EWR 16 (2017), Nr. 4 (Juli/August)

Renate Schüssler / Anke Schöning / Volker Schwier / Saskia Schicht / Johanna Gold / Ulrike Weyland (Hrsg.)
Forschendes Lernen im Praxissemester
Zugänge, Konzepte, Erfahrungen
Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2016
(336 Seiten; ISBN 978-3-7815-2142-1; 21,90 EUR)
Forschendes Lernen im Praxissemester Das hochschuldidaktische Konzept des Forschenden Lernens wird im Rahmen der Ausweitung universitärer Praxisphasen in verschiedenen Bundesländern als Ausbildungsparadigma neu fokussiert und avanciert „zu einer ‚Leitidee‘ der universitären Lehrerbildung“ (30). Hieraus ergeben sich neue Herausforderungen der Implementation.
Obwohl es unterschiedliche Verständnisse Forschenden Lernens gibt, ist zu konstatieren, dass ein gemeinsamer Fokus hinsichtlich einer systematischen und methodengeleiteten Analyse der Schul- und Unterrichtspraxis besteht. Die häufig von Praxiserfahrungen geprägte Perspektive Studierender auf das Handlungsfeld Schule wird durch einen wissenschaftsgeprägten Zugang mithilfe empirischer Methoden erweitert. Subjektive Theorien der Studierenden werden so hinterfragt und Deutungsmöglichkeiten auf eine theoretische Basis gestellt.

Der Sammelband „Forschendes Lernen im Praxissemester. Zugänge, Konzepte, Erfahrungen“ bietet mit 40 Kapiteln einen breit angelegten Zugang zum Konzept des Forschenden Lernens. Der Band ist in fünf Bereichen unterteilt. Die Beiträge im ersten Abschnitt geben Einblicke in konzeptionelle Überlegungen und Entwicklungslinien zum Forschenden Lernen. In den weiteren Bereichen werden bundesländerspezifische Zugänge in Deutschland, die Methoden und Anwendungskontexte, die Begleitung sowie fachdidaktische Zugänge thematisiert.

Die sechs Beiträge des ersten Bereichs führen in die zentralen Diskurse zu verlängerten Praxisphasen (z.B. Praxissemester) sowie zum Konzept des Forschenden Lernens ein. Den Autoren der Beiträge gelingt es hierbei, den Diskussionsstand umfassend abzubilden. Im Anschluss wird die mit der Implementation zusammenhängende „Kooperation aller an der Lehrerbildung beteiligten Institutionen“ (59) im Bundesland NRW – und hier speziell am Standort Bielefeld vorgestellt. Dient die Fokussierung auf eine Universität zum einen der Veranschaulichung, ist der erste Teil des Sammelbandes zum anderen jedoch von einer standortspezifischen Einseitigkeit geprägt. Über die Thematisierung von „Standards für Schulpraktische Studien“ (61) sowie deren Evaluation werden Bereiche angesprochen, die „einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung Schulpraktischer Studien“ leisten wollen und sich kritisch mit diesen auseinandersetzen. „Die Komplexität des Konstruktes […] erschwert allerdings die Operationalisierung“ (76) und „fehlende standortübergreifende Analysen“ (76) behindern die Vergleichbarkeit. Gerade in Bezug auf die Evaluation fehlen konkrete Angaben zu Ergebnissen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht vorlagen. So stellt die Zusammenschau im ersten Kapitel zwar einen angemessenen Überblick dar, gibt jedoch keine neuen Erkenntnisse und Einsichten in das Forschungsfeld zum Forschenden Lernen.

Der zunächst noch etwas einseitigen Fokussierung des Praxissemesters im Bundesland NRW und am Hochschulstandort Bielefeld werden im zweiten Bereich sieben unterschiedliche Ausgestaltungen des Forschenden Lernens im Zusammenhang mit Praxisphasen an unterschiedlichen Hochschulstandorten in sechs Bundesländer gegenüber gestellt. Der so gegebene Einblick in verschiedene curriculare Ausgestaltungen und ihre universitäre Implementation stellt eine Stärke des Sammelbandes dar. Ein die unterschiedlichen Konzeptionen bündelndes Element fehlt jedoch.

Auch im dritten Bereich liegt die Stärke der zehn Beiträge darin, dass die Leserschaft einen Einblick in Möglichkeiten der methodischen Umsetzung des Forschenden Lernens erhält. Die ersten beiden Beiträge von Andreas Feindt und Beate Wischer sowie von Johanna Gold und Gabriele Klewin schaffen es zunächst einen Überblick über mögliche Forschungszugänge zu geben. Konkrete Beispiele in den Folgebeiträgen verhelfen dazu, sich die verschiedenen forschungsmethodischen Zugänge (u.a. ethnografisches Beobachten, Videografie) im Rahmen von studentischen Forschungsprojekten vorzustellen und einen Eindruck möglicher Themenfelder (u.a. Schulentwicklung, Inklusion, Ganztag) zu bekommen. Auch werden hier unterschiedliche Umsetzungsbeispiele verschiedener Lehramtsstudiengänge unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Besonderheit angeführt.

Der Beratung in Praxisphasen wird im Allgemeinen eine große Bedeutung beigemessen. Im vierten Kapitel wird diese zentrale Perspektive in Bezug auf die Begleitung des Forschenden Lernens in sieben Beiträgen fokussiert. Hierbei geraten neben den ausbildenden Personen an Universität, Studienseminar (bzw. Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in NRW) oder der Schule auch das Portfolio und E-Learning-Instrumente als Begleit-Formate in den Blick. Neben dem bildungspolitischen Ziel der Professionalisierung der Studierenden durch Forschendes Lernen soll auch die Kooperation der an der Lehrerbildung beteiligten Institutionen gestärkt werden. Daher werden auch kooperative Aspekte thematisiert und Beratung aus den unterschiedlichen Akteursperspektiven beleuchtet. „Fortbildungs- und Austauschformate zur Unterstützung Forschenden Lernens“ (233) können u.a. die Akzeptanz des Konzepts befördern, aber auch Möglichkeiten schaffen, „um über Institutionsgrenzen hinweg miteinander ins Gespräch zu kommen“ (225).

Einblicke in die Gestaltung des Forschenden Lernens im Rahmen der Fachdidaktiken erhält die Leserschaft im abschließenden fünften Abschnitt, der zehn Beiträge umfasst. Hier deutet sich bereits an, dass sich in unterschiedlichen Fachkulturen auf Grundlage der Konstitution der einzelnen Fächer das Verständnis Forschenden Lernens und die konkrete Ausgestaltung unterscheiden. Schaffen die Beiträge auch in diesem Kapitel den Facettenreichtum neun verschiedener Fachdidaktiken darzustellen, fehlt hier eine bündelnde Reflexion der unterschiedlichen Verständnisse in Rückbindung an das fachinterne Forschungsverständnis.

Eine große Stärke des Sammelwerkes sind die Einblicke in unterschiedliche konzeptionelle Ausgestaltungen des Forschenden Lernens. Dabei werden sowohl unterschiedliche Hochschulstandorte verschiedener Bundesländer als auch verschiedene Fachdidaktiken berücksichtigt. Dem zentralen Fokus der Beratung und Begleitung wird ebenfalls ein ganzer Abschnitt gewidmet. Dienlich sind die Einblicke in die praktische Ausgestaltung des Forschenden Lernens für die verschiedenen Akteure. Sie erhalten einen Eindruck von der Implementierung an anderen Standorten und in anderen Fachbereichen. Dies kann Ausbildende aller drei lehrerbildenden Institutionen – Universität, Studienseminar (bzw. Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung) und Schule – Anregungen für die eigene Begleitung und Ausgestaltung Forschenden Lernens geben.

Leider wird dem vielfach benannten Manko – nämlich fehlende empirische Forschungsergebnisse zum Konzept des Forschenden Lernens – in diesem Sammelband nur in einer Kurzzusammenfassung begegnet, obwohl gerade die Forschung zum hochschuldidaktischen Konzept ein großes Desiderat darstellt. Obwohl es bereits erste empirische Zugänge zum Forschenden Lernen in Praxisphasen gibt, werden diese kaum berücksichtigt. Wenngleich im Band anregende Praxisbeispiele skizziert werden, fehlen vielfach konkrete Bezüge zur aktuellen Forschungslandschaft hinsichtlich des Forschenden Lernens. Auch wenn die Forschung zum Forschenden Lernen in Praxisphasen gerade erst am Anfang steht, wäre ein Ausblick zumindest wünschenswert gewesen. Zudem fehlen zusammenfassende Beiträge mit einer Metaperspektive auf die unterschiedlichen Umsetzungen des Konzepts. In einer Phase der flächendeckenden Einführung bzw. einer zunehmenden Diskussion hinsichtlich des Forschenden Lernens an vielen Hochschulstandorten bietet das Sammelwerk jedoch für unterschiedliche Akteure die Möglichkeit, sich einen Überblick über die aktuelle Implementation Forschenden Lernens zu verschaffen und Anregungen für die Ausgestaltung und Umsetzung zu erhalten.
Sarah Katharina Zorn (Siegen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sarah Katharina Zorn: Rezension von: Schüssler, Renate / Schöning, Anke / Schwier, Volker / Schicht, Saskia / Gold, Johanna / Weyland, Ulrike (Hg.): Forschendes Lernen im Praxissemester, Zugänge, Konzepte, Erfahrungen. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378152142.html