EWR 16 (2017), Nr. 2 (März/April)

Britta Klopsch
Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungspartnerschaften
Einstellungen und Haltungen von Lehrpersonen und Schulleitungen
Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2016
(542 S.; ISBN 978-3-7799-3383-0; 49,95 EUR)
Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungspartnerschaften Die rezensierte Dissertation beleuchtet umfassend ein Thema, das im aktuellen nationalen Bildungsdiskurs von größter Relevanz ist, dem allerdings bisher in der Praxis und auch in der Theoriebildung noch keine breite Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Der Umfang der mehr als 500 Seiten umfassenden Monographie ist Ausdruck dessen, dass es sich um ein sehr komplexes Thema handelt: Zu denken ist etwa an Programme wie „Teach First“ und „Service Learning“, aber auch an politische Setzungen wie die Implementation von Ganztagsschulen im Rahmen der Einführung von Gemeinschaftsschulen (etwa in Baden-Württemberg) oder an Bundes- und Landeswettbewerbe wie „MIXED UP“ oder Bildungsregionen, die Schulen Impulse für Weiterentwicklungen geben wollen. Die damit verbundenen Bildungspartnerschaften stellen Lehrpersonen und Schulleitungen vor große Herausforderungen, insbesondere weil sie eine Öffnung der Schule notwendig machen.

Diese Öffnung von Schule durch Kooperation, die seit der Reformpädagogik als Desiderat für gelingende Bildung betrachtet werden kann und durch die neuere empirische Forschung zur Schul- und Unterrichtsqualität neuen Auftrieb erhalten hat [1] – so Klopschs Thesen – sei notwendig, um die „[...] Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen stärker zu berücksichtigen [...]“ und das „[...] dynamische Spannungsverhältnis zwischen Schulen und ihrer jeweiligen Umwelt gewinnbringend“ (9) zu nutzen.

Britta Klopsch gliedert ihre Arbeit in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Insbesondere der theoretische Teil, den Klopsch um 17 Fokusse herum ausladend aufbaut, ist höchst gewinnbringend. In drei jeweils größeren Abschnitten beleuchtet Klopsch ihr Thema zunächst aus sozialpsychologischer, lerntheoretischer und lernpsychologischer Sicht, um daran mit Möglichkeiten und Schwierigkeiten der organisationalen (Schul-)Entwicklung anzuschließen. Hierbei unterscheidet und bearbeitet Klopsch im ersten Theorieteil drei unterschiedliche Ebenen (Mikroebene der Lehrkraft, Mesoebene der Einzelschule, Makroebene des Schulsystems), die jeweils in spezifischer Weise mit den Möglichkeiten und Schwierigkeiten von Bildungspartnerschaften und einer Erweiterung von Lernumgebungen konfrontiert sind. Im empirischen Teil fokussiert die Autorin dann vor allem die Mikroebene der handelnden Akteure genauer.

Es ist hierbei neben der Vielschichtigkeit, die u. a. in diesen 17 Fokussen zum Ausdruck kommt, beeindruckend, wie thematisch weit Britta Klopsch den theoretischen Rahmen für ihre Arbeit spannt. Sichtbar wird dieser exemplarisch bei der theoretischen Einbettung ihres Themas am Beispiel der intensiven Einbeziehung von Kurt Lewins Feldtheorie, den die Autorin beispielsweise im Fokus „Der Lebensraum als psychologisches Feld“ (25f) in einer bemerkenswerten Tiefe beleuchtet. Bemerkenswert deshalb, weil zum einen die Lewin’sche Feldtheorie bis dato in der Erziehungs- und Bildungswissenschaft einen geringen Wirkungsgrad erzielen bzw. wenig Aufmerksamkeit erregen konnte und meist reduziert wurde auf die für die Klassenführungsforschung wichtigen Erziehungs- und Führungsstile, die sich im Rahmen des Iowa Child Welfare Projects herauskristallisierten [2]. Bis in Lewins wissenschaftstheoretische Arbeiten hinein – etwa zur Unterscheidung in eine galileische und aristotelische Denkweise [3] – verfolgt Britta Klopsch Lewins Theorie, um die Voraussetzungen für eine gelingende Erweiterung der Lernumgebungen durch Kooperationen zu erörtern. Weitere Fokusse dieses ersten theoretischen Teils der Arbeit von Britta Klopsch stellen die Lernumweltforschung, Lernprozesse im Lebensraum, Wissenskonversion, einschleifiges und doppelschleifiges Lernen, Community Schools und dann insbesondere Themen der Schulentwicklung wie etwa organisationales Lernen oder die Autonomie in der Schule dar.

Die Autorin nimmt dann im Rahmen ihrer empirischen Untersuchung insbesondere die „Einstellungen und Haltungen von Lehrpersonen und Schulleitungen“ in den Blick, die sie als einen wesentlichen Grund für das Gelingen, aber auch für das Misslingen von Bildungspartnerschaften und damit der Öffnung von Schule ausmacht. Hier ist kritisch anzumerken, dass Britta Klopsch in ihrem empirischen Teil methodisch nicht mutiger Lewin folgt, wenn sie etwa intensiv auf eine Typenbildung bei Lehrkräften bezüglich des Lehrerhandelns und den diesen zugrundeliegenden Einstellungen und Haltungen hinauswill. Hier entspricht das methodisches Vorgehen aktuellen Standards der empirischen Forschung, wenn etwa ein multidimensionales Forschungsdesign angelegt und quantitative und qualitative Methoden kombiniert werden. Klopsch kommt so zu einer Unterscheidung vor allem der Lehrertypen des „strukturbezogenen selbstwirksamen Lehrerhandelns“ und des „opportunistisch-flexiblen Lehrerhandelns“.

Inwiefern diese Typenbildung jedoch tatsächlich und bis in die Tiefe der jeweiligen Dynamiken dem Einzelfall, den ja letztlich jede Lehrkraft darstellt, gerecht wird, bleibt eine offene Frage. Lewin beispielsweise argumentierte gerade in dem oben erwähnten und von Klopsch ebenfalls zitierten Beitrag „Der Übergang von der aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie“ [3] intensiv für eine Durchdringung des konkreten Einzelfalles, der nach ihm stets Regeln folgt, die es herauszuarbeiten gilt. Nur so seien die tatsächlichen Zusammenhänge, wirkenden Kräfte und Muster zu verstehen. Diese bleiben verborgen, wenn eine reine Durchschnittsbildung vorgenommen wird, was bei der Typenbildung letztlich der Fall ist. Nur so, so Lewins These, waren die großen und bahnbrechenden inhaltlichen Wissensfortschritte etwa eines Galileo Galilei möglich. Wenn man dieser Denktradition hätte konsequent folgen mögen, dann hätte vermutlich der empirische Teil der hier rezensierten Arbeit von einer gründlichen Durchdringung konkreter Einzelfälle bei gleichzeitig weniger Typenbildung noch weiter profitieren können.

Als Fazit bleibt, dass die Arbeit ein bisher vernachlässigtes Thema umfassend aufgreift und bearbeitet. Sie dürfte sowohl für Praktiker an Schulen, die vor den bildungspolitischen Vorgaben und Herausforderungen (etwa von vermehrter Kooperation, Evaluation, der Organisation von Ganztagsangeboten oder Betreuungsangeboten, der Einbeziehung von externen Fachleuten oder pädagogischer Assistenten oder auch der Organisation und Implementation von Bildungsregionen stehen) als auch als Ausgangspunkt für weitere wissenschaftliche Forschung zu Bildungspartnerschaften und der Öffnung von Schule höchst interessant sein. Wenn Schule sich auch in der Praxis und tatsächlich weiter öffnen will hin zu einem Lern- und Lebensraum, dann kann Britta Klopschs Monographie dazu einen höchst gewinnbringenden Beitrag beisteuern.

[1] Terhart, E. / Klieme, E.: Kooperation im Lehrerberuf: Forschungsproblem und Gestaltungsaufgabe. In: Zeitschrift für Pädagogik 52/2, 2006, 163-166.

[2] Lewin, K. / Lippitt, R. / White, R. K.: Patterns of aggressive behavior inexperimentally created „social climates“. In: Journal of Social Psychology 10, 1939, 271-299.

[3] Lewin, K.: Der Übergang von der aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie. In: Lewin, K.: Kurt-Lewin-Werkausgabe, hrsg. von C.-F. Graumann, Band 1. Wissenschaftstheorie I, hrsg. von A. Métraux. Bern: Huber / Stuttgart: Klett-Cotta 1981, 233-271.
Dirk Bogner (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Dirk Bogner: Rezension von: Klopsch, Britta: Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungspartnerschaften, Einstellungen und Haltungen von Lehrpersonen und Schulleitungen. Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 2 (Veröffentlicht am 28.03.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377993383.html