EWR 14 (2015), Nr. 1 (Januar/Februar)

Hadjar, Andreas / Hupka-Brunner, Sandra (Hrsg.)
Geschlecht, Migrationshintergrund und Bildungserfolg
Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2013
(300 S.; ISBN 978-3-7799-2875-1; 29,95 EUR)
Geschlecht, Migrationshintergrund und Bildungserfolg Dass ein Buch mit dem Titel „Geschlecht, Migrationshintergrund und Bildungserfolg“ erst im Jahr 2013 erschien erstaunt ein wenig. So stellen doch das Geschlecht oder der Migrationshintergrund seit langer Zeit zentrale Kategorien bei der empirischen Analyse von Bildungserfolgen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen dar. Was leistet dieser Band also Neues? Das Herausgeberteam gibt in seiner Einleitung insofern eine Antwort, als dass es die Analyse von Überschneidungen dieser Kategorien als bisher zu wenig bearbeitetes Forschungsdesiderat herausstellt. Man könnte also vermuten, dass es hier um Intersektionalität geht, das heißt, um Analysen der simultanen und interaktiven Bedeutung der klassischen Ungleichheitsachsen race, class und gender für den Bildungserfolg.

Die elf Beiträge des Bandes sind in fünf Abteilungen gegliedert. Nach den beiden einleitenden Kapiteln bilden vier Beiträge, welche sich auf die vorschulische Bildung und die Primarschule konzentrieren, den Schwerpunkt des Bandes. Danach folgen weitere Abschnitte zu schulischer Bildung in der Sekundarstufe und der Berufsausbildung mit jeweils zwei Beiträgen. Eine Analyse zum Hochschulzugang schliesst den Überblick über die verschiedenen Stationen der Bildungslaufbahn ab.

Hadjar und Hupka-Brunner thematisieren Überschneidungen von Bildungsungleichheit nach Geschlecht und Migrationshintergrund in ihrem einleitenden Kapitel. Dabei weisen sie darauf hin, dass Intersektionalität danach fragen muss, „welche Mechanismen hinsichtlich welcher Ungleichheitsachse in welchen Kontexten besonders wirksam sind“ (10). Sie illustrieren Überschneidungen der interessierenden Ungleichheitsachsen an Rational-Choice Modellen von Bildungsentscheidungen und diskutieren Bourdieus Ideen zu Kapitalheorie und Habitus als mögliche theoretische Ausgangspunkte. Ein weiteres eher einführendes Kapitel „ (..) zur faktischen Definition schulischen Scheiterns“ legt Kronig vor. Dabei zeigt er am Beispiel von Sonderschulzuweisungen, dass der Misserfolg gewisser Kinder in der Schule bereits so weit institutionalisiert ist, dass Lehrpersonen und die Bildungsverwaltung vom Scheitern dieser Kinder ausgehen.

Becker und Schmidt analysieren ungleiche Startvoraussetzungen im mathematischen und sprachlichen Bereich zu Beginn der Schullaufbahn. Sie zeigen, dass die unterschiedlichen Startvoraussetzungen maßgeblich auf die soziale Herkunft der Familie und so genannte aufnahmelandspezifische Ressourcen (z. B. Deutschkenntnisse der Eltern, deutsche Kinder im Freundeskreis) zurückzuführen sind. Geschlechtseffekte waren dagegen weniger konsistent.

Becker, Beck und Jäpel analysieren mit Daten aus der Schweiz, ob das Geschlecht der Lehrperson einen Einfluss auf die Notengebung und Übergangsentscheidung nach der Grundschulzeit hat. Dabei widerlegen sie die These einer „Feminisierung der Primarschule“ und zeigen, dass im Aggregat das Geschlecht der Lehrperson keinen Einfluss auf diese beiden Aspekte hat. Mehringer und Herwartz-Emden widmen sich der differenziellen Kompetenzentwicklung nach Geschlecht und Migrationshintergrund in der Grundschulzeit. Interessanterweise findet das Autorenteam weder in den querschnittlichen noch in den längsschnittlichen Analysen Interaktionseffekte zwischen den beiden Variablen auf die Kompetenzentwicklung in Lesen und Mathematik. Auch wenn das Nichtvorhandensein von Interaktionseffekten interessant ist, so bleibt doch die Frage offen, ob dies nicht gerade von der Nichtberücksichtigung der sozialen Lage herrührt, welche in den Analysen leider keine Beachtung findet.

Das Autorenteam um Markus Zielonka und Hans-Peter Blossfeld illustriert an Befunden aus der Längsschnittstudie BiKS-8-14 vorrangig primäre und sekundäre Herkunftseffekte bei Übergangsentscheidungen in die Sekundarstufe. Neu sind hier insbesondere die Analysen zu Revisionsentscheidungen, also dem Schultypwechsel innerhalb der Sekundarstufe 1. Dabei zeigen Sie, dass der Migrationshintergrund tatsächlich ein Prädiktor für Abstiege in anforderungsärmere Schultypen ist.

Mit Blick auf die Sekundarstufe legen Roth und Siegert eine Analyse von Aggregatdaten zur Bildungsbeteiligung ausländischer und deutscher Schüler_innen in Nordrhein-Westfalen vor. Sie zeigen, wie sich die Bildungsbeteiligung innerhalb der Sekundarstufe I nach Geschlecht und Schultyp seit 2002 veränderte. Die Wirkmechanismen der differenziellen Bildungsbeteiligung konnten jedoch auf Grund der Daten leider nicht analysiert werden. Gross und Gottburgsen analysieren – und theoretisieren in ansprechender Art und Weise – die interaktive Wirkung von Geschlecht, Migrationshintergrund und sozialer Lage für den Erwerb von Mathematikkompetenzen. Sie zeigen, dass neben der sozialen Lage (und ihrer Interaktion mit Geschlecht und Migrationshintergrund) auch die sprachliche Zusammensetzung der Klasse (Kontext) einen deutlichen Einfluss auf den Erwerb von Mathematikkompetenzen hat.

Der vierte Teil des Bandes besteht aus einem Beitrag von Granato zu Übergängen in die berufliche Grundbildung und einem Beitrag von Kriesi und Hupka-Brunner zu Ausbildungsbedingungen und -zufriedenheit in der Schweiz. Im ersten Beitrag wird gezeigt, dass junge Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschland die geringsten Zugangschancen zur beruflichen Grundbildung haben, der zweite Beitrag zeigt eindrücklich, dass junge Männer mit Migrationshintergrund ihre Ausbildungsbedingungen und -zufriedenheit am schlechtesten einschätzen. Auch wenn in beiden Beiträgen Überschneidungen der Ungleichheitsachsen Geschlecht und Migrationshintergrund ansprechend analysiert werden, bleibt jedoch deren Theoretisierung etwas auf der Strecke.

Im abschließenden Beitrag von Griga, Hadjar und Becker werden Bildungsungleichheiten beim Hochschulzugang in Frankreich und der Schweiz analysiert. Dabei zeigen sie, dass Intersektionalitäten im Sinne von Überschneidungen von Geschlecht und Migrationshintergrund nur in der Schweiz vorkommen. Dabei waren Männer der zweiten Generation aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Albanien, der Türkei oder Portugal gegenüber Einheimischen im Vorteil; dieser Befund zeigte sich jedoch nicht bei Frauen.

Mit Blick auf diese Inhaltsübersicht und den Titel des Bandes kann man sich fragen: „Ist das nun alter Wein in neuen Schläuchen?“ Nein, denn die einzelnen Beiträge zeigen tatsächlich in interessanter Art und Weise, wie in Analysen zu unterschiedlichen Aspekten von Bildungserfolg (Übertrittsentscheidungen, Kompetenzentwicklung, Ausbildungszufriedenheit) auf die Ungleichheitskategorien Geschlecht und Migrationshintergrund eingegangen werden kann. In vielen der Beiträge werden auch tatsächlich Überschneidungen dieser Kategorien, hier meist als Interaktionsterme in Regressionsmodellen, beleuchtet. Deutlich schwächer hingegen fällt – mit wenigen Ausnahmen wie z. B. dem Beitrag von Gross und Gottburgsen – die Theoretisierung von Intersektionalität aus. Dies ist umso erstaunlicher, als gerade in der Einleitung zum Band das Konzept der Intersektionalität und seine Bedeutung herausgestrichen werden. Mit Blick auf den Titel und die einzelnen Beiträge wird jedoch deutlich: Sie fokussieren überwiegend auf race und gender, die Achse der sozialen Lage wird kaum beleuchtet, der Begriff Intersektionalität kommt gerade einmal in einem Untertitel vor und die Autor_Innen sind fast ausnahmslos empirisch quantitativ arbeitende Bildungssoziolog_innen. Vor allem die Unterbelichtung der sozialen Lage als weitere Ungleichheitsachse scheint mir eine große verpasste Chance. Das Herausgeber_Innenteam weist in der Einleitung sogar auf eigene Studien hin, welche die Bedeutung der sozialen Herkunft für die Interaktionen anderer Differenzkategorien herausstreichen. Umso irritierender ist es, dass genau solche Analysen in den einzelnen Beiträgen oftmals fehlen.

Insgesamt kommen die Beiträge, neben der Strukturierung in die verschiedenen Abschnitte der Bildungslaufbahn, eher unverbunden daher. So fehlen in den einzelnen Beiträgen durchgängig Verweise auf andere Beiträge resp. Thesen die an anderer Stelle im Buch aufgeworfen werden. Besonders irritierend ist dies, wenn in zwei verschiedenen Beiträgen Ähnliches getestet wird und andere Resultate dabei herauskommen (vgl. die Beiträge von Mehringer und Herwartz-Emden vs. Gross und Gottburgsen zur Kompetenzentwicklung in Mathematik).

Die Forschungsbaustelle, auf welche der Band hinweisen und der er Abhilfe schaffen möchte, fällt somit ein wenig auf ihn selbst zurück. Das Feld, insbesondere quantitativer Analysen von Bildungslaufbahnen, scheint das Konzept der Intersektionalität nur zögerlich zu integrieren. Bei Vorliegen der Artikel hätten die Herausgeberin und der Herausgeber gerade darauf mit einem abschließenden, resümierenden Kurzkapitel eingehen können, in dem sie die Beiträge nochmals hinsichtlich des Umgangs resp. der Theoretisierung und Operationalisierung von Intersektionalität beleuchtet hätten.

Diese Kritik soll aber nicht die Qualität einzelner Beiträge schmälern. So wird in den unterschiedlichen Beiträgen sowohl wissenschaftlichen als auch bildungspolitischen Debatten nachgegangen (z. B. einerseits Mehringer & Herwartz-Emden: die Nichtexistenz von Interaktionseffekten zwischen Geschlecht und Migrationshintergrund in der Kompetenzentwicklung; andererseits z. B. Becker, Beck & Jäpel: Einfluss weiblicher Lehrkräfte auf die Leistungsentwicklung von Jungen), und diese werden mit interessanten empirischen Ergebnissen kontrastiert. In dieser Art der empirischen Kontrastierung liegt somit auch einer der Stärken des Bandes. Leider bleibt sie jedoch auf einzelne Beiträge beschränkt.
Jakob Kost (Fribourg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jakob Kost: Rezension von: Hupka-Brunner, Andreas Hadjar & Sandra (Hg.): Geschlecht, Migrationshintergrund und Bildungserfolg. Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2013. In: EWR 14 (2015), Nr. 1 (Veröffentlicht am 06.02.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377992875.html