EWR 14 (2015), Nr. 4 (Juli/August)

Andreas Heilmann / Gabriele Jähnert / Falko Schnicke / Charlott Schönwetter / Mascha Vollhardt (Hrsg.)
Männlichkeit und Reproduktion
Zum gesellschaftlichen Ort historischer und aktueller Männlichkeitsproduktionen
Schriftenreihe: Kulturelle Figurationen: Artefakte, Praktiken, Fiktionen
Wiesbaden: Springer VS 2015
(348 S.; ISBN 978-3-6580-3983-7; 39,99 EUR)
Männlichkeit und Reproduktion Der zu besprechende Band versammelt insgesamt 17 Beiträge, die in großen Teilen im Kontext des Kolloquiums „Männlichkeit und Reproduktion – Reproduktion von Männlichkeit?“ am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU Berlin entstanden sind. Im Zentrum des Bandes steht die Frage, wie die beiden an sich schon umfangreichen und in sich äußerst heterogenen sozialen Gegenstände „Männlichkeit“ und „Reproduktion“ in ein fruchtbares Verhältnis zueinander gesetzt werden können. Reproduktion wird dabei in einem weiten Verständnis gefasst, das erlaubt, unterschiedliche Sinngehalte bzw. Bedeutungsebenen des Begriffs nutzbar zu machen – aufgerufen werden zum einen die Beteiligung von Männern an reproduktiver (Sorge-)Arbeit und zum anderen die permanente Erneuerung männlicher Herrschaft durch sich selbst – und diese Sinngehalte als Ausgangspunkt für die Analyse von Männlichkeit zu nutzen. Dabei stellen die Herausgeber_innen in ihrer Einleitung vier thematisch organisierte Schwerpunkte vor, die anhand der verschiedenen Beiträge vertieft werden sollen: die Verhältnisse von Reproduktion und Männlichkeit, den Aspekt der permanenten, ritualisierten, alltäglich stattfindenden Herstellung von Männlichkeit, einen inter- und transdisziplinären Zugriff, der eine Mehrdimensionalität der Bearbeitung des Themas ermöglichen soll und schließlich eine Auseinandersetzung und Nutzung neuer Perspektiven auf der Ebene der Methodologie (9f).

Im ersten Teil des Buches, überschrieben mit „Narrative Strategien der Reproduktion von Männlichkeit“, finden sich vier Aufsätze literaturwissenschaftlicher Provenienz. Mascha Vollhardt befasst sich mit Impotenz und (Un-)Männlichkeit in dem zeitgenössischen Roman „Autopilot“ von Norbert Kron. Christine Kranz analysiert anhand unterschiedlicher Texte Phantasien über Reproduktion im zeitlichen Kontext der europäischen Avantgarde (1880-1933), in der das Gebären ein intensiv verhandeltes Thema war. Ulrike Vedder verfolgt die Karriere der Figur des männlichen Junggesellen in der literarischen und wissenschaftlichen Repräsentation zur Zeit des 19. Jahrhunderts, dem sie die Charakteristik eines irritierenden „Störfalles“ und damit die Potentiale einer weitergehenden Auseinandersetzung für die Debatte über Männlichkeit und Genealogie zuschreibt.

Mit der Freundesliebe im 18. Jahrhundert befasst sich der Aufsatz von Andreas Kraß. Anhand eines „close readings“ von Alfred Lord Tennysons Gedicht „In Memoriam“ (1849) und der Analyse der Transformation dieses Textes in die deutsche Sprache („Freundes-Klage“, übertragen von Robert Walsmüller-Duboc, 1870) wird eine mögliche Struktur männlicher Freundschaft vorgestellt, in der der Wunsch nach gemeinsamer Reproduktion in der Beziehung zwischen zwei männlichen Freunden durch das Phantasma der symbolischen Reproduktion scheinbar eingelöst werden kann. Als eine potentielle Realisierung stellt Kraß eine Praxis vor, in der einer der Freunde die Schwester des anderen heiratet. Damit entwickelt er als einen Aspekt des Diskurses um Reproduktion die Sublimierung des Wunsches danach, ausgelöst durch die Unmöglichkeit seiner Realisierung.

Der zweite große Themenkomplex des Bandes trägt den Titel „Reproduktionsarbeit und neue Männlichkeit“. Hier kommen Stimmen aus unterschiedlichen Disziplinen zu Wort, die sich auch unterschiedlicher Zugangsweisen bedienen. Andreas Heilmann bearbeitet zwei von ihm als Krisendiskurse gekennzeichnete Phänomene – Reproduktionskrise und Männlichkeitskrise – unter der Prämisse, dass diese als strukturell zusammenhängend verstanden werden müssten und für die Existenzweise von Männlichkeit widersprüchliche Anforderungen formulierten.
Auch Stephan Trinkaus und Susanne Völker setzen an der Figur der Reproduktionskrise an und schlagen vor, den Austragungsort der Auseinandersetzung mit dieser Krise im Bereich des Alltäglichen zu situieren.

Zwei eher empirisch basierte Aufsätze beschäftigen sich mit der Frage der Arbeitsteilung im Kontext der heterosexuellen Kleinfamilie: Johanna Possinger nimmt in ihrem Beitrag die Einführung des Bundeselterngeldes zum Anlass, die sichtbar gewordenen Umgangsweisen hinsichtlich der Frage, ob sich dadurch neue Modelle der Vaterschaft entwickelt haben, zu beleuchten. Cornelia Behnke und Sylka Scholz untersuchen, als Ausschnitt aus einem größeren Forschungsprojekt, Deutungsmuster und Alltagspraxen von Vaterschaft in Ostdeutschland. Dabei sind nicht nur die forschungspraktischen Hinweise, die dieser instruktive Artikel bereitstellt, interessant. Auch das Resultat, dass die geschlechtsbasierte Arbeitsteilung sich bei den vorgestellten ostdeutschen Paaren vor allem nach ihrer schichtspezifischen Situierung sowohl in der Praxis als auch in deren Begründung unterscheidet scheint für weitergehende Auseinandersetzungen mit der Frage nach geschlechtlichen Existenzweisen weiterführend. Toni Tholen interessiert sich mit literaturwissenschaftlichem Blick für den Wandel von Väterlichkeit und Care und bietet dabei einen eindrücklichen Überblick darüber, wie sich die Figur des Vaters (im Verhältnis zu ihren Söhnen) in literarischen Auseinandersetzungen verändert hat.

Die dritte Abteilung des Bandes befasst sich mit historischen Entwicklungen, die zusammenfassend als „Selbstreproduktionen männlicher Kollektividentitäten“ beschrieben werden. Tanja Pauligs Untersuchung stellt auf die symbolische Reproduktion von Männlichkeit im Kontext der Formierung des Ingenieursberufes ab, der sich im Spannungsfeld der Narrative über zwei Figuren des Ingenieurs – dem bildungsbürgerlich-akademischen Maschinenwissenschaftler und dem eher anti-szientistisch eingestellten „Mann der Tat“ – entwickelt und so unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit, die in Verbindung mit Technik steht, ausgeprägt hat. Falko Schnicke rekonstruiert die Entstehung des „Historischen Seminars“ im 19. Jahrhundert als männlich-homosozialen Raum, der in seiner Struktur symbolische Verwandtschaftsbeziehungen ausbildet. Diese werden nicht nur über den faktischen Ausschluss von Frauen sondern auch über ritualisierte Handlungen (zum Beispiel Feste) und kollektive Praxen (gemeinsamer Konsum von Alkohol und Tabak) hergestellt.
Mit einem Beispiel aus der Kolonialgeschichte befasst sich Jan Severin. Im Fokus seines Interesses steht die Frage, inwiefern die Praxis der Ausweisung aus Deutsch-Südwestafrika als reproduzierende Praxis kolonialer Männlichkeit verstanden werden kann.

Ein vierter Beitrag ist zeitlich früher situiert: Christina Petterson interessiert sich dafür, wie im Kontext der Herrnhuter Brüdergemeinde Mitte des 18. Jahrhunderts Geschlecht hergestellt wurde und konstitutiv für das Funktionieren der Gemeinde war. Ihr Gegenstand sind dabei die Chorreden, die Einfluss auf die Ausbildung einer entsprechenden Geschlechtsidentität nehmen sollten. Diese interpretiert sie in ihrem originellen Zugriff als sowohl individualisierend als auch gemeinschaftsintegrierend.

Im letzten Abschnitt des Buches sind Aufsätze enthalten, die sich mit der „Reproduktion männlich dominierter Machtverhältnisse im Netz und in den neuen Medien“ befassen. Dabei beschäftigen sich Andreas Kemper und Charlott Schönwetter anhand verschiedener interner Debatten mit antifeministischen, sexistischen und androzentrischen Strukturen innerhalb des Onlinelexikons Wikipedia. Sie stellen auch die Frage, wie der selbstformulierte Anspruch der „Neutralität des Wissens“ hier eingelöst werden kann.

Malte Goßmann und Martin Seeliger befassen sich mit einer Episode um die Frankfurter Rapperin Schwester Ewa, deren Performances zu Reaktionen von männlichen Gangsta-Rappern führte, die als habituelle Unsicherheiten, aber auch als Wiederherstellungsversuche männlicher Herrschaft interpretiert werden. Queer-feministische Blogs sind der Gegenstand, mit dem sich Gesche Gerdes und Anna Seidel beschäftigen. Sie stellen anhand ausgewählter Beispiele in unterschiedlichen Blogs dar, wie Männlichkeit verhandelt bzw. hergestellt wird. Den Abschluss des Bandes bildet der Aufsatz von Katrin Köppert, die sich mit zwei Dating-Portalen für homosexuell begehrende Männer befasst und dabei fragt, wie in diesen Kontexten bestimmte Vorstellungen von Reproduktion hergestellt und transformiert werden und wie diese auch als affektives Sorgehandeln verstanden werden können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die zu Beginn von den Herausgeber_innen beschriebenen Ebenen der Auseinandersetzung in den Texten Niederschlag finden. Dabei ist besonders erfreulich, dass der oft formulierte Anspruch einer inter- und transdisziplinären Auseinandersetzung tatsächlich in weiten Teilen des Bandes eingelöst wird. Ebenfalls ist der Fokus auf im weiteren Sinne historische Gegenstände und Materialitäten begrüßenswert, da diese neue und überraschende Zugänge zu den zentralen Themenkomplexen des Bandes ermöglichen.

Offen bleibt, warum der Terminus „Männlichkeit“ unkommentiert in dieser Form beibehalten und nicht der inzwischen (auch) übliche Begriff „Männlichkeiten“ genutzt wird. Diese, vermutlich theoriestrategische, Entscheidung irritiert. Zwar sind mit den beiden Begrifflichkeiten verschiedene Dimensionen von Männlichkeit/-en verbunden – „Männlichkeit“ verweist eher auf eine strukturkategoriale Nutzung des Begriffs, „Männlichkeiten“ eher auf konkrete Ausformungen und Relationen. Dennoch verwundert die nicht explizierte Verwendung von „Männlichkeit“, da sie vielen der Artikel nicht gerecht wird, die sich nun gerade mit „Männlichkeiten“ befassen – was sich auch in der dominanten Bezugnahme auf das theoretische Framing von Connell wiederspiegelt, das zusammen mit Arbeiten von Bourdieu für viele Artikel den zentralen theoretischen Bezugspunkt darstellt.

Der Band liefert insgesamt viele Anregungen und Perspektiven und ist vor allem für Personen, die grundlegende Kenntnisse der Geschlechterforschung besitzen, eine interessante Lektüre, die es erlaubt, aktuelle Forschungslinien, Felder und Perspektiven kennenzulernen und bei Bedarf zu vertiefen.
Klemens Ketelhut (Halle)
Zur Zitierweise der Rezension:
Klemens Ketelhut: Rezension von: Heilmann, Andreas / Jähnert, Gabriele / Schnicke, Falko / Schönwetter, Charlott / Vollhardt, Mascha (Hg.): Männlichkeit und Reproduktion, Zum gesellschaftlichen Ort historischer und aktueller Männlichkeitsproduktionen Schriftenreihe: Kulturelle Figurationen: Artefakte, Praktiken, Fiktionen. Wiesbaden: Springer VS 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 4 (Veröffentlicht am 07.08.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365803983.html