EWR 8 (2009), Nr. 4 (Juli/August)

Sammelrezension zum Thema: Schule – Pädagogik – Geschlecht

Jürgen Budde / Barbara Scholand / Hannelore Faulstich-Wieland
Geschlechtergerechtigkeit in der Schule
Eine Studie zu Chancen, Blockaden und Perspektiven einer gender-sensiblen Schulkultur
Weinheim; München: Juventa 2008
(288 S.; ISBN 978-3-7799-1698-7; 24,00 EUR)
Nicola Düro
Lehrerin – Lehrer: Welche Rolle spielt das Geschlecht im Schulalltag?
Eine Gruppendiskussionsstudie
Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich 2008
(259 S.; ISBN 978-3-86649-195-3; 24,90 EUR)
Hannelore Faulstich-Wieland / Katharina Willems / Nina Feltz / Urte Freese / Katrin Luise Läzer
Genus – geschlechtergerechter naturwissenschaftlicher Unterricht in der Sekundarstufe I
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2008
(147 S.; ISBN 978-3-7815-1603-8; 28,00 EUR)
Michael Matzner / Wolfgang Tischner (Hrsg.)
Handbuch Jungen-Pädagogik
Weinheim; Basel: Beltz 2008
(413 S.; ISBN 978-3-407-83163-7; 39,90 EUR)
Katharina Willems
Schulische Fachkulturen und Geschlecht
Physik und Deutsch – natürliche Gegenpole?
Bielefeld: transcript 2007
(309 S.; ISBN 3-89942-688-6; 30,80 EUR)
Geschlechtergerechtigkeit in der Schule Lehrerin – Lehrer: Welche Rolle spielt das Geschlecht im Schulalltag? Genus – geschlechtergerechter naturwissenschaftlicher Unterricht in der Sekundarstufe I Handbuch Jungen-Pädagogik Schulische Fachkulturen und Geschlecht Die fünf Publikationen, die sich dem Thema Geschlecht, Schule und Pädagogik stellen, spiegeln den derzeitigen Diskurs in der Geschlechterforschung und -theorie wider. Als Hauptstrang lassen sich jene Felder der Geschlechterforschung ausmachen, die aus der kritischen Frauenforschung hervorgegangen sind. Der Fokus der Analyse richtete sich zunächst auf Mädchen bzw. Frauen, die Herausarbeitung von deren „Besonderheiten“ und Defiziten in Kontrastierung mit Buben bzw. Männern. Nach ausgiebiger Abarbeitung der Differenzen zwischen den beiden Geschlechtergruppen in Studien mit primär quantitativ orientierten Forschungsdesigns (1970er und 1980er Jahre) erfolgte eine Hinwendung zu interaktionistisch-konstruktivistischen Ansätzen, die den Fokus auf die Herstellungsmechanismen des Systems der Zweigeschlechtlichkeit bzw. der Entwicklung der Geschlechtsidentität von Mädchen und Buben richteten. Das „doing gender“-Konzept lässt sich in diesem Bereich als Leitkonzept diagnostizieren, das den Bereich der Schulforschung stark prägte. Zahlreiche Studien wurden durchgeführt, der forschungsmethodische Schwerpunkt lag dabei auf qualitativen Methoden, und da v. a. auf ethnographischen Ansätzen und dem Einsatz von mehr oder weniger offenen Interviews. Derzeit sind die einschlägigen Forschungsarbeiten stark auf eine Verschränkung des Geschlechterdiskurses mit anderen theoretischen Konzepten angelegt, wie z.B. aus dem Bereich der Professionalisierung, Interkulturalität, Schulentwicklung oder Schul-/Fachkultur(en), und es gelangen zunehmend elaboriertere und innovative Forschungsmethoden zum Einsatz. Insgesamt ist die Forschungslandschaft in diesem Bereich nach wie vor stark von Wissenschaftlerinnen dominiert.

Als Folge von TIMSS, PISA und anderen internationalen Leistungsstudien entwickelte sich parallel dazu in den letzten Jahren eine Debatte um die „Jungen als Bildungsverlierer“. Das gab der Forschung im Bereich Männlichkeit starken Aufschwung, was sich auch in einer Zunahme der Publikationen deutlich zeigt. Die Jungen-/Männerforschung beginnt jedoch – mit wenigen Ausnahmen – dort, wo die Frauenforschung in den 1970er Jahren begonnen hat: mit einem Blick auf Differenzen gegenüber den Mädchen bzw. Frauen und der Herausarbeitung der Besonderheiten bzw. Defizite der Jungen bzw. Männer, wobei auch Ergebnisse der Hirnforschung und Biologie zur Untermauerung verwendet werden. Die Forschungsdesigns sind stark am quantitativen Paradigma orientiert und versuchen die Differenzen zwischen den beiden Genusgruppen in unterschiedlichen Feldern herauszuarbeiten. Interaktionistisch-konstruktivistische Ansätze werden teilweise abgelehnt bzw. gelangen nur vereinzelt zum Einsatz. Die Buben-/Männerforschung wird von Wissenschaftlern dominiert.

Vor diesem hier skizzenhaft aufgespannten Hintergrund sind auch die vorliegenden Bücher zu rezensieren und zu bewerten. Zunächst werden jene vier Werke vorgestellt, die sich dem Hauptstrang zuordnen lassen, der Sammelband zu Jungenpädagogik beschließt die Sammelrezension. Um einen Überblick zu erhalten, wird zunächst auf den Entstehungszusammenhang verwiesen und das Ziel der jeweiligen Publikation umrissen. Anhand des Aufbaus werden zentrale Aussagen gebündelt, bevor eine abschließende Einschätzung und Hinweise für das Lesepublikum vorgenommen werden.

In den ersten beiden Werken richtet sich der Blick zunächst auf die Fachkultur(en).


Katharina Willems (2007): Schulische Fachkulturen und Geschlecht. Physik und Deutsch – natürliche Gegenpole?

Die Publikation von Katharina Willems ist aus einem DFG-Projekt (1998-2004) unter der Leitung von Hannelore Faulstich-Wieland hervor gegangen. Drei Schulklassen der Mittelstufe eines deutschen Gymnasiums wurden über einen Zeitraum von drei Jahren von einem großen Forscher/innenteam begleitet. Ziel war es, nicht nach Differenzen zwischen den Geschlechtern zu suchen, sondern die Herstellungspraxis von Geschlecht am Schauplatz Schule zu analysieren. Dabei wurden viele Daten gesammelt, und zwar durch teilnehmende Beobachtung, Audio- und Videomitschnitte, Konstruktinterviews, eine standardisierte Befragung von Schülerinnen und Schülern, Memos, die Analyse von Dokumenten sowie Fotografien.

Willems wählt zwei Perspektiven für ihre Untersuchung des Physik- und Deutschunterrichts: „doing gender“ und damit die Frage, wie Geschlecht in und durch die Fachkulturen am Schauplatz Schule hergestellt werden, sowie „doing discipline“ und damit die Frage, welche fachkulturellen Strukturen in den beiden ausgewählten Gegenständen wirken, wie diese durch die handelnden Akteure und Akteurinnen (re)produziert werden und welche disziplinären Charakteristika Geschlechterdifferenzen aktivieren oder nicht aktivieren. Ihre These geht von einer Verschränkung dieser beiden Perspektiven aus.

Das Buch lässt sich in vier Teile gliedern: Theoretischer Hintergrund – Forschungsdesign – Ergebnisse im Detail – Zusammenführung und Fazit.

Die theoretische Annäherung erfolgt über drei Stränge:

• (1) (Fach-)Kulturen: Zunächst wird die Zwei-Kulturen-These von Charles Percy Snow vorgestellt. Diese geht von einem Nebeneinander der literarisch-geisteswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlich-technischen Kultur aus, von denen die Bearbeitung unterschiedlicher gesellschaftlicher Aufgaben erwartet wird. Die beiden Kulturen sind binär angeordnet und lassen sich den Gegensatzpaaren weich – hart, angewandt – rein, nicht messbar – messbar u.a.m. zuordnen. Die schulischen Fachkulturen Deutsch und Physik bauen auf diesen Traditionen auf. Willems zeichnet deren historische und gegenwärtige Verankerung im Fächerkanon nach.
• (2) Geschlechtertheorie: Das „doing gender“-Konzept wird kurz erläutert und mit den fachkulturellen Ausführungen in Beziehung gesetzt, sowohl allgemein als auch bezogen auf die Schulgegenstände.
• (3) Als theoretischer Überbau fungieren die Ausführung von Pierre Bourdieu zu Habitus, Feld und Illusio. Mit diesem begrifflichen Instrumentarium sollen der dialektische Zusammenhang zwischen den Strukturen und den Bedingungen des Handelns auf der einen Seite und den Dispositionen der Individuen auf der anderen Seite erfasst werden. Im Zentrum stehen die konkreten Handlungspraktiken, durch die und in denen sich die (Re-)Produktion von Strukturen vollzieht und Sinn, „Illusio“, erzeugt wird. Den Bourdieu’schen Feldbegriff spitzt sie auf die unterschiedlichen Fachkulturen zu und versteht diese in diesem Sinn als „eigene ‚Universen‘ mit jeweils eigenen Logiken“ (103). Ergänzt wird dieser Feldbegriff durch die Kategorie Raum, der auf seine sozialisatorische Wirkung und als (an)ordnendes Prinzip zu betrachten ist.

Im zweiten Teil werden das Forschungsfeld, die Schule und die Schulklassen, sowie das Forschungsdesign genauer vorgestellt. Der ethnografische Zugang ermöglicht den Einsatz unterschiedlicher Methoden, die im Sinne einer Methodentriangulation eine mehrperspektivische Erfassung des Feldes und der darin agierenden Personen zulassen.

Der dritte Teil ist den Ergebnissen gewidmet. Diese werden um einzelne Themenfelder gebündelt, die Darstellung wird damit spannend und gut lesbar. Zunächst wird der binären Konstruktion der beiden Schulfächer Deutsch und Physik aus der Sicht der Schüler/innen und Lehrpersonen nachgegangen. Mit Hilfe von Aussagen und Befragungsergebnissen werden Inklusions- und Exklusionsmechanismen der Fachkulturen in Verschränkung mit gendering nachgezeichnet. Am untersuchten Gymnasium wird auch bilingualer Physikunterricht angeboten. Willems sieht genauer hin und fragt, ob sich die festgestellte Dichotomisierung durch die Verschränkung von Naturwissenschaft und Sprache aufheben lässt. Ihr Ergebnis: Trotz einiger Freiräume spiegeln sich auch im bilingualen Physikunterricht die Denk- und Handlungsmuster der allgemeinen Physikillusio wider. Als drittes Themenfeld wird der Raum bearbeitet: Zunächst werden die Unterrichtsorte (Klassenräume, Physikräume) vorgestellt, dann wird auf einzelne Aspekte (Pult, Offenheit versus Zugangsbarrieren, Sitzordnungen) genauer eingegangen und ihr Beitrag zur Konstruktion der dichotomen Fachkulturen herausgearbeitet.

In einem letzten Kapitel wird die jeweilige Illusio der beiden Schulfächer Physik und Deutsch und deren Verschränkung mit der Geschlechterkategorie verdichtet dargestellt. Dazu wird nochmals auf den theoretischen Rahmen verwiesen, in den die eigenen Erkenntnisse eingebettet werden. Das Resümee der Autorin: Gender ist eine, aber entscheidende Dimension, die die Prozesse des „doing discipline“ prägt. Das Handeln der Lehrpersonen ist geprägt durch Bilder über die Buben bzw. die Mädchen, die den Blick auf Unterschiede innerhalb der beiden Genusgruppen verstellen. Die Ausrichtung der beiden Fachkulturen ist jedoch jeweils eine andere. Während sich das Fach Deutsch der Dimension Individualität verpflichtet fühlt, ist Physik auf Exklusivität ausgerichtet. Fachkultur(en) und Geschlecht verbindet damit zweierlei: Es sind soziale Konstruktionen, die dem Handeln zugrunde liegen, und diese zeigen sich in der vermittelten Kultur. Kultur wird dabei nicht als Norm begriffen, sondern als gelebte Praxis im Sinne von „doing culture“.

In Summe: Eine wissenschaftliche Arbeit mit hohem Innovationswert! Das Bourdieu’sche Konzept wird als übergreifende Klammer genutzt und darin die Verschränkung von fachkulturellen und geschlechtertheoretischen Ansätzen eingebettet. Durch deren Herauslösung aus den bisherigen wissenschaftlichen Zugangskontexten erhalten diese eine neue Wendung, die zu interdisziplinären Diskursen anregt. Willems gelingt ein Schreibstil, der das Buch auch für Praktiker/innen anregend macht und zu umfassenden Reflexionen bezogen auf das Fach, die Gestaltung von Schulräumen und die (Re-)Produktion von Geschlechterstereotypen einlädt.


Hannelore Faulstich-Wieland / Katharina Willems / Nina Feltz / Urte Freese / Katrin Luise Läzer (2008): Genus – geschlechtergerechter naturwissenschaftlicher Unterricht in der Sekundarstufe I

GENUS – Geschlechtergerechter naturwissenschaftlicher Unterricht in der Sekundarstufe I – war ein vom Europäischen Sozialfonds finanziertes Projekt (Laufzeit: 2005-2007). Beteiligt waren das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, die Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft, und sieben Projektschulen (Haupt- und Realschulen, Gymnasien). Die einzelnen Beiträge werden von den genannten Autorinnen gestaltet, sind aber in ihrem Aufbau sinnhaft aufeinander bezogen.

In ihrem Einleitungsbeitrag gibt Faulstich-Wieland zunächst eine Definition von Geschlechtergerechtigkeit, die bestimmend für die weiteren Ausführung ist und über einen auf Differenz angelegten Gerechtigkeitsbegriff (Motto: „Den Geschlechtern gerecht werden.“) hinaus verweist. Geschlecht soll nicht dramatisiert werden, sondern diese Kategorie wird als Ansatzpunkt betrachtet, um Gerechtigkeit in allen Richtungen mit Blick auf die Vielfalt der Differenzen zu verwirklichen. Es geht den Autorinnen daher um eine Entdramatisierung von Geschlecht und um die Berücksichtigung von Geschlechtergerechtigkeit als Haltung, die in die schulische Praxis einfließen muss. Um diesen Rückfluss zu ermöglichen, müssen die handelnden Akteure und Akteurinnen zunächst Genderwissen haben, erst dann können Differenzen überhaupt wahrgenommen werden. Für eine Weiterentwicklung in Richtung einer „geschlechtergerechten Schule“ muss jedoch dann eine kritische Reflexion der beobachteten Differenzen einsetzen. Dem Dreischritt „Dramatisierung – Reflexion – Entdramatisierung“ folgt auch der weitere Aufbau dieses Buches. Das heißt, es werden zunächst Untersuchungsergebnisse vorgestellt, in denen sich der Fokus auf die Geschlechterkategorie richtet. Diese Ergebnisse laden zur Reflexion ein, zielen aber – unter Hinzuziehung von weiteren Perspektiven – auf eine Entdramatisierung von Geschlecht ab. Willems stellt – in diesem Sinne – als weitere Perspektive theoretische Überlegungen an: bezogen auf die Fachkultur Physik und die Illusio, die dem Unterrichtsfach Physik zugrunde liegt. Diese Einbettung erfolgt als geraffte Darstellung jener Überlegungen, die sie in ihrer eigenen Untersuchung (siehe oben) sehr ausführlich formuliert.

Um der Mehrdimensionalität der theoretischen Überlegungen auch forschungsmethodisch gerecht werden zu können, wurden in den einzelnen Untersuchungen unterschiedliche Forschungsmethoden eingesetzt. In den folgenden Beiträgen werden diese und die daraus resultierende Ergebnisse präsentiert.

Besonders interessant sind die von Hannelore Faulstich-Wieland und Urte Freese vorgenommenen Analysen des Physik- und Chemieunterrichts anhand von ethnographischen Protokollen über ausgewählte Unterrichtseinstiege, geschlechterdifferente Bewertungen und Zuschreibungen von Leistung oder Verhalten, Geschlecht dramatisierende Szenen, Unterrichtseinheiten, die in geschlechtshomogenen Settings durchgeführt werden, und schließlich das Experiment als besondere Form im Chemieunterricht. Anhand von Ausschnitten aus den Unterrichtsprotokollen wird die forschungsmethodische Vorgangsweise dokumentiert. Das gewährleistet die Nachvollziehbarkeit der Analyse und der Ergebnisse, ermöglicht aber auch das Hinterfragen von didaktischen Konzepten, schulischen Normen und Handlungsmustern, die den handelnden Personen wahrscheinlich keineswegs bewusst sind. So zeigt beispielsweise die kritische Analyse der Unterrichtseinstiege, dass es den Lehrpersonen kaum gelingt Neugier und Interesse für das Fach Physik zu wecken.

Ein innovativer Zugang zur Gedankenwelt der Schüler/innen wird mit der GENUS-Fotomethode gezeigt (Autorinnen: Katharina Willems und Nina Feltz). Sie bestand darin, dass Schüler und Schülerinnen Fotos zu/mit/über Physik machten, die im Anschluss den Forscherinnen präsentiert wurden. Ziel war es, das Fachkulturverständnis von Physik zu eruieren und Veränderungspotential auszuloten. Verblüffend waren die große Bandbreite an Gegenständen, die die Jugendlichen auswählten, wobei der erlebte Unterricht die Auswahl (mit)prägte, das Interesse an Funktionsweisen und Abläufen sowie die Tatsache, dass ein Transfer in die außerschulische Lebenswelt durchaus gelingen kann. Das Fachimage von Physik und Chemie ist geprägt durch Gefährlichkeit und die Begriffe objektiv, eindeutig, rational und unbelebt. Den Schülern und Schülerinnen fällt es schwer, die Physik-Fachsprache anzuwenden – ein Hinweis auf die Exklusivität des Faches. Zuletzt wird skizziert, wie die für Forschungszwecke genutzte Foto-Methode auch im Regelunterricht eingesetzt werden könnte.

Schließlich werden die Ergebnisse einer Schüler/innenbefragung vorgestellt (Autorin: Katrin Luise Läzer). Diese sind großteils wenig überraschend, runden aber das Gesamtbild ab. Fazit: Mädchen und Buben beurteilen den Physikunterricht in ähnlicher Weise, Buben fühlen sich aber dennoch häufiger angesprochen als Mädchen. Ein guter Unterricht ist für alle Befragten dadurch gekennzeichnet, dass die Einführungen in die Unterrichtsthemen interessant gestaltet, anschauliche Beispiele präsentiert und ein Alltagsbezug hergestellt werden. „Ein guter Physikunterricht ist für Jungen und Mädchen hilfreich“ (116). Um speziell Mädchen für das Unterrichtsfach zu motivieren, müsste jedoch an deren Beteiligung im Unterricht speziell gearbeitet werden.

Zum Abschluss werden die beteiligten Schulen vorgestellt und erste didaktische und methodische Anregungen gegeben.

Dieser Band ist eine gute Einführung in die konkrete Arbeit von Bildungsforscher/inne/n, erweitert die Betrachtungsperspektiven, ermöglicht damit der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit sich aus ihrer oft als einseitig empfundenen Denkrichtung herauszulösen und ist für Praktiker/innen an der Schulen eine Hilfe bei der (Weiter-)Entwicklung ihrer eigenen Reflexions- und Differenzfähigkeit.


Jürgen Budde / Barbara Scholand / Hannelore Faulstich-Wieland (2008): Geschlechtergerechtigkeit in der Schule

Diese Publikation ist aus einer ethnographischen Studie hervorgegangen, die an einem österreichischen Gymnasium durchgeführt wurde. In vier Klassen wurde in drei ca. vierwöchigen Feldphasen im Schuljahr 2005/06 vielfältiges Material gesammelt, um die an diesem Standort existierende Schulkultur in ihrer ganzen Vielfalt erfassen zu können: ethnographische Protokolle über den Unterricht bzw. außerunterrichtliche Aktivitäten (z.B. Sportfest), Interviews mit den Lehrkräften, Leistungstests, Schulnoten und Anmeldestatistiken, Homepage, Flyer, Informationen zum Schulprofil. Theoretischer Hintergrund ist ein aus den Überlegungen von Werner Helsper und Pierre Bourdieu abgeleiteter (Schul-)Kulturbegriff, wobei sich zwei Gedankenstränge wie ein roter Faden durch das Buch ziehen: die Herausarbeitung des Imaginären, das sich in den formulierten Ansprüchen, in der Illusio, zeigt, und des Realen, das auf Basis der Analyse der Handlungspraxis beobachtet werden soll.

Ausgangspunkt ist das Faktum, dass der untersuchten Schule Geschlechtergerechtigkeit als großes Anliegen gilt. In der Studie wird kritisch der Frage nachgegangen, welches Bild von Geschlechtergerechtigkeit die Akteure und Akteurinnen tatsächlich haben, welches Verständnis sich in der Schulkultur, im Unterricht, in der Handlungspraxis rekonstruieren lässt und welche Chancen bzw. Blockaden mit der Umsetzung des Anspruchs einhergehen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Einführung in die ausgewählte Projektschule – differenzierte Darstellung der „Besonderheiten“ dieser Schule – Resümee.

Das Spezifische des Gymnasiums wird im historisch-systematischen Kontext des österreichischen Schulwesens herausgearbeitet. Dazu werden die bildungspolitischen Maßnahmen zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit bzw. Gleichstellung der letzten Jahre ebenso dargestellt wie die Geschichte des Standortes. Dem Profil der Schule wird mit Hilfe vorhandener Dokumente der Selbstdarstellung nachgegangen. Schließlich werden der Raum Schule inkl. der untersuchten Klassenräume sowie die einbezogenen Schulklassen, die Lehrkräfte und die zu Schulbeginn gesetzten Maßnahmen zur Eingliederung in die neue Schule vorgestellt. Fazit: An der Schule zeigt sich ein „bunter Mix“ aus geschlechterdifferenzierenden und -separierenden Maßnahmen und gleichzeitigen Gleichstellungsbestrebungen. Solche sind zwar im Leitbild, auf der Ebene des Imaginären, festgehalten, doch nicht an prioritärer Stelle. Konflikte mit anderen Schulschwerpunkten, v.a. dem Umweltthema und dem sozialen Schwerpunkt, scheinen verdeckt zu existieren.

Um die Ebene des Realen zu erfassen werden in den folgenden acht Kapiteln einzelne Aspekte sehr genau und differenziert abgearbeitet. Dabei werden in vier Kapiteln die spezifischen und im Sinne der Gleichstellung an dieser Schule gesetzten Maßnahmen vorgestellt (konkret: der KoKoKo-Unterricht [1], die Verhaltenspyramide [2], Streithilfe, Mädchen- und Jungenbeauftragte) und mit den Beobachtungen der Forschungsgruppe kontrastiert. Ein Kapitel geht dem Geschlechterbild der Lehrpersonen nach, ein weiteres vergleicht die Zeugnisnoten mit den Ergebnissen der Leistungstests. Besonders interessant sind die Blicke auf zwei Unterrichtsgegenstände: Sport und Bewegungserziehung, technisches und textiles Werken. Diese werden mit Hilfe der ethnographischen Protokolle genau beschrieben und die der Handlungspraxis zugrunde liegenden stereotypen Grundannahmen dekonstruiert bzw. Prozesse des „undoing gender“ herausgearbeitet.

In einem elften Kapitel werden diese vielfältigen Ergebnisse gebündelt und zugespitzt. Wesentliche Botschaft an die Schule ist, dass trotz gegenteiliger Bemühungen Geschlecht nach wie vor als „zentraler Platzanweiser“ (273) fungiert. Das Lehrpersonal und die Schulleitung sind nicht auf einem gleichen Bewusstseinsstand und in der Folge existieren verschiedene Geschlechterdiskurse nebeneinander. Es wurde bisher verabsäumt, die unterschiedlichen Handhabungen und Einstellungen in einem gemeinsamen Diskussionsprozess zu verhandeln. Folglich existieren entdramatisierende und dramatisierende Maßnahmen und Praktiken nebeneinander. Das Forschungsteam empfiehlt, die bestehende Illusio in Bezug auf den Genderschwerpunkt zu präzisieren und zu verändern, und zwar unter Einbeziehung aller am Schulleben beteiligten Akteure und Akteurinnen. Durch regelmäßigen Austausch müsste eine gemeinsame „Genderillusio“ (278) hergestellt werden, sodass es nicht dem einzelnen überlassen bleibt, ob und wie zu handeln ist.

Insgesamt ein interessantes Buch, das Fallstricke bei der Umsetzung einer geschlechtssensiblen Schulkultur aufzeigt und daher v.a. Lehrkräften an Schulen zu empfehlen ist. Die forschungsmethodische Vorgangsweise kann anhand der großen Zahl an Beispielen gut nachvollzogen werden und veranschaulicht die Interpretationsarbeit, zeigt dabei gleichzeitig den Akteuren und Akteurinnen wie subtil stereotype Wahrnehmungen und traditionelle Handlungsmuster wirken und zum Ausdruck gelangen. Ein Einladungsbuch zum Nachdenken.


Nicola Düro: Lehrerin – Lehrer (2008): Welche Rolle spielt das Geschlecht im Schulalltag?

Ziel dieser qualitativen Studie ist es die „subjektiven, kollektiv geteilten Wahrnehmungen der LehrerInnen zum Thema ‚Relevanz des Geschlechts im Lehrberuf‘“ (10) zu erfassen. Der theoretische Bezugsrahmen wird durch drei thematische Schwerpunkte aufgespannt: Geschlechterkonstruktionen, Professionsverständnis und Generationendifferenz.

Eine multidisziplinäre Arbeitsgruppe der Universität Bielefeld hat mit dem Forschungsprojekt begonnen, das nun von der Autorin verschriftet und zum Abschluss gebracht wurde. Datenbasis sind 15 Gruppendiskussionen mit ausgewählten Gruppen, teilweise waren das Realgruppen (d.h. Teil-Kollegien von Schulen), teilweise Ad-hoc-Gruppen. An den Diskussionen nahmen jeweils sechs bis 14 Personen teil. Zehn der vorliegenden Transkripte wurden für die Analyse ausgewählt und bearbeitet. Als Auswertungsverfahren wird die dokumentarische Methode nach Bohnsack gewählt.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Zunächst wird der theoretische Bezugsrahmen aufgespannt (Kapitel 2). Dazu werden die wesentlichen Theoriestränge aus den gewählten Schwerpunkten angerissen. Jeder Theoriestrang wird mit seinen vorliegenden Konzeptionen und zentralen Aussagen skizziert und auf seine Relevanz für das Feld der Studie abgeklopft. Erste Verschränkungen werden angedacht. Die folgenden zwei Kapitel sind den Forschungsmethoden gewidmet. Zunächst wird die Erhebungsmethode Gruppendiskussion vorgestellt, anschließend die Durchführung und die methodische Auswertung der Transkripte kritisch reflektiert (Kapitel 3). Das Auswertungsverfahren wird ausführlich erläutert (Kapitel 4).

Kapitel 5 bis 7 widmen sich der Ergebnisdarstellung. Zunächst werden Fallbeschreibungen präsentiert. Anhand von ausgewählten Gruppendiskussionen wird die Forschungsarbeit sehr ausführlich und nachvollziehbar dargestellt (Kapitel 5). Provokante Aussagen und Fragen, wie „Frau zu sein an der Schule äußert sich [...] jeden Tag.“ oder „Wie weit reicht und wo endet unsere Professionalität?“, helfen den roten Faden in der Darstellung zu erkennen. Die Vorgangsweise ist durch folgende Schrittfolge gekennzeichnet: Charakterisierung der Gruppe, Diskursbeschreibung und Bearbeitung der in den Diskussionen abgearbeiteten Themen, Zusammenfassung. Das ermöglicht einen sehr genauen Nachvollzug der forschungsmethodischen Arbeit. In einer komparativen Analyse (Kapitel 6) werden die Aussagen von je zwei Gruppen (berufspolitisch-aktive Frauengruppen, Schulleitungsgruppen) kontrastiert. Dazu werden die eingangs aufgespannten inhaltlichen Konzeptionen genutzt. Kapitel 7 bündelt nun die Ergebnisse und arbeitet die kollektiven Orientierungen in den Bereichen Geschlechterkonstruktionen, Professions- und Generationenverständnis heraus. Zusätzlich wird die Relevanz von Geschlecht bei der Berufswahl und in professionellen Beziehungen thematisiert.

Was ist nun das Fazit dieser umfangreichen und detailreich beschriebenen Auswertungsarbeit? Zentral ist die offensichtlich bestehende Wirkmächtigkeit der Differenztheorie. „Es gibt keinen Ergebnisbereich im Rahmen dieser Studie, der nicht von dieser vorherrschenden Lesart der Geschlechter beeinflusst wäre. Als kollektive Orientierung beeinflusst der Differenzansatz die Berufswahl, das Erleben verschiedener beruflicher Beziehungen und die Ausgestaltung der professionellen Rolle“ (240). Was jedoch den meisten Diskussionsteilnehmer/inne/n nicht bewusst ist, ist ihre eigene Mitarbeit an der Reproduktion der Geschlechterdifferenzen bzw. des Differenzansatzes. Eine solche Reflexion gelingt nur wenigen und blitzt nur punktuell in den Diskussionen auf. Stattdessen werden ein reflexives Nachdenken über die Geschlechterfrage und die eigenen Verstrickungen tendenziell abgelehnt und auch institutionell eher tabuisiert. Neben dieser zentralen Erkenntnis werden die Ergebnisse zum Professions- und Generationenverständnis zu Nebenschauplätzen.

Die Autorin kämpft in ihrer Darstellung mit zwei Ansprüchen: zum einen die Nachvollziehbarkeit der Forschungsarbeit zu gewährleisten, zum anderen Lesbarkeit sicher zu stellen. Auch wenn man interessiert ist und die Sequenzen gut ausgewählt sind, hat man es angesichts der Datenfülle nicht leicht, den roten Faden und die Diskursstränge im Auge zu behalten. Insofern sind die Teilzusammenfassungen in den Kapiteln sehr nützlich. Diese und die zunehmende Verdichtung helfen bei der Erfassung der zentralen Erkenntnisse. Ein wissenschaftliches Publikum ist damit sicher zufrieden und kann aufgrund der genauen Darstellung für die eigene Forschungsarbeit daraus Gewinne schöpfen, für Praktiker/innen sind jedoch andere Verschriftlichungsformen und Textsorten anzudenken, damit diese zur Reflexion des eigenen Verhaltens angeregt werden.


Michael Matzner; Wolfgang Tischner (Hg.) (2008): Handbuch Jungen-Pädagogik

Anlass für die Herausgabe dieses umfangreichen Sammelbandes mit 27 Einzelbeiträgen ist der von den Medien diagnostizierte „Krise der Jungen“-Diskurs, die „Demontage des Ansehens“ der Männer und der von den beiden Herausgebern daraus abgeleitete Handlungsbedarf im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit. Allerdings legen sie ihr Verständnis dieses Begriffs an keiner Stelle explizit offen. Es geht ihnen v.a. darum, einen Kontrapunkt zu den „egalisierenden, geschlechternivellierenden Bestrebungen, wie sie sich besonders von der Gendertheorie herleiten“ (14) zu setzen. Sie verstehen das Handbuch als „promännlich orientiert“ (ebd.). Den Jungen soll durch eine entsprechende Gestaltung der Rahmenbedingungen ermöglicht werden, „wieder zu ihren Ressourcen und Stärken zu finden und ihre Potenziale in größtmöglichem Umfang auszuschöpfen“ (ebd.).

Matzner und Tischner orten in der derzeitigen Geschlechterdebatte eine Ignoranz gegenüber Forschungsergebnissen aus Soziobiologie, Gen- und Hirnforschung, Endokrinologie und Evolutionspsychologie. Durch einen „simplen Trick“ würde Geschlecht als biologische Tatsache „aus dem Verkehr gezogen“, indem sex durch gender als soziales Geschlecht ausgetauscht und sex selbst zur sozialen Konstruktion erklärt wird. Um solche Fehlschlüsse hintan zu halten, plädieren sie für einen interdisziplinären Zugang und haben für das vorliegende Handbuch 19 Autoren und fünf Autorinnen eingeladen aus ihrer Perspektive zur Jungenpädagogik Stellung zu nehmen. (De)konstruktivistische geschlechtertheoretische Standpunkte fehlen allerdings. So gibt es beispielsweise keine Beiträge von Vertreter/inne/n der „doing gender“ und/oder – für diesen Fall passender – „doing masculinity“-Konzepte. Diese werden kritisiert (siehe weiter unten), ohne ihnen jedoch die Möglichkeit einer eigenen Stellungnahme einzuräumen. Damit wird der Anspruch an Interdisziplinarität nur teilweise eingelöst.

Der Band gliedert sich in vier Teile.

• (1) Zunächst werden in vier Beiträgen biologische, psychologische und soziologische Grundlagen einer Jungenpädagogik ausgebreitet.
• (2) Über die Situation von Jungen in pädagogischen Institutionen berichten elf Beiträge, fünf davon richten den Blick auf die Schule, einer auf Kindergarteneinrichtungen, fünf auf sozialpädagogische Einrichtungen und Angebote.
• (3) Zehn weitere Autor/inn/en widmen sich pädagogischen Einzelfragen wie Jungen und Gesundheit, Sexualität, Gewalt u.a.m., aber auch Geschlechterpolitik und Gender Mainstreaming werden unter dem Fokus der Bildungsbenachteiligung von Buben thematisiert.
• (4) In den Schlussfolgerungen werden im Bereich der Forschung Desiderata und Probleme benannt sowie Ansätze für eine Jungenpädagogik zusammenfassend dargestellt. So wird vorgeschlagen, die unterschiedlichen biologischen, psychologischen und sozialisatorischen Voraussetzungen der Jungen mehr zu berücksichtigen, Hilfestellungen bei der Entwicklung einer „stabilen männlichen Identität“ zu geben oder die männliche Peergroup verstärkt pädagogisch zu nutzen.

Dieser Sammelband ist als Kontrastprogramm zu den anderen vorgestellten Studien zu verstehen. Die Quintessenz aus diesen aufgreifend, lässt sich feststellen: Der rote Leitfaden dieses Sammelbandes ist die „Differenz-Illusio“, d.h. nur in wenigen Beiträgen klingen auch andere Ansätze an bzw. werden differenztheoretisch orientierte Überlegungen kritisch reflektiert. Es ist aber anzunehmen, dass den Herausgebern ihre Rolle bei der Konstruktion der binären Geschlechterkategorien durchaus bewusst ist. In fast allen Aufsätzen wird auf „die“ Jungen bzw. „die“ Mädchen Bezug genommen, damit werden die beiden Genusgruppen als homogene Gruppen konstruiert. Differenzen innerhalb der Geschlechtergruppen werden hingegen systematisch ausgeblendet bzw. nur am Rande erwähnt.

Zu einigen Autoren muss kritisch angemerkt werden, dass sie die Diskussion äußerst verkürzt darstellen und offensichtlich solche Ansätze, die quer zu den ihren liegen, ungenau gelesen haben (z.B. Tischner in seiner Interpretation des „doing gender“-Konzepts von Faulstich-Wieland, 358). Manche Argumentationslogiken sind schlicht nicht nachvollziehbar. Hier ein Beispiel aus dem Beitrag von Allan Guggenbühl: „Je mehr die Schule oder Erziehung die Gleichheit der Geschlechter betont, desto größer wird die Trennlinie zwischen den Schülern und Schülerinnen. Wenn die Schule Geschlechtsunterschiede negiert, dann werden aus den Schülerinnen Tussis und aus den Schülern Machos!“ (153). Dieses Zitat zeigt zunächst einen undifferenzierten Umgang mit dem Begriff „Gleichheit“. Dieser wird hier offensichtlich als „gleich machen“ gedeutet und nicht im Sinne von Gleichstellung, die eine Gleichwertigkeit ebenso voraussetzt wie Anerkennung von Heterogenität zwischen Jugendlichen entlang vielfältiger Differenzkriterien. Zum anderen kann der Schluss, dass sich durch die Negation von Unterschieden Tussis und Machos entwickeln, nicht nachvollzogen werden. Hier fehlen Begründungen und Argumentationen, vielmehr wird polemisiert.

Fragwürdig sind auch die Schlussfolgerungen von Tischner in seinem abschließenden Resümee. Unter Rückverweis auf Aristoteles, dass es nicht gerecht wäre, wesentlich Ungleiches gleich zu behandeln, meint der Autor, dass „Gleichbehandlung im Schulunterricht folglich nicht nur ein schwerwiegender pädagogischer Fehler, sondern zugleich wenigstens insoweit verfassungswidrig“ (358) wäre. Er fordert daher: „Jedem Geschlecht das Seinige, oder, anders formuliert: das ihm Gemäße!“ Tischner äußert Zweifel an der Koedukation, „weil die gleichzeitige Berücksichtigung der unterschiedlichen unterrichtlichen Bedürfnislagen von Jungen und Mädchen pädagogisch der Quadratur des Kreises gleichkommt“ (359). Auch in diesen Aussagen zeigt sich zum einen ein undifferenziertes Verständnis von „Gleichbehandlung“, zum anderen hat sich der Autor offensichtlich noch wenig mit Maßnahmen der Differenzierung und Individualisierung von Unterricht beschäftigt, die gerade auf eine Berücksichtigung von Vielfalt abzielen: in den Methoden, den Inhalten, den pädagogischen Maßnahmen. Gleichheit und Gleichbehandlung haben aber da zu gelten, wo es um Rechte und Pflichten geht, die an sozialen Orten wie der Schule nicht verhandelbar sind, wie z.B. das Recht auf Würde.

Allerdings gibt es auch Beiträge, in denen eine differenzierte Darstellung gegeben und Kritik an ausschließlich an Differenz ausgerichteten Befunden geäußert wird. So resümiert Heike Diefenbach, dass die Ergebnisse von psychologischen Studien „widersprüchlich und teilweise Forschungsartefakte“ wären und sie ortet Zweifel an der biologischen Determinierung von Sozialverhalten und kognitiven Fähigkeiten. Lothar Böhnisch beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und „Entgrenzungsprozessen“, die traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit brüchig und prekär werden lassen. Nicht die Biologie bestimmt somit die schwierige Lage von Jungen, sondern die wirtschaftlichen Veränderungsprozesse einschließlich der damit einhergehenden sich verändernden Normen und Erwartungen, die mit traditionellen Bildern nicht vereinbar sind. Und schließlich sei noch auf den Aufsatz von Tim Rohrmann verwiesen. Er merkt kritisch an, dass die Ergebnisse vieler Studien zu relativieren wären, weil sie sich auf Durchschnittswerte beziehen und Unterschiede innerhalb der Geschlechtsgruppen damit aus dem Blick geraten.

Dieses Buch weiter empfehlen: Ja, durchaus, weil es sich gut als Demonstrationsobjekt für den Differenzdiskurs eignet. Allerdings bedarf es eines kritischen und auch andere theoretische Ansätze einbeziehenden Hintergrundwissens, um die Beiträge und ihre Grundbotschaft(en) zu dekonstruieren. Wenn ein solches vorhanden ist, dann lassen sich viele Aussagen (ich betone: nicht von allen Autor/inn/en!) als einseitige Konstrukte entlarven. Schade, dass – im Sinne einer interdisziplinären Herangehensweise, wie sie in der Einleitung angekündigt wurde – solche Autor/inn/en nicht eingeladen wurden, die für „andere“ wissenschaftliche Erkenntniszugänge stehen. Das hätte dann eine spannende und kontrastreiche Diskussion werden können!


[1] KoKoKo steht für Kommunikation, Konfliktbearbeitung und Kooperation.
[2] Die Verhaltenspyramide regelt, was bei Disziplinverstößen passieren soll. Je schwerer das Vergehen, umso höher die Einstufung und damit die Sanktion. Visualisiert wird dies in Form einer Pyramide.
Angelika Paseka (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Angelika Paseka: Rezension von: Budde, Jürgen / Scholand, Barbara / Faulstich-Wieland, Hannelore: Geschlechtergerechtigkeit in der Schule, Eine Studie zu Chancen, Blockaden und Perspektiven einer gender-sensiblen Schulkultur. Weinheim; München: Juventa 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 4 (Veröffentlicht am 31.07.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377991698.html