EWR 13 (2014), Nr. 4 (Juli/August)

Axel Gehrmann / Barbara Kranz / Sascha Pelzmann / Andrea Reinartz (Hrsg.)
Formation und Transformation der Lehrerbildung
Entwicklungstrends und Forschungsbefunde
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013
(240 S.; ISBN 978-3-7815-1929-9; 18,90 EUR)
Formation und Transformation der Lehrerbildung Es ist kaum zu übersehen: Lehrerbildung in Deutschland boomt. Kaum ein Bereich hat in den vergangenen Jahren derart an Bedeutung gewonnen – sowohl im politischen Bewusstsein als auch im empirisch-wissenschaftlichen Diskurs. Lange Zeit ein blinder Fleck der Forschung, widmeten sich in jüngerer Zeit zahlreiche Tagungen schwerpunkthaft dem Thema Lehrerbildung. Auch an der Technischen Universität Dresden fand im September 2012 eine Tagung der DGfE-Kommission Professionsforschung und Lehrerbildung unter dem Titel „Formation und Transformation der Lehrerbildung“ statt. Als Ertrag ist ein gleichnamiger Band entstanden. 13 Beiträge wurden aufgenommen und zu vier Hauptthemen gebündelt: „Strukturen der Lehrerbildung“, „Studienvoraussetzungen und Studienmotivation“, „Lerngelegenheiten in der Lehrerbildung“ sowie „Bildungswissenschaften auf dem Prüfstand“.

Zwei Aufsätze zu Strukturen der Lehrerbildung nehmen eine historische und aktuelle Perspektive ein: Peter Drewek zeichnet die Entwicklung der Lehrerbildung seit den 1990er Jahren nach, greift Kritikpunkte und Desiderate auf und skizziert am Beispiel von Nordrhein-Westfalen die nach der Jahrtausendwende einsetzende Dynamik der Reformprozesse. Der Beitrag endet mit Perspektiven für die Zukunft. Drewek spricht sich für „institutionelle Standards einer forschungsorientierten Lehrerbildung“ aus, wobei u. a. Zentren für Lehrerbildung eine zentrale Rolle einnehmen sollen – ein interessanter Gedanke, der in einigen Sätzen noch hätte konkretisiert werden können. Der „Monitor Lehrerbildung“ ist Thema des anschließenden Aufsatzes von Melanie Rischke, Christin Bönsch und Ulrich Müller. Durch das Ende 2012 ins Leben gerufene Projekt konnten umfangreiche Daten zu Strukturen der Lehramtsstudiengänge in Deutschland auf Landes-, Hochschul- und Lehramtstypenebene zusammengetragen werden, die auf der Internetplattform des Monitors Lehrerbildung zugänglich sind.

Der zweite Hauptteil des Bandes – Studienvoraussetzungen und Studienmotivation – umfasst vier Beiträge. Stefanie Gottschlich und Rolf Puderbach präsentieren Ergebnisse einer Studie an der TU Dresden, in der Oberstufenschüler zu ihren Studienabsichten befragt wurden. Den Befunden zufolge spielen bei der Entscheidung für ein Lehramtsstudium zwei weitgehend unabhängige Teilentscheidungen eine Rolle: einerseits die Wahl des Lehrerberufs, andererseits die Wahl der Studienfächer, die u. a. eng zusammenhängt mit den in der Schulzeit entwickelten Fächerpräferenzen. Einschränkend ist anzumerken, dass die Befunde auf einer kleinen und regionalen Stichprobe basieren.

Ob sich aus der Sicherheit bzw. Unsicherheit der Entscheidung für das Lehramtsstudium unterschiedliche Profile der Studien- und Berufswahlmotivation ergeben, ist die Fragestellung einer Studie von Sabine Weiß, Thomas Lerche und Ewald Kiel. Mittels Clusteranalyse konnte gezeigt werden, dass etwa ein Fünftel der untersuchten Studierenden ein problematisches Motivationsprofil zu Studienbeginn aufweist: Entscheidungsunsichere Studierende verfügen über eine geringere pädagogische Motivation und ein geringeres fachbezogenes Interesse.

Die Bedeutung der Berufswahlmotivation von Lehramtsstudierenden für die Lern- und Leistungsentwicklung im Studium analysierten auch Johannes König und Martin Rothland im Rahmen einer Teilstudie des EMW-Projekts (Entwicklung von berufsspezifischer Motivation und pädagogischem Wissen in der Lehrerausbildung). Die Ergebnisse belegen u. a. positive Korrelationen zwischen intrinsischen berufswahlrelevanten Faktoren und der für die Kompetenzentwicklung hoch relevanten Lernzielorientierung.

Christin Laschke und Sigrid Blömeke untersuchten anhand der TEDS-M-Stichproben für Deutschland und Taiwan, ob die Varianz im mathematischen Wissen am Ende der Ausbildung durch motivationale Faktoren erklärt werden kann. Ihre Befunde zeigen für die deutschen Lehrkräfte, dass eine intrinsisch-fachliche Berufswahlmotivation in einem positiven Zusammenhang mit dem Umfang des mathematischen Wissens steht, während pädagogische Berufswahlmotive negativ mit dem Fachwissen assoziiert sind.

Der dritte Hauptteil des Bandes nimmt insbesondere Praxisphasen als „Lerngelegenheiten in der Lehrerbildung“ in den Blick. Alexander Gröschner und Katharina Müller stellen die wichtigsten Ergebnisse zweier getrennt voneinander durchgeführter Studien zur selbsteingeschätzten Kompetenzentwicklung von Studierenden in Schulpraktika vor – eine Untersuchung, die im Kontext des Modellversuchs Praxisjahr Biberach an der PH Weingarten entstanden ist sowie eine Studie zum Praxissemester der Universität Jena. Beide Studien konnten Kompetenzzuwächse in der Selbsteinschätzung belegen, allerdings keine differentiellen Lerneffekte für unterschiedlich lange Schulpraktika.

Michela Artmann, Petra Herzmann, Markus Hoffmann und Matthias Proske analysierten die Reflexionskompetenz von Studierenden mittels Fallanalyse von Portfolios. Wie sich zeigte, gelingt es den Studierenden offenbar nicht, die schulischen Erfahrungen so mit dem unterrichtbezogenen Wissen zu verbinden, dass Widersprüche und konkurrierende Deutungen eines Unterrichtsereignisses zugelassen werden. Vielmehr scheint das Wissen eher der Stabilisierung der eigenen Überzeugungen zu dienen oder wird als nicht nützlich für die Praxis zurückgewiesen.

Der Aufsatz von Andrea Reinartz nimmt schriftliche Unterrichtsplanungen von Studierenden in einem Blockpraktikum in den Blick. Die inhaltsanalytischen Auswertungen verdeutlichen, dass relativ gleichförmiger Unterricht geplant wird – das gilt für verschiedene Fächer und Schulformen. Insbesondere fragend-entwickelnder Unterricht dominiert. Reinartz verweist darauf, dass dies vermutlich auch mit der besonderen „Vorführsituation“ im Praktikum zusammenhängt.

Jean-Marie Weber fokussiert in seinem Beitrag die Beziehung zwischen Ausbildungslehrern und Referendaren im Rahmen der schulpraktischen Ausbildung in Luxemburg. Angelehnt an Lacans Konstrukt der menschlichen Psyche nimmt Weber eine psychoanalytische Perspektive ein und berichtet Ergebnisse von halboffenen Interviews mit beiden Personengruppen, die auf Dysfunktionen in der Beziehung hinweisen.

Der vierte Hauptteil des Bandes fokussiert bildungswissenschaftliche Studienangebote. Manuela Keller-Schneider untersuchte, von welchen Faktoren das Lernen von Studierenden in einer Lehrveranstaltung unterstützt wird und konnte zeigen, dass u. a. die Nutzung des Angebots und individuelle Ressourcen der Studierenden eine Rolle spielen.

Colin Cramer, Thorsten Bohl und Manuela du Bois-Reymond gingen der Frage nach, in welchem Ausmaß Lehramtsstudierende auf den Umgang mit sozialer Benachteiligung in ihrem Studium vorbereitet werden. Zentraler Befund der Dokumentenanalyse und der Auswertung von Experteninterviews: Aspekte wie Theorien sozialer Ungleichheit oder Schullaufbahnberatung werden im bildungswissenschaftlichen Curriculum eher randständig behandelt.

Der Tagungsband endet mit einem Beitrag von Ewald Terhart, Franziska Schulze-Stocker, Doris Förster und Olga Kunina-Habenicht, die sich im Rahmen der BilWiss-Studie der interessanten Frage widmeten, ob sich Absolventen mit Erstem Staatsexamen von Absolventen mit einem Master-Abschluss in ihrem bildungswissenschaftlichen Wissen unterscheiden. Wie sich zeigte, bestehen keine signifikanten Unterschiede in den Testwerten, allerdings beurteilen Absolventen mit einem Master of Education das bildungswissenschaftliche Studium bedeutsam besser als Staatsexamensabsolventen.

Wie die Herausgeber darlegen, zielt der Band darauf ab, „Bilanz zu ziehen und eine kritische Diskussion der Entwicklungen in der Lehrerbildung der letzten Dekade […] anzuregen und damit öffentliche Auseinandersetzung wie wissenschaftliche Expertise aufeinander zu beziehen“ (12). In der Tat wird ein informativer und sinnvoll gegliederter thematischer Querschnitt zu unterschiedlichen Forschungsprojekten und -ergebnissen der Lehrerbildungsforschung gegeben – eine lesenswerte Bestandsaufnahme, die aufzeigt, woran an unterschiedlichen Standorten in der Erforschung der Lehrerbildung gearbeitet wird.
Andreas Bach (Flensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Bach: Rezension von: Gehrmann, Axel / Kranz, Barbara / Pelzmann, Sascha / Reinartz, Andrea (Hg.): Formation und Transformation der Lehrerbildung, Entwicklungstrends und Forschungsbefunde. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013. In: EWR 13 (2014), Nr. 4 (Veröffentlicht am 25.07.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151929.html