EWR 16 (2017), Nr. 6 (November/Dezember)

Andrea Albers
Schulwettbewerbe als Impuls für Schulentwicklung
Perspektiven von Teilnehmenden des Deutschen Schulpreises
Wiesbaden: Springer VS 2016
(371 Seiten; ISBN 978-3-658-12863-0; 49,99 EUR)
Schulwettbewerbe als Impuls für Schulentwicklung Im Diskurs um Schulwettbewerbe dominieren Texte, in denen entweder die Programmatik der Wettbewerbe oder (Gewinner-)Schulen vorgestellt werden. Wissenschaftliche Studien sind hingegen Mangelware. Entsprechend wenig ist darüber bekannt, welche Erfahrungen die Teilnehmenden in Schulwettbewerben machen, wie sich die Teilnahme gestaltet und was Schulwettbewerbe bewirken. Diese Forschungslage erstaunt angesichts der Vielzahl an Schulwettbewerben, die sich in den letzten Jahren in Deutschland etabliert haben.

Andrea Albers setzt mit ihrer Studie an dieser Forschungslücke an. Sie fokussiert die Fragestellung, ob und inwiefern ein Zusammenhang zwischen der Teilnahme an einem Schulwettbewerb und innerschulischen Entwicklungsprozessen besteht. Beantwortet wird diese Frage am Beispiel des Deutschen Schulpreises, eines deutschlandweiten, schulformübergreifenden Schulwettbewerbs. Albers nimmt dabei nicht die Perspektive der Initiatorinnen und Initiatoren des Wettbewerbs in den Blick, sondern konzentriert sich im empirischen Teil der Arbeit auf die Sichtweisen teilnehmender Schulleitungsmitglieder und Lehrpersonen. Dadurch bearbeitet die Autorin ihr Anliegen, Schulwettbewerbe in ihrer Funktion als Impulsgeber für mögliche Schulentwicklungsprozesse einer kritischen Reflexion zu unterziehen.

Die Studie ist in fünf Abschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt skizziert Albers den Untersuchungsrahmen und die Forschungsfragen. Hier wird der Deutsche Schulpreis anschaulich und detailliert vorgestellt, wobei die Autorin u.a. auf die Ziele, den zugrundeliegenden Schulentwicklungsbegriff und die Teilnehmenden dieses Schulwettbewerbs eingeht. Die Detailliertheit erscheint dabei insofern angemessen, als die Informationen für ein Verständnis der später präsentierten empirischen Ergebnisse notwendig sind. Ein zentraler Befund der durchgeführten Textanalyse lautet, dass „in der Programmatik des Deutschen Schulpreises sowie im Diskurs ein Zusammenhang zwischen Schulwettbewerbsteilnahme und Schulentwicklung an der Einzelschule proklamiert wird“ (71). Auf Basis dieses Befundes geht es Albers darum, diesen proklamierten Zusammenhang theoretisch und empirisch zu untersuchen.

Im zweiten Abschnitt wird deutlich, dass Schulwettbewerbe bisher nicht nur empirisch, sondern auch theoretisch wenig erforscht worden sind. Überzeugend erscheint vor diesem Hintergrund das Vorgehen der Autorin, den vorhandenen Diskurs um Schulwettbewerbe zu überwinden und Schulwettbewerbe unter der Perspektive schulentwicklungstheoretischer Konzepte zu betrachten. Die Heranziehung insbesondere des governancetheoretischen Schulentwicklungsansatzes von Maag Merki ermöglicht es, den Fokus zwar auf Einzelschulen zu legen – was der Ausrichtung des Deutschen Schulpreises entspricht – , zugleich jedoch Interaktionen auf der Makroebene zu berücksichtigen. Hierdurch gelingt es Albers, Schulen nicht als Adressaten des Wettbewerbs, sondern als eigenständige Akteure mit spezifischen Handlungslogiken und Akteurskonstellationen zu fassen. Die Teilnahme am Deutschen Schulpreis kann dabei als Impuls von außen wirken.

Der dritte Abschnitt ist den methodischen Grundlagen der empirischen Untersuchung gewidmet. Innerhalb eines qualitativen Forschungsansatzes wurde ein Stichprobenplan erstellt, mit dem Ergebnis, dass die Untersuchung an zwei integrierten Gesamtschulen und an zwei Gymnasien stattfand. Nachvollziehbar ist dabei sowohl die Entscheidung, in mehreren Aspekten auf Vergleichbarkeit der Schulen zu achten als auch solche Schulen auszuwählen, die wie die meisten der teilnehmenden Schulen bislang keinen Preis im Schulwettbewerb erhalten haben. Sehr anschaulich stellt Albers daraufhin sowohl den Prozess der Datenerhebung mittels leitfadengestützter Experteninterviews als auch die Auswertung der insgesamt 37 Interviews mittels qualitativer Inhaltsanalyse dar. In den sich anschließenden Ausführungen zu Gütekriterien und Forschungsethik zeigt sich das reflexive Verhältnis, in dem die Autorin zu ihrer Untersuchung steht, in pointierter Weise.

Die Darstellung der empirischen Forschungsergebnisse im vierten Abschnitt zeichnet sich durch einen systematischen Aufbau aus. In einem ersten Schritt werden die Perspektiven der befragten Akteurinnen und Akteure nach den jeweiligen Schulstandorten gebündelt. Auf ein Kurzportrait der Schule folgt jeweils eine Darstellung der analysierten Hauptkategorien. In der sich anschließenden Verdichtung werden die Hauptkategorien in nachvollziehbarer Weise miteinander verglichen. In einem zweiten Schritt werden Hauptkategorien entlang einzelner Elemente des Deutschen Schulpreises präsentiert: Schriftliche Bewerbung, Juryrückmeldung und Jurygespräch sowie Akademie des Schulpreises, wobei letztere als Spezifikum des Schulpreises ein Netzwerk darstellt, zu dem die jahrgangsbesten 50 Schulen Zugang bekamen. Durch dieses zweischrittige Vorgehen gelingt es Albers, sowohl die Spezifika der Einzelschulen darzustellen als auch – im Vergleich zwischen den schulspezifischen und schulübergreifenden Hauptkategorien – Erkenntnisse zu gewinnen, die zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen. Als Ergebnis der Untersuchung werden unter Aufgriff auf schulentwicklungstheoretischer Konzepte sechs Thesen zum Zusammenhang zwischen der Teilnahme am Schulwettbewerb und der Entwicklung der Einzelschule formuliert. Diese Thesen verdeutlichen, dass die Teilnahme am Schulwettbewerb in den untersuchten Schulen keinen kollektiven Prozess, sondern eher eine Sache Einzelner darstellt, die durch ihre Beteiligung am Wettbewerb einen Informations- und Motivationsgewinn erhalten können. Impulse für Handlungsschritte an der Schule gehen nicht von der Teilnahme am Wettbewerb, sondern von Veranstaltungen der Akademie des Schulpreises aus. Etablierte Arbeits- und Kommunikationsstrukturen an den Schulen erweisen sich als zentral für den Transfer des Impulses.

Im fünften Abschnitt hält Albers zunächst fest, dass der „im Diskurs hergestellte Zusammenhang zwischen der Schulwettbewerbsteilnahme und der Einzelschulentwicklung […] von den interviewten Personen in dieser Forschungsarbeit so nicht hergestellt“ (319) wird. Auf Grundlage dieses zentralen Ergebnisses formuliert die Autorin Schlussfolgerungen für den Schulwettbewerbsdiskurs und arbeitet Perspektiven für die weitere Forschung zu Schulwettbewerben und Schulentwicklung heraus. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Bilanzierung der Ergebnisse. Demnach kann die Teilnahme am Deutschen Schulpreis aus der Perspektive der Teilnehmenden erstens als Impuls für eine Bestandsaufnahme und Präsentation von geleisteter Arbeit, zweitens als inhaltlicher und motivationaler Impuls für Einzelpersonen wirken. Offen bleibt hingegen, inwiefern von Schulwettbewerben Impulse für die Schulsystemebene ausgehen.

Insgesamt betrachtet greift Albers ein bisher kaum erforschtes, jedoch für die Weiterentwicklung von Schulen zunehmend bedeutsamer werdendes Thema auf. Der Diskurs um Schulwettbewerbe wird unter Fokussierung auf den Deutschen Schulpreis aufgearbeitet und verständlich dargestellt. Die vorgenommene schulentwicklungstheoretische Fundierung von Schulwettbewerben ist innovativ und erscheint weiterführend, wie sich an den Befunden der Studie zeigt. Letztere machen deutlich, dass es weiteren Forschungsbedarf gibt, insbesondere auch zu der Frage, woran es liegt, dass Schulwettbewerbe wie der Deutsche Schulpreis nicht stärker als Impulsgeber für Prozesse der Schulentwicklung wirken. Der von Albers eingeschlagene Weg, die Perspektive der schulischen Akteurinnen und Akteure zu erforschen, erscheint dabei als richtungsweisend. Nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund einer stringenten, durch Zusammenfassungen und hilfreiche Tabellen gestützten Leserführung kann ich die Lektüre der Studie sehr empfehlen.
Jan-Hendrik Hinzke (Hamburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jan-Hendrik Hinzke: Rezension von: Albers, Andrea: Schulwettbewerbe als Impuls für Schulentwicklung, Perspektiven von Teilnehmenden des Deutschen Schulpreises. Wiesbaden: Springer VS 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 6 (Veröffentlicht am 07.12.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365812863.html