EWR 14 (2015), Nr. 6 (November/Dezember)

Joanna Burchert / Sven Schulte
Die Nutzung des Internets in der dualen Ausbildung
Eine berufspädagogische Betrachtung auf Basis empirischer Forschungsergebnisse
Berufliche Bildung in Forschung, Schule und Arbeitswelt, Band 10
Frankfurt am Main: Peter Lang 2014
(153 S.; ISBN 978-3-631-64688-5; 34,95 EUR)
Die Nutzung des Internets in der dualen Ausbildung Das Interesse an digital unterstützten Lernarrangements für die berufliche Aus- und Weiterbildung ist spätestens seit der Entfaltung neuer Kommunikations- und Vernetzungsrealitäten, welche das Internet mit sich brachte, ungebrochen. Die prinzipielle Gestaltbarkeit von Lernprozessen teils voraussetzend, teils selbst zum Forschungsgegenstand erhebend, reicht das Forschungsprogramm der sich parallel dazu formierenden E-Learning-Forschung seit Mitte der 1990er-Jahre von der Nutzbarmachung so genannter „neuer“ oder „digitaler Medien“ für die schulische und berufliche Ausbildung bis hin zur Reflexion veränderter Arbeits-, Bildungs- und Lebensweltzusammenhänge im Zuge ihrer Verbreitung.

Joanna Burchert und Sven Schulte (beide vom Institut Technik und Bildung der Universität Bremen) beleuchten im hier rezensierten Buch diesen Komplex aus Sicht des Nutzer- und Nutzungsverhaltens von Berufslernenden in der dualen Berufsausbildung der Versicherungs-, Bau- und Kraftfahrzeugbranche. Ihr Anliegen ist im Kern aufzuzeigen, dass die Implementierung von Web 2.0-Tools wie Foren, Blogs und Wikis in die Ausbildung – zwecks Gestaltung partizipativer und kooperativer Lernumgebungen – ohne eine vorgängige, sorgfältige Reflexion der individuellen, stets im lebensweltlichen Kontext zu verortenden Nutzungsmotive kaum nachhaltige(re)s Lernen ermöglicht. Damit richtet sich das Buch gleichsam an Forschende wie auch an in der beruflichen Ausbildung Tätige, welche sich mit der Einbindung solcher Tools in die Ausbildung beschäftigen.

Den Hauptteil des Buches bilden drei Studien, welche die Autorin und der Autor im Rahmen eines dreijährigen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Forschungsprojekts mit dem Titel „expertAzubi“ (2010-2013) durchführten.

Die erste Studie (Kapitel 2) fragt nach den Motiven von Lehrenden und Lernenden, das Internet für Ausbildungszwecke zu nutzen. In Gruppeninterviews mit Lernenden aus den o.g. Branchen und vertiefenden Interviews mit dem beruflichen Bildungspersonal wurden u.a. Fragen aufgegriffen, inwiefern in Schule und Betrieb das Internet genutzt wird und wie sich Nutzungsinteressen im privaten und beruflichen Kontext unterscheiden. Die Studie liefert interessante Ergebnisse in Bezug auf den Stellenwert von bzw. den Umgang mit Online-Informationen im Kontext der Ausbildung – so scheint die Praxisgemeinschaft am Arbeitsplatz im Sinne Lave und Wengers [1] beispielsweise weitaus stärkeren Einfluss auf die Bewertung berufsrelevanter Informationen zu haben als das Ergebnis individuell durchgeführter ad-hoc-Recherchen im Internet. Vom „Jugendlichen“ ausgehend wird als Erklärung hierfür die Bedeutung der Bewältigung von im Berufseinstieg relevanten „Entwicklungsaufgaben“ angeführt. Der damit verbundene Aufbau von (psychologischen) Konzepten des Lernens, der Vergesellschaftung (als betriebliche Sozialisation) und der Berufsarbeit (als ein Bewusstsein für die Qualität der beruflichen Arbeit) steuere so in gewisser Weise die ausbildungsbezogenen Nutzungs- und Verwertungsabsichten des Internets. Den Umstand, dass die befragten Auszubildenden in Bezug auf die Integration digitaler Medien in den Ausbildungsalltag im Vergleich zur privaten Nutzung eher „zurückhaltend“ (32) sind, führen die Autorin und der Autor denn auch auf solche Konzepte zurück, welche im Sinne von „pädagogischen und psychologischen Konstanten“ (ebd.) in die Ziele beruflicher Ausbildungsbestrebungen eingeschrieben sind und dem Internet eine untergeordnete Rolle beimessen. Wenngleich in dieser ersten Studie empirisch nicht erhärtet, wird dem Internet in der Bilanz dennoch ein grundsätzliches Potenzial zur Förderung von Kooperations- und Partizipationsaktivitäten im Rahmen des dualen Lernortverbunds zugeschrieben. Begründet wird dies zum einen forschungspragmatisch – als Ausgangspunkt für eine Zielgruppenanalyse zwecks Aufbau einer eigenen Lern- und Kommunikationsplattform „expertAzubi“ – und zum anderen normativ-programmatisch: „Medienkompetenz“ lautet dann die berufspädagogische Bezugsnorm.

Die zweite Studie (Kapitel 3) umfasst eine Online-Befragung von 95 Lernenden aus den drei o.g. Branchen. Ausgehend von jüngeren Befunden zu Online-Aktivitäten und Mediengebrauch von deutschen Jugendlichen wird die Notwendigkeit einer pädagogischen Reflexion von „Medienkompetenz“ bei der Implementierung digitaler Medien in die berufliche Ausbildung hervorgehoben. Der Einsatz digitaler Medien ermögliche in einem offenen und kooperativen Lernsetting und unter Bedingungen des selbstorganisierten Lernens neue Lehr- und Lernformen und fördere einen kompetente(re)n Umgang mit Medien [2]. Diese These konnte von der Autorin und dem Autor in der quantitativen Auswertung mittels explorativer Korrelationsanalysen jedoch nicht bestätigt werden. Ihre Ergebnisse zeigen vielmehr eine generell geringe Nutzungshäufigkeit und -bereitschaft des PC und des Web 2.0 im ausbildungsbezogenen Kontext. Als Erklärung werden wiederum die individuelle Bewältigung der Entwicklungsaufgabe „Berufseinstieg“ (81) und die damit verbundene Herausbildung von Konzepten des Lernens und der betrieblichen Sozialisation sowie Qualitätsansprüche an die eigene berufliche Arbeit angeführt. Dem Rezensenten stellt sich damit die Frage, inwiefern die Prädominanz solcher Konzepte in der beruflichen Bildung und ihre – folgt man den Ausführungen der Autorin und des Autors – scheinbar partielle Unvereinbarkeit mit dem privaten Nutzungsverhalten des Internets und des Web 2.0 seitens der Lernenden nicht per se deren Interesse am ausbildungsbezogenen Umgang mit digitalen Medien schmälert.

Weitere Indizien für diese, seitens der Autorin und des Autors leider nicht weiter vertiefte Feststellung lassen sich in der dritten Studie (Kapitel 4) ausmachen. Hier werden exemplarisch drei für den fachlichen Austausch von Auszubildenden vorgesehene Internetforen miteinander verglichen und nach dem pädagogischen Gehalt der dort von Nutzerinnen und Nutzern erzeugten Inhalte („User Generated Content“) gefragt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass solche Foren nicht primär für den fachlichen Austausch, sondern von den Auszubildenden hinsichtlich anderer, ihnen offenbar eher dienlichen Zwecke der organisatorischen (z.B. Prüfungsvorbereitung) und emotionalen Unterstützung (z.B. Umgang mit belastenden Berufssituationen oder Einsatz bestimmter Lernstrategien) genutzt werden.

Im letzten Teil ihres Buchs (Kapitel 5) plädieren Burchert und Schulte für eine differenzierte Betrachtung verschiedener Web 2.0-Tools im Hinblick auf deren Eignung als Informations- und Kommunikationswerkzeuge für den Einsatz in der beruflichen Ausbildung. In der – leider sehr knapp gehaltenen – Schlussbetrachtung (Kapitel 6) werden gestützt auf Einzelbefunde aus den oben dargestellten Studien schließlich die „Lessons Learned“ (143) zusammengetragen und eine kritische Position zum didaktischen Potenzial sowie zur Usability des Web 2.0 für die berufliche Ausbildung eingenommen. Diese Kritik erstaunt angesichts der relativ unkritischen Haltung gegenüber der eigenen Empirie: Dass die im Buch versammelten Studien über keine gemeinsame empirische Basis verfügen, macht es zuweilen schwierig, die daraus abgeleiteten Schlüsse und Theoriebezüge als systematisch zusammengehörig und nicht eher fragmentarisch nebeneinanderstehend zu lesen.

„Die Entwicklung und Verbreitung digitaler Medien geht weiter – ohne dass das Versprechen effektiveren, autonomeren Lernens sichtbar eingelöst worden wäre“ (144). Mit diesem Statement treffen Burchert und Schulte einen wunden Punkt angewandter Forschung, welche sich mit der Implementierung digitaler Medien in die (berufliche) Ausbildung befasst. Sie bringen ihre eigene Arbeit damit jedoch selbst ein Stück weit in Legitimationszwang, indem sie ebenfalls keine andere Lösung anbieten, als die Entwicklungsaufgabe „Berufseinstieg“ unter dem Gesichtspunkt einer zunehmenden Mediatisierung der Gesellschaft weiterhin kritisch zu beobachten. An dieser Stelle wären weitergehende Reflexionen darüber, wie die Erkenntnisse der vorgestellten Studien in die Entwicklung der oben erwähnten Online-Plattform im Rahmen des Projekts „expertAzubi“ eingeflossen sind, für die angewandte Forschung sowie für die daraus abgeleitete Praxis aufschlussreich(er) gewesen. Insofern erfahren die Lesenden einiges über die (Nicht-)Nutzung des Internets in ausgewählten Ausbildungszusammenhängen, jedoch wenig über seine Nutzbarmachung.

[1] Lave, J. / Wenger, E.: Situated learning. Legitimate peripheral participation. Cambridge: Cambridge University Press 1991, 20th printing 2009.
[2] Burchert und Schulte definieren „Medienkompetenz“ in Anlehnung an das BMBF als Informationsmanagement, verantwortungsvollen Umgang, Bildung der eigenen Person sowie als produktives Handeln mit und durch Medien, 41-43.
Stefan Kessler (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Stefan Kessler: Rezension von: Burchert, Joanna / Schulte, Sven: Die Nutzung des Internets in der dualen Ausbildung, Eine berufspädagogische Betrachtung auf Basis empirischer Forschungsergebnisse Berufliche Bildung in Forschung, Schule und Arbeitswelt, Band 10. Frankfurt am Main: Peter Lang 2014. In: EWR 14 (2015), Nr. 6 (Veröffentlicht am 02.12.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978363164688.html