EWR 6 (2007), Nr. 4 (Juli/August 2007)

Dieter Rossmeissl / Andrea Przybilla
Schulsozialpädagogik
Denken und Tun als Weg zum mündigen Menschen
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2006
(257 S.; ISBN 978-3-7815-1497-3; 18,50 EUR)
Schulsozialpädagogik Der angegebene Titel ist untersetzt mit dem Hinweis auf zu erwartende Angaben „zum gesellschaftlichen Ort, zur politischen Bedeutung und zur pädagogischen Praxis von Schulsozialpädagogik“ (3). Dieter Rossmeissl und Andrea Przybilla verfolgen die Absicht, „Sozial- und Schulpädagogik am Lebensort Schule zusammenzuführen mit dem gemeinsamen Ziel (der Entwicklung – F. P.) des mündigen Bürgers“ (Rückseite des Buches) und der Bestimmung von Schulsozialpädagogik „als Brücke zwischen zwei pädagogischen Bereichen“ (172). Damit greifen sie einerseits das praxisrelevante Problem der verstärkten bundesweiten Implementation von Schulsozialarbeit auf wie auch das Bemühen in der erziehungswissenschaftlichen Auseinandersetzung um eine weitere Aufklärung der Rolle von Sozialpädagogik in der Schule.

Die 257 Seiten umfassende Publikation ist dreigeteilt und beschäftigt sich im umfangreichsten Teil mit den Funktionen von Schule (Kap. 2), mit der Rolle der Sozialpädagogik aus ihrem historischen Entwicklungsprozess bis hin zur Gegenwart (Kap. 3), mit den Grundlagen der Schulsozialpädagogik (Kap. 4), mit ihren Aufgaben (Kap. 5), ihren Akteuren und Partnern (Kap. 6) und der Organisation der Schulsozialpädagogik (Kap. 7) sowie mit der Schulsozialpädagogik als gesellschaftlicher Chance zur Entwicklung der Heranwachsenden zu mündigen Bürgern (Kap. 9). Ergänzt wird dieser Erkenntnis verarbeitende Teil durch Ausführungen zu Regelungen auf politischer und rechtlicher Ebene (32 Seiten) und die Darstellung detaillierter Praxisbeispiele (41 Seiten) zur Umsetzung der Schulsozialpädagogik.

Die Autoren betonen, dass sie sich, „was die bildungspolitische Situation betrifft, stark an den bayerischen Verhältnissen (orientieren – F. P.), ohne sich darauf zu beschränken“ (9). Sie wollen die „Eigenbedeutung der Schulsozialpädagogik“ herausstellen und sie als „die wichtigste Zukunftsoption von Pädagogik und eine Notwendigkeit für die Zukunft einer entwickelten, mündigen Gesellschaft …“ (9) charakterisieren. Richten soll sich „das Buch primär an Sozialpädagogen und Lehrer, die mit der Kooperation von Jugendhilfe und Schule befasst sind, sowie an Erzieherinnen in Kindergärten und Horten“ (10).

Die Autoren führen eine sehr kritische und auch hoch sachliche Auseinandersetzung mit der aktuellen Schulsituation und liefern dadurch eine lesenswerte, prägnante schulpolitische Situationsbeschreibung. Wenn sie die Funktionen von Schule hier in einem gesonderten Kapitel beschreiben, so dient diese Darstellung der Fundierung der als notwendig erachteten Anforderungen an die heutige Schule und der Notwendigkeit der Nutzung von Sozialpädagogik in der Schule. Bei der Bestimmung der Sozialpädagogik beziehen sich die Autoren berechtigterweise auf Mollenhauer und kennzeichnen Sozialarbeit und Sozialpädagogik als „Reaktionen der bürgerlichen Gesellschaft auf die Industrialisierung“ (42). Sie vermerken kritisch, dass „die Instrumentalisierung der Sozialarbeit als gesellschaftlicher ‚Reparaturbetrieb’ zu kurz“ greift (48), und favorisieren die präventive Arbeit der Sozialpädagogik, die „über die bloße Rolle des Minderheiten-Anwalts hinaus wirksam werden (könnte – F.P.), wenn es ihr gelingt, für diese Arbeit öffentliche Orte zu finden, die nicht nur für alle zugänglich sind, sondern auch wirklich von allen genutzt werden. Schulen sind solche Orte“ (49). Horst Scarbath folgerte bereits 1992 für die Schule, „daß sich Lehrerinnen und Lehrer unabhängig von ihrer Schwerpunktqualifikation insgesamt nicht nur als Unterrichtende verstehen, daß sie vielmehr ihrem professionellen Selbstkonzept jene Aspekte pädagogischen Sehens, Denkens und Handelns integrieren, die hier unter der Chiffre ,sozialpädagogisch’ angesprochen sind“ [1]. Diese Vielfalt der Sozialpädagogik wird bei ihm gefasst als „Pädagogik der Notfälle“, als „Pädagogik abweichenden Verhaltens“, als „außerschulische Pädagogik“ und als „Theorie und Praxis des ‚sozialen Lernens’“ [2], woran heute auch angeknüpft werden sollte.

Der dann folgende historische Abriss stellt wichtige Momente in unterschiedlichen Etappen der Entwicklung im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung bis zu Beginn unseres Jahrhunderts vor und zeugt von einem kritisch-analytischen Blick der Autoren mit dem Ergebnis, diese für die Gegenwart konstruktiv zu verwerten.

Sie fordern begründet und überzeugend Lehrer wie Sozialpädagogen zur Bestimmung gemeinsamer Zielsetzungen und zur Festlegung gemeinsamer Vorgehensweisen auf, damit zukunftsweisende Lösungen gefunden werden können (63). Die Autoren beschreiben die in der vielfältigen Literatur zur Schulsozialarbeit bekannten Aufgaben der Schulsozialpädagogik (Schulsozialarbeit) (Kap. 6) und die zu ihrer Realisierung erforderlichen Handlungskompetenzen. Genauso anregend sind auch die Ausführungen zur Bestimmung der Rahmenbedingungen für eine gelingende Schulsozialarbeit wie auch die vielfältigen Praxisbeispiele und „Muster“ zur Gestaltung produktiver Beziehungen zwischen LehrerInnen und SozialpädagogInnen sowie Schule und Jugendhilfe. Dass die Autoren in der Gestaltung der Ganztagsschule eine besondere Option der Verbindung von Schule und außerschulischer Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen und ihre Ziele am besten in der Ganztagsschule verwirklicht sehen (149), wird plausibel begründet und es werden Indikatoren für die Einrichtung der Schulsozialarbeit (Schulsozialpädagogik) benannt.

Nun stellt sich endlich die Frage, was mit Schulsozialpädagogik gemeint ist. Das verlangt Klärung, wissenschaftliche Klärung, da in der Publikation Gefahrenmomente einer solchen Kennzeichnung nicht gesehen werden: Der Rezensent ist der Auffassung – entgegen der Darstellung der Autoren –, dass Schulpädagogik und Sozialpädagogik nicht zu einer neuen Pädagogik verschmelzen; sie bleiben Schulpädagogik und Sozialpädagogik. Sie sind aber zu nutzende Pädagogiken am Ort Schule, und die Schulsozialarbeit (hier immer wieder synonym mit Schulsozialpädagogik verwendet – 145, 147, 149, 161 u.a.) ist die Anwendung der Sozialpädagogik im schulischen Kontext. Insoweit ist auch die von den Autoren bestimmte Schulsozialpädagogik die in der Wissenschaftsdisziplin „Sozialpädagogik/Sozialarbeit“ ausgewiesene Schulsozialarbeit und nichts anderes als die Nutzung sozialpädagogischer Grundlagen und Erkenntnisse in einem neu umrissenen Arbeitsfeld, nämlich in der Schule, woraus sie lange verbannt war bzw. in Deutschland kaum Zugang gehabt hat. Hier ist es sinnvoll, bei dem bundesweit verbreiteten Begriff „Schulsozialarbeit“ zu bleiben oder dieses Arbeitsfeld noch breiter zu fassen als „Schulbezogene Jugendhilfe“, die dann sowohl sozialpädagogisch die Jugendarbeit als auch die Jugendsozialarbeit einschließt. Die Schulsozialarbeit (Schulsozialpädagogik) erweist sich nicht als eine neue Pädagogik oder als Brücke zwischen Schulpädagogik und Sozialpädagogik, sondern ist – um im Bild zu bleiben – das Tor zum Eingang von Sozialpädagogik in die Schule. Es ist genauso, wenn man Öl und Wasser in einen Behälter gießt. Es entsteht keine neue Flüssigkeit oder homogene Masse. Wasser wird sich unten, Öl oben absetzen. Der Versuch einer Mischung ist durchaus möglich, auch nicht gefährlich, aber auf keinen Fall sinnvoll und zweckmäßig. Auch Braun und Wetzel haben in ihrer Publikation 2000 von Schulsozialarbeit gesprochen [3] – während Rossmeissl/Przybilla von „Schulsozialpädagogik“ (177) ausgehen –, und verweisen auch heute – wie viele andere auch – auf den „Sammelbegriff ‚Schulsozialarbeit’“ [4] und sehen in Schule und Sozialpädagogik keinen Gegensatz [5], sondern eine notwendige Ergänzung [6]. Dass Sozialpädagogik in der Schule Einzug halten muss, ist theoretisch wie praktisch nachgewiesen und wird nicht mehr ernsthaft bezweifelt. Dazu werden in der Publikation vielfältige Belege geliefert.

Das leidenschaftliche Plädoyer für die Schulsozialarbeit – man sollte die Bezeichnung Schulsozialpädagogik vermeiden – mündet in der euphorischen Feststellung „Schulsozialpädagogik als Beitrag zur Bildungsentwicklung“ (169). Die Autoren schreiben: „So enthält Schulsozialpädagogik als Pädagogik der Vernetzung zweier Disziplinen das Potenzial für eine aufgeklärte Gesellschaft“ (174). Damit wird ein Arbeitsfeld der Sozialpädagogik hypertrophiert, das nicht halten kann, was von ihm erwartet wird. Schulsozialpädagogik alias Schulsozialarbeit alias Schulbezogene Jugendhilfe ist keine neue Pädagogik, sie ist die Anwendung der Sozialpädagogik in der Institution Schule und verlangt damit eine neue Beziehungskultur von Schulpädagogik und Sozialpädagogik und damit von ihren Trägern, um Bildung und Erziehung am pädagogischen Ort Schule im Sinne eines systemischen Vorgehens realisieren zu können. Schule ist mehr als Unterricht. Deshalb muss Schule in Entwicklungsprozessen von Heranwachsenden auch die Trias von Bildung, Erziehung und Betreuung umsetzen. Die Autoren sehen in der Schulsozialarbeit (Schulsozialpädagogik) das revolutionierende Element, das „nicht das Ziel, sondern nur das Mittel auf dem Weg pädagogischer und gesellschaftlicher Evolution“ ist und in einer späteren Etappe eine Pädagogik stehen könnte, „… die das Bindeglied Schulsozialpädagogik nicht mehr nötig hat …“ (176).

Es ist eine überzogene Forderung, einen eigenen Studiengang „Schulsozialpädagogik“ anzustreben (145). Eine Schwerpunktsetzung im Studium der Sozialpädagogik selbst, die auf dieses Arbeitsfeld vorbereitet, erscheint genauso zweckmäßig wie notwendig, aber sie hat keinen eigenen wissenschaftstheoretischen Kern; sie ist ein Arbeitsfeld der Sozialpädagogik. Deshalb sollte auch kein eigener Studiengang dafür vorgesehen werden.

Das Buch vermittelt Einsichten in ein unverzichtbares Arbeitsfeld der Sozialpädagogik und zeigt Wege einer kooperativen Arbeit von LehrerInnen und SozialpädagogInnen auf. Es gibt Anregungen für die zu verändernde Praxis und mobilisiert das pädagogische Denken hin zur Umsetzung des ganzheitlichen und systemischen Ansatzes in der Pädagogik. Die von den Autoren gegebenen Anregungen können auch die Fachdiskussion weiter befördern und zeigen am Beispiel eines Bundeslandes die Allgemeingültigkeit vieler Aussagen und die Möglichkeit ihrer Nutzung bei der Entwicklung der Schulsozialarbeit.

Gerade durch die Sicht auf die Individualität des Einzelnen werden die sozialpädagogischen Impulse Anregung für den interessierten Praktiker sein können.

[1] Scarbath, H.: Träume vom guten Lehrer. Donauwörth 1992, 139f.
[2] Scarbath, H.: Träume vom guten Lehrer. Donauwörth 1992, 143f.
[3] vgl. Braun, K.-H./Wetzel, K.: Sozialpädagogisches Handeln in der Schule. Einführung in die Grundlagen und Konzepte der Schulsozialarbeit. Neuwied, Kriftel 2000.
[4] Braun, K.-H./Wetzel, K.: Soziale Arbeit in der Schule. München, Basel 2006, 38.
[5] Homfeldt, H.-G.: Historische Aspekte zum Verhältnis von Jugendhilfe und Schule. In: Hartnuß, B./Maykus, St.: Handbuch Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Berlin 2004, 41-68.
Olk, Th./Speck, K.: Kooperation von Jugendhilfe und Schule – das Verhältnis zweier Institutionen auf dem Prüfstand. In: Hartnuß, B./Maykus, St.: Handbuch Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Berlin 2004, 69-101.
[6] Bönsch, M.: Kooperation von Jugendhilfe und Schule aus schulpädagogischer Sicht. Warum sollte sich Schule (auch) zur Jugendhilfe hin öffnen? In: Hartnuß, B./Maykus, St.: Handbuch Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Berlin 2004, 126-139.
Franz Prüß (Greifswald)
Zur Zitierweise der Rezension:
Franz Prüß: Rezension von: Rossmeissl, Dieter / Przybilla, Andrea: Schulsozialpädagogik, Denken und Tun als Weg zum mündigen Menschen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 4 (Veröffentlicht am 26.07.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151497.html