EWR 15 (2016), Nr. 6 (November/Dezember)

Colin Cramer
Forschung zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf
Systematisierung und disziplinäre Verortung eines weiten Forschungsfeldes
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2016
(266 S.; ISBN 978-3-7815-2089-9; 21,90 EUR)
Forschung zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf Die Konjunktur der Forschungen zur Lehrerbildung, Lehrerinnen- und Lehrerberuf, zu Fragen der Professionalisierung und Professionalität nimmt nicht ab. Im Gegenteil, es ist eher anzunehmen, dass sich die Relevanz, die Dynamik und damit die Präsenz solcher Studien durch gegenwärtige bildungspolitische Maßnahmen wie der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ eher verstärken werden. Dennoch sind diese Forschungen in erster Linie durch wissenschaftliche Vielgestaltigkeit charakterisiert: thematisch offen, methodisch verschieden, perspektiv- bzw. paradigmengebunden, politisch intendiert und disziplinär verstreut. Insbesondere systematisierende Studien helfen dann dabei, die bisherige Wissensgenerierung zu überblicken, sie dienen der Orientierung und Einordnung weiterer Untersuchungen einerseits und der disziplinären Selbstvergewisserungen andererseits.

Vor diesem Hintergrund versucht der vorliegende Band von Colin Cramer eben dieser diffusen Forschungslandschaft zum Lehrerinnen- und Lehrerberufs gezielt zu begegnen. Dabei geht es ihm vordergründig nicht um eine strukturierte Ordnung eines Forschungsstandes, sondern um eine Erhebung einer Systematik und – wie der Titel schon sagt – einer disziplinären Verortung der Forschungen zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf. Ziel ist dabei jedoch nicht eine etablierte und finale Systematik zu entwickeln, sondern sie soll als tragfähige Klassifikation auf andere, zukünftige und internationale Forschungen anwendbar sein und sich darüber hinaus modifizieren lassen. Denn auch wissenschaftliche Untersuchungen unterliegen einem bestimmten Zeitgeist, der bestimmte Themen oder Methoden an der Oberfläche der Erkenntnis erscheinen und wiederum andere unter dem Deckmantel der Relevanz und Aktualität verschwinden lässt. Diese Studie markiert damit also einerseits eine retrospektiv systematische als auch eine konstruktiv weiterführende Perspektive auf Forschungen zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf. Andererseits liegt insbesondere im deutschsprachigen Raum ein Desiderat diesbezüglich vor, welche Systematiken nicht nur theoretisch ableitet, sondern diese ebenso empirisch bewährt.

Die beiden deutlichsten Stärken sollen gleich zu Beginn dargelegt werden: argumentative Stringenz und Transparenz des Vorgehens. Im zweiten Kapitel, welche die theoretische Grundlegung und erste mögliche Systematisierungen dargestellt und abgewogen werden, definiert Cramer im Rückgriff auf wissenschaftssoziologischen bzw. systemtheoretischen und erziehungswissenschaftlichen Perspektiven den Disziplinbegriff (20ff): Disziplinen sind sich selbstregulierende, institutionell verankerte, homogene Kommunikationsgemeinschaften, die thematisch- und methodisch- bzw. paradigmengebunden wissenschaftliches Wissen bzw. Problemlösungen produzieren und über fachspezifische Publikationsorgane verbreiten. Während im angloamerikanischen Raum Lehrstühle mit „teacher education“ benannt sind, entsprechend einschlägige Zeitschriften, Lehr- und Handbücher existieren, welche zumindest die Lehrerbildungsforschung als eigenständige Disziplin markieren, wird vielmehr Interdisziplinarität als grundlegendes Merkmal deutschsprachiger Forschung angenommen. Vor diesem Hintergrund und auf Basis bisheriger systematischer Untersuchungen (37) ergeben sich vier mögliche Teilsystematiken, die auch in der folgenden Argumentation immer wieder aufgegriffen und begründet werden: Themen, Methoden, Autoren und Autorinnen, Paradigmen.

Aus wissenschaftstheoretischen Grundannahmen von Klassifikationen entwickelt Cramer sechs Gütekriterien (Trennschärfe, Allgemeinheit, Unabhängigkeit, Definition, Operationalisierbarkeit und empirische Tragfähigkeit, 37ff), die er auf die implizit existierenden Einteilungen des Forschungsfeldes (46-58) und existierende, englischsprachige Systematisierungsversuche (48-72; siehe Tab. 9) anwendet. Da auch Handbüchern die Funktion zukommt für eine Disziplin relevante Diskurse zu ordnen, können auch diese gegliederten Beiträge als Systematisierungsversuche angesehen werden (72). Diese Annahme nutzt Cramer, indem er sich nach den Darstellungen des methodischen Designs und der Grundlegung der erkenntnisleitenden Methode der Inhaltsanalyse [1] (Kapitel 3) das „Handbuch der Forschung zum Lehrberuf“ [2] aufgrund seiner Breite als erste Grundlage für die Gesamtsystematik verwendet (Kapitel 4; Abb. 16).

Ein gängiges Verfahren für die Analyse disziplinärer Profile sind u.a. Analysen der zentralen erziehungswissenschaftlichen Zeitschriften, die er im fünften Kapitel beschreibt. So wurden in der „Zeitschrift für Pädagogik“, „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“ und in der anglo-amerikanischen Zeitschrift „Educational Researcher“ kriteriengeleitet nach Beiträgen zu Forschungen zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf (97ff) für den Zeitraum 2005-2014 gesucht. Die 174 Beiträge wurden daraufhin einer systematischen Analyse unterzogen mit dem Ziel die Gesamtsystematik bezüglich ihrer Reliabilität und Validität zu prüfen und exemplarische Zusammenhänge nachzuweisen (Kapitel 5). Im Ergebnis zeigen sich u. a. vielfältige Themen (45), ein vermehrter empirischer Duktus (68,5%), vereinzelt nationalspezifische Ausprägungen des Geschlechts oder des disziplinären Status der Autoren und Autorinnen und eine Dominanz des Experten-Paradigmas (36,5%) im Vergleich zu anderen elf Paradigmen. Die Frage nach der disziplinären Verortung wird vor diesem Hintergrund nicht eindeutig, sondern mehrdimensional beantwortet: „Für Teile der Forschung zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf lässt sich eine disziplinäre Verortung im Sinne von >Interdisziplinarität< konstatieren, für andere bleibt […] zutreffend, dass lediglich derselbe Gegenstand aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven bearbeitet wird, ohne dabei eine interdisziplinäre Zielsetzung zu verfolgen“ (219).

In der Tradition systemtheoretischer Deutungen des Disziplinbegriffs auch innerhalb der Erziehungswissenschaft, wird auf eine differenztheoretische Sichtweise verwiesen, die ein Innen (disziplinär) von einem Außen (nicht-disziplinär, inter- und transdiziplinär) unterscheidet. Aus solch einer Perspektive wirkt es weniger überraschend, dass die disziplinäre Verortung eines weiten Forschungsfeldes zwischen Disziplinarität und Interdisziplinarität mündet. Es wäre denkbar, dass sich auch andere als „erziehungswissenschaftlich“ verstandene Themenfelder ein ähnliches Profil zeigen, insbesondere da mitunter von einer „Interdiskursivität“ erziehungswissenschaftlicher Forschung [3] ausgegangen wird. Nichtsdestotrotz erweist sich diese Studie auch aus dem Fokus einer international vergleichenden, erziehungswissenschaftlichen Wissenschaftsforschung als Pionierleistung, da sie über den europäischen Raum hinausgeht und Hinweise auf diese andersartige Struktur disziplinärer Forschung im anglo-amerikanischen Raum einräumt (217).

Für den Leser und die Leserin sollte indes deutlich geworden sein, dass sich die Bedeutung dieses Bandes eben nicht aus einem pädagogisch-pragmatischen, lebens- und sozialgeschichtlichen Zusammenhang ergibt. Vielmehr ist diese Studie durch die Einsicht in das Design (84, siehe Abb.5), die Beschreibung der methodologischen Überlegungen, Entscheidungen bzw. Eingrenzungen der Korpuswahl (97), des Kodierverfahrens (Kodierrichtlinien: Abb. 9-15), der Probleme und Limitationen (193ff) durchaus auch eine Empfehlung für Einsteiger und Einsteigerinnen in das Feld der systematischen Analyse und Entwicklung metatheoretischer Fragestellungen. Die nachvollziehbare bzw. -prüfbare Dokumentation der kodierten Zeitschriftenartikel (243f) macht neben der erarbeiteten Systematik die eigentliche Stärke dieser Pionierleistung nochmals deutlich: die transparente Verortung der Forschungen zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf in ein (inter)disziplinäres Forschungsfeld.

[1] Krippendorff, K.: Content Analysis: An introduction to its methodology (3rd ed.). Thousand Oaks: Sage 2013.

[2] Terhart, E.; Bennewitz, H.; Rothland, M.: Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf. Münster: Waxmann 2014.

[3] Roeder, P. M.: Erziehungswissenschaften. Kommunikation in einer ausdifferenzierten Sozialwissenschaft. Zeitschrift für Pädagogik 1990, 36, 651-670.
Susann Hofbauer (Erlangen/Nürnberg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Susann Hofbauer: Rezension von: Cramer, Colin: Forschung zum Lehrerinnen- und Lehrerberuf, Systematisierung und disziplinäre Verortung eines weiten Forschungsfeldes. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2016. In: EWR 15 (2016), Nr. 6 (Veröffentlicht am 29.11.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378152089.html