EWR 8 (2009), Nr. 1 (Januar/Februar)

Lothar Beinke
Das Internet – ein Instrument zur Berufsorientierung Jugendlicher?
Frankfurt am Main: Peter Lang 2008
(123 S.; ISBN 978-3-631-57764-6; 29,80 EUR)
Das Internet – ein Instrument zur Berufsorientierung Jugendlicher? Die Nutzung des Internets durch Jugendliche in den unterschiedlichsten Lebensbereichen gehört vermehrt zur Normalität. Das Medium Internet ist insofern für die Übergänge zwischen Schule und Ausbildung von Relevanz, als dass es in Berufswahlprozessen neben den bisherigen Bezugspunkten wie Eltern, Peergroups, Betriebspraktika und Informationszentren eine weitere Informationsquelle darstellt.

Als Experte auf dem Gebiet Berufswahlprozesse und Berufsorientierung untersucht Lothar Beinke in der vorgestellten Studie „Das Internet - ein Instrument zur Berufsorientierung Jugendlicher?“ die Brauchbarkeit von Informationen aus Internetdatenbanken im Berufswahlprozess Jugendlicher.

Zunächst wird in der vorgestellten Studie auf die Generalisierbarkeit der erhobenen Daten eingegangen. Lothar Beinke hält an dieser Stelle fest, dass die erhobenen Daten der durchgeführten Befragungen keinen repräsentativen Charakter haben, sondern vielmehr dazu dient, möglichst informative Orientierungsdaten zum Forschungsgebiet zu erstellen (16). Im ersten Teil der Studie wird zunächst auf verschiedene Aspekte der Berufsorientierung eingegangen und dadurch ein Problemkontext für die anschließende Vorstellung und Besprechung der Untersuchungsergebnisse formuliert. Zunächst wird das Modell der Integrierten Berufsorientierung kritisch kommentiert und in diesem Zusammenhang die Qualifikation der LehrerInnen in ihrer Funktion als Berufsberater betrachtet. Lothar Beinke sieht in der Diskussion um die Verortung der Berufsorientierung zwischen beruflicher Realität und Schule einen konsensualen Kern darin, dass Berufsorientierung, die sich an der beruflichen Realität ausrichtet, unverzichtbare Aufgabe der allgemein bildenden Schulen mit dem Fach Arbeitslehre und insbesondere der Hauptschulen ist (30).

Hinsichtlich der Informationsbeschaffung als Instrument der Berufsorientierung werden insbesondere mögliche Konsequenzen einer zunehmenden heterogenen Informationsfülle durch neue Medien, aber auch durch herkömmliche Quellen für die beteiligten Akteure des Berufsorientierungsprozesses diskutiert. Schülern viele Berufsalternativen vorzuschlagen ist unsinnig, da dadurch die Unsicherheit hinsichtlich der Berufswahl steigt (54). Mit diesem Fazit schließt das Kapitel, welches bereits eine Auswertung von Vorstudien zur Nutzung von Internetdatenbanken bei der Berufsorientierung beinhaltet.

Im zweiten zentralen Abschnitt der vorgestellten Studie werden die Ergebnisse der Datenerhebung präsentiert und interpretiert. Adressaten der Untersuchung sind die Schüler allgemeinbildender Schulen, insbesondere der Abschlussklassen von Haupt- und Realschulen. Es wurden insgesamt 480 Schülerbefragungen ausgewertet (17,5% Hauptschüler, 71,9% Realschüler und 10,5% Gesamtschüler). Die Befragung soll zur Beantwortung folgender Fragen beziehungsweise Überprüfung folgender Hypothesen beitragen (60f):

  • Nutzen SchülerInnen die neue Informationsmöglichkeit durch Internetdatenbanken gezielt und engagiert?
  • Wird Schülern die Nutzung der Informationen aus Internetdatenbanken durch mangelnde Selektions- und Bewertungshilfen erschwert?
  • Wie verhalten sich die Informationen aus Printangeboten zu Internetangeboten hinsichtlich der Nutzung und auch der individuellen Begleitung oder Nutzungshilfe?


Die Befragung erfolgt in Anlehnung an die OECD Studie „Education“ von 2006, weshalb auch die Nutzung des Internets zu Berufswahlthemen nach häuslichem und schulischem Zugang differenziert wird. Neben der geschlechterspezifischen Differenzierung der Befragungsergebnisse, wird auch eine schulformspezifische Unterscheidung vorgenommen. Schließlich werden die Ergebnisse vergleichend zu Print-Informationen ausgewertet.

Die Ergebnisse der Befragungen zeigen eine hohe Verfügbarkeit eines eigenen Computers bei Schülern (72% aller Befragten) sowie eine hohe Nutzung des Internets zum Einholen von Berufsinformationen (82% aller Befragten). 62,2% der Schüler schätzen Berufsinformationen aus dem Internet gleich nützlich ein, wie jene von den Berufsinformationszentren. Dennoch hat das Internet bei der Informationssuche zu Berufswahlthemen kaum einen eigenen Stellenwert: 78,4% der Schüler ordnen die Wichtigkeit dieser Quelle neben herkömmlichen Informationsquellen nachrangig ein. Die Hilfen bei der Nutzung des Internets zur Berufsorientierung in der Schule werden aus Sicht der befragten Schüler überwiegend geleistet, sind in qualitativer Hinsicht jedoch weniger zufriedenstellend als die Nutzungshilfe der Berufsagenturen. Die Thematisierung von Internetrecherche im Berufswahlunterricht wird positiv gewertet.

Aus den Ergebnissen wird der Bedarf nach besserer Unterstützung seitens der Schule bei der Verwertung der Internet Informationen zu Berufen abgeleitet, da die Informationen aus der Internetrecherche für den Schüler ohne Unterstützung wenig hilfreich sind. Die Befragungsergebnisse zu den Printmedien als Informationsquelle der Berufsorientierung führen Lothar Beinke zu dem Schluss, dass der Aufwand dieser Schriften in keinem Verhältnis zu ihrer Wirksamkeit besteht. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Schule und Berufsberatung könnte jedoch zu besseren Nutzungschancen dieses Mediums führen. Lothar Beinke zeigt in seiner Studie auf, dass das Internet ein Instrument der Berufsorientierung darstellen kann, wenn Schülern strukturierte Nutzungshilfen zur Verwendung von Informationen aus dem Internet angeboten werden. Die Schule sieht Lothar Beinke bei der Wahrnehmung dieser Aufgabe verstärkt in der Pflicht.

Das vorgestellte Werk ist insbesondere im zweiten Abschnitt eine auch für Praktiker aufschlussreiche und gut lesbare Studie, welche relevante und aktuelle Aspekte des Themenbereichs Beruforientierung aufgreift und veranschaulicht. Durch die Studie werden weitere Forschungsdesiderate hinsichtlich der Berufsorientierung im schulischen Kontext unter Berücksichtigung neuer Medien deutlich. Eine Einbeziehung aktueller psychologisch orientierter Berufswahlmodelle in den Evaluationsprozess der Studie wäre jedoch hilfreich gewesen, um belastbare Hinweise für die Optimierung der Berufswahlprozesse zu erzielen. Entsprechende Ansätze werden in Deutschland beispielsweise von der Erfurter Forschungsgruppe um Frau Prof. Bärbel Kracke entwickelt.
Urs Frey (Freiburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Urs Frey: Rezension von: Beinke, Lothar: Das Internet - ein Instrument zur Berufsorientierung Jugendlicher?. Frankfurt am Main: Peter Lang 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 1 (Veröffentlicht am 04.02.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978363157764.html