwicklungsstand in den Bereichen Schulleistung (Sprache) sowie der sozio-emotionalen Entwicklung und den Alltagsfertigkeiten verfügen als Kinder, die den traditionellen Unterricht besuchen. Interessant ist hingegen, dass diese Unterschiede unabhängig von der Nutzungsdauer der Tagesschulangebote sind, wohingegen sich die Blockzeitenkinder im Vergleich zu den Kindern, die den traditionellen Unterricht besuchen – abgesehen von der Schulleistung in der Sprache – (hier schneiden die Blockzeitenkinder besser ab) in den ersten beiden Primarschuljahren über alle Entwicklungsbereiche hinweg nicht unterscheiden. Zudem legen die Ergebnisse den Schluss nahe, dass nicht die Unterrichtsqualität allein für den hohen Entwicklungsstand der Tagesschulkinder bedeutsam ist, sondern auch eine gute Qualität sowohl im Unterricht als auch im außerunterrichtlichen (betreuerischen) Teil.

Mit der EcuCare-Studie realisierte Marianne Schüpbach erstmals eine im Längsschnitt designte Qualitäts- und Wirkungsstudie zur Ganztagsbildung und verleiht dieser damit ein ganz besonderes Augenmerk. Ein weiteres Verdienst dieser Studie liegt zudem in deren direkter Anschlussfähigkeit an den Schulqualitäts- und Schulentwicklungsdiskurs sowie den Bildungsdiskurs rund um die PISA-Studie. Darüber hinaus überzeugt das komplexe Forschungsdesign, welches sowohl den Effekt des familialen als auch außerfamilialen Systems sowie den Schuleingangsentwicklungsstand der Kinder vorsieht. Als weiteren Vorzug, gleichzeitig jedoch auch als Begrenzung der Wirkungskategorie kann der Umstand angesehen werden, dass die Qualität des familialen und des außerfamilialen Settings am Entwicklungsstand der Kinder und damit nicht nur an Softdimensionen gemessen wird. Im Gegenzug hierzu muss jedoch auch kritisch angemerkt werden, dass damit die Qualitätsdiskussion gleichzeitig auf den Entwicklungsstand der Kinder reduziert wird, wenngleich Evaluationsergebnisse zeigen, dass die individuelle Förderung der Kinder in der Regel nicht das Hauptmotiv der Eltern für die Anmeldung ihres Kindes zu ausserschulischen Betreuungsangeboten darstellt.

Dass sich die Studie auf elf Kantone der Deutschschweiz beschränkt, lässt sich vor allem mit dem föderalistischen Bildungssystem legitimieren. Nichtsdestotrotz wäre es für künftige Studien erstrebenswert, sie auf die ganze Schweiz auszudehnen oder länderübergreifend und damit komparativ zu gestalten, wenngleich unter dem Vorbehalt einer erschwerten Vergleichbarkeit von unterschiedlichen Bildungssystemen. Auch wäre es für künftige Studien zur Qualität von Tagesschulen begrüssenswert, wenn die Schulform „Tagesschule“ mit einer grösseren Schulstichprobe, respektive mit grösseren Teilstichproben hinsichtlich der zwei Tagesschulprototypen „gebundene Tagesschule“ und „freiwillige Tagesschule“ sowie nach Möglichkeit weiterer Tagessschultypen realisiert würden. Diese Differenzierung wird nicht zuletzt auch deshalb als erforderlich erachtet, weil sich die zwei genannten Tagesschulmodelle nicht nur in ihren Konzeptionen, sondern auch in deren Umsetzung diametral unterscheiden.

[1] Mit Tagesschulen werden in der Schweiz Ganztagsschulen bezeichnet; Schulen mit Blockzeiten sind Schulen, deren Unterrichtsorganisation Unterrichtseinheiten in grösseren Zeitblöcken vorsieht; Schulen mit traditionellem Unterricht sind Schulen ohne Blockzeiten und ohne Betreuung.
Esther Forrer Kasteel (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Esther Forrer Kasteel: Rezension von: Schüpbach, Marianne: Ganztägige Bildung und Betreuung im Primarschulalter, Qualität und Wirksamkeit verschiedener Schulformen im Vergleich. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2010. In: EWR 9 (2010), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353117262.html