EWR 11 (2012), Nr. 6 (November/Dezember)

Thomas Rauschenbach / Walter Bien (Hrsg.)
Aufwachsen in Deutschland. AID:A – Der neue DJI-Survey
Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2012
(248 S.; ISBN 978-3-7799-2259-9; 19,95 EUR)
Aufwachsen in Deutschland. AID:A – Der neue DJI-Survey Im öffentlichen Diskurs wird dem Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen eine bedeutende Rolle beigemessen. Besonders durch ihre sozialisatorische Relevanz rückt neben strukturellen Bedingungen – wie Bildungsangeboten und Armutslagen – die Familie immer facettenreicher in den Fokus; hat doch gerade sie nach wie vor einen herausragenden Einfluss auf Erziehung, Bildung und gesellschaftliche Positionierung der nachwachsenden Generation. Deren Entwicklungsprozess ist eingebettet in differenzierte gesellschaftliche Bedingungen und Umwelten; das befördert neue Perspektiven, Vorstellungen und Zukunftsoptionen der Kinder und Jugendlichen. Deshalb versuchen einschlägige Untersuchungen dieses Geschehen eingehender und umfassend zu erkunden und Themen aufzugreifen, die im öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskurs als bedeutsam bei der Sozialisation der Heranwachsenden gelten. Gerade die Erziehungswissenschaft begnügte sich verhältnismäßig lange eher mit theoretischen Entwürfen und der Ausarbeitung von Fallbeispielen, bemühte sich oftmals mehr um normative Fragen, denn um eine grundlegende empirische Klärung des Aufwachsens auf der Grundlage großer Stichproben.

In den letzten Jahren haben sich der vorliegenden Forschung eine Reihe von repräsentativen, quantitativen Studien zugesellt – mit der Chance, pädagogische und gesellschaftspolitische Interpretationen auf breiter Datenbasis zu entwickeln. Als standardisierte Großbefragung wird dabei – zu Recht – dem neuen DJI-Survey AID:A eine besondere Stellung zugesprochen. Das Anliegen der replikativen Querschnittstudie ist es zum einen, einer erstarkenden erziehungswissenschaftlichen Bildungsforschung „zusätzliche Impulse zu verleihen“ (8). Anknüpfend an frühere Survey-Erfahrungen und Befunde sowie am Ziel politische Expertise und Handlungsvorschläge zu bieten, soll zum anderen noch umfassender den Bedingungen und Konstellationen des Aufwachsens nachgegangen werden. Neben differenzierteren Umweltperspektiven als bisher, betrachtet diese Studie die Lebensentwürfe und -verläufe von der Geburt bis zum 55. Lebensjahr. Dafür wurden in der ersten Befragung 2009 rund 25.000 telefonische Interviews geführt. Diese beinhalteten „soziodemografische, haushalts- und familienbezogene Themen sowie Themen der Sozialberichterstattung“ und ein „Set an altersspezifischen Themenfeldern“ (18).

Der von Thomas Rauschenbach und Walter Bien herausgegebene Sammelband gibt in sechs Abschnitten mit jeweils maximal drei – fast durchgehend quantitativen – Beiträgen einen profunden Einblick in die Vielfalt der Studie. Einführend erläutert Thomas Rauschenbach neben den Rahmenbedingungen des Aufwachsens das dieser „Large-Scale-Erhebung“ zugrunde liegende methodische Design und ihren außerordentlichen Facettenreichtum. Walter Bien ergänzt das durch einen historischen Blick auf die bisherigen DJI-Surveys. Der erste inhaltliche Teil wendet sich dem „Aufwachsen in der Gesellschaft“ zu. Hier betrachten Anne Berngruber, Uli Pötter und Gerald Pein das Maß des Bildungserfolges der Heranwachsenden in Abhängigkeit von elterlichen Ressourcen – ein besonderer Blick gilt dabei dem Migrationshintergrund. Ferner analysieren Gerald Prein und Eric von Santen die Inanspruchnahme und die Zugänge zu öffentlich finanzierten sozialstaatlichen Angeboten wie der Kindertagesbetreuung. Der zweite Teil blickt auf das „Aufwachsen im Kindesalter“. Christian Alt, Anne Berngruber und Birgit Riedel diskutieren den Beitrag der Kinderbetreuung zur Bildungsgerechtigkeit. Ergänzt wird dieses Feld durch die Sicht der neun- bis zwölfjährigen Befragten: Christian Alt und Michael Bayer richten hier ihr Augenmerk auf die Wirkung von Armut auf deren Lebensführung. Hans-Rudolf Leu beleuchtet abschließend, inwieweit die spätere Bildung durch frühkindliche Bildung, Betreuung sowie Erziehung beeinflusst wird.

Ein dritter Abschnitt widmet sich der Jugend. Auch hier einmal mehr unter Einbezug früherer DJI-Surveys, fokussieren Wolfgang Gaiser und Martina Gille die soziale und politische Partizipation und ihre Tendenzen, Einflüsse sowie Herausforderungen in der bzw. für die Jugendphase. Abschließend beleuchten Tilly Lex und Julia Zimmermann die Übergänge von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ausbildung bzw. ins Studium. Schließlich werden – viertens – aus mehreren Perspektiven familiale Bedingungen des Aufwachsens skizziert. So analysieren Claudia Zerle-Elsäßer, Waltraud Cornelißen und Walter Bien inwieweit Lebensführungen und -lagen sowie familiales Wohlbefinden vom Zeitpunkt einer Elternschaft abhängen. Angelika Tölke setzt sich mit der Frage nach familialen Erwerbsmustern und deren Wirkungen auf den Familienalltag auseinander. Der Beitrag von Barbara Keddi und Claudia Zerle-Elsäßer beschließt diesen Abschnitt mit der einzig überwiegend qualitativen Analyse, die nach den jeweiligen Erwerbskonstellationen der Eltern differenziert familiale Lebensführungen, Zufriedenheiten, Belastungen und Orientierungen betrachtet. In einem Epilog stellt Holger Quellenberg methodische Zusammenhänge, Designs, Erhebungsverfahren sowie Datenbearbeitungen und -aufbereitungen vor.

Es gelingt dem Sammelband einen fundierten Einblick in die differenzierten Möglichkeiten und spezifischen Bereiche zu geben, die die Alltagswelten der Heranwachsenden strukturieren bzw. beeinflussen. Damit werden neue Perspektiven auf ihr Aufwachsen in Deutschland etabliert. Durch seine Anlage bietet der Survey die Chance, den sich ausdifferenzierten soziokulturellen und ökonomischen Änderungen in einer sich plural entwickelnden Gesellschaft und ihrer Vielfalt gerecht zu werden, die ein Aufwachsen mittel- wie unmittelbar beeinflussen und diese in repräsentativer Form aufzubereiten. Ein besonderer Reiz der Studie besteht auch darin, neue Foki zu setzen und die Aufmerksamkeit auf bisher wenig betrachtete Gesellschafts- sowie Altersgruppen zu richten – allem voran auf Väter und Migranten. Gerade durch den generationenübergreifenden Blick ist hier das Phänomen des demografischen Wandels greifbar. Das ermöglicht es, die ihm entspringenden gesellschaftspolitischen Auswirkungen und Herausforderungen noch nachhaltiger zu diskutieren. Die Option, auf Entwicklungen kurzfristig und flexibel mittels Zusatzbefragungen reagieren zu können bzw. sie ergänzend einzubinden, zeigt die Möglichkeiten des neuen DJI-Surveys, den Wandel von Alltagwelten zu erkunden.

Verweisen die Herausgeber zu Recht auf das hohe Potential politischer Expertise und Beratung, die neben den vorherigen DJI-Surveys gerade der AID:A-Studie innewohnt, hätten die Beiträge noch mehr gewonnen, wenn sie noch deutlicher vor dieser Folie pointiert worden wären. Ergänzt hätte dies eine alle Artikel durchziehende tiefergehende theoretische Rahmung, die die außerordentlich engagierten Analysen in ihrer Darstellung untermauert. Ferner wäre ein Resümee der Herausgeber als Epilog zur Bilanzierung der aufgegriffenen Themen sowie der gesellschaftlichen und pädagogischen Tragweite eine inhaltliche Abrundung gewesen. Das schließt einen kritischeren Blick auf die formale Gestaltung des Bandes ein: So hätte ein durchgehend einheitliches Format der Artikel den vertiefenden Lesefluss ebenso erhöht, wie eine weniger wuchtige und auch hier eher einheitliche Darstellung der Tabellen und Abbildungen.

Das schmälert aber weder die Relevanz, sich der gesamten Aufwachsensphase von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern, noch das inhaltliche wie methodische Design, das dem neuen DJI-Survey AID:A zugrunde liegt. Es gilt vielmehr, derartige Betrachtungen zu stärken, sie auf ihre potentiellen sozialen Wirkungen und Herausforderungen zu beleuchten sowie im Rahmen von Expertise und Beratung im Diskurs um das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen die Befunde auch gesellschaftspolitisch zu wenden. AID:A leistet dazu einen unverzichtbaren Beitrag. Das vorliegende Buch sei allen empfohlen, die sich für neue Erkenntnisse aus der Forschung über Kinder und Jugendliche interessieren.
Sebastian Dippelhofer (Gießen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sebastian Dippelhofer: Rezension von: Rauschenbach, Thomas / Bien, Walter (Hg.): Aufwachsen in Deutschland. AID:A – Der neue DJI-Survey. Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2012. In: EWR 11 (2012), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377992259.html