EWR 6 (2007), Nr. 4 (Juli/August 2007)

Christine Hohmann
Dienstbares Begleiten und später Widerstand
Der nationale Sozialist Adolf Reichwein im Nationalsozialismus
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007
(284 S.; ISBN 978-3-7815-1510-9; 32,00 EUR)
Dienstbares Begleiten und später Widerstand Es gehört sich vielleicht nicht, aber ich muss mit einem Zitat aus dem Waschzettel beginnen, dessen Text der Wuppertaler Universität immerhin eine Pressemitteilung wert war: Die Untersuchung zeige, „dass sich Adolf Reichwein als nationaler Sozialist 1933 mit der ‚Grundidee der nationalsozialistischen Bewegung nicht im Konflikt’ befand. Sein in der NS-Zeit in einer einklassigen Volksschule durchgeführter Unterricht, der konzeptionell nicht auf ihn zurückzuführen ist, kann weder als singulär noch als ‚heimlicher Widerstand’ angesehen werden. Aufgezeigt wird, wie sich Reichwein im NS-Staat zielgerichtet um die öffentliche Anerkennung seiner pädagogischen Arbeit bemühte und die Zusammenarbeit mit diversen NS-Gliederungen, darunter der SS, nicht scheute.“

Meine Reaktion, als ich das las: Das ist doch nichts Neues? Für mich jedenfalls nicht [1]. Neu schien mir allenfalls der Tenor zu sein, der herabsetzende Unterton: „dienstbar“, „spät“, „nicht scheute“. Was also darüber hinaus? Ich fange vorne an:

Hohmann bearbeitet zwei Themen ineinander verschränkt: Sie will – erstens – den „hagiographischen […] Interpretationen, in denen aus der Verehrung für Adolf Reichwein kein Hehl gemacht wird“ (9), den Boden entziehen und dies – zweitens – durch eine Beschreibung und Bewertung von „Tätigkeiten, Handeln und Nicht-Handeln, Reden und Schweigen“ Reichweins (ebd.).

Zum ersten Punkt: Es steht außer Zweifel, ist aber ebenso wenig eine Neuentdeckung, dass Reichwein in weiten Kreisen der Pädagogik Gegenstand ziemlich kritikloser Verehrung ist: im pädagogischen Alltag, als Namensgeber von Schulen und Straßen (vgl. z.B. meine Dienstanschrift) und in der Pädagogik, hier insbesondere in der Didaktik. Hohmann trägt in einem „Forschungsbericht“ (16-40) hierzu das Nötige zusammen. Nach der Lektüre versteht man ihren Ärger über die verbreitete Heroisierung Reichweins. Der Rezensent hofft mit ihr, dass die geplante Werkedition endlich nach den Regeln der Editionskunst und nicht nach sachfremden Kriterien bewerkstelligt werden wird, wie sie zum Beispiel die erste Ausgabe des „Schaffenden Schulvolks“ nach dem Krieg bestimmt haben und jetzt wieder die Neuausgabe der beiden didaktischen Hauptschriften Reichweins [2].

Zum zweiten Punkt: Der laut Hohmann durchweg unkritischen Verehrung stellt diese Arbeit als These entgegen, „dass Adolf Reichwein das nationalsozialistische Regime dienstbar begleitete“. Diese Begleitung fällt in eine Phase „von Oktober 1933 bis Frühjahr 1939, in der Reichwein über den unmittelbaren Unterricht in der Volksschule in Tiefensee hinausgehende Tätigkeiten ausübte, und eine zweite von Mai 1939 bis Juni 1944. In dieser Zeit, in der Reichwein die Abteilung Schule und Museum am ‚Staatlichen Museum für Deutsche Volkskunde’ in Berlin leitete, weitete er seine Dienste erheblich aus, und sie erhielten eine andere Qualität“ (10).

Nachdem sie Reichweins „Entwicklung zum nationalen Sozialisten“ nachgezeichnet hat (41-88), entfaltet Hohmann beschreibend und belegend ihre These in zwei Hauptkapiteln ihrer Arbeit, überschrieben mit „Beginn des dienstbaren Begleitens“ (89-148) und „Dienstbares Begleiten“ (150-180).

Wer jetzt erwartet, dass Hohmann, wie versprochen, Reichweins Tätigkeiten umfassend rekonstruiert, der wird enttäuscht. Denn es zeigt sich, dass sie in der Ausführung die beiden Themen dann doch präzise aufeinander bezogen auskomponiert hat: Nur das wird berichtet, erörtert und kritisiert, was der Entzauberung der besagten Heiligenlegenden dienen mag. Nein, man erfährt schon eine ganze Menge mehr: über Reichweins Arbeit, das Kommunikationsnetz, in das er eingebunden war, auch Hinweise auf den pädagogischen Kontext gibt es. Aber auch das alles braucht Hohmann eigentlich nur, weil sie auf diese Weise zeigen kann, dass Reichwein nicht ohne soziales Netz wirkte und dass er nicht der einzige Schulmeister war, der Reformpädagogik praktizierte und zugleich diese Praxis reflektierte. Einverstanden, aber das ist nun wirklich nicht neu.

Es folgt ein kürzeres Kapitel über den „Widerstand 1940-1944. Adolf Reichwein als Mitglied des Kreisauer Kreises“ (181-200). Darin versucht Hohmann zu ermitteln, „welche Tätigkeiten er im Rahmen des Kreisauer Kreises ausübte“ (188). Viel findet sie nicht heraus. Das bis dato Reichwein zugeschriebene Kreisauer Dokument ‚Gedanken über Erziehung, 18.10.1941’ dürfte wohl nicht von ihm stammen, wie sie textkritisch nachweist. Die eingängige Behauptung, Reichwein sei als Kultusminister vorgesehen gewesen, kann sie nicht eben widerlegen, aber sie versucht nachzuweisen, dass diese auf recht unsichere Quellen zurückgeht.

Ich erwähne noch, dass schließlich eine „Zusammenfassung“ und „Perspektiven“ folgen sowie die benutzten Quellen und das Literaturverzeichnis. Am Ende fügt Hohmann ihrer Arbeit noch fünf Dokumente als Faksimile an.

Eines dieser Dokumente ist ein Protokoll von „Vorträge[n] und Diskussionen, die im Rahmen eines politischen Kurses mit dem Thema ‚Politik und Erziehung’ stattfanden […] Adolf Reichwein hatte als Gastlehrer die Federführung“ (75). Für Hohmann ist dieses „Prerower Protokoll“ ein Schlüsseldokument, „aus dem die politischen Ansichten und Ordnungsvorstellungen Reichweins dezidiert hervorgehen“ (76). Die Tagung fand im Jahr 1932 statt und damit an „der Schnittstelle zwischen der endenden Weimarer Republik und dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur“ (ebd.). Und so liefern der Exkurs, in dem sie das Protokoll vorstellt und paraphrasiert, und das folgende Unterkapitel, in dem sie auf seiner Grundlage den „nationale[n] Sozialist[en] Adolf Reichwein am Vorabend der Machtübertragung auf Adolf Hitler“ porträtiert, denn auch die Basis für die beiden Hauptkapitel des Buches. Ich schränke mein anfängliches Urteil ein: Hier stellt sie begründet und nachvollziehbar richtig, klärt, was bis dahin im Unklaren geblieben ist, legt den Grund für eine Interpretation, wie ich sie gleich einklagen werde. Aber leider – auch hier wie im ganzen Buch – der Unterton: Reichwein hat nicht, obwohl er doch hätte können… Ein Beispiel: „Reichwein plädierte ungeachtet unüberhörbar gewordener, warnender Stimmen für die Abschaffung der Weimarer Republik und die Schaffung einer Nationalismus und Sozialismus verbindenden ‚Zweiten Republik’“ (84). Erst in der zu dieser Aussage gehörenden Fußnote sieht man, dass Hohmann sich mit dieser Äußerung in erster Linie gegen eine „[g]ängige Ansicht in der Reichwein-Forschung“ (ebd.) wendet.

Ein Blick noch in den „Exkurs: ‚Schaffendes Schulvolk’“ (138-154). Der beginnt mit einer Erinnerung an die dilemmatische Situation, in der sich die Herausgeber der Zeitschrift „Die Erziehung“ 1933 befunden hätten. Hohmann geht davon aus, dass sie Reichwein über seinen Schwiegervater L. Pallat und H. Nohl bekannt gewesen sei. Und dann: „Diese und andernorts gemachten [sic! P. M.] Erfahrungen hielten Reichwein nicht davon ab, sein Buch ‚Schaffendes Schulvolk’ zu veröffentlichen“ (138). Und? Hätte er etwa zuvor Hohmann fragen sollen, ob er gedurft hätte? Er hätte wohl nicht gedurft, und zwar nicht zuletzt deswegen nicht, weil das Buch eigentlich nichts Neues enthalten habe (vgl. 144). „Adolf Reichwein wollte sich einbringen, was Zustimmung und Anerkennung bedingte. Darauf waren seine Bücher angelegt, nicht etwa darauf, aus dem Blickwinkel der Nichtübereinstimmung oder gar des Widerstandes zur verordneten NS-Doktrin provozieren und Kontroversen auslösen zu wollen“ (149). Kein Hinweis mehr auf Verehrer, die dies behauptet hätten.

Wenn das so sein sollte, dann erwartet man, dass Hohmann irgendwo, spätestens im Kapitel über den „Widerstand“, erörtert, wie und wann aus diesem „dienstbaren Begleiter“ ein Mitglied des Kreisauer Kreises geworden sein konnte. Kein Wort dazu: Eben noch ein Vortrag vor Führerinnen des Reichsarbeitsdienstes weiblicher Jugend, in dem er „den nationalsozialistischen Führerinnen seine Kenntnisse über ‚Menschenführung’ zur Verfügung“ stellte (180). Und dann die nächste Seite, übergangslos und völlig unvermittelt: „Adolf Reichwein gehörte zu dem etwa zwanzig Personen umfassenden Kreisauer Kreis“ (181) – in dem Reichwein dann allerdings „kaum Spuren hinterlassen“ habe (182). Da fehlt doch wohl ein Übergang, und das ist ein ziemlich grober methodischer Fehler. Ich kann ihn mir nur so erklären, dass Hohmann meint, sie habe nichts zu erörtern, da doch die politischen und pädagogischen Grundüberzeugungen Reichweins sich nicht geändert hätten, jedenfalls nicht bis zu jenem Vortrag. An dieser Stelle macht die Autorin sich die Sache zu einfach.

Was bleibt? Der Wunsch nach einer – methodisch gesprochen – Rekonstruktion der inneren Logik von Reichweins Handeln (dabei immer unterstellt, dass dieses Handeln Methode hat und nicht in unauflösliche, innere Widersprüche verstrickt ist) und eine Suche nach dem, was diese innere Logik bestimmt. Wenn das geleistet werden soll, dann müssten wir jetzt zwar nicht mehr ganz von vorne, aber doch ziemlich weit vorn anfangen. Zuvor müsste man die grundlegende und vorgängige Beurteilung beiseite räumen, die bereits im Titel zum Ausdruck kommt. Und auch beim Handwerklichen sollte man sich nicht ungeprüft auf Hohmann verlassen, zum Beispiel beim Umgang mit den Quellen. Denn zu oft möchte ich bei einer derartigen Monographie nicht den Eindruck haben, dass ich gerne noch einmal im Original nachläse. Bei einer Thesen beweisenden Arbeit stellt sich dieses Bedürfnis jedoch schnell ein. Und spätestens bei den Zitaten aus den Gesprächen, die Hohmann mit Verwandten Reichweins und Zeitzeugen (z.B. zwei seiner Schülerinnen, 218) geführt hat, wüsste ich schon gerne, ob die Auswahl der Zitate auf einer soliden Inhaltsanalyse basiert oder selektiv zum Beleg, ja Beweis der Arbeitshypothese stattfand.

Das ist noch nicht alles. Man müsste noch einen Schritt weiter gehen, und zwar hinter beide Deutungen zurück: hinter die Hohmanns und die der von ihr kritisierten Reichwein-Verehrer. Denn es zeigt sich eine befremdende Gemeinsamkeit der Deutungen: Reichwein ist für beide der politische Reichwein, der Reichwein, der für seine politischen Überzeugungen hingerichtet wurde. Für die eine Gruppe ist er Zeuge für ein anderes Deutschland und für die anderen nun eben der „dienstbare“ Weggenosse, der erst zu spät zum Widerstand gefunden habe. Es wäre ein Gewinn, wenn Hohmanns Buch dazu beitrüge, dass Pädagogen Reichwein als den Pädagogen verständen, der er war. Auf den geht sie vor allem ein, wo sie zeigen will, dass er nicht originell gewesen sei und zudem nicht ausgewiesen habe, wo er etwa den – an der Pädagogischen Akademie in Frankfurt/Oder entwickelten – Projekt- bzw. Gesamtunterricht her habe (108-110). In diesem Punkt sind sich also beide Deutungen einig: Sie begradigen Reichweins Biographie und die sein Wirken leitenden Überzeugungen von hinten her: Von den einen wird Reichweins Pädagogik primär durch seinen Widerstand kontextunabhängig legitimiert; Hohmann hingegen ist sie keiner Auseinandersetzung wert, primär weil Reichwein der „Widerstandskämpfer“ gar nicht gewesen sei.

Die Heiligen der Geschichte der Pädagogik haben ihr besonderes Rädchen niemals gänzlich neu erfunden – bezogen auf Reichwein gilt dies hinsichtlich der reformpädagogischen Schulpädagogik und wohl auch für die Museumspädagogik. Bestenfalls haben sie, um im Bilde zu bleiben, dem vorhandenen Räderwerk geschichtswirksam ein wichtiges eingefügt. Letzten Endes sind es doch wir Nachgeborenen, die wir unsere Klassiker unter anderen, vielfach Namenlosen, besonders auszeichnen, die ebenso heiligmäßig lebten. „Den Aufstieg nicht nur zu einem bedeutenden Pädagogen, sondern sogar zum ‚Klassiker der Pädagogik’ verdankt Adolf Reichwein den Leistungen einer überzeugten Anhängerschaft“ (214). So schließt Hohmann, und da gebe ich ihr gerne Recht. Aber zuvor wird sie noch einmal sehr deutlich: „Adolf Reichwein trug als handlungs- und entscheidungsfähiges Subjekt Mitschuld am Funktionieren des NS-Staates.“ Wenn sie das auch alsbald relativiert: „Seine individuelle Verantwortung ist … anzuerkennen. Der späte Widerstand wird mit diesem Resümee weder negiert noch verkannt“ (211). Das ist die Zensur, die immer wieder durchscheint, der selbstgerechte Unterton, der es mir schwer macht zu bestätigen, sie habe das Versprechen eingelöst, das sie eingangs gab.

Der Rezensent kann am Ende feststellen, dass Hohmann in ihrer Dissertation

  • ­ eine Fülle von Informationen zusammen getragen hat, die anders nur schwer oder gar nicht zugänglich sind;


  • ­ dies aber nur, so hat man den Eindruck, soweit sie ihr zum Beweis ihrer These dienen, und das noch recht souverän selektiv, so dass Leser sehr genau zu prüfen haben, ob sie sich durchweg auf das Urteil der Autorin verlassen sollten.


Eine Qualifikationsarbeit überhaupt und diese ausdrücklich ist in erster Linie als ein Diskussionsbeitrag zur Forschung zu verstehen. Könnte man das Buch womöglich in der akademischen Lehre als Arbeitsmaterial einsetzen? Da würde ich weiterhin mit den „Ausgewählte[n] Pädagogische[n] Schriften“ [3] beginnen. Dann kämen die oben erwähnten didaktischen Hauptschriften in ganzer Länge sowie die üblichen Informationen zur Person und dem Gesamtwerk. Ich wüsste, wie anfangs angedeutet, auch ohne Hohmanns Hilfe Informationen von Hagiographischem zu unterscheiden. Auszüge aus Hohmanns Buch als Kommentar oder zusätzliche Information zu den edierten Texten und der bekannten Sekundärliteratur, gewiss – zunächst und vor allem für mich selbst, im Seminar hingegen mit besonderer Vorsicht zu behandeln.

[1] Menck Peter (1999): Geschichte der Erziehung. Donauwörth: Auer (2. Aufl.), 33-46. Hohmann hat das offensichtlich übersehen, wohl weil es nur in einem Lehrbuch steht.

[2] Ein Forschungsvorhaben der „Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung“ ist der „Erarbeitung einer historisch-kritischen Werkausgabe der pädagogischen Schriften Adolf Reichweins“ gewidmet, wie man unter http://www.bbf.dipf.de/reichwein.html erfährt: „Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Bundesländer Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen, der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Hans Böckler Stiftung, der Stiftung „20. Juli 1944“ und der Zeit-Stiftung sowie von Bundeskanzler Gerhard Schröder wird derzeit in einem gemeinsamen Projekt der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung und des Adolf-Reichwein-Vereins eine historisch-kritische Werkausgabe der pädagogischen Schriften Adolf Reichweins erarbeitet. Ziel des Unternehmens ist eine fünfbändige gedruckte Ausgabe sowie eine digitale Gesamtausgabe.“ – Wissenschaftliche Bearbeiter sind U. Amlung und K.C. Lingelbach (so Hohmann, 29).

[3] Ruppert, Herbert E. / Wittig, Horst E. (1978): Adolf Reichwein. Ausgewählte Pädagogische Schriften. Paderborn: Schöningh.
Peter Menck (Hilchenbach)
Zur Zitierweise der Rezension:
Peter Menck: Rezension von: Hohmann, Christine: Dienstbares Begleiten und später Widerstand, Der nationale Sozialist Adolf Reichwein im Nationalsozialismus. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007. In: EWR 6 (2007), Nr. 4 (Veröffentlicht am 26.07.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151510.html