EWR 12 (2013), Nr. 6 (November/Dezember)

Katharina Mangold / Claudia Muche / Sabrina Volk
Educational Mix in der frühen Kindheit
Regionale Dienstleistungsinfrastrukturen im Vergleich
Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2013
(212 S.; ISBN 978-3-7799-2819-5; 34,95 EUR)
Educational Mix in der frühen Kindheit Kinder und frühe Kindheit haben in den letzten Jahren enorm an Aufmerksamkeit und Gewicht in öffentlichen Debatten gewonnen. Einher mit dieser Zunahme des öffentlichen Interesses hat auch die sozialwissenschaftliche Forschung die frühe Kindheit und die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern verstärkt in den Blick genommen. Die im Rahmen der Reihe „Kindheitspädagogische Beiträge“ veröffentlichte Studie von Mangold, Muche und Volk schließt an diese Entwicklung an und stützt sich auf Daten, die zwischen 2009 und 2011 im Rahmen des Projekts „Educational Mix in der elementarpädagogischen Dienstleistungsinfrastruktur“ erhoben wurden. Im Fokus der Untersuchung stehen die Dienstleistungsinfrastrukturen dreier Regionen, die für Kinder von 0 bis 6 Jahren und deren Eltern angeboten werden.

Beginnend mit der Beschreibung der wachsenden Bedeutung von Dienstleistungsinfrastrukturen in der frühen Kindheit gehen Mangold, Muche und Volk von einer in den letzten Jahren zu beobachtenden Dynamisierung der Dienstleistungsinfrastruktur aus, die sich in einer Ausdifferenzierung und Vernetzung regionaler Angebote als auch durch eine „De- und Reregulierung“ auszeichnet (11ff). Über den Begriff des Educational Mix macht die Studie deutlich, dass es neben Kindertagesstätten, auf die sich die meisten Studien in diesem Bereich beziehen, eine Vielzahl von weiteren Akteuren, Institutionen und Angeboten gibt, die bislang wenig erforscht sind. Das Konzept des Educational Mix ist angelehnt an den Begriff des „welfare mix“ von Adalbert Evers [1] und grenzt sich so von den Begriffen des Bildungsnetzwerkes und der Bildungslandschaften ab, um der Pluralität der Akteure und Organisationen innerhalb der Dienstleistungsinfrastrukturen gerecht zu werden. Educational Mix wird definiert als „die Menge sämtlicher Angebote für Kinder bis zum Alter von sechs Jahren und ihre Familien, die in einem regionalen Raum zur Verfügung stehen“ (21). In Berufung auf das neo-institutionalistische Konzept des organisationalen Feldes wird das zu untersuchende Feld/Region in Anlehnung an Hasse/Krücken 2005 als Gesamtheit der „Organisationen aus der relevanten gesellschaftlichen Umwelt“ definiert (24). Zur weiteren Eingrenzung und Konkretisierung des Forschungsvorhabens wird die Theorie der Pfadabhängigkeit genutzt, um neben der Darstellung des aktuellen Educational Mix das zweite Ziel der Studie hervorzuheben: „historische Entwicklungen der regionalen Infrastrukturen […9 nachzuvollziehen und gleichbleibende bzw. kontinuierlich wirkende Elemente im Sinne von Pfaden zu finden“ (29).

Vor dem beschriebenen theoretischen Hintergrund formuliert die Studie mehre Forschungsfragen, die auf die Beschreibung des Ist-Zustandes des Educational Mix, eine Rekonstruktion der Entwicklungslinien in den Regionen über die letzten 20 Jahre und einer Komparatistik von Entwicklungspfaden abzielen (vgl. 31). Die untersuchten Regionen unterscheiden sich in ihrer Struktur und wurden so ausgewählt, dass sie möglichst repräsentativ für eine ländliche Region, eine mittelstätische Region und eine großstätische Region sind. Region wird hier als die geografische Einheit gefasst, für die ein Kinder- und Jugendhilfeausschuss zuständig ist. Allgemein wurden die Erhebung und Auswertung der Daten für die Regionen getrennt voneinander vorgenommen und folgen der Logik der Grounded-Theory-Methodology. Zur Erhebung der Daten greifen die Autorinnen auf einen Methodenmix zurück, der aus einer Internetrecherche, einer Analyse von Jugendhilfeprotokollen und Zeitungsartikeln, einer Feldforschungsphase, einem Elternfragebogen und Experteninterviews besteht.

Insgesamt spiegelt der Rückgriff auf einen Methodenmix die umfassende Idee des Educational Mix wider, sämtliche Dienstleistungsangebote zu erfassen, was in eine detailreiche empirische Beschreibung des Educational Mix der einzelnen Regionen mündet. Strukturiert wird diese Beschreibung durch ein dreischrittiges Vorgehen, das für jede Region einzeln durchgeführt wird:

  1. ) Beschreibung des aktuellen Educational Mix der Regionen: Die Autorinnen beschreiben eine Vielzahl von Organisationen der Dienstleistungsinfrastruktur für Kinder zwischen null und sechs Jahren und ihre Eltern. Dabei werden neben der Betreuung von Kindern folgende Bereiche in den Fokus gerückt: kulturelle Angebote, Sportangebote, Gesundheit/Medizin, Frühe Hilfen, kommerzielle Angebote, etc..

  2. ) Rekonstruktion historischer Entwicklungslinien: In diesem Schritt werden die historischen Entwicklungen der regionalen Dienstleistungsstrukturen zu „Geschichten im Feld“ verdichtet, die größtenteils auf Daten aus den geführten Experteninterviews aber auch der Analyse der Zeitungsartikel und Jugendhilfeprotokollen zurückgreifen. Die Geschichten im Feld verdeutlichen die unterschiedlichen Entwicklungslinien der Regionen und eröffnen die Möglichkeit eines späteren Vergleichs.

  3. ) Systematisierung der Perspektiven: Im dritten Schritt werden die die empirischen Darstellungen unter den Kategorien institutionelle und private Sorge, sozialpolitische Struktur und regionale Organisationsstruktur systematisiert und zusammengefasst.


Als Ergebnis fasst die Studie zusammen, dass in allen Regionen über die letzten Jahre eine Ausdifferenzierung der Angebote stattgefunden hat und sich ferner zwei grundlegende Entwicklungspfade bestimmen lassen. Der erste herausgearbeitete Pfad, der im Educational Mix der drei Regionen über die Jahre konstant nachzeichenbar ist, ist das Leitmotiv der „Investiven Vereinbarkeit“ (vgl. 181ff). Dieser Pfad ist eine „inhaltlich-institutionelle Orientierungslinie“, die an eine „work-fare“ Logik anschließe und im Kontext eine Sozialinvestitionsstaats zu sehen sei. Als zweiter grundlegender Pfad, der sich aus und durch die Organisationsstruktur des Educational Mix entwickelt hat ist das Prinzip der Subsidiarität. Wobei hier Subsidiarität als ein sich historisch wandelndes Prinzip gedacht wird, sodass in den Regionen von einem Pfad der „pragmatischen Subsidiarität“ (191) ausgegangen wird. Auf diese Weise ist die Ausprägung von Subsidiarität in den Regionen unterschiedlich und wird basierend auf den empirischen Ergebnissen der Studie durch folgende Dimensionen beeinflusst: „Familiarität, Größe der Region, Finanzkultur und Politik, Grad der Säkularisierung, Tradition (lokale Struktur) und Regionale Träger- und Engagementkultur“ (193).

Am Ende des Buches gehen die Autorinnen kritisch auf die Idee der Pfadabhängigkeit ein und stellen fest, dass mit den empirischen Ergebnissen „noch keine Abhängigkeit von Pfaden erklärt wird“ und dennoch „bestimmte reproduzierende Mechanismen im Sinne der Pfadtheorie vermutet werden“ können (205). Als zentrales Ergebnis halten sie fest, dass die Vielschichtigkeit des Educational Mix die Notwendigkeit einer integrierenden sozialpolitischen Perspektive unterstreiche, die „die Diskussionen um frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung und Debatten um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch Diskurse der Bildungspolitik“ einschließt (ebd.).

Insgesamt ist die Studie durch die Einführung des Educational Mix als innovativ zu betrachten, da diese Perspektive es ermöglicht, auch auf Organisationen neben der Kita zu fokussieren, und damit einen umfassenden Blick auf die Dienstleistungsinfrastruktur der frühen Kindheit erlaubt. Jedoch wird auch deutlich, dass diese Perspektive mit speziellen forschungspraktischen Einschränkungen verbunden ist. So lässt sich aus der Logik des Educational Mix nicht nachvollziehen, warum das Forschungsfeld auf staatlich determinierte Verwaltungseinheiten begrenzt wird, da so indirekt von einer staatlichen Steuerung ausgegangen wird. Vielmehr könnte an dieser Stelle ein relational gedachtes Forschungsfeld stehen, das nicht als an eine an und für sich existierende Entität verstanden wird. Auf diese Weise wäre das Forschungsfeld/Region nicht an Verwaltungsgrenzen gebunden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Einschätzung der Qualität der Daten nur schwer möglich ist, da aus der Beschreibung des Untersuchungsdesigns nicht ersichtlich ist, was unter Internetrecherche zu verstehen ist, wie viele Zeitungsartikel und Jugendhilfeprotokolle analysiert wurden, wie viele Tage im Feld/der Region verbracht wurden und welche Stellung/Rolle die Experten aus den Experteninterviews im Feld/der Region haben. Zusammenfassend liefert die Studie von Mangold, Muche und Volk aber eine geschichtsbewusste, vielschichtige und detailreiche Beschreibung der Dienstleistungsinfrastrukturen der frühen Kindheit in drei Regionen und eröffnet über die Perspektive des Educational Mix einen theoretischen Rahmen für weitere interessante Forschung.

[1] Evers, Adalbert (2011): Wohlfahrtmix und soziale Dienste. In: Evers, A./Heinze, R. G./Olk, T. (Hrsg.): Handbuch Soziale Dienste. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 265-283.
Onno Husen (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Onno Husen: Rezension von: Mangold, Katharina / Muche, Claudia / Volk, Sabrina: Educational Mix in der frühen Kindheit, Regionale Dienstleistungsinfrastrukturen im Vergleich. Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2013. In: EWR 12 (2013), Nr. 6 (Veröffentlicht am 03.12.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377992819.html