EWR 7 (2008), Nr. 1 (Januar/Februar)

Christoph Lüth / Klaus Pecher (Hrsg.)
Kinderzeitschriften in der DDR
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007
(207 S.; ISBN 978-3-7815-1503-1; 19,80 EUR)
Kinderzeitschriften in der DDR Die Erziehungswissenschaftler Christoph Lüth und Klaus Pecher legen mit „Kinderzeitschriften in der DDR“ die Dokumentation einer gleichnamigen Tagung vor, die im Jahr 2004 an der Universität Potsdam stattgefunden hat. Sie enthält in bewusst vorgenommener Konzeption Vorträge sowohl von WissenschaftlerInnen als auch von „Akteuren und Zeitgenossen“, die weniger systematisch als vielmehr selektiv inhaltliche Aspekte vorstellen und einige Kinderzeitschriften portraitieren. In beiden Bereichen finden sich lesenswerte Beiträge, interessante Fakten und Positionen. Als Ganzes macht der Band, schlecht lektoriert, jedoch einen etwas zwiespältigen Eindruck.

Positiv herauszustellen ist, was der sowohl wissenschaftlich tätige wie praktisch als Jugendhausleiter arbeitende Pädagoge René Börrnert zu „Ernst Thälmann als Erziehungsvorbild in der DDR: Vermittlung über Schulbuch, Kinderliteratur und Pionierzeitschrift in den 70/80er Jahren“ zu sagen hat und was die Journalistin, langjährige Mitarbeiterin und „Trommel“-Chefredakteurin Susanne Lost unter dem Titel „Aktionen, Argumente, Agitprop – die ‚Trommel’ im Dialog mit ihren Lesern“ vorstellt. Interessant ist außerdem, warum Mark Lehmstedt seinen Aufsatz mit „Dreck ist nicht mit Dreck zu bekämpfen oder: Die Digedags kommen in die Pioniergruppe Pfiffikus“ überschreiben kann und wie Klaus Pecher „Die Begleitung der Schulreform in der Sowjetischen Besatzungszone durch die Kinderzeitschriften ‚Schulpost’ und ‚ABC- Zeitung’“ beschreibt.

Mit gewissen Abstrichen lohnenswert sind Pechers einleitender Überblicksvortrag „Kinderzeitschriften in der DDR – erziehungsstaatliche Okkupation der Kindheit“ sowie der resümierende Ausblick der Erziehungswissenschaftlerin und früheren „Frösi“-Redakteurin Christine Lost. Dasselbe gilt für „Von Prinzen und Pionieren“, die Ausführungen der Germanistin Marianne Lüdecke zu literarischen Beiträgen in Kinderzeitschriften der DDR. Demgegenüber fallen Dieter Wilkendorfs eher anekdotische Anmerkungen „Was bleibt? Die Kinderzeitschrift ‚Fröhlich sein und singen – Frösi’ im Erinnern und Nachdenken ihres Chefredakteurs“ sowie „Unsere Heimat, die schöne – Agitation und Propaganda in der ‚ABC-Zeitung’“ der Journalistin Mareike Vorsatz massiv ab.

Börrnert skizziert zum einen die umfassende Bedeutung von Ernst Thälmann als „Leitfigur der politisch-ideologischen Erziehung und Bildung“ (60) in ihren Wandlungen während wesentlicher Phasen der DDR-Geschichte, zum anderen, wie die Vermittlung des Thälmann-Bildes grundsätzlich organisiert war. Dem folgen Aspekte dieser Vermittlung im Schulunterricht wie im Kinderbuch. Damit fügen sich die verschiedenen Pionierzeitschriften konsistent in ein Gesamtbild ein, das die Verzahnungen staatlich gelenkter pädagogischer Einflussnahme in der DDR aufscheinen lässt.

Diesen Bezug deutlicher herauszustellen hätte ich eigentlich vom einleitenden Überblicksaufsatz Klaus Pechers erwartet. Die wesentlichen Zeitschriften werden bei ihm chronologisch gemäß ihrer Entstehungszeit vorgestellt. Im weiteren Verlauf wird jedoch nur sehr kurz ihre Einbindung in Schullehrpläne beschrieben. Pecher versucht ein differenziertes Fazit: die Kinderzeitschriften als Spiegel der Entwicklung von Gesellschaft und Erziehung in der DDR. Hier werden nicht die gesamten 40 Jahre gleichermaßen behandelt, aber eine kontinuierliche Linie gezogen. Einerseits beeinflussten sie massiv gemäß den staatlichen Vorgaben. Andererseits hebt Pecher die Orientierung der Zeitschriftenmacher an der Lebenswelt der Kinder und die ästhetisch-gestalterischen Leistungen in den Zeitschriften hervor. (In seinem zweiten Beitrag konzentriert er sich auf den Anfang, die Entstehung der ersten Kinderzeitschriften „ABC-Zeitung“ und „Schulpost“ im Jahr 1946 und deren rasche Einbindung in die umstrittene Einführung der Einheitsschule in den folgenden Jahren.) Mit weitreichenden Vermutungen hinsichtlich der realen Wirkung des Lesestoffes bei den Rezipienten hält sich Pecher – wie alle Autoren des Bandes (von Wilkendorf etwas abgesehen) – erfreulich zurück. Plakativ geraten ihm gleichwohl unvermittelte, nur thesenhaft vorgetragene Sätze über grundsätzliche Wirkungen wie die Behinderung des eigenen Nachdenkens bei den Lesern.

Wie man sowohl aus der Innenperspektive der Beteiligten als auch in reflektierend-kritischer Distanz zu seinem Gegenstand zu tiefer reichenden Einsichten gelangen kann, zeigt Susanne Lost. Ihrem Beitrag über die „TROMMEL“ sind das vergangene Engagement der ehemaligen Chefredakteurin und überzeugend auch der weiteren „Macher“ der Zeitschrift zu entnehmen. Dies um so mehr, als Lost nicht vor klarer Kritik zurückscheut. Sprache, Themen und insbesondere auch der Stellenwert der Leserpost in der „TROMMEL“ werden an Beispielen angeschnitten. Aber es wird auch eindrücklich festgehalten, was „nicht in der TROMMEL stand“ (166), wie gleichermaßen engagiert und mit Filtern vor den Augen gearbeitet wurde. Sie konstatiert: „Die TROMMEL war […] so politisch, wie Kinder im Alter von zehn, zwölf Jahren in der DDR sein sollten“ (161).

Im Kontrast dazu muss man sich leider etwas fad auf der Zunge zergehen lassen, wie Dieter Wilkendorf die politische Kritik an „Frösi“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überlässt, um dann die „nützliche, liebenswerte Leistung“ (141) der Kinderzeitschrift hervorzuheben. Er verbleibt fast vollständig im Binnenblick: Erziehung erfolgte „im Prozess der Tätigkeit“ (145). Daher war „Frösi“ stets von der „Suche nach Aufgaben und Tätigkeitsanreizen“ (145) geprägt und also „durchaus ‚staatsnah’“. Die Leser sollten durch die Texte „fest an ihr Land“ (148) gebunden werden. Darauf folgt eine Anekdote über die Entlassung Wilkendorfs als Chefredakteur wegen mangelnder Aktionsabsprache mit „den Oberen“. Das steht völlig unverbunden und unreflektiert nebeneinander.

Liest man dann Mark Lehmstedts Ausführungen über die Digedags und den Kampf von deren Erfinder, Johannes Hegenbarth, um den Erhalt von „MOSAIK“ sowie des Konzepts der Comicabenteuer gegenüber einer Übernahme in „Frösi“ Ende der 1950er Jahre, wird ein Problem des Bandes, besser: der Tagungskonzeption, deutlich. Lehmstedt zufolge spielte Dieter Wilkendorf in diesen Ereignissen keine rühmliche, mindestens eine recht zwiespältige Rolle. An dieser Stelle wäre eine Auseinandersetzung zwischen den bewusst zusammengeführten Positionen spannend geworden, die sich in Diskussionsbeiträgen im Band hätte niederschlagen können. Hier fehlt der Rahmen eines Diskurses, der mehr ist als eine Aneinanderreihung von Aspekten.

Weitere solche Desiderate sind zu finden: Insgesamt hätte ich mir z.B. gerade angesichts der Zusammensetzung der Tagungsbeitragenden eine weitergehende Diskussion von Auflagenhöhe, Pflichtbezug und Leserbeteiligung als formalen Kriterien für die Akzeptanz und Wirkung der Zeitschriften gewünscht. Christine Lost pointiert hierzu in ihrem Schlussvortrag differenziert diverse Leserumfragen aus DDR-Zeiten. Daneben beleuchtet sie die insgesamt problematische Quellenlage zur Frage von nachweisbarer Indoktrination. Gelegentlich wird aber anderenorts die pure Auflagenhöhe als Erfolgsindiz herangezogen; dann wiederum erwähnt Lehmstedt, dass allein MOSAIK 1960 zu mehr als zwei Dritteln den Gewinn aller Kinderzeitschriften der DDR erwirtschaftete und schon deshalb eine generelle Einstellung des Comicmagazins nicht in Frage kam.

Wenngleich diesbezüglich der Tagungsband den Inhalten der Tagung folgen muss, ergänzt sein Lektorat leider den teilweise unausgegorenen Gesamteindruck. Zum einen ist der Text von Mareike Vorsatz eine stilistische wie inhaltliche Zumutung: Zahlreiche Wiederholungen, fehlende Begriffserläuterungen (vgl. z.B. „Murmelwesen“, 97) und eine wenig systematische Darstellung lassen kein tragfähiges Porträt der ABC-Zeitung entstehen. Der Beitrag wirkt wie unter Zeitdruck zusammen geschrieben. Er ist miserabel oder gar nicht korrigiert worden und gibt inhaltlich wenig her.

Aber auch Christoph Lüths Vorwort besteht im Wesentlichen aus einer Kompilation eines längeren Zitats aus der Eröffnungsansprache einer Ausstellung über Kinderzeitschriften in der DDR, die der Tagung voranging, und der Tagungseröffnungsrede. Angehängt wurde noch ein Zitat Jacques Derridas über „die Universität als Ort unbedingten Forschens“. Genau dies, den erhofften und erhaltenen Ertrag für die Forschung aus nachträglicher Perspektive, hätte aber ein für den Tagungsband konzipiertes Vorwort konkret ansprechen sollen. Hier fehlt eine inhaltliche Überarbeitung. Ich erwähne dies, weil der Einstieg in den Band einen ersten Eindruck prägt. Daneben fallen immer wieder stilistische und formale Mängel auf, die nicht dem Vortragscharakter zuzurechnen sind, z.B. eine unzureichende Zuordnung der Abbildungen zu den umgebenden Textstellen und eine beträchtliche Anzahl von Rechtschreibfehlern.

Marianne Lüdecke stellt etwa nüchtern gegliederte Häufigkeiten für das Vorkommen literarischer Genres (z.B. in Form von Romanauszügen) in unterschiedlichen Zeiten und verschiedenen Zeitschriften vor. Das tut sie mit einigem Erkenntnisgewinn, auch wenn sie auf einer deskriptiven Ebene verbleibt. Warum muss aber eine Geschichte aus der Schulpost 1/46 mit der Faksimile-Abbildung einer anderen Geschichte aus der Schulpost 3/46 kombiniert werden? Und auch bei ihr finden sich Textwiederholungen, ja sogar unvollständige Sätze.

Christine Lost schließlich steht für das Resümee der Tagung. Sie wiederholt auf fast zwei Seiten sämtliche zur Debatte stehenden Zeitschriften. Etwas abrupt gerät sie in einen Abschnitt über die Geschichte der Kinderzeitschriften seit dem 18. Jahrhundert. Eine Fußnote erwähnt eine andere Autorin in einem unerklärt „vorliegenden Band“. Zum Ende hin formuliert Lost existierendes Forschungs- und Diskussionsmaterial zu Zeitschriften in der DDR insgesamt und, darauf bezogen, zu den Kinderzeitschriften. Sie schließt mit „Vorsichtige[n] Annahmen zur Typisierung eines Phänomens“ (199). Der bis hierhin vorgedrungene Rezensent fühlt sich damit nach seiner (Lektorats-)Kritik wieder etwas versöhnt. Lost stellt Ansätze zur Befragung von Wirkungen zusammen und macht nachvollziehbar und differenziert deutlich, wo Unklarheit besteht und wie wenig „lineare Schlußfolgerungen“ (202) aus dem vorhandenen Material gezogen werden können.

So trägt der Band als etwas struppig geratenes Tagungsprodukt auch in seiner Widersprüchlichkeit zum Weiterführen eines sehr unvollendeten Forschungsprozesses bei.
Martin Wambsganß (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Martin Wambsganß: Rezension von: Lüth, Christoph / Pecher, Klaus (Hg.): Kinderzeitschriften in der DDR. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 1 (Veröffentlicht am 06.02.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151503.html