EWR 16 (2017), Nr. 2 (März/April)

Till-Sebastian Idel / Fabian Dietrich / Katharina Kunze / Kerstin Rabenstein / Anna Schütz (Hrsg.)
Professionsentwicklung und Schulstrukturreform
Zwischen Gymnasium und neuen Schulformen in der Sekundarstufe
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2016
(298 S.; ISBN 978-3-7815-2080-6; 21,90 EUR)
Professionsentwicklung und Schulstrukturreform Bevor der erste Band der neuen Reihe „Studien zur Professionsforschung und Lehrerbildung“ besprochen wird, soll hier die Frage geklärt werden, wie ein solcher Sammelband zu rezensieren ist: Alle Beiträge werden zunächst einzeln kommentiert, dann wird der Sammelband insgesamt als eine Verdichtung aktueller Debatten und Forschung zu einem Thema betrachtet und damit als Beitrag zur Forschungslandschaft insgesamt rezensiert. So wird auch die für Sammelbände wichtige herausgeberseitige Aufgabe selbst einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Der Sammelband ist im Anschluss an die Jahrestagung der DGfE-Kommission „Professionsforschung und Lehrerbildung“ an der Universität Bremen (Herbst 2014) entstanden und 2016 im Klinkhardt-Verlag erschienen. Neben einer thematischen und gliedernden Einleitung der fünf Herausgeber finden sich insgesamt 16 Beiträge in diesem Band. Sie reichen von historischen und systematisierenden über theoretische und erörternde bis hin zu empirischen Beiträgen, wobei mit sieben theoretisch-systematischen und acht qualitativ-empirischen Beiträgen bei nur einem quantitativ-empirischen Beitrag eine klare Schwerpunktsetzung zu erkennen ist.

Die Herausgeber des Bandes nehmen die großen Veränderungen der letzten Jahre – den Weg in die Zweigliedrigkeit über den „Umweg“ der Mehrgliedrigkeit – zum Anlass, um eine Uneinheitlichkeit im Feld der Schulstruktur und Schulreformen zu konstatieren. Dabei machen sie zwei Pole der Reformbemühungen aus (14): Neue Schulformen, die als formale Alternative zum Gymnasium gelten auf der einen und die Zusammenführung von Schulformen der Sekundarstufe I zu einer integrierenden Säule im Sinne der Zweigliedrigkeit auf der anderen Seite. Beide Pole und all ihre Zwischenstufen lassen sich sowohl bildungsprogrammatisch bzw. -politisch („Schule für alle“, Chancengleichheit etc.) als auch strukturell (demographischer Wandel, höhere Qualifikationsanforderungen etc.) begründen. Hinzu treten Begründungslinien wie die zunehmende Heterogenität, Individualisierung und Differenzierung sowie die Inklusion. Aus dieser noch recht allgemeinen Hinführung folgend ergibt sich der eigentliche Anlass des Bandes: Die Vielzahl an Neuerungen und Änderungen, die pauschal als Schulreform bezeichnet werden, müssen in schulische und unterrichtliche Praktiken (die Herausgeber sprechen von „Programmatiken“ und „Kulturen“) überführt und in den Alltag integriert werden. Ziel des Buches, an dessen Erreichung es dann auch zu messen ist, ist es, diese „Prozesse und Auswirkungen der schulstrukturellen Reformvorhaben aus dem Fragehorizont der Professionsforschung zu beleuchten“ (15) und den Umgang der Profession und der handelnden Professionellen mit den Veränderungsanforderungen zu beschreiben, empirisch gestützt zu untersuchen und die Ergebnisse aus professionstheoretischer Perspektive heraus zu diskutieren.

Im ersten Teil des Bandes („Schulstrukturreform und Lehrerbildung“) nähert man sich diesem Ziel mit drei theoretisch-systematisierenden Beiträgen aus historischer und aktueller Perspektive, in dem man den Konflikt um Einheit und Differenz zu verorten versucht. Der Beitrag von Axel Gehrmann zeichnet dabei die Schulstrukturentwicklung nach 1945 in Dekadenschritten im Lichte von demographischen, gesellschaftlichen wie bildungspolitischen Veränderungen nach, um die Frage zu beantworten, wie zu unterschiedlichen Zeiten die gemeinsame Beschulung diskutiert wurde. Interessant sind dabei die Herstellung von Bezügen der Bildungsexpansion und -beteiligung zum Lehrerbedarf und der Diskussion um die Ausbildung sowie der Ausblick auf Bedarfe und Veränderungen. Den aktuellen Stand der Strukturentwicklungen in den Bundesländern stellt Anke Liegmann in ihrem Beitrag vor. Dabei trägt sie systematisch alle Schulformen mit zwei oder drei Bildungsgängen zusammen und beschreibt jeweils damit verbundene pädagogische Ziele und Maßnahmen, überwundene Selektionshürden sowie Abgrenzungen zur Gesamtschule. Die Entwicklung in gegenseitiger Abhängigkeit von Schul- und Lehramtsstruktur zeigt Ewald Terhart in seinem Beitrag auf, wobei er darstellt, dass die Veränderungen im Lehramt und in der korrespondierenden Lehrerbildung immer nachgezogen hat. Ebenso zeigt er, dass es in den letzten Jahren zu einer Annäherung von „niederem“ und „höherem“ Lehramt gekommen ist, sowie, welche weiteren intendierten und nichtintendierten Veränderungen im Lehramt und der Ausbildung aufgrund der Veränderungen in der Schulstruktur sich ergaben und zukünftig ergeben könnten.

Der zweite und größte Teil des Bandes (sieben empirische Beiträge) widmet sich der „Sekundarschulreform aus der Perspektive der Lehrkräfte“, denn diese haben die Aufgabe, die Reformen im Sinne von Schul- und Unterrichtsentwicklung in die Praxis zu überführen. Am Beispiel der niedersächsischen Oberschule zeigt Fabian Dietrich mit Hilfe von sequenzanalytischen Rekonstruktionen, wie Lehrkräfte die neue Schulform auf Einzelschulebene durch schulstrukturelle Ausgestaltungen nacherfinden und dass es dabei einen Unterschied macht, an welcher Schulform sie zuvor beschäftigt waren. Dorthe Petersen zeigt mit einer qualitativ-rekonstruktiven Videostudie an einer Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein (im Kontrast zu einem Gymnasium), wie durch Ko-Konstruktion im Unterricht Lerngelegenheiten für Schüler und Lehrkräfte ausgehandelt werden und kann dadurch nachvollziehen, dass nicht jede gewollte Anforderung, Erwartung und Veränderung im Unterricht auch wirklich ankommen muss. Eine qualitativ-rekonstruktive Fallstudie mithilfe der dokumentarischen Methode (9 Interviews) zu der Frage, welche Erfahrungen Lehrkräfte an Berliner Gemeinschaftsschulen im Umgang mit Heterogenität machen und wie sie dies berufsbiografisch (bezogen auf das Konzept der Entwicklungsaufgaben) verarbeiten, beschreibt Doris Wittek. Laura Fölker unternimmt die dokumentarische Rekonstruktion von Gruppendiskussionen mit Schulleitungen und Akteuren der Schulentwicklung zur Frage, wie sich Reformen im Einzelschul-Alltag konkretisieren und wie sie handlungspraktisch relevant werden. Dabei zeigt sie sehr überzeugend anhand der Rekonstruktionen, dass eine Auseinandersetzung mit Reformen zwar stattfindet, handlungsleitende Orientierungen aber stabil bleiben, was die Autorin mit schulhistorischen Entwicklungsprozessen erklärt.

Den einzigen quantitativ-empirischen Beitrag des Bandes liefern Manuela Keller-Schneider und Uwe Hericks. Sie widmen sich der Frage, wie Lehrkräfte im Berufseinstieg (N=444) unterschiedlicher Sekundarschulformen (Gymnasium, Gesamt-, Haupt-, Realschule) bzw. im Kontrast dazu in der Grundschule berufliche Anforderungen wahrnehmen und wie die Ausrichtung der Bewältigung dieser sich unterscheidet. Sie zeigen dabei, dass sich die individuellen Ressourcen zur Bewältigung zwischen Schulformen nur im Vergleich der Schulstufen unterscheiden. Einzelschulübergreifende Schul- und Professionsentwicklung im Sinne regionaler Bildungslandschaften als Herausforderung untersucht Simone Pilz in ihrem Beitrag anhand von 18 Interviews mit Lehrkräften über die Implementation von Sprachförderkursen und den damit verbundenen Kooperationsprozessen in- und außerhalb der Schule. Im letzten Beitrag dieses Teils präsentiert Daniel Goldmann rekonstruierende Gruppendiskussionen zu der Differenz zwischen Anspruch von Kooperationen und Reflexionen einerseits und der Praxis dieser andererseits und kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese meist nur in einfachen Formen zeigen. Dabei beschreibt er auch an zwei Fallbeispielen die hohen Anforderungen und strukturellen Überforderungen, die mit Kooperation und Reflexion einhergehen, worin er zwar ein typisches Phänomen der Erziehungswissenschaft sieht, aber keine Lösung anbieten kann.

Der dritte Teil des Sammelbandes widmet sich mit zwei Beiträgen dem Gymnasium, was doch erstaunlich erscheint, da dieses nur auf den ersten Blick eine Konstante im Prozess der Schulstrukturreform darstellt. Auch dieses ist von vielfachen Veränderungen, teils erzwungen, teils notwendig, erfasst, was sich in dem Band jedoch nur sehr gering widerspiegelt. Andreas Gruschka konstatiert in seinem (bildungs-)theoretischen Beitrag kaum noch Unterscheidungen zwischen dem Gymnasium und anderen Schulformen der Sekundarstufe, weil ersteres (zunächst gerne) Massen an Schülern aufnahm und damit ein Identitäts- und Funktionsverlust einher ging und geht. Das Gymnasium entwickelt(e) sich mehr und mehr zur „Einheitsschule“, was auch die Frage des professionellen Selbstverständnisses der in ihr tätigen Lehrkräfte berührt. Gruschka verweist ausblickend auf die Bildungstheorie bei der Suche nach einem „neuen“ Fundament der Profession der Gymnasiallehrkraft. Mit einer praxistheoretisch-mikrologischen Perspektive blickt Isabel Neto Carvalho auf das Gymnasium und nimmt die Auswirkungen veränderter Bedingungen auf dieses in den Fokus. Sie zeigt, dass v.a. nicht exklusive Gymnasien unter Veränderungsdruck geraten, was zu einer Transformation der Lernkultur führt, die darin mündet, dass die Schüler in die Schulform erst „eingepasst“ werden müssen, was sie als „Gymnasialisierung“ beschreibt.

Im letzten Teil des Bandes beleuchten vier Beiträge professionstheoretische Perspektiven auf das Thema, da – so die These aller Beiträge – Veränderungen in der Schulstruktur auch zu Veränderungen in der Arbeit und Profession führen. Werner Helsper entwirft vor dem Hintergrund unterschiedlicher Professionstheorien mögliche Perspektiven auf die Frage, inwiefern die Schulstrukturveränderungen auf die Profession wirken und hält fest, dass diese bereits in Gang und auch nicht neu sind, sondern nur augenblicklich intensiviert sind. Diese, so zeigt Helsper aus einem strukturtheoretischen Blickwinkel weiter, führen zu einer Verschiebung im professionellen pädagogischen Arbeitsbündnis zwischen Lehrkräften, Schülern, Klassen und Eltern. Gabriele Strobel-Eisele betrachtet die Herausforderung der Inklusion aus einer systemtheoretischen Perspektive, indem sie auf einer Funktionssystemebene die Kopplung von Anforderungen durch Reformen und deren Umsetzung, auf organisatorischer Ebene die Kopplung der professionellen Zusammenarbeit und auf Interaktionsebene die Kopplung politischer Ziele und methodisch-didaktischer Umsetzung beschreibt. Dem Problem der Gleichzeitigkeit von Aus- und Entdifferenzierung bei der Kooperation, also der Zusammenarbeit bei gleichzeitiger Spezialisierung widmet sich Katharina Kunze. Sie rekonstruiert anhand einer Teamsitzung das Strukturproblem der Kooperation. Vor allem im Versuch der Ergründung dessen ist ihr im Fazit eine nachvollziehbare theoretische Klärung vor dem Raster der Institutionalisierung pädagogischer Berufe gelungen. Den Band beschließt der Beitrag von Till-Sebastian Idel und Kerstin Rabenstein, der quasi zusammenfassend resümiert, dass politisch initiierte Innovationen von Lehrkräften zu realisieren seien. Diese Realisierung bedarf eines neuen Leitbildes der Lehrkraft als „kreativ-schöpferisches Subjekt“, das die Implementierung von Schulstrukturreformen mit Professionalisierungsprozessen verbindet. Der Beitrag führt zur Untermauerung dieses Leitbildes unterschiedliche Perspektiven und Ergebnisses des Bandes mit programmatischen Texten aus dem Schuldiskurs zusammen.

Führt man sich nochmals das Ziel des Bandes – Prozesse und Auswirkungen von Schulstrukturreformen auf die Profession zu beleuchten – vor Augen, so kann dieses durchaus als „erreicht“ beschrieben werden. Dabei überzeugen vor allem die empirischen Arbeiten zur Rekonstruktion des Handelns der Lehrkräfte sowie ein Großteil der theoretischen Überlegungen. Es stellt sich jedoch resümierend die Frage, ob der Sammelband auch die Breite der Forschung in diesem Bereich widerspiegelt: Für die qualitativ-empirische Seite kann dies durchaus bejaht werden, wohingegen quantitative Arbeiten bis auf eine Ausnahme fehlen. Dabei liegen bereits einige Arbeiten zum Zusammenhang und Wechselspiel von Schulstruktur(-reformen) und Lehrerprofession vor, welche den Erkenntnisgewinn noch erweitert hätten.
Marcus Syring (München)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marcus Syring: Rezension von: Idel, Till-Sebastian / Dietrich, Fabian / Kunze, Katharina / Rabenstein, Kerstin / Schütz, Anna (Hg.): Professionsentwicklung und Schulstrukturreform, Zwischen Gymnasium und neuen Schulformen in der Sekundarstufe. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 2 (Veröffentlicht am 28.03.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378152080.html