EWR 7 (2008), Nr. 2 (März/April)

Jörg M. Fegert / Karin Jeschke / Thomas Helgard / Ulrike Lehmkuhl (Hrsg.)
Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt
Ein Modellprojekt in Wohneinrichtungen für junge Menschen mit geistiger Behinderung
Weinheim/München: Juventa 2006
(544 S.; ISBN 978-3-779-91883-7; 37,00 EUR)
Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt Im Jahr 1999 begann eine größer angelegte Studie zu den Themen sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, auf der die vorliegende Veröffentlichung basiert. Der vorliegende Reader versteht sich dabei nicht als klassischer wissenschaftlicher Abschlussbericht, sondern als eine Art „Lesebuch“, das sich an die vielfältige Gruppe der Tätigen im Bereich der Behindertenhilfe wendet.

In sieben Kapiteln werden von einem, in seiner Zusammensetzung wechselnden, Autorenkollektiv die Ergebnisse der so genannten Berlin-Rostock-Studie zusammengefasst dargestellt. Hintergrund der Studie bildet eine Befragung von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Mitarbeiterinnen und Mitabeitern aus zwei Institutionen der Behindertenhilfe, dem Pastor-Braune-Haus in Berlin und dem Michaelshof in Rostock zu den im Buchtitel angegebenen Themen.

Nach einer Einleitung wird die Studie in Kapitel 2 zunächst ausführlich vorgestellt.
Die Ergebnisse einer ersten große Teilstudie, die die Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner zu sexueller Selbstbestimmung und sexualisierter Gewalt in den Mittelpunkt rückt, sind Gegenstand von Kapitel 3. Es folgt die Darstellung der Sicht des Fachpersonals auf sexuelle Selbstbestimmung (Kapitel 4), woran sich ein Exkurs zur Sicht des Fachpersonals auf Homosexualität anschließt.

Kapitel 5 widmet sich den erzielten Ergebnissen bezüglich der Sicht des Fachpersonals auf sexuelle Gewalt und schließlich wird in den Kapiteln 6 und 7 der Forschungsprozess insgesamt reflektiert bzw. ein resümierender Ausblick erstellt.
Tatsächlich ist mit dieser gewählten Dokumentationsform ein Reader entstanden, den man nicht Kapitel für Kapitel durchlesen muss, um ihn zu verstehen. Ein „Springen“ in andere Kapitel ist durchaus möglich. Wer sich wie der Rezensent jedoch vor allem für die Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner interessiert, wird sich aber recht schnell in Kapitel 3 fest lesen, was einerseits mit der sehr differenzierten und einfühlsam dokumentierten Vorgehensweise der Interviewerinnen, andererseits aber auch mit den teilweise sprachlos machenden Ausführungen der Befragten zu tun hat.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Autorenkollektiv als ein wesentliches Ergebnis festhält, dass es auch bezüglich der Themen ‚sexuelle Selbstbestimmung‘ und ‚sexualisierte Gewalt‘ noch erhebliche Unterschiede zwischen gesetzlich verankerten und in der Behindertenhilfe als Konsens betrachteten Grundsätzen (Stichwort Selbstbestimmung) und der gelebten Praxis gibt. Die Autorinnen und Autoren stellen schließlich fest, dass sich durch die Studie die Fragen von Autonomie und Selbstbestimmung, aber auch die Frage des Schutzes der Betroffenen auf zwei Ebenen konkretisiert habe: Einerseits auf der Ebene des individuellen Selbstwertes und der eigenen Selbstwahrnehmung von Menschen mit geistiger Behinderung und andererseits im Bereich der Autonomieförderung unter institutionellen Bedingungen. Umso unverständlicher ist die im Resümee aufgeworfene Diskussion der Problematik von institutionellen Bedingungen, die in recht verkürzter Form Bezug nimmt auf die Anti-Psychiatriebewegung Italiens (vgl. 440) und das Fehlen eines Verweises auf eine Diskussion um De-Institutionalisierung in diesen Zusammenhängen. Dass sich die Autorinnen und Autoren dieser Diskussion an dieser Stelle verschließen und Institutionen „in Schutz“ nehmen, will hier nicht recht einleuchten, da es nicht von der Hand zu weisen ist, dass deinstitutionalisierte Bedingungen Autonomiebestrebungsprozesse eher fördern als institutionelle Bedingungen dies vermögen.

Die Komplexität des Readers ist an vielen Stellen schlicht überwältigend und man merkt den Autorinnen und Autoren das Bemühen an, so umfassend wie möglich die erhobenen Daten darzustellen. Leider fehlt den einzelnen Kapiteln über die beschriebenen Teilbereiche hinaus eine einheitliche Struktur der Darstellung, was aber ob der Unterschiedlichkeit des dokumentierten Materials vielleicht kaum durchführbar erscheint. Insgesamt liegt mit dieser Veröffentlichung ein wertvoller Beitrag zu einer Reihe höchst problematischer, tabuisierter und wenig erforschter Aspekte vor und stellt eine solide Grundlage für weitere Forschungsvorhaben dar. Erwähnenswert und von hohem praktischen Nutzen sind drei Begleitbände, die im Rahmen des Modellprojekts entstanden sind: Die Materialsammlung „Ich bestimme mein Leben…und Sex gehört dazu“ stellt eine wertvolle Ergänzung und ein sehr praxistaugliches Instrumentarium dar, das einer Erweiterung der Kompetenzen aller Beteiligter dienlich sein kann [1].


[1] Jörg M. Fegert, Barbara Bütow, Anette E. Fetzer, Cornelia König und Ute Ziegenhain (Hrsg., 2007). Ich bestimme mein Leben … und Sex gehört dazu. Geschichten zu Selbstbestimmung, Sexualität und sexueller Gewalt für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Begleitband für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Wohneinrichtungen für geistig behinderte junge Frauen und Männer, deren Eltern sowie deren gesetzliche Betreuerinnen und Betreuer. Umgang mit sexueller Selbstbestimmung und sexueller Gewalt in Wohneinrichtung mit Menschen mit geistiger Behinderung. Kurzfassung des Forschungsberichts zum Modellprojekt. Vgl. http://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/Kl...
Praesentationen/Bestellschein_Ich_bestimme_mein_Leben.pdf
Erik Weber (Gießen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Erik Weber: Rezension von: Fegert, Jörg M. / Jeschke, Karin / Helgard, Thomas / Lehmkuhl, Ulrike (Hg.): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt, Ein Modellprojekt in Wohneinrichtungen für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Weinheim/München: Juventa 2006. In: EWR 7 (2008), Nr. 2 (Veröffentlicht am 15.04.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377991883.html