EWR 12 (2013), Nr. 6 (November/Dezember)

Helga Kelle / Johanna Mierendorff (Hrsg.)
Normierung und Normalisierung der Kindheit
Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2013
(198 S.; ISBN 978-3-7799-1555-3; 24,95 EUR)
Normierung und Normalisierung der Kindheit Schon lange werden Kinder systematisch vermessen und mindestens ebenso lange wird ihr Leben auf spezifische Weise verregelt. Für sich genommen handelt es sich bei der „Normierung und Normalisierung von Kindheit“ also zunächst um vertraute Phänomene. Allerdings besteht durchaus auch aktueller Anlass, sich mit der Thematik zu beschäftigen, wird doch besonders die frühe Kindheit momentan neu vermessen: Einerseits wird mit der verpflichtenden Einführung von Kindervorsorgeuntersuchungen (den sogenannten U-Untersuchungen) erstmals die gesamte Kinderpopulation in Deutschland einem systematischen medizinischen Screening unterzogen, andererseits ist der quantitative und qualitative Ausbau der Kindertagesbetreuung mit einer Ausbreitung von auf Kinder gerichteten Beobachtungs- und Dokumentationspraktiken verbunden.

Der von Helga Kelle und Johanna Mierendorff editierte Band zum Thema nimmt es sich vor, jene (Neu-)Vermessung nicht nur selbst zum Gegenstand erziehungswissenschaftlicher Forschung werden zu lassen, sondern sie in dieser Reflexivität auch auf die sie betreffenden Kinder zu beziehen: Letztlich werden über sich wandelnde Praktiken der Normierung und Normalisierung auch Veränderungen von Kindheit evident. In diesem Bemühen knüpft der Band explizit an den ebenfalls von Kelle mit herausgegebenen Band „Ganz normale Kinder“ an [1] – wobei auch aus dem Umfeld der Pädagogik der frühen Kindheit seit einigen Jahren an einer reflexiveren Perspektive auf Beobachtungs- und Dokumentationspraktiken gearbeitet wird [2]. Der Band beginnt mit einer kurzen Einführung, in der die Herausgeberinnen gegenwärtige Tendenzen der Normierung und Normalisierung von Kindheit skizzieren und den eigenen Anspruch formulieren, „den Befund der erhöhten Entwicklungsrisiken heutiger Kinder in wissens- und gesundheitssoziologischer, in kulturtheoretischer und diskursanalytischer Perspektive“ (10) nachzuvollziehen. Es folgen zwei ebenfalls von den Herausgeberinnen verfasste Beiträge, die den übrigen Teilen des Bandes systematisch vorgeschaltet sind.

Zunächst widmet sich Helga Kelle differenziert den Begriffen „Normierung“ und „Normalisierung“. Beiden Begriffen gemeinsam sei, dass sie ein prozessual-dynamisches und auf Praktiken fußendes Verständnis jener Prozesse der Institutionalisierung und Standardisierung von Kindheit implizierten, die sie in den Blick nehmen. Dies bedeute eine gegenüber anderen gegenwärtig geläufigen Begriffen eine etwas verschobene Perspektive: Etablierte Begriff wie „Muster“ oder „Ordnung“ würden dem hingegen eher auf Kindheit als eine bereits bestehende und geronnene Form referieren. Zudem erlaube das Begriffspaar eine Differenzierung in Normierung einerseits und Normalisierung andererseits. Während sich erstere eher auf prospektive Aspekte der Normsetzung konzentriere, gehe es unter dem Stichwort der Normalisierung mehr deskriptiv um die Praktiken, in denen das realisiert wird, was je als normal gilt.

Anschließend wendet sich Mierendorff im zweiten eröffnenden Beitrag anhand des Beispiels der frühen Kindheit „Normierungsprozessen von Kindheit im Wohlfahrtsstaat“ zu. In diesem historischen Beitrag geht es, anders als bei Kelle, explizit um die Formierung eines Musters früher Kindheit, das seine Gestalt über die Verabschiedung von Gesetzen gewinnt und verändert. Mierendorff zeigt auf, wie der Wohlfahrtsstaat als Akteur frühe Kindheit bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts relational und in Abgrenzung zu anderen Phasen der Kindheit (wie der Schulkindheit) als absoluten Schutzraum entwarf. Sie gibt aber Einblick in gegenwärtige Wandlungsprozesse dieses Musters – durch welche es aber nicht erodiere.

Der erste Teil des Bandes, der dem theoretischen und historisch-systematischen Aufriss der Herausgeberinnen folgt, umfasst drei Einzelbeiträge zu „Risikodiskursen, Prävention und Normalisierung“. Tanja Betz und Stefanie Bischoff skizzieren gemeinsam die Ergebnisse ihrer Diskursanalyse zur Konstruktion von „Risiko“ in Bezug auf Kindheit und Bildung im gegenwärtigen bundespolitischen Diskurs, wobei sie sich wesentlich auf Schriften des BMFSFJ beziehen. Sie kommen unter anderem zu dem Schluss, dass Kinder von den politischen Akteuren nicht direkt adressiert werden, sondern lediglich mittelbar als Objekte der Sorge anderer Akteure (wie Eltern, Fachkräfte usw.). Steffen Eisentraut und Hannu Turba widmen sich aus professioneller Perspektive den Normalitätserwartungen und Normalisierungsstrategien von Fachkräften in Fallschilderungen von Familienhebammen einerseits und sozialpädagogischen FamilienhelferInnen andererseits. Insbesondere die sozialpädagogische Interventionslogik, dies konstatieren die beiden durchaus im Einklang mit Betz und Bischoff, ziele auf eine „Normalisierung von Kindheit durch eine Normierung von Eltern“ (96). Sabine Bollig schließlich widmet sich der Frage, wie in Schuleingangsuntersuchungen Normalität praktisch gemanagt wird. Anhand von Protokollen, die im Rahmen teilnehmender Beobachtungen entstanden, wird aufgezeigt, wie sich die konkrete Praxis der Untersuchungen im Spannungsfeld von Normierung und Normalisierung der Kinder und ihrer Entwicklung bewegt.

Der zweite Teil des Bandes rückt wiederum in insgesamt drei Einzelbeiträgen, Kinder und Kindheiten in den Mittelpunkt, die bereits als Risikogruppen definiert worden sind. So kontrastiert Claudia Peter medizinische und gesundheitspolitische Diskurse zu adipösen Kindern mit Diskussionen zu Frühgeborenen. Sie kommt zu dem Schluss, dass bezüglich der Frühgeborenen „individuelle Risikobestimmung, ein professionalisierter Einzelfallbezug und ein wertebasierter Diskurs mit einer exklusiv organisierten Zuständigkeit innerhalb des Medizinsystems“ korrespondieren, während „die medizinische Expertise zu den adipösen Kindern letztlich diffus“ (139) bleibe – die klinische Praxis sei hier primär sozialdisziplinierend organisiert. Solveig Chilla und Burkhard Fuhs widmen sich anschließend der Frage nach Inklusion, Normalisierung und Autonomie am Beispiel von Hörbeeinträchtigung. Nicht zuletzt der technische Fortschritt habe dazu beigetragen, dass eine einfache Zuordnung von Kindern nach einem binären Schema zu einer als homogen gedachten Gruppe der Hörbeeinträchtigten oder zu einem Kreis der Hörenden nicht mehr greife. Stattdessen sei von einer Vielzahl von Lebensformen zwischen Hören und Nichthören auszugehen, auf die pädagogisch mit einer Anerkennung von Heterogenität zu reagieren sei. Katharina Liebsch, Rolf Haubl, Josephin Brade und Sebastian Jentsch schließlich widmen sich der Frage nach Normalität und Normalisierung im Zusammenhang mit ADHS und wie diese medizinische Diagnose in unterschiedliche Lebenszusammenhänge diffundiert und dort von den verschiedenen Beteiligten bearbeitet werden muss.

Der dritte Teil des Bandes zur „Optimierung von Kindheit“ besteht lediglich aus einem einzigen Beitrag. Ondrej Kaščák und Branislav Pupala nehmen „Auf dem Wege zum ‚normalen’ Superkind“ Veränderungen in den mit Kindheit verbundenen Normalitätsvorstellungen in den Blick. In einer ebenso provokativen wie schlüssigen historischen Analyse der Gegenwart deuten sie die aktuelle Ablösung von Stufentheorien nach Piaget in frühpädagogischen Programmen durch dynamischere Entwicklungsmodelle in der Tradition Wygotskis als neoliberale Recodierung des Kindes. Das hieraus resultierende unternehmerische Selbst erlange Autonomie nicht mehr durch die Einpassung in eine Norm, sondern es wird deren Übererfüllung zur erwarteten Normalität.

In der Gesamtschau beziehen sich die Beiträge in Kelles und Mierendorffs Band wesentlich auf gegenwärtige Prozesse der Normierung und Normalisierung früher Kindheit. Dabei liefern die versammelten Artikel eine entscheidende Bereicherung für die akademische Diskussion. Je für sich genommen zeichnen sich die Beiträge beinahe durchweg durch hohe Qualität und Originalität aus. Positiv anzumerken ist aber darüber hinaus auch, dass die Publikation durch die Einführungen der Herausgeberinnen eine konsequentere Rahmung erhalten hat, als dies bei anderen Sammelbänden häufig der Fall ist. Die überwiegende Mehrheit der Beiträge nimmt die eingangs angelegte begriffliche Systematik auf. Naturgemäß werden hierdurch auch die Differenzen in der Verwendung der Begriffe deutlich: Geht es beispielsweise einmal um die gesellschaftliche Normalisierung normierender Deutungsmuster (wie einer medizinischen ADHS-Diagnose), geht es andernorts um die Normalisierung einzelner Kinder oder von Kindheit per se.

Der Band skizziert eingangs ein theoretisches und analytisches Konzept und weist durch die anschließenden Beiträge nach, dass dieser Zugang das notwendige forschungspraktische Potential besitzt, um sich gegenwärtigen Wandlungsprozessen (früher) Kindheit auf instruktive Weise zu nähern. Eine Weiterführung der Diskussion um Normierung und Normalisierung täte sicher gut daran, die im Titel des Bandes im Singular mitgeführte „Kindheit“ durch „Kindheiten“ im Plural zu ersetzen. Dies würde analytische Sensibilität auch für die Hybriditäten und Heterogenitäten ermöglichen, die in den beschriebenen Normalitäten und Normalisierungsprozessen liegen (in diese Richtung weist der Beitrag von Chilla und Fuhs). Hierzu würde auch gehören, jenen wie selbstverständlich angenommenen nationalstaatlichen Rahmen reflexiv werden zu lassen, den die Mehrheit der Beiträge setzt, wenn sie von bundesdeutschen Politiken und Diskursen ausgeht. Es wäre mit Sicherheit produktiv, auch offen zu sein für transnationale Prozesse der Wissensproduktion oder für die Besonderheit von Normierung- und Normalisierungsprozessen in den „majority worlds“ (also außerhalb der sogenannten westlichen Welt). Und noch eine weitere Frage wird durch den Band provoziert: Die Beiträge weisen plausibel nach, wie Kinder sowohl in politischen Diskursen als auch in den Darstellungen sozialpädagogischer Fachkräfte kaum direkt adressiert werden. Offen bleibt dementsprechend, welchen Beitrag die Kinder selbst an den alltäglichen Praktiken der Normierung und Normalisierung ‚ihrer’ Kindheit(en) haben, beziehungsweise wie sie sich hierzu verhalten. Die mit diesem Band angeregte Diskussion um Normierung und Normalisierung von Kindheit kann also produktiv fortgeführt werden.

[1] Kelle, Helga/Tervooren, Anja (Hrsg.) (2008): Ganz normale Kinder. Heterogenität und Standardisierung kindlicher Entwicklung. Weinheim und Basel: Juventa.
[2] Vgl. z.B. entsprechende Beiträge in: Cloos, Peter/Schulz, Marc (Hrsg.) (2011): Kindliches Tun beobachten und dokumentieren. Perspektiven auf die Bildungsbegleitung in Kindertageseinrichtungen. Weinheim und Basel: Juventa.
Florian Eßer (Hildesheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Florian Eßer: Rezension von: Kelle, Helga / Mierendorff, Johanna (Hg.): Normierung und Normalisierung der Kindheit. Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2013. In: EWR 12 (2013), Nr. 6 (Veröffentlicht am 03.12.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377991555.html