EWR 14 (2015), Nr. 6 (November/Dezember)

Katharina Schumann
Menschenbilder in Erziehungswissenschaft, Neurowissenschaften und Genetik
Eine vergleichende Analyse
Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2015
(282 S.; ISBN 978-3-7799-3307-6; 34,95 EUR)
Menschenbilder in Erziehungswissenschaft, Neurowissenschaften und Genetik Die grundlegende Frage nach dem Wesen des Menschen und nach den Bedingungen von Menschsein ist im Besonderen für erziehungswissenschaftliche Auseinandersetzungen eine notwendige Voraussetzung. Denn jeder Konzeption von Bildung, Erziehung oder Unterricht liegt ein Bild des Menschen zugrunde, der sich bilden oder erzogen und unterrichtet werden soll. Dennoch bleiben diese Bilder, als eine Vorstellungen dessen, was Menschsein im Speziellen auszeichnet, oft implizit und entziehen sich somit der kritischen Prüfung und Reflexion, auch wenn sie je nach epistemologischer Ausrichtung als konstitutiv für den jeweiligen Diskurs innerhalb eines Faches gelten.

Katharina Schumann beschäftigt sich in ihrer als Dissertation an der Universität Zürich eingereichten Arbeit mit diesen Vorstellungen von Menschsein innerhalb dreier Disziplinen, die den Menschen im weitesten Sinne als zentralen Gegenstand ihrer Forschung begreifen. Das Ziel dieser qualitativen Studie ist es, die den jeweiligen Disziplinen zugrundeliegenden Menschenbilder zu konkretisieren und in weiterer Folge zu vergleichen. Dabei versteht die Autorin Ihren Beitrag als Vorbereitung bzw. als „grundlagenforschende Arbeit“ (14) für die pädagogische Anthropologie, auf deren Basis in weiterführenden Forschungsarbeiten die Kritik an bestehenden Menschenbildern herausgearbeitet werden kann. Die Auswahl der Disziplinen ergibt sich für die Autorin aus den folgenden Bezugspunkten: (a) sowohl innerhalb der Erziehungswissenschaft, der Neurowissenschaften als auch der Genetik können Menschenbilder explizit herausgearbeitet werden, (b) alle drei Disziplinen verwenden zudem den Begriff der Entwicklung, (c) alle drei Disziplinen haben eine „berufspraktische Seite“ und (d) sie verfolgen dieselbe Zielsetzung, nämlich in differenzierter Weise in die menschliche Natur einzugreifen (15ff). Für den erziehungswissenschaftlich interessierten Leser bleibt die Auswahl dieser Trias, im Besonderen der Genetik, im Hinblick auf das Erkenntnisinteresse der Möglichkeit eines interdisziplinären Dialogs zwischen diesen Disziplinen dennoch ein wenig unklar.

Um ihrem ambitionierten Forschungsvorhaben gerecht zu werden, wählt die Autorin ein komplexes, vierstufiges Analyseverfahren, das sich an der qualitativen Inhaltsanalyse und der kritischen Diskursanalyse orientiert. In einem ersten Schritt, der Datenerhebung, werden zuvor ausgewählte Lehrbücher mittels festgelegter Suchbegriffe analysiert sowie passende Textpassagen identifiziert, um in einem zweiten Schritt, der Kategorisierung, vergleichbare Kategorien zwischen den Disziplinen zu bilden und die Textpassagen den jeweiligen Kategorien zuzuordnen. Danach erfolgt die diskursanalytische Auswertung der Textpassagen mit besonderer Gewichtung der Kategorien „Wesen des Menschen, menschliche Natur“, „Wesen des Kindes, des Jugendlichen“ und „Entwicklung“ (81) sowie die Beantwortung der zentralen Forschungsfragen. Abschließend folgt die Diskussion, in der sowohl die einzelnen Lehrbücher innerhalb der jeweiligen Disziplin als auch zwischen den Disziplinen verglichen werden, um am Ende zu einem Fazit dieses multidisziplinären Vergleichs zu gelangen. Die Lehrbücher wurden nach festgelegten Suchwörtern und deren Aktualität ausgewählt, ohne dabei jedoch Auflage, Verkaufszahlen oder deren Qualität (unabhängig von Sprache, Publikationsformat und Komplexität) zu berücksichtigen. In weiterer Folge wurden für die Feinauswertung aus den ursprünglichen fünfzehn Lehrbüchern nochmals jeweils zwei aus Genetik und Neurowissenschaften eliminiert, ohne jedoch näher auszuführen, nach welchen inhaltlichen Kriterien dies entschieden wurde. Insgesamt wurden also dreizehn Lehrbücher innerhalb der diskursanalytischen Auswertung berücksichtigt und im Hinblick auf (a) Informationen zum Autor, (b) Informationen zum Buch sowie (c) auf ihren Inhalt (bezogen auf Vorwort, Einleitung und Inhaltsverzeichnis) anhand der erwähnten Kategorien ausgewertet. Daran anschließend folgte (d) für jedes Lehrbuch separat die Beantwortung der zentralen Forschungsfragen: welche sprachlich vermittelten Menschenbilder werden vertreten (bspw. durch Zuhilfenahme soziologischer oder biologischer Konzepte), welche Begriffe werden dabei insbesondere für die Differenz von Erwachsen-Sein und Kind-Sein verwendet (bspw. Individualität, Mängelwesen oder Gene), welcher Entwicklungsanfangszustand und -endzustand wird beschrieben (bspw. Mündigkeit / Lernfähigkeit, Zellhäufung oder befruchtete Eizelle), wie wird Entwicklung konzipiert (bspw. lebenslanger, dynamischer oder irreversibler Prozess) und welches Entwicklungsmodell (nach der Systematik von Oelkers) wird dabei verwendet.

Neben den unterschiedlichen Begrifflichkeiten, die von den jeweiligen Disziplinen respektive deren Autoren gebraucht werden, lassen sich laut Schumann als Fazit folgende Differenzen für Erziehungswissenschaft, Neurowissenschaften und Genetik anhand der Analyse von Lehrbüchern festmachen: Die drei Disziplinen unterscheiden sich bezüglich ihrer Forschungsinteressen und Methoden, ihrer Geschichte der Institutionalisierung, ihrer Differenzierungsgrade in Fachbereiche, ihrer Denkstile, ihrer Einflüsse und Prägungen aus Nachbardisziplinen, ihrer finanziellen Fördermöglichkeiten und ihrer Reflexionsbereitschaft bezüglich ihrer eigenen Vorannahmen (252f): (A) In erziehungswissenschaftlichen Lehrbüchern wird der Mensch als ein soziales Wesen aufgefasst und beschrieben, wobei der Entwicklungsanfangszustand durch Hilflosigkeit gepaart mit Autonomiebestrebungen, Weltoffenheit und Neugierde gekennzeichnet ist. Der Entwicklungsendzustand zeichnet sich durch Perspektivenübernahme, Rollendistanz, Frustrationstoleranz, Selbstverantwortung und Handlungsfähigkeit aus. Das bevorzugte Entwicklungsmodell ist die telelogische Progression, wobei der Entwicklungsimpuls außerhalb des Individuums verortet wird (240ff). (B) In den neurowissenschaftlichen Lehrbüchern hingegen wird der Mensch als ein biologisch-chemisches Wesen beschrieben und besonders auf die Verwandtschaft zu anderen (Säuge-)Tieren hingewiesen, was dort gleichzeitig die „Charakterisierung des Menschlichen“ auszeichnet (243). Der Anfangszustand wird in der Ausdifferenzierung der drei Keimblätter festgemacht, der Endzustand wird nicht behandelt. Entwicklungsimpulse stammen aus der Anlage, wobei sich Entwicklung nur auf das Nervensystem bezieht. Als Entwicklungsmodelle gelten der irreversible Verlauf und der organische Prozess. (C) In der Genetik wird der Mensch ebenso als biologisch-chemisches aber auch evolutionäres Wesen beschrieben. Der Entwicklungsanfangszustand wird in der Embryonalentwicklung verortet, der Endzustand wird ebenso wenig thematisiert. Auch hier ist der Stimulus für Entwicklung Anlage und als Entwicklungsmodelle gelten wiederum der irreversible Verlauf sowie der organische Prozess (254f). Schumann hält abschließend fest, dass anhand ihrer Analyse gezeigt werden konnte, „dass die Gemeinsamkeiten der Disziplinen gering sind, auch wenn alle Disziplinen ein bestimmtes Menschenbild bzw. mehrere Menschenbilder vertreten“ (255) und daher zukünftig bei interdisziplinären Forschungsprojekten der jeweilige disziplinäre Kontext zuvor einer klärenden Analyse unterzogen werden muss.

Zusammenfassend kann im Hinblick auf die vorliegende Studie festgehalten werden, dass manche Aspekte etwas unklar erscheinen. Hierzu zählen mitunter die erwähnten Auswahlkriterien des Datenmaterials sowie die Frage nach der Methodenpassung. Das Versprechen, Möglichkeiten eines interdisziplinären Dialogs aufzuzeigen, wird nicht eingelöst, es werden in der Diskussion die Unterschiede in den Menschenbildern lediglich gegenüber gestellt und eher nach quantitativen Gesichtspunkten (wie bspw. wo werden wie oft welche Begrifflichkeiten verwendet) gruppiert. Gleichzeitig muss man der Autorin jedoch zugutehalten, dass sie mit ihrer Arbeit sowohl methodisch als auch inhaltlich Neuland betreten hat und somit einen weiteren Beitrag im Kontext interdisziplinärer Verständigung leistet. Darüber hinaus erfolgte die Auswertung methodisch stringent, der Textkorpus wurde sehr umfangreich gewählt und die einzelnen Lehrbücher wurden systematisch und detailliert beschrieben und analysiert. Insgesamt ist die Absicht Schumanns einen Vergleich zwischen verschiedenen Disziplinen anhand (der Menschenbilder) ihrer Lehrmittel zu vollziehen eine für die Erziehungswissenschaft durchaus lohnenswerte.
Matthias Huber (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Matthias Huber: Rezension von: Schumann, Katharina: Menschenbilder in Erziehungswissenschaft, Neurowissenschaften und Genetik, Eine vergleichende Analyse. Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 6 (Veröffentlicht am 02.12.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377993307.html