EWR 15 (2016), Nr. 1 (Januar/Februar)

Sammelrezension zum Thema: Neurowissenschaften in der Diskussion – philosophische, soziologische und erziehungswissenschaftliche Perspektiven

Peter Strasser
Diktatur des Gehirns
Für eine Philosophie des Geistes
Paderborn: Fink 2014
(176 S.; ISBN 978-3-7705-5758-5; 22,90 EUR)
Dirk Baecker
Neurosoziologie
Ein Versuch
Berlin: Suhrkamp 2014
(264 S.; ISBN 978-3518260524; 18,00 EUR)
Rolf Göppel
Gehirn, Psyche, Bildung
Chancen und Grenzen einer Neuropädagogik
Stuttgart: Kohlhammer 2014
(216 S.; ISBN 978-3-17-025306-3; 24,99 EUR)
Diktatur des Gehirns Neurosoziologie Gehirn, Psyche, Bildung Die Neurowissenschaften sind in den letzten 25 Jahren weltweit zu einer kulturellen Größe geworden: ihre bildgebenden Verfahren faszinieren eine breite Öffentlichkeit, ihre Forschungsergebnisse werden popularisiert, ihre Fachvertreter sind gefragte Ratgeber und gestalten Menschen- und Weltbilder mit, die massenmedial zirkulieren. Manche Hirnforscher meinen schon länger, ihr Forschungsfeld sei die neue Leitwissenschaft, an der sich gerade die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften orientieren sollten, weil deren etablierte Konzepte (Stichwort Willensfreiheit) durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse über den Haufen geworfen werden. Doch sind es gerade solche expansiven Deutungen, die in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen reservierte Reaktionen sowie scharfe Einsprüche provoziert haben.

Auch aus der Bildungsdebatte sind die Neurowissenschaften schon länger nicht mehr wegzudenken. Dabei stehen sich, wie Nicole Becker jüngst gezeigt hat, auch nach fast 20 Jahren zwei Diskursstränge weitgehend unvermittelt gegenüber: Einerseits ein teilweise unverdrossen euphorischer Populärdiskurs, der vor allem die praktische Anwendbarkeit der Hirnforschung in Bildungseinrichtungen beteuert und die Chance einer Verwissenschaftlichung pädagogischer Praxis betont, andererseits eine deutlich kritischere erziehungswissenschaftliche Rezeption, die den Anwendungsverheißungen skeptisch gegenübersteht und grundlegende Transferprobleme anspricht. [1]

Angesichts dieser zwiespältigen Diskurslage kann sich ein Blick auf Nachbardisziplinen der Erziehungswissenschaft lohnen: Wie diskutiert man dort jeweils die Relevanz der Neurowissenschaften? Welchen Stellenwert räumt man neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen ein? Wie positioniert man sich gegenüber Deutungsansprüchen von neurowissenschaftlicher Seite? Anhand von drei aktuellen Publikationen aus Philosophie, Soziologie und Erziehungswissenschaft sollen diese Fragen im Folgenden sondiert werden.

Auf dem Weg zur Zerebrokratie?
Der in Graz lehrende Philosoph Peter Strasser fährt in seinem Buch „Diktatur des Gehirns. Für eine Philosophie des Geistes“ schweres Geschütz auf: Für ihn ist die hirnzentrierte Hirnforschung der aktuelle Fall einer um sich greifenden Geistlosigkeit und Geistfeindlichkeit, die zu einer umfassenden „Verblödung“ (112ff) führe. Denjenigen, die dies registrieren, bleibe nur ein resignatives „Umdrehen“ (169f) übrig.

Titel und Untertitel des Bandes lassen eine Streitschrift erwarten, auf die ein Manifest folgt. Die Gliederung des Bandes kehrt diese Reihenfolge um: In den vier Kapiteln des ersten Teils (13-91) entwickelt Strasser seine geistphilosophische Position und erläutert, mit welchen Problemen er sich konfrontiert sieht. In dem ebenfalls vier Kapitel umfassenden zweiten Teil (93-167) geht der Autor auf ausgewählte Aspekte dessen ein, was er als „Zerebrokratie“ bezeichnet, setzt sich kritisch mit diesen Aspekten auseinander und zeigt zugleich, welche philosophischen Auswege er verwirft.

Der über weite Strecken essayistisch anmutende Band – es gibt keine langen Zitate, die Zahl der Fußnoten und Literaturangaben ist überschaubar, narrative Passagen sind in den Text eingewoben – geht von dem massenmedialen Hype um die Hirnforschung und von der neueren, von neurowissenschaftlicher Seite forcierten Debatte um die Willensfreiheit aus. Zunächst wendet sich Strasser gegen das zum Mainstream avancierte „Programm einer universalethisch qualifizierten Egozentrik“ (15), das uns letzten Endes zu Gefangenen unseres Gehirns mache. Er identifiziert eine Verschiebung von der „ethisch qualifizierten Selbstsorge“ zur „narzisstisch unterlegten Ich-Sorge“ (21): Ich-Sorge werde nicht mehr als Bestandteil der Selbstsorge betrachtet, sondern Selbstsorge degeneriere in der zeitgenössischen Gesellschaftsformation zur Ich-Sorge. Der Autor illustriert dies an aktuellen Trends, etwa an der Quantified-Self-Bewegung, die für eine elektronisch unterstützte Selbstvermessung zum Zwecke der Selbstoptimierung wirbt (28f).

Im nächsten Schritt legt Strasser Grundzüge seines geistphilosophischen Ansatzes dar, wobei der Heilige Geist, das Pfingstfest und ein Satz aus dem Johannesevangelium Referenzpunkte der Argumentation sind: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (37ff). Strasser wendet sich damit gegen einen reduktiven Materialismus, der das Gehirn zur Ursache von Bewusstsein hypostasiere und einen Kategorienfehler begehe, wenn er von der physikalisch-chemischen Erklärungsebene auf die psychische Ebene schließt. Dieser „zerebrale Fundamentalismus“ (49), der nicht nur Freiheit, sondern jedwede Kenntnisse der Außenwelt als „gehirnfabrizierte Illusion“ (50) betrachte, schließe uns als „Geschöpfe“ (91) von der Welt ab, statt sie uns zu öffnen. Wir würden dadurch versäumen, uns in einem größeren Zusammenhang zu begreifen, verfielen der Ego-Zentrik und der Illusion der Selbsttransparenz. Die Alternative, die Strasser in einer ausführlichen Auseinandersetzung mit Versuchen, die Willensfreiheit experimentell zu überprüfen, andeutet, besteht in einer umfassenden Geistkonzeption. Die Teilhabe am Geistigen ist nach Strasser eine „Grundgegebenheit unseres Daseins“ (67). Als Personen, die von sich aus agieren, können wir uns nur verstehen, „weil wir uns als Wesen erfahren, die ihre Teilhabe am Geist realisieren, indem sie ihn verkörpern“ (80). Diese Konzeption sieht Strasser in direktem Gegensatz zu einer gehirnzentrierten Sicht. Erläuternd und abgrenzend fügt er hinzu: „Wie die Teilhabe am Geist also beschaffen ist, hängt zwar von der Beschaffenheit und Funktionsweise unseres Gehirns ab, aber der Grundirrtum des Zerebralfundamentalismus liegt darin, dass er die Teilhabe selbst als eine konstitutive Leistung der Beschaffenheit und Funktion unseres Gehirns erklären möchte“ (68).

Im zweiten Teil des Buches setzt sich der Verfasser zunächst mit Markus Gabriel auseinander, einem Protagonisten des „Neuen Realismus“ in der Philosophie. Gabriels Schriften gelten ihm als Beispiel für die „Zerstörung des Geistes durch dessen Zerstreuung“ (97). Die „Misere des Geistes“ (104) fängt aber nicht erst mit dem modischen „Neuen Realismus“ an, sondern ist viel grundsätzlicherer Natur: Die moderne Wissenschaft ruiniere mit ihrer Suche nach einer „geistexternen Erklärung des Bewusstseins in der Welt“ (104) sukzessive die „Vorstellung der Welt als einer Emanation des Geistes“ (105) sowie die Idee einer „Einheit des Geistes“ (109) und begünstige Tendenzen der Fragmentierung und des Relativismus. Entnervt konzediert Strasser: „Am Ende wird auch noch die Ethik naturalisiert.“ (111)

Im Kapitel „Möchtegerngehirne“ (117ff) hinterfragt Strasser die auch bei manchen Fachphilosophen vorhandene Bereitschaft, sich als Gehirn statt als Person zu begreifen, wie sie etwa in dem Satz „Ich bin mein Gehirn“ zum Ausdruck kommt. Das folgende Kapitel spinnt diesen Faden weiter, indem es sich der neueren „Kriminalbiologie“ (135) zuwendet, die mit populärwissenschaftlichen Publikationen große Erfolge feiert. Strasser kritisiert an ihr das archaische Menschenbild, die Biologisierung von Kriminalität und eine damit verbundene werthafte Aufladung der menschlichen Natur (134ff, vor allem 138). Das letzte Kapitel konfrontiert uns dann noch einmal mit dem, was für Strasser auf dem Spiel steht: „Vergeistigung vs. Verblödung“ (149). Der Autor streift hier Tagespolitik und philosophische Fachdebatte, stellt metaphysische Reflexionen an und interpretiert literarische Texte, um am Ende eine Gesellschaft heraufziehen zu sehen, „wo Möchtegerngehirne sich mit Superhirnen zu einem Cyberstaat auf der Basis des Zerebralfundamentalismus vereinigen“ (167). Auf der Strecke bleibe dabei das Subjekt und mit ihm der subjektive Weltzugang, der in naturwissenschaftliche Begriffe übersetzt und damit – der eliminative Materialismus der 1980er-Jahre lässt grüßen – zum Verschwinden gebracht werde.

Der schmale Band hinterlässt einen widersprüchlichen Eindruck. Zwar ist Strasser zuzustimmen, wenn er die Bereitschaft, uns und unsere Mitmenschen auf Gehirne zu reduzieren, radikal infrage stellt. Auch seine Kritik an der antiidealistischen Stoßrichtung zeitgenössischer Philosophie und ihren Konsequenzen – etwa die mit ihr verbundene Fundierungserwartung – ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern durchaus bedenkenswert. Doch kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass der äußerst produktive Autor – 2014 sind zwei weitere Monographien von ihm erschienen, 2015 hat er bereits drei Bücher vorgelegt – sich hier zu viel vornimmt.

Denn das Buch gleicht einem Rundumschlag, der Kulturkritik mit ethischen und metaphysischen Reflexionen verbindet, der sich von dem gegenwärtigen Boom der Neurowissenschaften ebenso abgrenzen möchte wie vom naturalistischen Mainstream in der Philosophie des Geistes und der modernen Wissenschaft insgesamt. Die Neurowissenschaften als Forschungsfeld kommen in dem Band fast gar nicht vor; vielmehr sind es die massenmedial forcierte Hirnbegeisterung und ihre persönlichkeitsdeformierenden Effekte, gegen die sich Strasser immer wieder wendet. Sein eigener Ansatz, eine andere Philosophie des Geistes, für die der Band ja eigentlich werben soll, tritt demgegenüber in den Hintergrund und ist allenfalls in Umrissen erkennbar.

Angesichts seiner pauschalen, teilweise auch polemischen Kritik kann der Eindruck entstehen, Strasser wende sich im Namen der „Vergeistigung“ nicht nur gegen den Zerebralismus in den Neurowissenschaften und die populäre Hirnfixierung, sondern darüber hinaus auch gegen den Materialismus an sich sowie gegen diverse metaphysik- und subjektkritische Entwürfe neueren Datums. Dieser Einschätzung zufolge wären sie alle Teil einer unheiligen Allianz gegen den Geist, die der Verblödung Tür und Tor öffnet. Interessanterweise nimmt Strasser mögliche Einwände gegen seinen „unzeitgemäßen Standpunkt“ (170) schon vorweg: Im Epilog schreibt er eine vernichtende Kurzrezension zum eigenen Buch, nur um sie sogleich zurückzuweisen und angesichts der grassierenden Geistlosigkeit zu empfehlen, „geistig ins Exil zu gehen“ (170).

Eine soziologische Theorie des Gehirns
Einen völlig anderen Zugang zum Thema wählt Dirk Baecker, Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke und prominenter Vertreter der Theorie sozialer Systeme. Seine „Neurosoziologie“ geht von der Beobachtung aus, dass es bislang keine „soziologische Theorie des Gehirns“ (18) gebe, weil die Soziologie traditionell dazu neige, das menschliche Gehirn als gegeben vorauszusetzen. Der Band lädt dazu ein, diese Neigung genauer zu prüfen, und skizziert Grundzüge einer neurosoziologischen Theorie – ein „Abenteuer hart an der Grenze zur Kompetenzüberschreitung“ (30), wie der Autor offen zugibt. Die ersten drei Kapitel des Buches stecken den Diskussionsrahmen für die Argumentation ab, die Kapitel 4 bis 14 entwickeln, erläutern und kombinieren einzelne Theoriebausteine, das letzte Kapitel fasst den Ertrag zusammen.

Baecker kritisiert zunächst das „gepflegte Nichtwissen“ (18ff), das sich Soziologen gegenüber den Neurowissenschaften leisten und mit Respekt vor deren Forschungsergebnissen verbinden. Neuere Ansätze, die unter dem Stichwort „Neurosoziologie“ nach soziologischen Konsequenzen der Hirnforschung fragen, schöpfen laut Baecker ihr Potential bislang nicht aus. Vielversprechender sind in seinen Augen die kulturhistorische Schule sowjetischer Provenienz (Wygotski, Lurija, Leontjew), Luhmanns Theorie sozialer Systeme mit ihren Gewährsmännern für Logik (George Spencer Brown) und kybernetischen Konstruktivismus (Heinz von Foerster, Francisco J. Varela) sowie Freud und Kant. Sie alle liefern wichtige Impulse für Baeckers Entwurf einer soziologischen Theorie des Gehirns. Die Soziologie sei nötig, „weil wir es nicht mit einem Gehirn, sondern mit vielen Gehirnen in Gesellschaft zu tun haben“ (41), und einer Theorie bedarf es, „weil wir es zwar mit vielen Gehirnen zu tun haben, jedes einzelne Gehirn jedoch operational geschlossen operiert“ (ebd.).

Dem zerebralen Fundamentalismus, den Peter Strasser mit seiner Geistkonzeption bekämpfen möchte, hält Baecker lässig entgegen, dass „die sozialen Bedingungen des Lebens eines Organismus“ und soziale Beziehungen konstitutiv für das Gehirn und dessen Aufbau sind (43, 64f). Startpunkt der Theoriebildung ist die monistische Annahme „der einen Koevolution von unabhängig voneinander aufeinander angewiesenen Organismen, Gehirnen, Bewusstseinen und Kulturen“ (ebd.) – eine Annahme, mit der der Autor nicht nur dem neuronalen Reduktionismus eine klare Absage erteilt, sondern auch der metaphysischen Idee eines Geistes, der „über den Wassern schwebt und die Welt aus ihrer Wüste, Leere und Finsternis befreit“ (44). Für Baecker besteht die Herausforderung vielmehr darin, die operationale Schließung des einzelnen Gehirns und dessen strukturelle Kopplung mit anderen Gehirnen, Bewusstseinen, Kultur und Gesellschaft im Zusammenhang zu denken – als eine „oszillierende Einheit“ (44), die mithilfe des systemtheoretischen Formbegriffs beschrieben werden soll. Damit ist im Grunde genommen der Leitfaden für den Rest des Bandes vorgegeben, in dem die einzelnen Elemente einer neurosoziologischen Theorie vorgestellt und rekombiniert werden. Dies geschieht vor einem breiten wissenschaftshistorischen Horizont, den der Autor souverän ins Spiel bringt, um die Übertragung strukturfunktionalistischer und systemtheoretischer Überlegungen auf den Konnex Gehirn-Gesellschaft zu erproben.

Interessant ist, dass Baecker bei dieser Probe in manchen Punkten von der systemtheoretischen Orthodoxie abweicht. Da ist zum einen sein Plädoyer für einen methodologischen Humanismus (98ff), mit dem er der Annahme zu widersprechen scheint, dass eine Theorie sozialer Systeme für „den Menschen“ keinen Platz hat. Baecker stellt klar, dass es ihm nicht um ein Revival des neuzeitlichen, individuumzentrierten Humanismus geht, sondern darum, in einem neurosoziologischen Rahmen „den Menschen als prekäre Einheit von Organismus, Bewusstsein, Gesellschaft und Kultur“ (99) zu begreifen. Von der systemtheoretischen Orthodoxie scheint Baecker auch insofern abzuweichen, als subjektive Handlungen einen relativ prominenten Platz in seinem Entwurf einnehmen (141ff). Er würdigt mehrere handlungstheoretische Ansätze (202ff), weil sie es einer soziologischen Formtheorie des Gehirns erlauben, das Gehirn als teleologischen, also Zwecke setzenden und Ziele verfolgenden Apparat zu konzeptualisieren (72ff).

Nach den ersten hundert Seiten beginnt Baecker damit, seine theoretischen Überlegungen mithilfe mathematischer Formeln darzustellen. Die Ausgangsannahme dabei lautet, dass das Gehirn eine lebendige Struktur ist: „Das Gehirn ist nicht nur, es passiert auch“ (73). Im letzten Kapitel fasst der Autor die einzelnen Überlegungen in einer formalen, sieben Variablen umfassenden Gleichung zusammen, die „das Gehirn im Organismus als kognitives Differential der Auseinandersetzung mit einer sozialen, kulturellen, mentalen und offenen Umwelt“ definiert (219). Recht bescheiden skizziert er am Ende die beiden für ihn wichtigsten Stränge eines neurosoziologischen Forschungsprogramms. Der eine Strang soll darauf achten, sich in Bezug auf Erkenntnisse aus Neuroanatomie, -physiologie und -biologie „auf dem Laufenden zu halten“ (222). Der andere Strang soll fragen, was sich an mentalen, sozialen und kulturellen Operationen auf neuronale Operationen und ihre variationsbereiten teleologischen Strukturen „zurückrechnen“ (ebd.) lasse. Was auch immer das heißen mag, Baecker behauptet nicht, dass es zu grundstürzenden Einsichten führen muss, sondern rät zur Gelassenheit. Sein „Versuch“ soll belegen, dass die auch von einer Neurosoziologie forcierte Materialisierung mentaler, sozialer und kultureller Phänomene nicht ohne spekulative Ideen auskommen kann (226).

Auch wenn der Entwurf einer neurosoziologischen Theorie zweifelsohne ein ambitioniertes Projekt darstellt, dürfte Baecker selbst hartnäckige Kritiker mit seiner umsichtigen wie differenzierten Argumentation überzeugen. Die Lektüre des schmalen Bandes ist zwar anspruchsvoll (basale Kenntnisse soziologischer Systemtheorie und formaler Logik sind sicherlich von Vorteil), aber dadurch eben auch sehr anregend. Für Neueinsteiger sind die ersten drei Kapitel zu empfehlen, die leicht verständlich soziologische Perspektiven auf die Konjunktur der Hirnforschung darlegen. Enttäuscht wird nur jemand sein, der von einer „Neurosoziologie“ erwartet, aus neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen soziologische (oder gar soziale) Konsequenzen zu ziehen. Doch schon der Klappentext zeigt, dass Baecker solche Erwartungen für ebenso fragwürdig hält wie das Bestreben mancher „Neuropublizisten“, sie zu bedienen. Sein Buch sensibilisiert für die Schwierigkeiten, das Gehirn soziologisch zu deuten, und zeigt zugleich, wie dies auf theoretisch gehaltvolle Weise möglich sein könnte. Damit leistet Baecker nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Disziplingrenzen überschreitenden Theoriebildung, sondern setzt auch einen bemerkenswerten Gegenakzent zum diskursdominanten Interesse an praktischen Verwertungen neurowissenschaftlichen Wissens.

Der „neuropädagogische“ Diskurs im Lichte psychoanalytischer Pädagogik
Rolf Göppel, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, setzt sich kritisch mit den Versprechungen einer pädagogischen und didaktischen Anwendung der Hirnforschung auseinander. Der Untertitel des Buches verspricht, „Chancen und Grenzen einer Neuropädagogik“ auszuloten, wobei mit „Neuropädagogik“ all jene Versuche gemeint sind, neurowissenschaftliche Erkenntnisse pädagogisch und didaktisch zu nutzen und/oder neurowissenschaftliches Wissen im pädagogischen Feld zu popularisieren (16f, 194f).

Einleitend legt Göppel dar, wie und warum er sich dem Thema zuwendet. Er erinnert an ein 2004 von einer Gruppe von Neurowissenschaftlern verfasstes „Manifest“, das auch im Hinblick auf die Erforschung von Lernprozessen große Erwartungen weckte. Da die Erkenntnisfortschritte aber bislang kleiner ausfallen, breiten sich mittlerweile Skepsis und Enttäuschung aus (12f). Vor diesem Hintergrund möchte Göppel eine gleichermaßen fasziniert-interessierte wie kritische Haltung einnehmen, die in der Tradition psychoanalytischer Pädagogik steht (23). Perspektiven psychoanalytischer Pädagogik bringt er an vielen Stellen des Buches ins Spiel, indem er sie den Deutungen und Positionen „der maßgeblichen neurobiologischen Experten“ (24) gegenüberstellt. Gemeint sind damit Gerhard Roth, Wolf Singer, Gerald Hüther, Manfred Spitzer und Joachim Bauer – laut Göppel die „Big Five“ der „pädagogisch aktiven Neurowissenschaftler“ (178). Mit seinem Buch beansprucht er nicht, neurowissenschaftliche Erkenntnisse und ihre pädagogischen Implikationen umfassend darzulegen. Vielmehr sollen die sechs Kapitel des Buches „einzelne Facetten der Diskussion um die pädagogische Bedeutung der neueren Gehirnforschung“ (22) beleuchten.

In dieser Diskussion sieht Göppel die Disziplin Erziehungswissenschaft bislang kaum vertreten. Er meint zum einen, dass „Neurodidaktik“ oder „Neuropädagogik“ bislang nicht wirklich in der scientific community angekommen sind. Zum anderen meint er, dass die Erziehungswissenschaft kaum an einer Kooperation mit den Neurowissenschaften interessiert ist, was umgekehrt allerdings genauso gelte (19f). Dies scheinen die Gründe zu sein, warum sich Göppel – freilich nicht ausschließlich, aber doch überwiegend – jener Debatte zuwendet, die in populärwissenschaftlichen Zeitschriften und Magazinen sowie in Funk, Fernsehen und Feuilleton ausgetragen wird. Sie ist der Referenzrahmen für den Band und wird in den einzelnen Kapiteln immer wieder aufgerufen. Jedes Kapitel ist dabei mit einer Frage überschrieben, die auf eine Umdeutung bisheriger Sichtweisen oder auf konkurrierende Deutungen verweist (z.B. Kapitel 1: „Von der „Neurosenprophylaxe“ zur „Synapsenpflege“?“).

Kurz zum Aufbau des Bandes: Die Kapitel 1 bis 3 widmen sich nacheinander den Lebensphasen frühe Kindheit, Kindheit und Jugendalter. Im ersten Kapitel wird das gespannte Verhältnis zwischen neurowissenschaftlichen und psychoanalytischen Deutungen und Empfehlungen thematisiert und auf den elementarpädagogischen Bereich bezogen. Die Ausgangsfrage dabei lautet, wer heute als Experte für die frühe Kindheit gelten darf. Das kurze zweite Kapitel beschränkt sich auf „Stichworte und Trendlinien“ (58) und endet mit einer Warnung vor illusorischen Erwartungen, die mit einer unreflektierten Technik- und Fortschrittsgläubigkeit einhergehen. Das dritte Kapitel widmet sich Forschungsergebnissen zur Hirn- und Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher und damit verbundenen, mehr oder minder skandalträchtigen Fragen, die in US-amerikanischen Diskussionen zum Risikoverhalten von Teenagern gestellt wurden. Fast ein Viertel des Bandes nimmt Kapitel 4 ein (96-147), das sich unter dem Titel „Kindliche Unruhe und Unkonzentriertheit“ mit dem Hype um das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) beschäftigt. Ausgehend von der massenmedialen Aufregung werden zunächst neurowissenschaftliche Erkenntnisse dargelegt, Einwände gegen daraus gezogene medizinische und therapeutische Schlussfolgerungen erörtert und konkurrierende Deutungen aus Psychoanalyse und Bindungsforschung gesichtet. Das fünfte Kapitel fragt, worüber Hirnforscher reden, wenn sie von Bildung reden, und beantwortet diese Frage anhand populärwissenschaftlicher Schriften von Manfred Spitzer und Gerhard Roth. Das sechste Kapitel geht auf schulkritische Positionen ein, die beanspruchen, neurowissenschaftlich fundiert zu sein, und beachtliche massenmediale Resonanz gefunden haben. Im eher kurzen Fazit listet der Autor dann zehn Vorteile, Chancen und Impulse von Begegnungen zwischen Hirnforschung und Pädagogik auf (196f) sowie zwanzig Nachteile, Verkürzungen und Gefahren (197ff). Schon rein quantitativ scheinen also die Nachteile zu überwiegen, auch wenn Göppel die offensichtliche Beliebigkeit neuropädagogischer Empfehlungen als Beleg für konzeptionelle und diskursive „Pluralität“ (201) betrachtet.

Wer bislang noch keine Gelegenheit hatte, sich von der vorwiegend in den Massenmedien stattfindenden Diskussion über die pädagogische Relevanz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse ein Bild zu machen, und wer sich für eine kritisch-abwägende, psychoanalytisch akzentuierte Deutung ausgewählter Aspekte dieser Diskussion interessiert, wird Göppels Buch mit Gewinn lesen. Der Band erleichtert insofern den Zugang zum Themenfeld, als er sich von vornherein auf bestimmte populäre und / oder populärwissenschaftliche Darstellungen und Interpretationen richtet, die vielen Leser(inne)n bekannt sein dürften. Wer sich schon länger mit dieser Diskussion beschäftigt, hat nun Gelegenheit, eine psychoanalytische Sicht der Dinge kennenzulernen. Ansonsten fügt der Band der bestehenden Debatte wenig Neues hinzu. Merkwürdig ist, dass der Autor den am Anfang dieser Besprechung erwähnten erziehungswissenschaftlichen Diskursstrang fast vollständig ausspart. Dies führt gerade bei dem Versuch, Chancen und Grenzen einer Neuropädagogik abzuwägen, zur Wiederholung von Argumenten, die seit gut zehn Jahren bekannt sind, auch wenn sie vielleicht nicht von „Neuropublizisten“ gehört werden.

Merkwürdig ist auch, dass der Band die Besonderheiten einer popularisierenden Darstellung und Deutung (neuro-)wissenschaftlichen Wissens nur am Rande diskutiert, obwohl hierzu eine umfangreiche, auch auf die pädagogische Rezeption der Neurowissenschaften bezogene Literatur existiert. Göppel begründet seinen Zugang mit der notgedrungenen Oberflächlichkeit der Auseinandersetzung: „Das, was Pädagogen sich hier aneignen können, wird sich zwangsläufig auf wissenschaftsjournalistische Darstellungen bzw. auf jene Werke beschränken müssen, die von Neurowissenschaftlern in populärwissenschaftlichem Aufklärungsbemühen verfasst wurden.“ (195) Doch was ist mit einer solchen Selbstbeschränkung gewonnen? Fragen ließe sich, warum sich Pädagog(inn)en angesichts der Halbwertszeit wissenschaftlichen Wissens und der „imposanten Fortschritte“ (11) der Hirnforschung heute noch für Magazinbeiträge oder Sachbücher interessieren sollten, die teilweise mehr als ein Jahrzehnt alt sind. Fragen ließe sich auch, ob die Allgemeine Erziehungswissenschaft nicht auch die Aufgabe haben könnte, die fachliche Auseinandersetzung mit neurowissenschaftlichen Deutungsangeboten zu suchen – selbstverständlich nicht, indem sie sich als Alternativ-Hirnforschung aufspielt, sondern indem sie ihre wissenschaftlich begründete, theoretisch gehaltvolle Expertise für pädagogische Fragen ins Spiel bringt. Versuche in diese Richtung gibt es schon länger.

Resümee
Trotz einiger thematischer Gemeinsamkeiten setzen die drei hier besprochenen Bände aus Philosophie, Soziologie und Erziehungswissenschaft sehr unterschiedliche Akzente in der Rezeption der Neurowissenschaften. Dies scheint im konkreten Fall weniger an einer bestimmten Fachzugehörigkeit zu liegen als an der Haltung, mit der sich die Autoren ihres Themas jeweils annehmen.

Peter Strasser formuliert seine Globalkritik aus der Perspektive einer philosophischen Position, die er an den Rand gedrängt sieht. Ihm geht es weniger um eine detaillierte Auseinandersetzung mit neurowissenschaftlicher Forschung als um eine generelle Abrechnung mit dem gleichsam ich- wie hirnzentrierten Mainstream in der Philosophie, aber auch in der Gesellschaft insgesamt. Erziehungswissenschaftlich relevant hieran scheint vor allem die Diskussion metatheoretischer Positionen und grundlegender Fragen zu sein, die den Blick öffnen könnte für systematische Probleme, die sich auch in der Diskussion der pädagogischen Relevanz der Hirnforschung zeigen.

Dirk Baecker versucht sich an einer neurosoziologischen Theorie, die Impulse unterschiedlicher theoretischer Strömungen aufgreift und zusammenführt. Ihm geht es nicht darum, konkrete neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse zu deuten oder die sozialen Implikationen der Neurowissenschaften zu analysieren. Solchen Rezeptionen steht Baecker reserviert bis ablehnend gegenüber. Erziehungswissenschaftlich relevant hieran scheint vor allem die äußerst umsichtige Suche nach einem eigenständigen Theoriebeitrag zu sein, mit der sich Baecker von Erwägungen praktischer Nützlichkeit abgrenzt. Interessant ist nicht zuletzt, wie er in seinen systemtheoretischen Entwurf handlungstheoretische Ansätze einbezieht und emergenztheoretische Überlegungen kritisiert.

Rolf Göppel prüft die Chancen und Grenzen populärwissenschaftlicher und wissenschaftsjournalistischer Beiträge zu im weitesten Sinne pädagogischen Themen. Ähnlich wie Baecker möchte er seine Kompetenzen nicht überschreiten, weshalb er den neurowissenschaftlichen Forschungsdiskurs bewusst ausklammert. Während Baecker jedoch auf originäre Theoriebildung setzt, verfährt Göppel ähnlich wie Strasser: Er stellt populäre, mehr oder weniger neurowissenschaftliche Deutungen seiner eigenen Position gegenüber und wählt Themenfelder und Problemkreise eher additiv aus, um eine Debatte zu rekonstruieren.

Deutlich wird an den drei Bänden, dass die geistes- und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Neurowissenschaften nach wie vor anhält und auf unterschiedliche Weise geführt wird – als Grundsatz- und Gesellschaftskritik, als Beitrag zur Theoriebildung der eigenen Disziplin und als Analyse eines neuropublizistischen Diskurses.

[1] Vgl. Becker, Nicole: Mehr verstehen, besser handeln? Zum Verhältnis von Pädagogik und Neurowissenschaften. In: Zeitschrift für Pädagogik, 60. Beiheft 2014, 208-225, hier: 219.
Thomas Müller (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Thomas Müller: Rezension von: Strasser, Peter: Diktatur des Gehirns, Für eine Philosophie des Geistes. Paderborn: Fink 2014. In: EWR 15 (2016), Nr. 1 (Veröffentlicht am 04.02.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377055758.html