EWR 8 (2009), Nr. 5 (September/Oktober)

Sabine Hering / Wolfgang Schröer (Hrsg.)
Sorge um die Kinder
Beiträge zur Geschichte von Kindheit, Kindergarten und Kinderfürsorge
Weinheim; München: Juventa 2008
(232 S.; ISBN 978-3-7799-1734-2; 24,00 EUR)
Sorge um die Kinder Seit rund zehn Jahren arbeitet die Sozialpädagogik in Deutschland daran, ihr historisches Defizit zu überwinden; es hat sich durchgesetzt, eine „Historische Sozialpädagogik“ als eigenständiges Forschungsfeld anzuerkennen. Der vorliegende Band manifestiert die Vielfalt ihrer Themen, Fragestellungen und Zugänge. Dabei setzt er einen Schwerpunkt, indem er Hilfen und Einrichtungen für Kinder in den Mittelpunkt rückt. Die Herausgeberin und der Herausgeber versprechen im Vorwort, der aktuellen Debatte über die Politik der Kinderbetreuung eine historische Dimension zu verschaffen.

Die fünfzehn Beiträge sind in vier thematische Abteilungen gegliedert. Die erste Abteilung ist der Rolle des Kindergartens bei der Pädagogisierung der Kindheit gewidmet, die zweite beschäftigt sich mit der Geschichte des Kindergartens im 19. Jahrhundert, die dritte mit der Kinder- (im Unterschied zur weit bekannteren Jugend-) fürsorge der Weimarer Zeit. Diese Gliederung kann die Disparatheit der Beiträge freilich kaum verdecken. Zwar lohnen viele Beiträge die Lektüre, aber erst die vierte Abteilung enthält diejenigen Texte, die das Erscheinen dieses Buches rechtfertigen: einen Text von Gudrun Maierhof mit zwei Fallgeschichten über die Flucht jüdischer Kinder aus dem nationalsozialistischen Deutschland, der durch seine Details beeindruckt und bewegt, vor allem aber einen Beitrag von Jürgen Zinnecker über die Demontage des imaginierten und des gelebten Kindheitsmoratoriums durch Krieg, Völkermord und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg. Zinneckers Beitrag ist nicht lediglich historiographisch bedeutsam, er hat auch systematische Relevanz für eine Theorie moderner Kindheit, und nicht zuletzt könnte er für eine Diskussion darüber wichtig sein, was eigentlich der Gegenstand einer Historischen Sozialpädagogik ist. Er hätte sich m. E. daher glänzend als Eröffnungsaufsatz geeignet, der den Bezugsrahmen für viele der übrigen Texte skizziert; faktisch fungiert er indes wie ein Anhängsel.

Christin Sager eröffnet die erste Abteilung mit einer Zusammenfassung der Kritik an der folgenreichen These von Philippe Arès von der Entdeckung der Kindheit in der Neuzeit. Franz-Michael Konrad legt eine ideengeschichtliche Genealogie des Konzepts der Erziehungsbedürftigkeit vor und leitet daraus eine eigenständige Begründung für die Notwendigkeit öffentlicher Kleinkindererziehung als Armenerziehung ab, die Reyers bekannte These vom „sozialpädagogischen Doppelmotiv“ um ein drittes Element erweitert. Carsten Müller untersucht, wie Karl Mager – mit dem die Geschichte des Begriffs „Sozialpädagogik“ beginnt – das Verhältnis von Sozialpädagogik und öffentlicher Kleinkinderziehung verstanden hat und arbeitet dabei ihre für die deutsche Entwicklung typische nebenfamiliale Funktion heraus. Christian Niemeyer verknüpft in einer weit gespannten Argumentation die Frage kindlicher Sexualität mit der Sexualfeindlichkeit der geisteswissenschaftlichen Pädagogik und leitet daraus am Beispiel von Herman Nohl ihre Disposition zu Antisemitismus und Rassenhygiene ab.

Die zweite Abteilung beginnt mit einem Beitrag von Jürgen Reyer, der die ungebrochene Tradition einer tiefen Trennung zwischen Kindergarten und Schule in Deutschland nachzeichnet. Er zeigt, dass die Abgrenzung neben einigen anderen gewichtigen Gründen vor allem mit der nebenfamilialen Bestimmung öffentlicher Kleinkinderziehung zu tun hat. Sie bildet eine historische Tiefenstruktur der Kinderbetreuungspolitik in Deutschland. Gegenwärtig hat es den Anschein, als ließe die Hegemonie des Vereinbarkeitsmotivs und der Bildungsfunktion die familienergänzende Aufgabe des Kindergartens hinter sich, aber im Lichte der Reyer’schen Studien betrachtet, lassen sich Hinweise darauf finden, dass die vorgebliche Eigenständigkeit institutioneller Kleinkinderziehung als sozialer Infrastruktur und sozialen Raums kindlicher Bildungsprozesse die überlieferten Funktionen des Kindergartens lediglich in einer zeitgemäßen Weise transformiert. Diana Franke-Meyer stellt Reyers Argumentation eine Untersuchung zur Seite, wie sich die Fröbelbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die „organische Verbindung von Kindergarten und Schule“ gedacht hat und arbeitet am Beispiel von August Köhler die Aktualität ihrer Vorstellungen und Forderungen heraus. Ina Schönberger steuert zu diesem Teil des Buches einen Beitrag über Ludwig Strümpell bei, einem Herbartianer des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dessen „pädagogische Pathologie“ (eine Systematik von „Kinderfehlern“) über den Versuch einer erziehungswissenschaftlichen Systematik hinaus darauf aufmerksam macht, die paradigmatischen Bilder vom Kind zu beachten, welche die bildungspolitischen Auseinandersetzungen um Kindergarten und Schule mit sich führen.

Im ersten von sechs Beiträgen der dritten Abteilung des Buches gibt Sabine Hering einen kurzen Abriss über die Haltungen, welche die unterschiedlichen Fraktionen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung zur „Kinderfrage“ einnahmen. Kristina Popova berichtet von der Tätigkeit des bulgarischen Kinderschutzbundes vor und im Zweiten Weltkrieg, Gisela Hauss von der Kinderschutzarbeit in St. Gallen/Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es sind die beiden Beiträge des Bandes, die den Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus lenken und die kulturellen und politischen Bedingungen sichtbar machen, welche die Hilfen und Einrichtungen für Kinder trotz mancher Vergleichbarkeiten doch in nationalstaatlich unterschiedlicher Weise prägen. Der Beitrag von Sabine Toppe weist Bezüge zu Reyer, Franke-Meyer und Müller auf, weil sie am Beispiel von zwei bedeutenden Betrieben der bremischen Textilindustrie um die Jahrhundertwende die Motive und Marktbedingungen untersucht, die für das Industriepatriarchat maßgeblich waren, in betriebliche Kinderbetreuung zu investieren. Sabine Andresen wendet sich der kommunistischen Kinderarbeit in der Weimarer Zeit zu, einer selten untersuchten Seite der Weimarer Sozialpädagogik. Sie arbeitet heraus, dass die kommunistische Kindheitspädagogik die Vorstellung eines Familienmoratoriums nicht teilte und desillusioniert damit die vorgebliche Universalität des Verständnisses moderner Kindheit. Das proletarische Kind befand sich ebenso im Klassenkampf wie seine Eltern und seine Lehrer. Andresen arbeitet die Interessenkonflikte und unaufgelösten Widersprüche heraus, die sich aus der Spannung von Pädagogik und Politik der KPD ergaben. Sie sind exemplarisch für einen Begriff vom Kind, der sich seiner paternalistischen Implikationen bewusst wird, und müssen daher m. E. weitreichende und systematische Konsequenzen für die Erziehungswissenschaft haben. Nicht zuletzt werfen sie die Frage nach Lehren für heutige Versuche auf, eine Politik für, mit oder von Kindern zu begründen. Der dritte Teil des Bandes wird abgeschlossen mit einer Vignette der Auseinandersetzung zwischen konfessioneller und pädagogischer Fürsorgeerziehung in der Weimarer Zeit. Auf der Basis narrativer Dokumente schildert Sarah Banach das Schicksal von Wilhelm Ehlers, der sich gegen die Brutalität eines protestantischen Fürsorgeheims vor Gericht erfolgreich zur Wehr setzte.

Der letzte Teil des Buches umfasst nur zwei Beiträge. Gudrun Maierhof schildert die Arbeit der Abteilung Kinderauswanderung in der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden und des Vereins Jüdische Jugendhilfe e. V. zur Rettung jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Nazi-Deutschland am Beispiel zweier Überlebender, mit der die Autorin Gespräche geführt hat. Jürgen Zinnecker geht in seinem Beitrag von der These aus, dass das 20. Jahrhundert nicht nur die Durchsetzung, sondern auch die Zerstörung von Kindheit und Jugend als biografisches, auf die Familienzugehörigkeit gestütztes Moratorium mit sich gebracht hat. Der Autor fragt, wie dies möglich war bzw. wie sich diese Zerstörung vollzogen hat, und untersucht diese Frage – gleichsam in Ergänzung und Weiterführung des Beitrags von Maierhof – am Beispiel der „Kinderlandverschickung“ und des „Lebensborn“. Zinnecker hatte am Essener Kulturwissenschaftlichen Institut die Studiengruppe „Kinder des Weltkriegs“ koordiniert, aus der mehrere Publikationen hervorgegangen sind.

Zinneckers Beitrag ist nicht allein deshalb bemerkenswert, weil er sich mit einem bislang nur selten behandelten Aspekt der Kindheitsgeschichte im 20. Jahrhundert detailreich und in beeindruckender Anschaulichkeit beschäftigt. Vielmehr wirft er die Frage auf, ob es sich mit dem Totalen Krieg um eine beispiellose Ausnahme gehandelt hat, die für die Geschichte der Kindheit keine spezifische Bedeutung hat, oder ob er von systematischer Bedeutung für das Verständnis der Kindheit ist. Wenn vom „Jahrhundert des Kindes“ die Rede ist, herrscht – weithin unproblematisiert – die erste Annahme vor [1]. Zinnecker dagegen argumentiert die zweite These. Was bis heute euphemistisch „Kinderlandverschickung“ genannt wird, rekonstruiert er als ein Großexperiment kollektiver Lagererziehung, das unter dem Vorwand des Schutzes vor alliierten Bomben Kinder der privaten Verfügung ihrer Eltern entzog und einer nationalsozialistischen Umerziehung unterwarf. Und was bis heute immer noch mit dem nationalsozialistischen Wort „Lebensborn“ bezeichnet wird, analysiert Zinnecker als Neuberechnung des Wertes von Kindern im biologisch-ökonomischen Kalkül von Rasse und Krieg, die den ökonomischen und emotionalen Wert von Kindern für ihre Eltern und das darauf gegründete Recht aller Kinder auf ein Aufwachsen in der eigenen Familie gewaltsam substituiert, das Zinnecker in der europäischen Aufklärung verankert sieht.

Nun lässt sich Zinneckers Argumentation – zumal die Knappheit, in der sie unter den Bedingungen dieses Sammelbandes ausgeführt wird – gewiss mit skeptischen Fragen bedenken. Unbeeinträchtigt bleibt dabei m. E. die strategische Provokation, dass die Kinderwissenschaften und vor allem die Sozialpädagogik von einem Kindheitsbegriff ausgehen, der gegen seine unausgewiesenen Normalitätsannahmen blind ist. Zinnecker gibt der Erziehungswissenschaft gleichsam den Prüfauftrag, ob sie sich ihre Verstrickung in die aufklärerische Utopie und die bürgerliche Realisierung der Kindheit als Familienmoratorium historisch-systematisch hinreichend vergegenwärtigt. Anders gesagt: Nimmt man den Totalen Krieg kindheitshistorisch ernst, steht die Einheit der Kindheit zur Debatte. Für die Erziehungswissenschaft würde daraus folgen, dass sie sich ihres bevorzugten Gegenstandes nicht mehr in Kategorien einer Pädagogischen Anthropologie versichern kann, sondern von der Kindheit radikal im Plural sprechen muss, weil sie ihr nicht mehr gegenübersteht, sondern sich in ihr objektiviert, dass sie sich also – anders gesagt – nicht mehr mit dem Hinweis auf die Kindheitstatsache legitimieren kann. Dies hätte auch für die Themen dieses Buches – für den erziehungswissenschaftlichen Blick auf die Geschichte der Kindheit, für die Zugänge zur Geschichte des Kindergartens und der Kinderfürsorge – erhebliche Konsequenzen, sowohl was die Formulierung von Problemstellungen als auch die methodischen Vorgehensweisen anbelangt. Wenn man die Beiträge dieses Buches unter dieser Perspektive erneut Revue passieren lässt, gruppieren sie sich anders als die Herausgeberin und der Herausgeber sie disponiert haben, dann werden plötzlich Zusammenhänge und gähnende Lücken sichtbar und man fragt sich, warum manche Fragen nicht weiterverfolgt und warum manche Beiträge überhaupt in den Band aufgenommen wurden.

Der konzeptionelle Rahmen ist offenbar erst ex post gebastelt worden, so dass die Leserinnen und Leser sich die historischen und systematischen Zusammenhänge denken müssen, die – folgt man dem Vorwort – die Struktur des Bandes bestimmen. Man muss daher den Herausgebern vorhalten, ihrer konzeptionellen Aufgabe nicht gerecht geworden zu sein und eine heterogene Vielfalt von Textangeboten nicht in eine publikationsreife Kohärenz verwandelt zu haben; sie haben viele Autorinnen und Autoren nicht einmal dazu bewegen können, ihren Beiträgen den Vortragscharakter zu nehmen (ohne dass man freilich erführe, wo und wann diese Vorträge gehalten wurden). Viele Texte bringen überdies nichts Neues, weil sie lediglich bereits vorliegende Monographien zusammenfassen. Vielfach ist auch die Redaktion der Beiträge so schlampig, dass es bei einer Publikation des Juventa Verlags überrascht. Weitergehende Erwartungen kann man an diesen Band erst recht nicht richten: Er bietet weder eine vertiefte methodologische Reflexion Historischer Sozialpädagogik, noch konzeptionelle Überlegungen zu ihrem Gegenstand (es gibt Hinweise, dass die Herausgeber sie sich als historiographische Bereichswissenschaft vorstellen). Bezüge auf die Historische Erziehungswissenschaft und auf die außerpädagogische historische Forschung fehlen fast völlig. Auch scheint es außerhalb des deutschsprachigen Auslands keine einschlägige historische Forschung zu geben, die für die deutsche Debatte relevant wäre. Kurz: Das Buch ist eigentlich nicht fertig. Das Beste daran, und das ist nicht ironisch gemeint, sind die Literaturhinweise, die jeden Beitrag abschließen. Sie enthalten viele Schätze, von denen zukünftige Forschung profitieren kann.

[1] Honig, Michael-Sebastian (im Druck): Geschichte der Kindheit im „Jahrhundert des Kindes“. In: Krüger, Heinz-Hermann/Grunert, Cathleen (Hrsg.): Handbuch Kindheits- und Jugendforschung. 2., überarb. u. erw. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag.
Michael-Sebastian Honig (Luxemburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Michael-Sebastian Honig: Rezension von: Hering, Sabine / Schröer, Wolfgang (Hg.): Sorge um die Kinder, Beiträge zur Geschichte von Kindheit, Kindergarten und Kinderfürsorge. Weinheim; München: Juventa 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 5 (Veröffentlicht am 02.10.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377991734-1.html