EWR 7 (2008), Nr. 3 (Mai/Juni)

Hanno Schmitt
Vernunft und Menschlichkeit
Studien zur philanthropischen Erziehungsbewegung
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007
(410 S.; ISBN 978-3-7815-1549-9; 39,00 EUR)
Vernunft und Menschlichkeit Hanno Schmitt hat mit seinen Arbeiten die pädagogische Philanthropismusforschung wesentlich geprägt und angeregt [1]. Darüber hinaus konnte er über Ausstellungen viele seiner Forschungsergebnisse auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen [2]. Dies ist zugleich das Anliegen des hier zu rezensierenden Bandes, in dem Schmitt eine Auswahl von 20 Aufsätzen zusammenstellt, die im Rahmen seiner Forschungen zum Philanthropismus zwischen 1980 und 2007 erschienen und mehrheitlich im Kontext von Konferenzen und Forschungsaufenthalten in der Herzog August Bibliothek und der Lessing Akademie in Wolfenbüttel entstanden sind. Unberücksichtigt blieben dabei in Handbüchern veröffentlichte bzw. gut zugängliche Publikationen [3].

Den Studien wird ein in das Zeitalter der Aufklärung einführendes erstes Kapitel vorangestellt. Dieses allgemein gehaltene Kapitel soll den vorwiegend nach inhaltlichen Gesichtspunkten geordneten Aufsätzen einen „Interpretationsrahmen“ geben und damit der Problematik einer Zusammenstellung unterschiedlicher Beiträge Rechnung tragen. Mit Blick auf die Bildung und Erziehung im Philanthropismus und dessen Wirkungsgeschichte im 19. Jahrhundert werden zentrale Leitvorstellungen der Aufklärer sowie deren Netzwerke und Reforminitiativen kurz vorgestellt.

Folgt man der Bündelung der Artikel entsprechend der vom Autor zugrunde gelegten Fragestellungen danach,

  • durch welche lebensgeschichtlichen Zusammenhänge führende Vertreter des Philanthropismus geprägt wurden,
  • wie sich die philanthropische Erziehungstheorie und -praxis an einzelnen Versuchsschulen entwickelte und
  • inwiefern sich Politik und Zeitgeschehen auf die Entwicklung des Philanthropismus in der Spätaufklärung auswirkten,


so lassen sich nicht nur vielfältige Einsichten in die philanthropischen Erziehungsvorstellungen und die Erziehungswirklichkeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts finden, sondern es wird gleichzeitig der Umfang der von Schmitt erbrachten Forschungsleistungen deutlich.

Die im Teil II des Buches (Lebensgeschichtliche Zugänge) versammelten Studien beschäftigen sich mit verschiedenen Personen, die die Aufklärung maßgeblich mitgetragen haben. Die Ausführungen zu Friedrich Eberhard von Rochow, Joachim Heinrich Campe und Johann Stuve sowie zu den jeweils von ihnen angestoßenen Reformprogrammen nehmen in diesem Teil einen breiten Raum ein, des Weiteren die Darstellung zu dem „Illustrator der Aufklärungspädagogik“ Daniel Nikolaus Chodowiecki und seiner Zusammenarbeit mit Johann Bernhard Basedow sowie anderen Philanthropen. In letzterem und dem im Teil III des Buches angesiedelten Aufsatz „Ein Mikrokosmos des Wissens. Das Basedowsche Elementarwerk“ finden sich zahlreiche, qualitativ hochwertige Abbildungen aus dem künstlerischen Werk Chodowieckis, der die „historisch neue Qualität von Bildung im Sinne des Philanthropismus“ (133) in realistisch-einfühlsamer Weise veranschaulicht hat (vgl. 137). An dieser Stelle ist anzumerken, dass auch in die anderen Studien ausdrucksstarkes Bildmaterial einfließt und generell jedem Beitrag eine bildliche Darstellung vorangestellt wird.

In diesen zweiten Teil des Buches wurden außerdem ein Text zu Ernst Christian Trapp, der nach seiner Berufung auf den ersten, in Halle eingerichteten Pädagogiklehrstuhl zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt war, sowie – mit Bezug auf das weit verzweigte Netz der Gelehrtenrepublik – zwei Aufsätze zu den Berliner Aufklärern Friedrich Gedike und Friedrich Nicolai aufgenommen.

Der Teil III „Philanthropische Theorie und Erziehungspraxis“ widmet sich zum einen der Erziehungs- und Unterrichtspraxis und den dahinter stehenden theoretischen Grundannahmen in den Versuchsschulen in Reckahn, Dessau und Schnepfenthal und zum anderen in Korrespondenz dazu bestimmten Unterrichtsinhalten und Methoden einschließlich verwendeter Lehr- und Lernmittel. Neben den im Dessauer und Schnepfenthaler Philanthropin entwickelten neuzeitlichen Methoden im Schulsport geht es hier am Beispiel der Gestaltung von Naturalienkabinetten u.a. um die von den Philanthropen vertretene Theorie, dass die Kinder möglichst früh „anschauende Erkenntnisse“ erlangen sollen. In diesem Kontext steht auch der Beitrag über das Basedowsche Elementarwerk mit den Bildtafeln Chodowieckis. Ein Beitrag über „Philanthropismus und Toleranz gegenüber Juden in der Spätaufklärung“, in dem besonders die pädagogischen Grundpositionen Basedows, Campes und Salzmanns dargelegt werden, bei letzterem am Beispiel eines Textausschnittes aus den „Reisen der Salzmannschen Zöglinge“ (1784/86), beschließt diesen Teil.

Im Teil IV mit der Überschrift: „Im Einfluss von Politik und Zeitgeschehen“ geht es vornehmlich um die Reaktionen der Aufklärungspädagogen auf die Französische Revolution. Um diese Thematik ranken sich vier Beiträge, wobei in der Abhandlung „Politische Reaktionen auf die Französische Revolution in der philanthropischen Erziehungsbewegung“ zunächst pädagogische Zielbestimmungen und sich daraus speisende politische Grundpositionen der Philanthropen erläutert werden. Zur Unterfütterung der Argumentationsstränge wird in diesem Beitrag insbesondere auf Salzmann, Campe und Johann Friedrich Simon näher eingegangen. Die politischen Anschauungen Salzmanns und Campes bzw. die der Herausgeber des zunächst primär pädagogischen, später zunehmend politischen Braunschweigischen Journals referiert Schmitt in den folgenden drei Beiträgen ausführlich. Hier werden u.a. auch Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Rezeptionsgeschichte des Philanthropismus nach 1794 und die Auswirkungen des Diskurses auf die Schulentwicklung im 19. Jahrhundert aufgezeigt. Die Bemühungen um Volksaufklärung und das Schaffen institutioneller Rahmenbedingungen sowie deren Problematisierung sind darüber hinaus Gegenstand der diese vier Beiträge rahmenden Aufsätze „Landschulreform, Volksaufklärung und Philanthropismus im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel“ sowie „Diskussion um das Verhältnis von Staat und Schule in der Spätaufklärung“.

Die von dem Autor vorgeschlagene Variante für die Rezeption dieser als „Bausteine“ zu einer (leider noch ausstehenden) Geschichte des Philanthropismus aufzufassenden Beiträge ist eine gute Möglichkeit, die Aufsätze zusammenzustellen, ohne allzu stark in die Struktur der Originalbeiträge eingreifen zu müssen. Jene können somit ohne weiteres auch einzeln rezipiert werden. Bei der Gesamtlektüre ergeben sich dadurch allerdings Überschneidungen oder es werden nahe liegende Fragen erst an anderer Stelle wieder aufgegriffen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Buch gerade auch für Studierende ein guter Einstieg in die Thematik ist, zumal der Autor über die in die Beiträge aufgenommenen Querverweise inhaltliche Bezüge sichtbar werden lässt. Andererseits können anhand einzelner Aufsätze bestimmte Fragestellungen zur philanthropischen Erziehungsbewegung eingehender studiert werden. Hierfür sind auch die in den Studien verarbeiteten gedruckten und ungedruckten Quellen sowie die vielfältigen Verweise auf Sekundärliteratur einschließlich der nachträglich ergänzten, aktuellen Literaturhinweise von Nutzen. Hilfreich wäre es allerdings gewesen – insbesondere für die sich anbietende Verwendung in Seminaren – in der Einleitung eine stärkere Verortung der ausgewählten Beiträge im aktuellen Forschungsstand vorzunehmen.

[1] Vgl. z.B. aktuell Overhoff, Jürgen (2004): Die Frühgeschichte des Philanthropismus (1715-1771). Konstitutionsbedingungen, Praxisfelder und Wirkung eines pädagogischen Reformprogramms im Zeitalter der Aufklärung. Tübingen.
[2] Vgl. z.B. Schmitt, Hanno/Tosch, Frank (Hg.) (2002): Vernunft fürs Volk. Friedrich Eberhard von Rochow im Aufbruch Preußens. Berlin.
[3] Vgl. z.B. Schmitt, Hanno (2005): Die Philanthropine – Musterschulen der pädagogischen Aufklärung. In: Hammerstein, Notker/Herrmann, Ulrich (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. 2: 18. Jahrhundert. Vom späten 17. Jahrhundert bis zur Neuordnung Deutschlands um 1800. München, S. 262-277.
Kristin Heinze (Augsburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Kristin Heinze: Rezension von: Schmitt, Hanno: Vernunft und Menschlichkeit, Studien zur philanthropischen Erziehungsbewegung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 3 (Veröffentlicht am 03.06.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151549.html