EWR 11 (2012), Nr. 2 (März/April)

Matthias Pilz (Hrsg.)
Vorbereitung auf die Welt der Arbeit in Japan
Bildungssystem und Übergangsfragen
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
(294 S.; ISBN 978-3-5311-8046-5; 39,95 EUR)
Vorbereitung auf die Welt der Arbeit in Japan In Japan, wo nach offiziellen Angaben mehr als 90 Prozent der Jugendlichen jeden Jahrgangs ihre Schulzeit nach der Sekundarstufe II abschließen, gibt es im Wesentlichen „zwei Formen des Übergangs in die Beschäftigung. Zum einen stellt das Universitätsstudium (bzw. eine Promotion) einen Vorbereitungsprozess auf das Berufsleben dar, diese Variante wird von der Mehrheit der Schüler gewählt. Zum anderen kann direkt nach dem Oberschulabschluss in die Beschäftigung eingestiegen werden.“ Ergänzt man diesen Befund, wie er hier von Moriki Terada (107) vorgetragen wird, um Beobachtungen wie die, dass die meisten Oberschulen allgemeinbildend sind, die vergleichsweise wenigen beruflich orientierten eher als zweite Wahl gelten und selbst Arbeitgeber Allgemeinbildung mehr als fachliche Bildung schätzen, so erscheint die Themenstellung des vorliegenden Bandes im japanischen Kontext zwar schon beinahe exotisch, für den deutschen aber in besonderem Maße von Interesse. Wie sieht Vorbereitung auf die Welt der Arbeit in einem Land aus, in dem ein Konzept wie das des deutschen Berufes allenfalls in Randbereichen existiert (vgl. 110, 117ff)? Wie kann „eine der bedeutendsten Industrienationen der Welt“ (10) erfolgreich sein, wenn sie in ihren Kernbereichen weder eine Berufsausbildung noch im engeren Sinne berufsvorbereitende Maßnahmen kennt, sondern 22 bis 24 Jahre alte Universitätsabsolventen und – in geringerem Maße – Absolventinnen mit einer breiten Allgemeinbildung und meist eher begrenzten fachlichen Kenntnissen innerbetrieblich mehr oder minder „on the job“ in ihre Tätigkeitsbereiche einführt?

Der Herausgeber spricht in Kenntnis dieser Sachlage bewusst nicht von Berufsvorbereitung oder vorberuflicher Bildung, sondern eben von Vorbereitung auf die Welt der Arbeit, die er umfassend verstanden wissen will. Dazu gehören „neben der Einkommenserzielung auch Aspekte der Sozialisation, der persönlichen Entwicklung, der gesellschaftlichen Teilhabe und Eingruppierung, der konkreten Tätigkeit und der persönlichen Wahrnehmung hinsichtlich der Zufriedenheit etc.“ (9). Angestrebt wird kein direkter Vergleich von Japan mit Deutschland; vielmehr sollen „die Faktizitäten und Besonderheiten eines Landes“ herausgearbeitet „und interpretiert sowie einem anderen Kulturkreis unter Berücksichtigung der jeweiligen Denk- und Verhaltensweisen zugänglich“ gemacht werden (10).

Die dazu versammelten Beiträge vorwiegend japanischer Autorinnen und Autoren bleiben, auch wenn sie die deutschen Verhältnisse teilweise durchaus einbeziehen, in der Regel der japanischen Binnensicht verhaftet. Das ist verständlich, bezeichnet aber doch ein Problem, da der Kontext oft fremd bleibt und auf die hiesige Diskussion, auch auf die durchaus vorhandene zum japanischen Bildungswesen, kaum Bezug genommen wird. Immerhin wurde das Problem bemerkt und zu lösen versucht, indem „jeweils einem japanischen Forscher ein deutscher Tandempartner zur Seite gestellt und umgekehrt deutschen Autoren ein japanischer Informations- und Ratgeber“ (11).

Das gelingt allerdings nur teilweise. So hat man gleich beim ansonsten informativen ersten Beitrag, der sich sehr allgemein mit „Kontinuität und Wandel in der japanischen Arbeitswelt“ (Oliver Mayer und Hitoshi Watanabe) befasst, bisweilen den Eindruck, hier würden hierzulande verbreitete Stereotype durch japanische Autostereotype (90 Prozent der Japaner zählen sich zur Mittelschicht; vgl. 28) ergänzt. Die folgenden beiden Beiträge zur „Entrepreneurship Education“ in Grundschulen (Eva Marsal) und in der Sekundarstufe I (Takara Dobashi) lassen sich ohne weitere Kenntnisse des Kontextes nur schwer angemessen verstehen. Auch wenn (vor allem von Dobashi) betont wird, dass hier einzelne Versuche geschildert werden, muss man schon ein wenig mit dem japanischen Schulwesen vertraut sein, um sie richtig in ihrer begrenzten Bedeutung als eine von vielen neuerdings möglichen Unterrichtsexperimenten einordnen zu können. Charakteristisch für die Vorbereitung auf die Welt der Arbeit in Japan sind sie auf keinen Fall.

Masami Matoba greift in seinem Überblick über die Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer die international (vereinzelt sogar auf Deutsch) als eines der Erfolgsgeheimnisse japanischer Schulen schon recht breit diskutierten „lesson studies“ auf, bei denen die Lehrkräfte einer Schule bzw. einer Fachgruppe sich anhand gemeinsamer Aufgaben und wechselseitiger Hospitationen – oft selbst initiiert – regelmäßig weiterqualifizieren. Leider geht er kaum auf die Praxis ein, sondern bleibt bei der detaillierten Wiedergabe einiger diesbezüglicher Vorschriften stehen. Auch die mit den „lesson studies“ verbundenen politischen Auseinandersetzungen werden kaum berücksichtigt.

Näher am Kern der im Titel angesprochenen Thematik sind die folgenden Beiträge. Neben dem schon eingangs erwähnten Überblick von Terada, der sich mit dem Wechsel von der Oberschule an die Hochschule oder – weitaus seltener – an einen Betrieb befasst, findet sich hier eine Darstellung der „Bedeutung der Vorbereitung auf die Arbeitswelt im Rahmen der Hochschulbildung in Japan“ (Shinji Sakano) und eine Diskussion betrieblicher Bildungswege (Peter-Jörg Alexander). Alle drei Beiträge zeichnen differenzierte Bilder und zeigen in unterschiedlicher Akzentuierung, dass in Japan Vorbereitung auf den Betrieb und Ausbildung (ja sogar Bildung) für den Betrieb in der Regel Sache des Betriebs ist. Nur wo der ehedem meist recht reibungslose Übergang von der Schule bzw. Hochschule zum Arbeitsplatz gefährdet ist, sind – gleichsam subsidiär – staatliche Maßnahmen gefordert. Den allgemeinbildenden Institutionen, zu denen vielfach auch die Hochschulen zu zählen sind, kommt in diesem Rahmen vor allem eine Allokations- oder Selektionsfunktion zu, wie sie sich am deutlichsten in der Bedeutung der berüchtigten Aufnahmeprüfungen für die Oberschulen und Universitäten zeigt.

In einem der wenigen Beiträge, in denen auch Interessengegensätze und die politische Dimension der Fragestellung berücksichtigt werden, widmet sich Toshiko Ito dem Phänomen der untypischen Arbeitsverhältnisse und der mehr oder weniger versteckten (Jugend-) Arbeitslosigkeit, das in Japan vorwiegend unter den Etiketten „Freeter“ und „NEET“ diskutiert wird. „Freeter“ – ein aus dem englischen free und dem deutschen Wort Arbeiter zusammengezogener Neologismus – bezeichnet Jugendliche, die (angeblich freiwillig) temporär arbeiten statt sich um eine feste Anstellung zu bemühen, während „NEET“ – „Not in Education, Employment, or Training“ – sich dem Arbeitsleben völlig verweigern, also laut Statistiken auch keine Arbeit suchen. Ito macht allerdings zu Recht auf die „große Diskrepanz zwischen der Realität der Freeter und NEET und ihrer vorherrschenden Wahrnehmung in der Öffentlichkeit“ (186) aufmerksam. Tatsächlich würden die meisten „Freeter“ eine feste Anstellung durchaus begrüßen und hätten sich die meisten „NEET“ eher unfreiwillig aus dem Arbeitsleben verabschiedet.

Auch das Ministerium stütze sich bei seinen präventiven Maßnahmen zur „Karrierebildung“ auf das öffentliche Zerrbild. Die Schülerinnen und Schüler sollen eine positive Haltung zu Beruf und Arbeit entwickeln und eine feste Anstellung als erstrebenswert ansehen. Dieses Konzept zur Verbesserung der Arbeitsmoral, auf dem wohl auch die meisten der zuvor im Band vorgestellten Maßnahmen beruhen, verkenne allerdings, dass „Jugendliche nicht aufgrund ihrer generellen Einstellung zu Freeter oder NEET werden. Je stärker die Karrierebildung propagiert wird, desto zahlreicher werden unfreiwillige Freeter und potenziell arbeitswillige NEET“ (199). Die für die Entwicklungen ausschlaggebenden Strukturveränderungen auf dem Arbeitsmarkt, vor allem die Neigung der Arbeitgeber, feste Stellen abzubauen, werden nicht berücksichtigt. Neben solchen schulischen Präventivprogrammen weist Ito allerdings auch auf unkonventionellere sozialpädagogische Maßnahmen für junge Arbeitslose hin, die z.T. auf recht spektakuläre Erfolge verweisen können. So gelang es im Anschluss an dreimonatige Jugendlager zur Förderung von Selbständigkeit und sozialer Kompetenz immerhin bis zu 78 Prozent ehemaliger NEETs einen Arbeitsplatz zu vermitteln (vgl. 206ff).

In einer groß angelegten Untersuchung diskutiert Mikiko Eswein die „Rolle der Schule in der globalisierten Gesellschaft Japans“, wobei sie insbesondere auf die Statuszuweisung und die Sozialisation durch Bildungsinstitutionen im Kontext sozialer Ungleichheit eingeht. Sie trägt damit wichtige Aspekte nach, die in den vorangegangenen Beiträgen teilweise zu kurz gekommen sind. Dabei scheinen mir die zahlreichen, zusammengefassten aktuellen Informationen und Ergebnisse unterschiedlicher soziologischer Studien – etwa zur schon länger befürchteten Vorverlagerung des Bildungswettbewerbs durch die teilweise Zusammenlegung von Mittel- und Oberschulen, zum Verbleib der Absolventen sog. Spitzenuniversitäten oder zur Vergrößerung der Schere zwischen Arm und Reich – allerdings aufschlussreicher als der etwas bemühte (modernisierungs-) theoretische Rahmen.

Abgeschlossen wird der Band durch eine zusammenfassende Analyse des Herausgebers, in der er die Unterschiede in einer Reihe von Gegensatzpaaren zu fassen versucht. Pilz schließt mit dem nicht ganz nachvollziehbaren Satz, „dass eine Vorbereitung auf die Welt der Arbeit in Japan eine bedeutende Rolle spielt“ (289), dass diese Vorbereitung aber „anders als in Deutschland organisiert“ (290) sei. Zumindest hätte er hinzufügen können, dass sie auch inhaltlich völlig anders ausgestaltet ist. Vielleicht hätte er sogar die Frage aufwerfen können, was uns diese Möglichkeiten einer doch offensichtlich erfolgreichen anderen inhaltlichen Ausgestaltung über unsere eigenen Formen beruflicher Bildung und deren Grenzen verraten.
Volker Schubert (Hildesheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Volker Schubert: Rezension von: Pilz, Matthias (Hg.): Vorbereitung auf die Welt der Arbeit in Japan, Bildungssystem und Übergangsfragen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 2 (Veröffentlicht am 10.04.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353118046.html