EWR 13 (2014), Nr. 5 (September/Oktober)

Christian Grabau
Leben machen
Pädagogik und Biomacht
Paderborn: Fink 2013
(271 S.; ISBN 978-3-7705-5579-6; 34,90 EUR)
Leben machen Im Nachbeben des PISA-Schocks, speziell des attestierten Zusammenhangs zwischen dem Lernerfolg der Schüler/-innen und dem Bildungsniveau der Eltern, wurde 2005 der FDP-Politiker Bahr mit den Worten zitiert: „Es ist falsch, dass in diesem Land nur die sozial Schwachen die Kinder kriegen“ [1]. Der Diskurs darum, dass ‚die Falschen‘ zu viele und ‚die Richtigen‘ zu wenige Kinder bekämen, gebunden an Debatten um Bildung, Erziehung und schließlich ‚Bevölkerungsqualität‘ reicht weit länger zurück.

Christian Grabau hat es sich in „Leben machen – Pädagogik und Biomacht“ zur Aufgabe gemacht, das „mal laute, mal stumme Ineinandergreifen von Biotechnologien und Pädagogik“ (244) historisch-systematisch zu ergründen. Vergleichbare Arbeiten liegen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive nicht vor und der Autor betritt mit seiner Spurensuche der „vergessenen Anfänge und Herkünfte moderner Pädagogik“ (95) Neuland. An drei Stationen wird Halt gemacht; um 1800, 1900 und schließlich der Gegenwart.
Die Arbeit nimmt zunächst Anregungen aus Foucaults „Der Wille zum Wissen“ sowie aus dessen Vorlesungen zur Biopolitik auf, um diese Erträge für die Pädagogik zu prüfen. Eine zweite Achse bilden die Arbeiten von Ulrich Bröckling. Grabau geht es mit seiner Genealogie um die Konstellationen, unter denen „neue Problematisierungen und Lösungsangebote auftauchen und sich durchsetzen“ (50): Wer hat die passenden Techniken zur Bearbeitung der Regierungsprobleme?

Hinleitend zum zentralen Teil der Arbeit wirft Grabau einen Blick auf Theorien der Staatsmenschenproduktion, anschließend betrachtet er die Vorgeschichte der Policeywissenschaft und erreicht dann den „Kreuzpunkt von staatlicher Gehorsamsproduktion, Geburtenkontrolle und pietistischer Seelenführung“ (52). Nicht mehr familiär-ständische Schicksale werden besiegelt, „die Policey [macht] Menschen“ (63). Die Policey ist die „Technologie, die den Untertanenverband in die Entität ‚Bevölkerung‘ transformiert“. (70) Doch schon bald gerät die Policeywissenschaft an Grenzen: Die ‚gute Ordnung‘ lässt sich nicht jenseits der geschlossenen Schlafzimmertüren forcieren und bald rückt die Frage nach den notwendigen Techniken ins Zentrum. Die Problembeschreibung findet durch die Policeywissenschaft statt, die Techniken der Problembearbeitung liefert jedoch die Pädagogik. Bröckling und Foucault folgend, wendet Grabau sein Augenmerk auf den Nestor der Policeywissenschaft, Johann Heinrich Gottlob von Justi. Bereits dieser klagte über „den sittlichen Zustand der Erziehung“ (88). Erziehung sollte zur Steigerung des Vermögens des Staates dienen und Instrument der Regierung werden. Ziel ist die „Übereinstimmung von Herz und Gesetz“, probates Mittel „die Technologie der Kinderzucht“ (81). Erst mit der aufkommenden Pädagogik gelingt die Verbindung von disziplinaren und pastoralen Subjektivationsformen, dabei nutzt sie die von den Policeywissenschaften geöffneten Einfallstore. Nachzulesen ist dies auch in Trapps ‚Versuch über die Pädagogik‘. Grabau interessiert sich für Vorläufer und findet sie u. a. bei August Hermann Francke. Dieser widmete sich der Beobachtung der / des Einzelnen und der Ordnung der Schule. Die Schulbank ist als „exemplarische Disziplinartechnik […] des säkularisierten Pastorals“ (115) Beleg hierfür. Sämtliche Regungen der Schüler/-innen werden in der Ordnung des Klassenzimmers sichtbar. Parallel dazu gelangt die Anleitung zur Versprachlichung und Selbstprüfung in den Vordergrund. Die Pädagogen und Pädagoginnen konnten mehr als die Policey, sie konnten „zur Selbstbeherrschung anleiten“ (142), zu Subjekten machen.

Anschließend durchleuchtet Grabau die Biopolitik als Regierungsmodus des Objekts Bevölkerung. Der Diskurs um den ‚gefährlichen Körper‘ gewann um 1800 an Konjunktur. Nachweis hierfür findet Grabau u. a. in Schriften des vermutlich wirkungsmächtigsten Protagonisten der Demographie: Malthus. Wie Bildungspolitik zu Bevölkerungsregulierung werden kann, zeigt Grabau anhand von Malthusʼ Plädoyer zur Armenbildung, den Schriften von Adam Smith und Johann Peter Süssmilch. Zwar galt die Vorstellung „[w]er nach oben strebt, wird den Kinderwunsch zurückstellen“ (133) zunächst einer vermeintlich drohenden Überbevölkerung, jedoch steckte darin bereits der eingangs erwähnte Konnex von Bevölkerungsqualität, Bildung und Erziehung. Mit einem Exkurs zu Humboldt und Fichte wird anschließend gezeigt, wie das demographische Wissen Malthusʼ in den deutschen Bildungs-Diskurs einsickerte.

Daran schließt eine Untersuchung des Zusammenhangs von ‚Gesellschaftsschutz und Erziehung‘ an. Ob sich Kinder „zivilisieren lassen oder […] ob sie Wilde bleiben“ (152) wurde zur virulenten Frage; letzteres bedeutete eine Bedrohung der Gesellschaft. Der ‚geborene Verbrecher‘ wird durch Erziehung von seinem Schicksal bewahrt oder eben durch Ehegesetze erst gar nicht geboren: Erziehung und Eugenik stehen in wechselseitigem Bezug (165). Die einflussreichen Werke von Darwin und Galton wirken tief in die deutsche Pädagogik hinein. Die Pädagogik wird dabei zur „politische[n] Technologie der Rüstung für Ausleseprozesse auf Völkerebene“ (162). Es beginnt sich bereits abzuzeichnen, dass das Ziel und die Aufgabe der Erziehung nun der eigenverantwortliche Umgang mit dem Erbgut sein wird (159ff). Nachzulesen ist dies bei Schallmayer, der einen Staatsapparat entwirft, der Krankengeschichte, Verwandtschaftsverhältnisse und weitläufige biographische Angaben eines / -r jeden / jeder Bürgers / Bürgerin sammeln, archivieren und zirkulieren lassen wollte: „Bildung, Erziehung und Unterricht sind […] die vermittelnden, Individuen anleitenden und normalisierenden Instanzen“ (166). Der ‚Neue Mensch‘ wird zum Knotenpunkt des biopolitischen Dispositivs um 1900.

Im dritten Teil untersucht Grabau die diskursiven Allianzen von „biologistischer und völkisch-mythischer Wahrnehmungsneigung im Kind“ (189) um die Jahrhundertwende, zunächst mit Fokus auf die Schriften von Ellen Key und Maria Montessori (167ff). Montessori ist Datensammlerin, die Schule soll als „pedagogical clinic“ (176) zum zentralen Knotenpunkt der Datenerfassung werden. Grabau weist darauf hin, dass das Kind allein als Träger von Genen konstituiert wird und folglich „der Erzieher zum Hüter des Erbgutes“ (179) avanciert. In ihren Schriften spiegeln sich die „kriminalanthropologischen, eugenischen oder allgemein sozialdarwinistischen“ (180) Annahmen wieder. Anschließend macht Grabau den Sprung nach Deutschlang und prüft die Arbeiten von Nohl und Spranger. Auch hier wird deutlich, dass die Nationalpädagogik Volksvermehrungspolitik und Mittel zur Anhebung der Geburtenrate ist (198). Paradoxal erscheint dabei zunächst, dass Erziehung „kontraselektorisch“ (201) ambitioniert scheint, es gelingt Grabau jedoch zu zeigen, dass Nohls „geopolitische Vision […] dezidiert biopolitisch“ (203) ist. Pädagogik wird verstanden als Normalisierungsmacht.

Abschließend und ausblickend widmet sich Grabau den gegenwärtigen, neoliberalen Kopplungen der Biomacht. Lily E. Kay folgend wird „Vererbungsgeschehen als Informationsfluss“ (219) umgedeutet. Das neoliberale ‚Bußsakrament‘ fordert neuartige Techniken der Introspektion: Das Individuum wird vollends in Verantwortung für seine Gesundheit genommen und muss durch Früherkennung und Vorbeugung sein Schicksal reglementieren und normalisieren. Für die Pädagogik bedeutet dies eine Verschiebung weg von Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung, hin zur Medizinisierung und Medikamentisierung. Exemplarisch verdeutlicht Grabau dies an den Debatten um ADHS und dem damit verbundenen „erbbiologischen Verdacht“ (231).

Grabau versteht es, die zunächst heterogen wirkenden Diskurse zu verbinden, um verschüttete Beziehungen freizulegen. Dabei imponiert insbesondere das gelungene Heranziehen der zahlreichen Referenzautor/-innen aus Primär- als auch Sekundärliteratur. An mancher Stelle wünschen sich Lesende mehr Orientierung und Informationen zur Genese des vom Autoren eingeschlagenen Weges. Gewinnbringende Ergänzungen lägen m. E. in einem Blick auf den Diskurs der Sexualpädagogik und kritische Arbeiten zur Geschichte des demographischen Wissens (bspw. die Studie von Hummel [2]). Möglicherweise wären neue Perspektiven, Verschränkungen und bis in die Gegenwart reichende Kontinuitäten sichtbar geworden. Gerade das finale Kapitel deutet auf hochinteressante Forschungsdesiderate dieser durchweg erkenntnisreichen Arbeit hin: Welche Implikationen ergeben sich aus Big Data, Kybernetisierung und Biopolitik für die Pädagogik? Welche biopolitischen Implikationen liegen in der neurowissenschaftlichen Herausforderung für die Pädagogik? Grabau gelingt es eindrücklich, die verschlungenen Beziehungen und reziproken Angebote zwischen Biomacht und Pädagogik und deren bis in die Gegenwart reichende Wirkung sichtbar zu machen, und damit vergessene Zusammenhänge ins Gedächtnis zu rufen.

[1] Spiegel Online: FDP-Vorstand will mehr Akademiker-Babys. Spiegel Online-Unispiegel 2005. Online verfügbar unter http://www.spiegel.de/unispiegel/studium..., zuletzt geprüft am 18.09.2014.
[2] Hummel, D.: Der Bevölkerungsdiskurs. Demographisches Wissen und politische Macht. Opladen: Leske + Budrich 2000.
Martin Karcher (Hamburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Martin Karcher: Rezension von: Grabau, Christian: Leben machen, Pädagogik und Biomacht. Paderborn: Fink 2013. In: EWR 13 (2014), Nr. 5 (Veröffentlicht am 10.10.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377055579.html