EWR 14 (2015), Nr. 6 (November/Dezember)

Bettina Hünersdorf / Jutta Hartmann (Hrsg.)
Was ist und wozu betreiben wir Kritik in der Sozialen Arbeit?
Disziplinäre und interdisziplinäre Diskurse
Wiesbaden: Springer VS 2013
(349 S.; ISBN 978-3-531-18099-1; 29,99 EUR)
Was ist und wozu betreiben wir Kritik in der Sozialen Arbeit? Blickt man sich in der gegenwärtigen Publikationslandschaft der Sozialen Arbeit um, kommt man nicht umher, sich die Frage zu stellen, ob der von René Descartes Mitte des 17. Jahrhunderts vorgebrachte Satz gerade ein Update erfährt: „Ich denke kritisch, also bin ich“. Zuvörderst aber keinesfalls ausschließlich im Wirkungskreis der Fachhochschulen werden zusehends „Perspektiven einer Kritischen Sozialen Arbeit“ [1] entwickelt, „[k]ritisches Forschen“ [2] eingefordert und „Kristallisationspunkte kritischer Sozialer Arbeit“ [3] markiert. Vor diesem Hintergrund ist der von Bettina Hünersdorf und Jutta Hartmann gewählte Buchtitel nicht nur klug, die damit abgesteckte Frage erscheint auch notwendig und weckt folglich Interesse.

In der Einleitung zu ihrem Herausgeberband stecken Hünersdorf und Hartmann kritische Soziale Arbeit als ein ambitioniertes Doppelprojekt ab: als „fremdreflexives“ Projekt zur Aufklärung über soziale Probleme und als „eigenreflexives“ Projekt der Auseinandersetzung mit dem Beitrag Sozialer Arbeit, „Gesellschaft in der Weise mit hervorzubringen, wie sie sich momentan darstellt“ (17). Zur Klärung der in diesem Rahmen auftretenden Fragen sollen die in dem Herausgeberband versammelten 17 Ausätze beitragen. Dafür konnten die Herausgeberinnen ein breites AutorInnen-Team an der eigenen Hochschule (Alice-Salomon-Hochschule, Berlin) mobilisieren und zudem weitere, in der universitären Theoriedebatte Sozialer Arbeit verankerte Autor_innen einbinden.

Der erste, historisch ausgerichtete Themenblock wird durch Sven Steinackers Skizzierung der Sozialen Arbeit zur Zeit der „68er“ eröffnet. Diese interpretiert er als herrschaftskritische und praxis-innovative soziale Bewegung, an deren Politisierungslogik die gegenwärtige kritische Soziale Arbeit anknüpfen soll. Anschließend leitet Jürgen Sammet aus seiner Mollenhauer-Rezeption die Möglich- bzw. Notwendigkeit ab, den „Educandus“ als „gleichberechtigtes Subjekt und (zugleich; M. H.) als Objekt von verantworteten und verantwortbaren intentionalen Einwirkungen zu begreifen“ (65): ein Modus, der anderenorts derzeit vor allem mit Verweis auf die „evolving capacities“ von Kindern an (sozial-)pädagogische Settings herangetragen wird. Auf eine in ihrer Grundlogik generalisierbare und damit besonders spannende Stolperfalle im Kritikdiskurs weist Bernd Dollinger hin. Mit Verweis auf den „Labeling Approach“ argumentiert er, dass Kritik dann wissenschaftstheoretisch inkonsistent wird, wenn einerseits abweichendes Verhalten als Zuschreibung entlarvt, aber zugleich auf vermeintlich objektive, dahinterliegende Gesellschaftsprobleme fokussiert wird.

Während Dollinger versucht, den „sicheren Boden“ (81) der Kritik der Sozialen Arbeit ins selbstreflexive Wanken zu bringen, eröffnet Frank Bettingers Beitrag den zweiten, auf die aktuellen Diskurse ausgerichteten Themenblock mit der Sicherheit des normativen Appels, allen voran „Macht-, Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse“ (101) zu skandalisieren, wenn Soziale Arbeit nicht als bloßer Büttel der als neoliberal taxierten Gesellschaft mit ihren mächtigen Teilbereichen wie Politik, Recht, Ökonomie etc. agieren will. Die diesem Imperativ implizit zugrundeliegende scharf gezogene Grenzlinie zwischen den gesellschaftlichen Subsystemen mahnt Fabian Kessl als der Sozialen Arbeit schmeichelnde Engführung an, die es ihr zu leicht macht, sich als Opfer widriger, fremdgesetzter Umstände zu inszenieren. Als Gegengewicht zum Politisierungs-Normativismus lässt sich auch Sascha Neumanns Beitrag begreifen, da er einen objektivierungskritischen Kritikmodus propagiert, der nicht danach fragt, ob die Umstände so sind, „wie sie sein sollen, sondern danach, wie es kommt, dass sie so sind, wie sie scheinbar sein müssen“ (136). Michael Winklers Beitrag differenziert nicht nur zwischen dem Für und Wider des Vorzeichens „kritisch“ für die Soziale Arbeit, sondern deutet auch das Anliegen an, Soziale Arbeit fernab von utilitaristischer Bildungseuphorie im Kontext der Verwirklichungschancenlogik zu positionieren, wobei er es leider auslässt, hier voranzuschreiten und nach den Fallstricken dieses gegenwärtig populären Positionierungsversuchs zu fragen. Abgeschlossen wird der Themenblock durch Bettina Hünersdorfs Ansatz, eine „„kritische [...] Systemtheorie“ herauszuarbeiten“ (166), wobei sie die für die Adressaten- bzw. Nutzer- sowie Partizipationsforschung spannende Diagnose einer Verschiebung des für das Hilfesystem leitenden Codes helfen / nicht-helfen hin zu sicher / bedroht stellt, in dem Eltern lediglich depersonalisiert als „defekte Adresse des Hilfesystems“ (166) inkludiert werden.

Im dritten Buchteil wird die Kritik in den Nachbardisziplinen mitsamt den daraus ableitbaren Implikationen für Soziale Arbeit beleuchtet. Darin setzt sich Heinz Stapf-Finé empirisch mit Narrativen zur Legitimation des Abbaus sozialstaatlicher Leistungen auseinander, während Günter Thiele mittels des Konzepts des „Vorsorgenden Wirtschaftens“ darauf zielt, eine Alternative zur gegenwärtigen Wohlfahrtsstaatsarchitektur zu propagieren. Die Lektüre seines Beitrags wirft die Frage auf, wie genau es zusammenpasst, dass der von ihm referenzierte John Kenneth Galbraith in nicht unerheblichen Teilen an die Vordenker der von ihm kritisierten Wohlfahrtsstaatlichkeit (Giddens, Esping-Andersen) erinnert, sich zugleich aber als Blaupause für ein Alternativmodell zum aktivierend-investiven Wohlfahrtsstaat anbietet. Im psychologischen Teil kritisiert Christina Kaindl die Instrumentalisierung von Emotionen im Neoliberalismus, wohingegen Tamara Musfeld sich explizit auf die Kritikkraft der Psychoanalyse stützt. Sie spricht sich für den Abschied einer von ihr als (zumindest) in Teilen der Praxis handlungsleitend angenommenen „Pseudotoleranz“ (248) der sozialpädagogischen Fachkräfte gegenüber den AdressatInnen aus, um von dort zu einer dialogischen Absteckung der Rahmenbedingungen des Miteinanders zu gelangen. Abgerundet wird dieser Buchteil durch Jutta Hartmanns Beitrag. In einer Zeit, in der Bildung gern auf „gesellschaftliche Nützlichkeit“ (163) verkürzt wird, tritt sie erfrischenderweise dafür ein, dass kritische Bildung für „Produktionsweisen von Normalität zu sensibilisieren“ (273) hat.

Der vierte Buchteil widmet sich speziell der Kritik an sozialer Ungleichheit, wobei die darin versammelten Beiträge vor allem den Eindruck eines kritischen Zeitgeistbündels erwecken, das zwar den Finger am Puls der Zeit hat, aber aufgrund der ausbleibenden theoretischen Absteckung mit dem Vorwurf spezifischer Ausblendungen leben muss (in dem Falle bspw. der kindheitsfokussierenden generationalen Ungleichheitsperspektive). Den Aufschlag macht Andrea Maihofer mit ihrer Feststellung, dass feministische Kritik durch den Modus der Reduktion des Kritisierten auf „etwas rein Persönliches, Privates“ (298) mit besonders hohen Hürden zu kämpfen hat. Kirsten Aner tritt für eine an der Kritischen Theorie angelehnte, distanzierte Haltung der Kritischen Gerontologie gegenüber den von ihr attestierten Marginalisierungen der älteren Lebensphase ein, während María do Mar Castro Varela sich „einer als kritisch zu beschreibenden Migrationsforschung“ (317) widmet, die sie als Gegengewicht zu einer klassenvergessenen und religionsüberbetonenden klassischen Migrationsforschung sieht. Die bei ihr durchkommende antirassistische Perspektive wird mit dem letzten Buchbeitrag von Iman Attia mit Blick auf den Islamdiskurs fortgeführt, wobei sie sich entspannt nüchtern bspw. dem dortig aufgeheizten Thema des Kopftuchs annähert und dies als „doing-culture“-Prozess einer Auseinandersetzung des Subjekts mit „gesellschaftlichen Bedingungen und sozialen Repräsentationen über „das Eigene“ und „das Andere““ (338) beschreibt.

Was lässt sich bilanzieren? Da die einzelnen Beiträge des Bandes sich sowohl ergänzen als auch Spannungsmomente zueinander enthalten, wird es dem Leser bzw. der Leserin möglich, sich kritische Soziale Arbeit als einen Modus zu skizzieren, der zwischen Eigen- und Fremdbezüglichkeit sowie zwischen Anklage und Reflexivität pendelt, und darauf zielt, die Transformation eines „negativ gewerteten Gesellschaftszustand[s]“ (165) bzw. der Institutionen Sozialer Arbeit zu erreichen. Genau in dieser breiten Fächerung liegt die erste große Stärke des Buches. Die zweite Stärke liegt darin, dass es immer wieder zum Nach- und Weiterdenken anregt. So erscheint es – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen „Spaltung der Kinder- und Jugendhilfe“ – spannend, die in einigen Beiträge durchkommende Differenzierung Sozialer Arbeit aufzugreifen und gezielt das Kritikpotential verschiedener Teilbereiche zu beleuchten sowie darüber hinaus „ebenenrein“ zu durchdenken: in der Trennung von Disziplin und Profession, freien und öffentlichen Trägern, Fachkräften und Verbänden, etc. Zudem stellt sich nach der Lektüre die Frage, wie eigentlich das Verhältnis von sozialpädagogischer Theoriebildung zu den am Wohlfahrtsstaat kritisierten Aspekten ausfällt. Kurzum: anschlussfähige Kritik, die zudem ein differenziertes Sachverständnis aufbaut. Was wöllte man mehr?!

[1] Dörr, M. / Füssenhäuser, C. / Schulze H. (Hg.): Biographie und Lebenswelt. Perspektiven einer Kritischen Sozialen Arbeit. Wiesbaden: Springer VS 2015.
[2] Schimpf, E. / Stehr, J. (Hg.): Kritisches Forschen in der Sozialen Arbeit: Gegenstandsbereiche – Kontextbedingungen – Positionierungen – Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS 2012.
[3] Anhorn, R. / Bettinger, F. / Horlacher, C. / Rathgeb, K. (Hg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2012.
Maksim Huebenthal (Wuppertal)
Zur Zitierweise der Rezension:
Maksim Huebenthal: Rezension von: Hünersdorf, Bettina / Hartmann, Jutta (Hg.): Was ist und wozu betreiben wir Kritik in der Sozialen Arbeit?, Disziplinäre und interdisziplinäre Diskurse. Wiesbaden: Springer VS 2013. In: EWR 14 (2015), Nr. 6 (Veröffentlicht am 02.12.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353118099.html