EWR 7 (2008), Nr. 1 (Januar/Februar)

Ludwig Duncker
Die Grundschule
Schultheoretische Zugänge und didaktische Horizonte
Weinheim, München: Juventa 2007
(287 S.; ISBN 978-3-7799-2170-7; 21,00 EUR)
Die Grundschule Die Schulpädagogik hat der Grundschule stets Aufmerksamkeit zu teil werden lassen und tut dies seit geraumer Zeit mit besonderer Publikationsdichte und Forschungsaktivität. Sie ist ein biographisch bedeutsamer Lern- und Lebensort für Kinder. Hier sollen ihre Kompetenzen entwickelt und gestärkt werden. Dies verlangt nach beruflicher Verantwortung, nach Akzeptanz von Vielfalt als Herausforderung an die Professionalität der Lehrkräfte, die ein individualisiertes Lernen ermöglichen sollen. Das Buch von Ludwig Duncker zu dieser in vieldeutiger Weise „elementaren Schule“ kann sich von daher großen Interesses sicher sein, zumal es sein Thema mit leicht provokativer Geste gegenüber den gegenwärtigen Praxisdebatten zu entfalten sucht: Duncker bürstet die themenzentrierten Diskurse zur Grundschulpädagogik gegen den Strich. Wie in jüngeren Publikationen, die er mit verantwortet, geht er auch hier von einer kulturtheoretischen Grundlegung aus und entfaltet in einem weiten, theoretisch der geisteswissenschaftlichen Pädagogik verpflichteten Zugriff die Grundschule als oszillierendes Wechselspiel zwischen Öffnung und Grenzziehung, zwischen moderiertem Freiheitssinn und auf das Lernen zielender Anleitung des Kindes. Im Mittelpunkt dieser Perspektive steht eine bildungstheoretische Begründung für diese einzige Einheitsschulform, die das deutsche Bildungswesen kennt.

Die Studie gründet dabei auf zwei theoretischen Schwerpunkten: Zum einen wird Grundschule schultheoretisch entfaltet. Grundsatzfragen wie die nach Bildung oder Ausbildung, nach ihrer funktionalen Ausrichtung, nach den in ihr kultivierten Zeitverhältnissen, nach dem Zusammenhang zwischen kognitiver Entwicklung mit Sprach- und Lesefähigkeit, nach dem sinnerschließenden Lernen, den Diskursen zum Berufsbild und den aus all diesem resultierenden Erwartungen an das Professionsverständnis der Grundschullehrkräfte werden zusammengetragen. Zum anderen wird die Grundschule in einen didaktischen Horizont gestellt: Hier begründet der Autor Neugier, Interesse und Kinderfragen als Motor einer Grundschuldidaktik, die Bedeutung kindlicher Sammelleidenschaft für die Etablierung der didaktischen Grundkategorie der Methode sowie Bilder, Gestaltung und Ästhetik als didaktische Ausgangspunkte. Das Projektlernen entfaltet er in seiner Funktion für Verantwortungsübernahme und gesellschaftliche Teilhabe; Vielfalt sowie Leiblichkeit werden als Fundamentalkategorien moderner Grundschulpraxis eingeführt.


Grundschule und Schultheorie

Nehmen wir Einblick in die schultheoretische Abteilung: Ein Brennpunkt gegenwärtiger Debatten in der Grundschulpädagogik liegt zweifelsohne im Umgang mit Zeit und in den darin möglichen Varianten. Reformen betreffen sowohl die Frage der Neugestaltung der Schuleingangsstufe, differenzierende Lernangebote und eine individuelle Verweildauer als auch die Überwindung der an Belehrung orientierten Halbtagsschule, deren Zeitverwaltung kindliche Lernrhythmen korsettiert, Lernprozesse zäsiert und Selbstbestimmung in der Zeitregie nahezu verunmöglicht. Ausgehend von der kulturtheoretischen und anthropologisch fundierten Begründung seiner Theorie der Grundschule hebt Duncker hervor, wie sich die Schulreform „… an der Gestaltung der inneren und der äußeren Zeit von Schule und Unterricht“ (72) orientieren sollte und nicht an bildungspolitisch instrumentierbaren Forderungen nach vier-, sechs- oder achtjähriger Zeitdauer der Grundschule als Gemeinschaftsschule. Die innere Ausgestaltung der Schulzeit betrifft die Flexibilisierungen, deren Qualitäten sich vor allem in den Formen der Individualisierung der Lernzeiten erschließen und die sich dabei auf eine anthropologisch begründbare Rhythmisierung von Lern- und Erfahrungszeiten gründen sollte.


Grundschule und Didaktik

Was zeigt uns der didaktische Teil? Duncker hat für die Grundschule eine bildungstheoretisch fundierte didaktische Theorie im Sinn. Die seit Mitte der 1980er Jahre erneut rezipierte bildungstheoretische Reflexion bezieht dabei ihre zentrale Grundlegung aus dem Wechselspiel von humaner Bildung und menschlicher Verantwortung für das gesellschaftliche Ganze: Demokratie und Politik stehen insofern am Ausgangspunkt neuerer Überlegungen, als deren Kronzeuge Duncker die Rekonstruktion der Bildungstheorie im Sinne einer kritisch-konstruktiven Didaktik durch Wolfgang Klafki heranzieht.

Sichtbar wird das an der Bedeutung, die er der Einübung der Kinder in gesellschaftliche Teilhabe und dem didaktisch überlegten und gut vorbereiteten Lernen und Fördern von Projektunterricht zumisst; denn im Zusammenwirken von Phantasie, Denken und Handeln kann sich erst ein umfassender Bildungsprozess entfalten: „Phantasietätigkeit taucht in Projekten auf allen Ebenen des Erfahrungsprozesses auf. Sie wird beansprucht als Befähigung, sich über den Weg der Einbildungskraft flexibel auf die Dynamik sozialer Vorgänge einzulassen“ (228). Duncker gesteht dem Projektunterricht in Rekonstruktion seiner pragmatistischen Tradition durch insbesondere John Dewey eine Fülle an Möglichkeiten zu, Verantwortung zu erfahren und zu übernehmen: gegenüber den gesellschaftlichen Aufgaben, für andere Mitmenschen und schließlich für sich selbst. So gesehen konkretisieren aktuelle Varianten projektdidaktischer Praxis die politisch-demokratisch gehaltvolle Erneuerung der Bildungstheorie durch Klafkis nunmehr auch schon vor zwei Dekaden formuliertes Konzept der „Schlüsselprobleme“. Die Stärke der didaktisch argumentierenden Grundierung der Grundschule durch Duncker – das von ihm in Anspruch genommene zweite Standbein seiner Analyse – liegt in der systematischen und materialreichen Übersicht, die er für die gegenwärtige Entwicklung der Grundschuldidaktik in einer auf Übersicht und Zusammenschau orientierten Perspektive gibt.

Was bleibt, wenn der Leser die Fülle der Überlegungen des Autors zur Gegenwart der Grundschule resümiert? Besonders innovativ an Dunckers Grundlagenstudie ist die – zweifelsohne provozierend wirkende – Blickrichtung auf die Schule als Kulturphänomen und gesellschaftliche Daueraufgabe, wobei sich dieser Ansicht die unmittelbare Diskussion heutiger Grundschulpraxis zu entziehen scheint: Die Phänomene zunehmender Alleinerziehungsverhältnisse, patchworkartiger Familienkonstellationen, medialer Aufladung frühkindlicher Erfahrung, Fachunterricht und Formen offenen Lernens, die Frage der Leistungsbeurteilung, das weiterhin bestehende Problem frühzeitiger Selektion von Kindern im Wechselspiel von Schulartempfehlung und Berechtigungswesen, die neuerlichen und eher zaghaften Debatten um Gleichheit und Unterschied bei Lehrerbildung und -besoldung im Zuge des Bologna-Prozesses – all diese die politischen Diskurse, die Stellungnahmen von Lehrerverbänden und die Reformdebatten bestimmenden Themen streift Duncker, wenn überhaupt, nur mittelbar im Kontext seiner Fundierung der Grundschule als elementarer Errungenschaft moderner gesellschaftlicher Rationalität und kindgerechter Erziehung im Spannungsfeld von Kulturtheorie und phänomenologisch unterfütterter Anthropologie. Darin liegt die besondere Stärke dieser Studie und resultieren die hohen Anforderungen, die sie an ihre Leserschaft stellt.

Trotz allem Recht des Autors auf seine kulturphänomenologische Gesamtschau kann man umgekehrt auch festhalten: Wer Dunckers didaktische und schultheoretische Besinnung der Grundschule auf die Elementaraufgabe einer humanen Menschenbildung liest, sollte dies nicht mit der Erwartung tun, zügig umsetzbare Lösungen für schulalltagspraktische Probleme zu finden. Vielmehr verbindet sich mit dieser Schrift die Hoffnung, dass Grundschullehrkräfte, die sich auf eine solche Perspektive einlassen, das stets Neue an dieser scheinbar alten und zugleich doch so modernen Bildungseinrichtung entdecken und dadurch für ihren Berufsalltag doch ganz andere Fragen, Herausforderungen und auch Antworten finden können als sie ihnen ihre Schule vordergründig nahe legt. Die Skepsis des Autors gegenüber manchen Reformströmen der gegenwärtigen Grundschulpraxis vermag zu einem kritischen, ja selbstkritischen Blick auf das eigene Handeln in der Schule einzuladen – der Grundschulreform kann diese Streitschrift damit kaum schaden. Vielmehr wäre dem Buch eine breite Rezeption zu wünschen – ob es sie erfährt, wird allerdings fraglich sein.
Silvia-Iris Beutel (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Silvia-Iris Beutel: Rezension von: Duncker, Ludwig: Die Grundschule, Schultheoretische Zugänge und didaktische Horizonte. Weinheim, München: Juventa 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 1 (Veröffentlicht am 06.02.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377992170.html