EWR 14 (2015), Nr. 1 (Januar/Februar)

Juliane Jacobi
Mädchen- und Frauenbildung in Europa
Von 1500 bis zur Gegenwart
Köln: Campus Verlag 2013
(509 S.; ISBN 978-3-5933-9955-3; 39,90 EUR)
Mädchen- und Frauenbildung in Europa 500 Jahre Bildungsgeschichte in einem Band. Juliane Jacobi hat sich in ihrem beeindruckenden Buch zur Geschichte der Frauen- und Mädchenbildung der Herausforderung gestellt, die Bildungsgeschichte von Frauen und Mädchen in den Ländern Frankreich und England sowie im deutschsprachigen Raum seit den Umbrüchen der Reformation bis heute kompakt auf gut 500 Seiten darzustellen.
Überzeugend stellt die Autorin im Einleitungskapitel ihre Auswahl von Untersuchungszeitraum und untersuchten Ländern dar (9–16). Die durch die Reformation hervorgerufenen Umbrüche der Zeit um 1500 und die damit einhergehenden Veränderungen der Geschlechterordnung und des Eheverständnisses prägen, so die Autorin, über die folgenden Jahrhunderte die Ziele, Inhalte und Debatten der Mädchenbildung (11). Die drei ausgewählten Länder und geographischen Räume stehen stellvertretend für typische Entwicklungen in Europa: Frankreich nutzt die Autorin auf der einen Seite als Beispiel für die Bildung der Oberschicht im katholischen Europa. Auf der andern Seite steht es für die Herausbildung eines staatlichen und zentralistischen Bildungswesens. In England dominieren (staatlich unterstützte) öffentliche Stiftungen und private Unternehmungen. Konfessionelle und staatliche Vielfalt prägten und prägen das deutsche Beispiel, trotz der Einschränkungen in den Zeiten des Nationalsozialismus und der DDR.

Aufbauend auf diesem vergleichenden Ansatz teilt sich das Buch in fünf große Kapitel. Das erste Kapitel befasst sich unter dem Titel „Ehrbarkeit und Frömmigkeit“ mit den Jahren 1500–1700 (17–106). Wenig überraschend stehen in diesem Kapitel religiöse Konflikte und ihre Auswirkungen auf das Bildungssystem im Vordergrund. Prägende pädagogische Schriften, wie die von François Fénelon oder Juan Luis Vives, werden dem Leser ebenso vorgestellt wie beispielhafte Biographien und Veröffentlichungen gebildeter Frauen von Christine de Pizan bis Marie Le Jars de Gournay. Nachgezeichnet wird sowohl die Entwicklung für die höheren als auch die unteren sozialen Schichten. Veränderungen in katholischen Gebieten werden differenziert von denen in protestantischen Regionen behandelt. Auch wenn dem Leser bei der Vielzahl von Strömungen, Regionen, Religionen und Personen viel Konzentration abverlangt wird, überzeugt schon im ersten Kapitel der vergleichende Ansatz, der die Verbreitung und Weiterentwicklung von Schriften, Ideen und Personen innerhalb Europas veranschaulicht.

Im zweiten Kapitel, das unter dem Titel „Vernunft, Gefühl und Tugend“, das sogenannte pädagogische Jahrhundert behandelt, kommen Frauen nun verstärkt selbst zu Wort (107–174). Mary Wollstonecraft und die „Bluestockings“, Louise d'Épinay und Sophie von La Roche – Schriften von Frauen, so zeigt es das Kapitel, finden nun vermehrt Eingang in die Debatten um Bildung von Frauen, auch wenn dies in Frankreich und England in deutlich größerem Maße geschah als im deutschsprachigen Raum. Das Kapitel zeigt wiederum auch, dass Frauen im deutschsprachigen Raum zwar weniger wahrgenommen wurden, der Grad der Volksbildung jedoch in vielen Regionen höher war als in Frankreich oder England.

Die verstärkte Trennung zwischen häuslichem und öffentlichem Leben und die Konsequenzen dieser Neufokussierung für die Bildungsmöglichkeiten von Frauen und Mädchen stehen im Mittelpunkt des dritten Kapitels, das sich unter dem Titel „Bildung und fromme Häuslichkeit“ mit den Jahren 1800-1860 befasst (175–234). Weitgehende Einigkeit herrschte in dieser Zeit darüber, dass Bildung Mädchen dazu befähigen sollte ihre Rolle als Ehefrau und Mutter auszufüllen und daher anders geartet sein sollte als die Bildung von Jungen. Daraus resultierend befand man auf dem Kontinent den Staat für die Bildung von Mädchen als nicht zuständig, da aus dieser Bildung kein öffentlicher Nutzen entstehe. In diese Zeit fällt auch, insbesondere in England und Frankreich, die Herausbildung des Lehrerberufs als Berufsperspektive für Frauen.

Der steigenden politischen Bedeutung von Bildungsfragen widmet sich das vierte Kapitel. Unter dem Titel „Politisierung und weiblicher Kulturbeitrag“ werden die Jahre 1860–1918 in den Mittelpunkt gerückt (235–348). Die Debatte um die Bildung von Frauen ist nun Teil eines größeren Diskurses der Frauen- und Arbeiterbewegung. Normierung, Differenzierung und Spezialisierung gehen einher mit der Schaffung nationaler Bildungssysteme. Dies betrifft die Elementarbildung ebenso wie die weiterführenden Schulen. Neu hinzu kommt das Konzept der berufsvorbereitenden Ausbildung. Dabei grenzt sich Frankreich von Deutschland und England ab, in dem es die Rolle als Staatsbürgerin, nicht die Rolle der Mutter, zum Mittelpunkt seiner Bildungsziele macht.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich unter dem Titel „Gleichheit und Ungleichheit“ mit den Jahren 1918–2000 und erstreckt sich damit bis in unsere unmittelbare Vergangenheit (349–440). Die Themen – weibliche Berufstätigkeit, Bildungschancen für Mädchen, Koedukation oder Unterschiede bei Fächer- und Berufswahl – sind auch dem heutigen Leser vertraut. Und hier zeigt sich eine weitere Stärke des Buches. Denn so vertraut dem Leser die Themen zu sein scheinen, stehen sie doch nach der Lektüre des Buches in einem ganz anderen Entwicklungszusammenhang, der wie die Autorin in ihren Schlussbemerkungen aufgreift, die Ambivalenz von Bildung „als konservativer und verändernder Kraft“ aufzeigt (444).

Der lange Untersuchungszeitraum, die Vielzahl von weiblichen (und männlichen) Akteuren, Ländern und Quellengattungen machen dieses Buch zu einer sehr gewinnbringenden Lektüre mit großem Erkenntnisgewinn. Diese Vielfalt bietet natürlich die Gefahr den roten Faden und damit den Leser im Stimmengewirr zu verlieren. Und gerade in den ersten beiden Kapiteln gelingt es der Autorin nicht immer dies abzuwenden. Dem entgegenwirkend bietet sie dem Leser jedoch Struktur und Orientierung durch kurze Zusammenfassungen, die jedes Kapitel abschließen und die wichtigsten Entwicklungslinien der besprochenen Phase zusammentragen.

Auf überzeugende Weise gelingt dies auch im abschließenden Kapitel mit dem treffenden Titel „Lebensverhältnisse-Bildungsverhältnisse“ (441–448). Hier verdeutlicht die Autorin die Signifikanz der auf den vorherigen Seiten aufgezeigten historischen Entwicklungen für die heutigen Bildungs- und Betreuungsdebatten. Auf wenigen Seiten werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Bildungsgeschichte der drei Länder thesenartig verdichtet dargestellt, die von den Unterschieden in der Debatte um die Betreuung von Kleinkindern in Deutschland und Frankreich bis hin zu Konstanten in der Berufswahl von Männern und Frauen historische Einblicke und Einsichten zu aktuellen Fragen bieten.

Alles in allem beeindruckt das Buch nicht nur durch die oben beschriebene Wissensdichte und die vergleichende Herangehensweise, sondern bereichert durch die gekonnte Verknüpfung von historischem Wissen auch den Blick auf aktuelle Debatten.
Anne Overbeck (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anne Overbeck: Rezension von: Jacobi, Juliane: Mädchen- und Frauenbildung in Europa, Von 1500 bis zur Gegenwart. Köln: Campus Verlag . In: EWR 14 (2015), Nr. 1 (Veröffentlicht am 06.02.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978359339955.html