EWR 10 (2011), Nr. 3 (Mai/Juni)

Dieter Münk / Andreas Schelten (Hrsg.)
Kompetenzermittlung für die Berufsbildung
Verfahren, Probleme und Perspektiven im nationalen, europäischen und internationalen Raum
Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag 2010
(275 S.; ISBN 978-3-7639-1135-6; 27,90 EUR)
Kompetenzermittlung für die Berufsbildung Der Tagungsband „Kompetenzermittlung für die Berufsbildung. Verfahren, Probleme und Perspektiven im nationalen, europäischen und internationalen Raum“ basiert auf den Beiträgen des gleichnamigen siebten Forums der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz (AG BFN). Im Rahmen des Forums wurde im Oktober 2008 in München der Forschungsdiskurs um die Verfahren der Kompetenzermittlung weitergeführt und im Zusammenhang damit die internationale Anschlussfähigkeit des bundesdeutschen Modells beruflicher Qualifizierung der Berufsausbildung thematisiert.

Neben dem Vorwort der Herausgeber führen drei Plenumsvorträge in die Problematik ein und zeigen Standpunkte der praxisorientierten Debatte um Kompetenzermittlung und des wissenschaftlichen Diskurses um berufliche Kompetenzen auf. Martin Baethge reflektiert in diesem Kontext die Erfahrungen und Ergebnisse der Machbarkeitsstudie für ein Berufsbildungs-PISA und fokussiert dabei die politischen und methodischen Herausforderungen für die Durchführung eines international vergleichenden „Large Scale Assessments for Vocational Education and Training“ (VET-LSA).

Sandra Bohlinger untersucht den Zusammenhang zwischen der Forderung nach verstärkter Outcomeorientierung und -validierung und der Umsetzung dieser auf nationaler und europapolitischer Ebene. Sie stellt hierzu die drei politischen Instrumente EQF, ECVET und Europass vergleichend gegenüber.

Manfred Kremer zeigt die zentrale Bedeutung der Erfassung beruflicher Handlungskompetenz auf und betont die Relevanz dieser Erfassung auch im internationalen Vergleich, um die Leistungsfähigkeit deutscher Berufsbildung objektiv feststellbar zu machen. Er greift dabei die Schwierigkeiten und die Bedenken der Akteure hinsichtlich einer international vergleichenden Messung beruflicher Handlungskompetenzen auf und sieht das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in einer möglichen Mittlerfunktion zwischen Praxis, Politik und Wissenschaft.

Drei zentrale inhaltliche Zugänge des Forums zum Thema Kompetenzermittlung werden in den weiteren Kapiteln des Tagungsbandes gespiegelt: Während acht Beiträge des Bandes dem nationalen Bezugsrahmen zugeordnet sind, lassen sich zwei Beiträge im europäischen und drei Beiträge im internationalen Bezugsrahmen verorten. Die Debatte um Kompetenzen und Kompetenzermittlung in der beruflichen Bildung wird auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene intensiv geführt und hat dabei wissenschaftliche, berufsbildungspolitische und berufsbildungspraktische Dimensionen. Die Auswirkungen dieser Debatte werden auf europäischer Ebene insbesondere anhand der reformpolitischen Entwicklungen mit dem kompetenz- und outcomeorientierten Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) und dem zugehörigen Europäischen Leistungspunktesystem für berufliche Bildung (ECVET) ersichtlich.

Es kann als zentrales Bestreben des hier besprochenen Bandes gesehen werden, die intensive bundesdeutsche Diskussion über Kompetenzentwicklung, -messung und -modellierung mit europäischen und internationalen Entwicklungen und Diskursen zu verbinden sowie die zugehörigen Reformstrategien aufzugreifen. In diesem Zusammenhang sehen die Herausgeber einen zunehmenden ordnungspolitischen Handlungsbedarf in Deutschland (7). Die Beiträge des Tagungsbandes beziehen sich auf diese Ausgangsproblematik, indem sie aus unterschiedlichen Perspektiven theoretische, empirische und zum Teil auch berufsbildungspolitisch ausgelegte Analysen zur Kompetenzermittlung entwickeln.

Im Tagungsband werden vor allem Forschungsergebnisse vorgestellt, die konkrete Erfahrungen mit durchgeführten Kompetenzmessungen in bestimmten beruflichen oder thematisch abgrenzbaren Sektoren aufzeigen und reflektieren. So stellen Rita Meyer und Brite Modrow-Thiel erste Ergebnisse des Forschungsprojekts GRiPPS vor, in welchem Aufgaben und Kompetenzen Beschäftigter aus den Bereichen Produktentwicklung und Serviceentwicklung in der Investitionsgüterindustrie analysiert und daraus Anforderungsprofile entwickelt wurden. Weiterführende arbeitsbezogene Qualifikationsszenarien sollen auf dieser Grundlage im Projekt entwickelt werden.

Felix Rauner und Bernd Haasler erläutern ein Testkonzept für eine Large-Scale-Untersuchung, welches im Rahmen des Pilotprojektes KOMET entwickelt wurde. Das entwickelte Instrumentarium zur Messung beruflicher Handlungskompetenzen zeichnet sich durch Gestaltungsoffenheit und die Orientierung an realitätsnahen und beruflich orientierten Testaufgaben aus. Erste Ergebnisse und Einschätzungen der Autoren sowie eine Verknüpfung mit der Debatte um international vergleichende Kompetenzerfassung runden den Beitrag ab.

Ute Clement stellt den Modellversuch WAWIP (Universität Kassel) vor, der auf Basis des EQF zur Anerkennung von vorgängig erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten im Pflege- und Gesundheitsbereich durchgeführt wurde. Die Erfahrungen und Ergebnisse des Modellversuchs werden in eine kritische Diskussion um national und international standardisierte Zertifizierung von Handlungskompetenzen eingebettet.

Kirsten Müller präsentiert Ergebnisse aus einer explorativen Längsschnittstudie zum Zusammenhang zwischen Schlüsselkompetenzen und beruflichem Verbleib. Die Erhebung berücksichtigt zwei berufsfachschulische Ausbildungsgänge (Physiotherapeut/-in und Wirtschaftsassistent/-in Fachrichtung Informationsverarbeitung) und einen dualen Ausbildungsgang (Bürokaufmann/-frau). Die Instrumente zur Erhebung der ausgewählten Schlüsselkompetenzen sind aus vergleichsweise breit angelegten Forschungskontexten übernommen.

Die Feststellung der Wirksamkeit von Schlüsselkompetenzen bei Auszubildenden auf deren beruflichen Verbleib erfolgte durch die Untersuchung der Zugehörigkeitswahrscheinlichkeit von Absolventengruppen mit bestimmten Kompetenzmustern zu Verlaufsmustern des beruflichen Verbleibs. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen ein uneinheitliches und schwaches Bild bezüglich der Zusammenhänge zwischen Ausprägungen von Schlüsselkompetenzen und dem beruflichen Verbleib der Absolventen. Dadurch wird deutlich, wie riskant es ist, an dieser Stelle von einem Wirkungszusammenhang zu sprechen.

Gerhard Minnameyer und Sarah Berg entwickeln eine prozessbezogene Perspektive zur Erfassung von kognitiven Kompetenzen und stellen einen inferenziellen Ansatz vor, der die systematische Konstruktion von Situationsaufgaben unterstützt. Am Beispiel von IHK-Prüfungsaufgaben für Bankkaufleute wird die theoretische Konzeption konkretisiert und reflektiert.

Reinhold Nickolaus, Tobias Gschwendtner, Bernd Geissel und Stephan Abele stellen eine Konzeption der Kompetenzerfassung und Kompetenzmodellierung (mit Beschränkung auf fachliche Kompetenzen) vor, die im Rahmen einer internationalen Vergleichsuntersuchung (VET-LSA) im Bereich gewerblich-technischer Berufsbildung realisiert werden sollte. Die Testkonstruktion auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse zur Kompetenzermittlung und die damit verbundenen Schwierigkeiten werden in diesem Beitrag anschaulich erläutert.

Die Projekte in den genannten Beiträgen zeigen beispielhaft Schwierigkeiten und Potentiale der praktischen Umsetzung von Kompetenzerfassung beruflicher Handlungskompetenzen auf, welche sowohl im nationalen wie auch im europäischen und internationalen Kontext bestehen.

Welche weiteren Konsequenzen sich aus der Kompetenzerfassung in der pädagogischen Praxis ergeben können, zeigen Hugo Kremer und Andrea Zoyke auf. Sie stellen anhand des Beispiels eines Modellprojekts zur beruflichen Rehabilitation heraus, inwiefern eine Kompetenzdiagnose die Grundlage individueller Förderung darstellt. Im Beitrag wird mithilfe einer doppelten Black-Box-Problematik illustriert, welche Probleme sich bei der Überführung von Befunden der Kompetenzdiagnose in förderliche Lernaufgaben ergeben. Mögliche Lösungsansätze zur Problematik werden aufgezeigt und zugleich ein Forschungsdesiderat in diesem Bereich artikuliert.

Auch Lothar Reetz fokussiert in seinem Beitrag die Praxis der beruflichen Ausbildung, indem er mittels einer Sekundäranalyse die Frage untersucht, ob die Aufgaben der dualen Abschlussprüfungen die beruflichen Handlungskompetenzen erfassen beziehungsweise welche Schwachstellen bestehen. Die kritische Betrachtung des dualen Prüfungssystems versteht sich als Beitrag zur positiven Weiterentwicklung der Prüfungspraxis.

Barbara Lorig und Daniel Schreiber stellen in ihrem Artikel ein Kompetenzmodell (BIBB-Kompetenzmodell) vor, mit dessen Hilfe Ausbildungsordnungen in Zukunft systematisch und kompetenzorientiert weiterentwickelt werden können. Das BIBB- Kompetenzmodell umfasst die Kompetenzdimensionen Fach-, Methoden-, Personal- und Sozialkompetenz und eignet sich auch zur Analyse von bestehenden Ausbildungsordnungen. Im Beitrag werden beispielhaft die Analyseergebnisse der Ausbildungsordnung des Kaufmanns/der Kauffrau im Groß- und Außenhandel, Fachrichtung Großhandel vorgestellt.

Eine im Vergleich eher theoretisch ausgerichtete Diskussion um das Verhältnis von Wissen und Können beziehungsweise "Könnerhaftem Handeln" in der beruflichen Arbeit und Ausbildung führt Martin Fischer in seinem Beitrag. Vor diesem Hintergrund werden Desiderata der Kompetenzmessung und die Grenzen eines Berufsbildungs-PISA aufgezeigt.

Der Beitrag von Martin Mulder, Judith Gulikers, Harm Biemans und Renate Wesselink hebt den eingangs erläuterten Diskurs auf eine europäische Ebene, indem er eine Studie vorstellt, die an zwei niederländischen Universitäten durchgeführt wurde. Sie untersucht die Anwendung und Akzeptanz des Konzepts der kompetenzorientierten Bildung in „higher education“ und „professional higher education“.

Silvia Annen vergleicht europäische und nationale Verfahren zur Ermittlung und Anerkennung von Kompetenzen aus pädagogischer und ökonomischer Perspektive. Diesen Beitrag zeichnet aus, dass er nationale und europäische Zugänge vergleicht und damit die skizzierte Ausgangsproblematik des Tagungsbandes direkt aufgreift. Silvia Annen leitet aus den Ergebnissen ihrer Untersuchung konkrete Handlungsempfehlungen für den deutschen Kontext ab.

Die deutsche und europäische bildungspolitische Diskussion wird von Antje Bararasch international-vergleichend zu den neueren Entwicklungen des US-amerikanischen Bildungssystems in Beziehung gestellt. Sie beschreibt in ihrem Beitrag die Accountability-Bewegung, die zur Formulierung von Standards für die Messung von Bildungs-Outcomes führte, und untersucht den Forschungsstand sowie Forschungsdesiderata zum Thema Standardisierung in der Berufsbildung beziehungsweise Career-Education Standards.

Dem Leser des Tagungsbandes wird durch die Vielfalt der Beiträge ein bereichernder Überblick über die verschiedenen Zugänge der Kompetenzermittlung in der nationalen und internationalen beruflichen Bildungslandschaft geboten. Zudem wird ein Einblick in die mit der Kompetenzermittlung verbundenen Schwierigkeiten gewährt, indem praxisrelevante Studien und Forschungsprojekte vorgestellt werden. Der vorgestellte Tagungsband bietet darüber hinaus die Möglichkeit, das Verständnis von Kompetenz sowohl in seiner Entwicklung als auch in seiner Verwendung in verschiedenen berufsbildenden Bereichen differenziert nachzuvollziehen.

Die Mischung aus einer theoretisch fundierten Diskussion um den Kompetenzbegriff und Kompetenzermittlung sowie die Besprechung der problembezogenen und praxisrelevanten Anwendung dieser, machen den Tagungsband für eine breite Leserschaft empfehlenswert. So werden neben dem wissenschaftsorientierten Leser auch Personenkreise adressiert, die sich mit den praktischen Implikationen der Diskussion um Kompetenzermittlung beschäftigen.

Das eingangs aufgezeigte Spannungsfeld zwischen der Kompetenzermittlung in der deutschen Berufsbildung einerseits und den europäischen sowie internationalen Entwicklungen andererseits wird in einzelnen Beiträgen aufgegriffen und auch in den Plenumsvorträgen thematisiert. Der Band lässt jedoch erwartungsgemäß in diesem Punkt noch Fragen offen und bietet somit eine Grundlage für weitere Diskussionen.

Den Tagungsband zeichnet aus, dass es dem Leser leicht fällt, Bezüge zwischen den Beiträgen herzustellen und so den Band als einheitliches Werk zu begreifen, obwohl sich die Beiträge im Zugang zur zentralen Thematik unterscheiden. Die offensichtlichen Verbindungen zwischen den Beiträgen und die Einheit des Tagungsbandes sind einerseits auf die überlegte Auswahl und Anordnung der Beiträge und andererseits auf das klar strukturierte Vorwort und die thematisch einleitenden Plenumsvorträge zurückzuführen.
Urs Frey (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Urs Frey: Rezension von: Münk, Dieter / Schelten, Andreas (Hg.): Kompetenzermittlung für die Berufsbildung, Verfahren, Probleme und Perspektiven im nationalen, europäischen und internationalen Raum. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag 2010. In: EWR 10 (2011), Nr. 3 (Veröffentlicht am 22.06.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978376391135.html