EWR 8 (2009), Nr. 5 (September/Oktober)

Sammelrezension Weiterbildungsverhalten in Deutschland

Bernhard von Rosenbladt / Frauke Bilger
Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Bd. 1: Berichtssystem Weiterbildung und Adult Education Survey 2007
Bielefeld: Bertelsmann 2008
(246 S.; ISBN 978-3-7639-1961-1; 29,90 EUR)
Dieter Gnahs / Helmut Kuwan / Sabine Seidel (Hrsg.)
Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Bd. 2: Berichtskonzepte auf dem Prüfstand
Bielefeld: Bertelsmann 2008
(231 S.; ISBN 978-3-7639-1962-8; 29,90 EUR)
Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Bd. 1: Berichtssystem Weiterbildung und Adult Education Survey 2007 Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Bd. 2: Berichtskonzepte auf dem Prüfstand Die beiden Bände sind auch als Doppelband erhältlich:
Weiterbildungsverhalten in Deutschland
Bielefeld: Bertelsmann 2008
(477 S.; ISBN 978-3-7639-1963-5; 49,90 EUR)

Ergebnisse zum Weiterbildungsverhalten sind für Wissenschaft, Politik und Praxis von äußerster Relevanz. Die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung ist auf europäischer wie auf nationaler Ebene erklärtes politisches Ziel, und zwar in Deutschland von 43 Prozent (Beteiligung an formalisierter Weiterbildung) auf 50 Prozent bis 2015, und von Geringqualifizierten von 28 Prozent auf 40 Prozent (vgl. BMBF 2008) [1]. Indikatoren der Weiterbildungsbeteiligung dienen der Information und der politischen Steuerung, sie stehen damit an der Schnittstelle zwischen Forschung und Politik (vgl. von Rosenbladt 2009) [2]. Die empirische Bildungsforschung kann hier die Datenbasis für politische und gesellschaftliche Entscheidungen zur Verfügung stellen. Dabei stellt das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) bzw. der Adult Education Survey (AES) neben anderen Statistiken (andere Individualbefragungen, Anbieterstatistiken, Betriebsbefragungen) eine besonders wichtige Quelle dar.

Seit 1979 erhob das BSW kontinuierlich Daten zum Weiterbildungsverhalten. Um diese Daten international vergleichbar zu machen, wird der Adult Education Survey (AES) eingeführt und erhebt das Weiterbildungsverhalten in den europäischen Mitgliedstaaten (verpflichtend ab 2011). Die jeweiligen nationalen Berichtssysteme sollen damit zukünftig in einen europäischen Berichtsrahmen zum Lebenslangen Lernen eingebettet werden. Beim Übergang vom BSW zum AES ergab sich die spannende Möglichkeit, 2007 parallel mit beiden – in ihrer Konzeption sehr unterschiedlichen – Instrumenten das Weiterbildungsverhalten in Deutschland zu untersuchen. Mit der BSW-Erhebung wurde die Zeitreihe der seit 1979 erhobenen Daten fortgeführt, während mit dem AES 2007 die Umsetzung des europäischen Berichtskonzepts in das deutsche Umfeld erprobt wurde. Beide Erhebungen stützten sich dabei auf bundesweit mündliche Repräsentativbefragungen. Zur Bearbeitung der Übergangsprobleme finanzierte das BMBF das Projekt „BSW-AES 2007 – Erhebung zum Weiterbildungsverhalten“. Den beiden hier rezensierten Bänden liegt dieses Projekt zugrunde. Die Bände stehen der Fachöffentlichkeit erfreulich zeitnah zur Diskussion zur Verfügung, nachdem bereits die ersten Ergebnisse in einem Onlinedokument veröffentlicht wurden (vgl. von Rosenbladt 2008) [3].

Der Doppelband „Weiterbildungsverhalten in Deutschland“ enthält mit Band 1 die Ergebnisse des Berichtssystems Weiterbildung (BSW) und des Adult Education Surveys (AES) 2007 und mit Band 2 die kritische Reflexion der Instrumente und Ergebnisse sowie die Einbettung der Ergebnisse in den Forschungsstand. Als besonders innovativ ist es zu werten, dass nicht nur die Ergebnisse vorgelegt werden, sondern im zweiten Band eine intensive theoretische Rückbindung erfolgt. Als Zielgruppen sind insbesondere Wissenschaft und Politik, eher weniger die Praxis angesprochen. Vermutlich wird der erste Band mit den Ergebnissen breiter rezipiert, dabei enthält gerade auch der zweite Band spannende und tiefer gehende Analysen. Eventuell wäre – zur Vermeidung dieser Problematik – eine integrierte Darstellung von Ergebnissen und Reflexion möglich gewesen. Beide Bände enthalten Beiträge ausgewiesener Autoren in den jeweiligen Bereichen. Im Folgenden sollen die Beiträge der beiden Bände im Einzelnen besprochen werden.

Bernhard von Rosenbladt / Frauke Bilger: Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Bd. 1: Berichtssystem Weiterbildung und Adult Education Survey 2007.

Band 1 von Bernhard von Rosenbladt und Frauke Bilger (unter Beteiligung weiterer Autoren: Julia Post, Sabine Seidel, Philipp Wich, Helmut Kuwan, Markus Wieck, Thomas Eckert) vergleicht in den Kapiteln drei bis neun detailliert die Ergebnisse von BSW und AES. Präzise werden die Ergebnisse zur Weiterbildungsbeteiligung nach Themengebieten, Lernformen, Veranstaltungsspezifika (Art, Dauer), Anbietern, Kostenbeteiligung sowie Motiven und Barrieren differenziert. Ebenfalls erfolgt eine Analyse in Abhängigkeit von soziodemografischen Einflussfaktoren. Die ersten beiden Kapitel betonen die Wichtigkeit von statistischen Weiterbildungsdaten und erläutern die Konzeptionen von BSW und AES. Das abschließende zehnte Kapitel stellt den internationalen Vergleich her. Der Anhang enthält Tabellen, ausgewählte Fragentexte der Erhebungen und wichtige Informationen zur Stichprobe, Datenerhebung und -aufbereitung. Insbesondere der erste Band verfügt über eine große Anzahl wichtiger Abbildungen zur Weiterbildungsbeteiligung, die neben den Ergebnissen in Diagrammen auch die jeweiligen Unterschiede von BSW und AES beispielsweise in den Definitionen gut visualisieren (27, 30). Als Serviceangebot beispielsweise für die Lehre – wie es z.B. der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ anbietet – wäre ein Online-Zugriff auf die Abbildungen von Vorteil.

Dieter Gnahs / Helmut Kuwan / Sabine Seidel (Hrsg.): Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Bd. 2: Berichtskonzepte auf dem Prüfstand.

Band 2 „Berichtskonzepte auf dem Prüfstand“ ist in die fünf Bereiche „Begrifflichkeiten und Theoriebezüge“, „Anbieter und Segmente“, „Informelles Lernen“, „Soziale Differenzierung“ und „Herausforderungen und Anschlussmöglichkeiten“ gegliedert.

„Begrifflichkeiten und Theoriebezüge“

Der erste Beitrag von Karin Dollhausen zeigt anhand der Ergebnisse von BSW und AES eindrücklich die Wichtigkeit der angemessenen Übersetzung des AES-Instruments (vgl. von Rosenbladt/Bilger 2008) [4] ins Deutsche wie die jeweilige kulturelle Einbettung auf. Dieter Gnahs verdeutlicht in seinem Artikel deutsche und europäische Begrifflichkeiten wie Bildung, Erwachsenenbildung, Weiterbildung, verschiedene Lernformen und Adult learning. Er zeigt Unterschiede wie auch Überschneidungen auf. Harm Kuper diskutiert die Operationalisierung der Weiterbildung anhand der Begriffe „organisierte Weiterbildung“, „allgemeine/berufliche Weiterbildung“ und „informelle Weiterbildung“. Dieser erste Block verdeutlicht die Konstruiertheit von „Weiterbildungsbeteiligung“ und die Abhängigkeit der Ergebnisse von den Operationalisierungen und Instrumenten.

„Anbieter und Segmente“

Der Beitrag von Stephan Dietrich und Hans-Joachim Schade vergleicht Individualbefragungen (wie BSW und AES), die die Nachfrageseite aufzeigen, mit Institutionalbefragungen (wie wbmonitor), die Auskunft über die Angebotsseite geben. Friederike Behringer, Bernd Käpplinger und Dick Moraal vergleichen die beiden europäischen Erhebungen AES und Continuing Vocational Training Survey (CVTS) daraufhin, wie sie betriebliche Weiterbildung erfassen. Der Beitrag von Ottmar Döring und Thomas Freiling schließt hieran an, indem Herausforderungen in der betrieblichen Weiterbildung beschrieben und daraus Anforderungen an die Weiterbildungsstatistik abgeleitet werden. Andreas Seiverth zeigt eindrücklich auf, wie sich die Allgemeine Erwachsenenbildung im AES nicht nur sprachlich auflöst, wenn sie zur „nicht-berufsbezogenen Weiterbildung“ wird. Dies wird auch deutlich im vorliegenden Band: Nur dieser eine Beitrag beschäftigt sich mit der Allgemeinen Erwachsenenbildung. Dieser zweite Block gibt Einblick insbesondere in die komplementären Institutionalbefragungen wie wbmonitor und CVTS und diskutiert kritisch die Fokussierung auf berufliche Weiterbildung. In diesem Block hätten u.U. auch Inhalte der Weiterbildungen vertiefter analysiert werden können.

„Informelles Lernen“

Helmut Kuwan und Sabine Seidel betrachten in ihrem Beitrag die begriffliche Abgrenzung und empirische Erfassung des informellen Lernens, auch in Bezug zum non-formalen Lernen und zum random learning. Rainer Brödel diskutiert verschiedene Entwicklungslinien des informellen Lernens, so u.a. im Rahmen lebenslangen Lernens, im konstruktivistischen Paradigma und als Forschungsgegenstand. Beide Beiträge in diesem Block zeigen Anforderungen an die begriffliche Trennschärfe und empirische Erfassung informellen Lernens auf.

„Soziale Differenzierung“

Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt-Hertha und Helmut Kuwan stellen differenzierte Ergebnisse ihrer BMBF-geförderten Studie „Weiterbildungsverhalten und -interessen Älterer (EdAge)“ vor, die die AES-Erhebung auf die Altersgruppe der 65- bis 80jährigen ausweitet und darüber hinaus eine inhaltliche Erweiterung bei den 45- bis 80jährigen umfasst. Der Beitrag von Martina Gille und Thomas Rauschenbach fokussiert demgegenüber die jungen Erwachsenen, die sich z.T. noch in der Erstausbildung befinden, als Zielgruppe in der Weiterbildung. Hier werden u.a. Daten des AES mit dem DJI-Jugendsurvey verglichen. Elisabeth Reichart und Susanne Worbs vergleichen die Erfassung von Personen mit Migrationshintergrund verschiedener Untersuchungen (BSW, AES, Mikrozensus, Statistisches Bundesamt) und diskutieren Perspektiven für die weitere Erhebung in BSW und AES. Der Beitrag von Matilde Grünhage-Monetti, Sabina Hussain und Prasad Reddy knüpft daran an und diskutiert Ergebnisse in Bezug auf das Weiterbildungsverhalten von Migrant/innen. Dieser Block nimmt mit Alter und Migrationshintergrund zwei Merkmale der sozialen Differenzierung in den Blick. Lohnenswert wären vertiefende Analysen auch zu anderen sozio-demographischen Merkmalen wie sozialen Milieus, Geschlecht, Bildung, Region etc. gewesen.

„Herausforderungen und Anschlussmöglichkeiten“

Alexandra Ioannidou und Sabine Seidel erläutern Ergebnisse einer Befragung unter Experten der OECD und EU zu Konzepten und Definitionen aus der Perspektive von inter- und supranationalen Organisationen. Darüber hinaus werden Ergebnisse zum internationalen Vergleich der Teilnahmequoten vorgestellt. Der Beitrag von Martin Baethge und Markus Wieck gibt einen Überblick über die Datenlage in der Weiterbildung und diskutiert Anforderungen an den AES aus Sicht des nationalen Bildungsberichts. Helmut Kuwan und Christiane Schiersmann formulieren daraufhin allgemeine Anforderungen an die Weiterbildungsstatistik anhand von Trends in der Weiterbildungsdiskussion sowie methodische und inhaltliche Herausforderungen. Hier werden mögliche Optimierungen der Konzepte und Operationalisierungen (z.B. in Bezug auf Lernformen, Altersgrenzen, allg./berufliche Weiterbildung) für weitere Erhebungen aufgezeigt. Auch eine stärkere Berücksichtigung der Output- und Outcomeperspektive in Form von Kompetenzgewinnen und subjektiven Nutzenbewertungen wird vorgeschlagen. Der abschließende Beitrag von Rolf Dobischat und Dieter Gnahs reflektiert methodische Optimierungsansätze und formuliert Herausforderungen. Dieser Block erläutert wichtige Verbesserungsmöglichkeiten und greift damit die in den Einzelbeiträgen des Bandes angesprochenen Schwachstellen auf.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Darstellung der Ergebnisse verknüpft mit einer ausführlichen kritischen Reflexion und Einbettung in den Forschungsstand sehr innovativ ist. Dadurch erfolgt auch eine stärkere Rückbindung der quantitativ-statistischen Ergebnisse zur Weiterbildungsbeteiligung in die wissenschaftliche Debatte in der Erwachsenenbildung. Die Beiträge kennzeichnet ein hohes theoretisches und analytisches Niveau. Band 1 zeigt klar die Ergebnisse auf, während aus Band 2 deutlich wird, woran für zukünftige Erhebungen noch gearbeitet werden muss. Dies sind insbesondere: die Gewährleistung des Vergleichs mit Studien aufgrund unterschiedlicher zugrunde liegender Konzepte (längsschnittlich national, andere nationale Erhebungen, international), Operationalisierungen und Trennschärfe von Definitionen (insbesondere berufliche/allgemeine Weiterbildung; unterschiedliche Lernformen), Einbezug und Definition von Personengruppen (Alter, Migrationshintergrund). Aus Forschungssicht wäre zukünftig eine weitere Verknüpfung der Statistik zur Weiterbildungsbeteiligung mit anderen – auch qualitativen – Forschungsvorhaben wünschenswert, sowie eine stärkere Verknüpfung der Individual- und Institutionalstatistik.

[1] Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2008): Empfehlungen des Innovationskreises Weiterbildung für eine Strategie zur Gestaltung des Lernens im Lebenslauf. http://www.bmbf.de/pub/empfehlungen_inno... [Abruf 28.09.2009].
[2] Rosenbladt, B. von (2009): Vom „Berichtssystem Weiterbildung“ zum „Adult Education Survey“ - Aussagekräftige Indikatoren in der Weiterbildung? In: Tippelt, R. (Hrsg.): Steuerung durch Indikatoren. Opladen u.a.: Budrich. S. 105-117.
[3] Rosenbladt, B. von, Bilger, F. (2008): Das deutsche AES-Fragenprogramm. München.
[4] Rosenbladt, B. von, Bilger, F. (2008): Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland – Eckdaten zum BSW-AES 2007. Bonn, Berlin.
Aiga von Hippel (München)
Zur Zitierweise der Rezension:
Aiga von Hippel: Rezension von: Rosenbladt, Bernhard von / Bilger, Frauke: Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Bd. 1: Berichtssystem Weiterbildung und Adult Education Survey 2007. Bielefeld: Bertelsmann 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 5 (Veröffentlicht am 02.10.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978376391961.html