EWR 10 (2011), Nr. 3 (Mai/Juni)

Regina Remsperger
Sensitive Responsivität
Zur Qualität pädagogischen Handelns im Kindergarten
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
(132 S.; ISBN 978-3-5311-7875-2; 39,95 EUR)
Sensitive Responsivität Die professionelle Interaktions- und Beziehungsgestaltung steht im Zentrum frühpädagogischen Handelns und verlangt in Bezug auf die Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren und ihren Familien besondere Aufmerksamkeit und Sensibilität. Dies ist durch eine Vielzahl bindungstheoretischer und neurobiologischer Studien belegt. In den ersten drei Lebensjahren werden zentrale Grundlagen für die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes gelegt. Frühe Bildungsprozesse brauchen ein Fundament aus sicheren Bindungen und Beziehungen ebenso wie die Unterstützung von Explorations- und Autonomiebestrebungen der Kinder. Als Kernkompetenz von pädagogischen Fachkräften, die mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren arbeiten, spielt daher die „sensitive Responsivität“ als Fähigkeit, die Signale des Kindes zu bemerken und sowohl alters- als auch kindgemäß und situativ angemessen auf sie zu reagieren, eine besondere Rolle.

Regina Remsperger geht in ihrer empirischen Studie, die im Rahmen ihrer Dissertation entstanden ist, der Frage nach, ob und wie sich sensitiv-responsives Interaktionsverhalten im Kindergarten in unterschiedlichen Situationen vollzieht und welche (Wechsel-) Wirkungen sich dabei entfalten. Dabei definiert und operationalisiert sie auf der Grundlage einer Literaturanalyse zunächst das Konzept der Feinfühligkeit für die Interaktion zwischen Erzieherinnen und Kindern neu, um es als strukturierenden Rahmen an die Analyse von 30 videografierten Interaktionsszenen im Kindergarten anzulegen und zugleich im Prozess der Auswertung weiter auszudifferenzieren.

Die methodische Vorgehensweise einer sich im Forschungsprozess zunehmend fokussierenden Ethnografie wird differenziert und überzeugend dargestellt. Für die frühpädagogische Forschung ist das innovative und sich dem Gegenstand der Studie anschmiegende forschungsmethodische Vorgehen von besonderem Interesse. Die Autorin hat einen mehrschrittigen Analyseprozess der Videosequenzen entwickelt, dem sie eine theoretisch begründete Operationalisierung voranstellt, dann im Sinne rekonstruktiver, an die Konversations- und Interaktionsanalyse anknüpfender Forschung neue Erkenntnisse aus dem Material generiert und damit zu einer feingliedrigen und empirisch abgesicherten Operationalisierung von sensitiver Responsivität gelangt.

Folgende Fragen leiten dabei die Analyse: Reagiert eine pädagogische Fachkraft überhaupt auf die Signale eines Kindes? Wie feinfühlig sind ihre Reaktionen? Welche Rolle spielen die kindlichen Interaktionsbeiträge? Mit dieser Fokussierung und empirischen Rekonstruktion der – mehr oder weniger gelingenden – Feinabstimmung zwischen Erwachsenen und Kindern wird die Aufmerksamkeit zum einen auf die Qualität der pädagogischen Arbeit von Fachkräften gelenkt. Zum anderen, und dies macht die Studie und die in ihrem Rahmen entwickelte Methodik besonders interessant, wird das Kind als aktiver Mitgestalter der Interaktion anerkannt. Beziehungsqualität entsteht immer im Rahmen von Interaktion – die besondere professionelle Herausforderung und Verantwortung der Fachkräfte im Kindergarten ist es, ihre eigenen Beiträge zu dieser Interaktionsqualität immer wieder kritisch zu reflektieren.

Die Ergebnisse der Studie werden am Ende in konzentrierter und prägnanter Art und Weise zusammengefasst: Die Autorin zeigt auf, dass sich die von ihr untersuchten Fachkräfte auch im Rahmen verbesserungswürdiger Rahmenbedingungen (z.B. Fachkraft-Kind-Schlüssel, Gruppengröße, Vor- und Nachbereitungszeit) in Kindertageseinrichtungen in hohem Maße sensitiv-responsiv verhalten. Charakteristisch für entsprechende Situationen ist, dass die Fachkräfte ein hohes Interesse zeigen, konstant und engagiert auf die Kinder eingehen, verständlich sprechen und handeln und Blickkontakt zu den Kindern halten. Bei den Kindern fördert dies das Äußern von Emotionen und die engagierte und kontinuierliche Beteiligung an Interaktionen und Gesprächen.

Gestört wird dieses Verhalten vor allem, wenn strukturell-organisatorische Rahmenbedingungen (v.a. Fachkraft-Kind-Schlüssel und Gruppengröße) es den Fachkräften erschweren, sich auf alle Kinder annähend gleich intensiv zu konzentrieren. Dabei lässt sich kein Erzieherinnentyp rekonstruieren, der immer und in jeder Situation ein entsprechendes Verhalten zeigt: Eine pädagogische Grundhaltung, dies wird damit deutlich, stellt eine Disposition dar, die nicht in jeder Situation in die pädagogische Performanz überführt werden kann. Eine Erzieherin, die alleine in einer großen Gruppe arbeitet und vielfältige inhaltlich-pädagogische und organisatorische Aufgaben erledigen muss, kann ihre sensitiv-responsive Haltung im Alltag nicht durchgehend aufrechterhalten.

Zudem kann die Autorin rekonstruieren, dass sich zahlreiche Kinder durch ein wenig sensitiv-responsives Verhalten der Erzieherin nicht davon abhalten lassen, sich konzentriert und engagiert mit einem Thema zu beschäftigen. Die meisten Kinder fordern ein Anwortverhalten der Fachkraft durchaus aktiv ein und beeinflussen damit deren Verhalten, sie weichen auf andere Kinder aus und tolerieren in der Regel ganz offenbar, dass es Situationen gibt, in denen auch eine feinfühlige Erzieherin nicht feinfühlig handelt.

Das theoretisch fundierte, forschungsmethodisch sehr innovative und ausgesprochen gut und spannend zu lesende Buch endet mit Empfehlungen im Hinblick auf Reflexionsmöglichkeiten einer professionellen pädagogischen Gestaltung von Interaktionen zwischen Erzieherinnen und Kindern und auf Potenziale der Gesprächsführung mit Kindern. Damit erweisen sich die Ergebnisse der Studie als ausgesprochen praxisrelevant und wertvoll für die Qualitätsentwicklung in frühpädagogischen Einrichtungen.
Iris Nentwig-Gesemann (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Iris Nentwig-Gesemann: Rezension von: Remsperger, Regina: Sensitive Responsivität, Zur Qualität pädagogischen Handelns im Kindergarten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. In: EWR 10 (2011), Nr. 3 (Veröffentlicht am 22.06.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353117875.html